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Ausgabe:

1905

Spalte:

609-611

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jeremias, Alfred

Titel/Untertitel:

Das Alte Testament im Lichte des alten Orients 1905

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen. /(f '

Jährlich 26 Nrn. ' Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark,

Nr. 23. ri- November 1905. 30. Jahrgang.

Jeremias, Das Alte Teflament im Lichte des
alten Orients (Volz).

Gefenius' hebräifches und aramaifches Handwörterbuch
über das A. T., bearb. von Zimmern
und Hühl, 14. Aufl. (Schwally).

Feyerabend, Tafcheuwörterbuch der hebrS-
ilchen und deutfchen Sprache (Schwally).

Wright, A Synopsis of the Gospels in Greek,
2. ed. (Schmiedel).

W e 11 h au fc n, Das Evangelium Matthäi (Jülicher).

Wellhaufen, Das Evangelium Lucae (Derf).

Wellhaufen, Einleitung in die drei erften

Evangelien (Jülicher).
C laufnitzer, Die Hirtenbilder in der altchrift-

lichen Kunft (Stuhlfauth).
L e i p o 1 d t, Saidifche Auszüge aus dem 8. Buche

der Apodolifchen Konflitutionen (II. Achelis).
Bliemetzrieder, Das Generalkonzil im großen

abendländifchen Schisma (Beß).
Göller, Mitteilungen und Unterfuchungen über

das päpfldiche Regifter- und Kanzleiwefen im

14. jahrhundert (Brandi).

Heiner, Der Syllabus (Harnack).

Zöckler, Die chriftliche Apologetik im neunzehnten
Jahrhundert (E. W. Mayer).

Keßler. VergleichendeReligionswiflenfchaft und
Infpiration der heiligen Schrift (Lobftein).

R a i c h, Fichte, feine Ethik und feine Stellung zum
Problem des Individualismus (Lülmann).

Foerfter, Die Entftehung der preußifchen Landeskirche
unter der Regierung König Friedrich
Wilhelms des Dritten, I. Bd. (Schoen).

Jeremias, Pfr. Dr. Alfred, Das Alte Teftament im Lichte
des alten Orients. Handbuch zur biblifch-orientalifchen
Altertumskunde. Mit 145 Abbildungen und 2 Karten.
Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1904. (XIV,
383 S.) gr. 8° M. 6.50; geb. M. 7.50

Der 1. Teil ift der altorientalifchen Weltauffaffung
und der Darfteilung des ihr zugrund liegenden aftralen
Pantheons gewidmet (altorientalifche Lehre und Weltbild;
Kultorte und Hauptgeftalten des babylonifchen Pantheons).
Es folgen die Urgefchichten: die altorientalifchen außer-
biblifchen Kosmogonien (der Babylonier, Ägypter. Phönizier
, Etrusker) und der biblifche Schöpfungsbericht mit
Sabbat; Paradies, Sündenfall, Urväter und biblifche Weltzeitalter
; außerbiblifche Traditionen über die Sintflut (aus
Babylonien, Syrien, Phrygien, Indien, Griechenland) und
der biblifche Bericht; Völkertafel und Turmbau; Abraham,
der Babylonier, das vorisraelitifche Kanaan und Abraham
als Kanaanäer, dazu einzelne weitere Gloffen zur Ge-
fchichte der Erzväter; die Jofephgefchichte und der Auszug
aus Ägypten; die israelitifche und die babylonifche
Gefetzgebung und Gloffen zum 2. Buch Mofis; Gloffen
zum 3—5. Buch, zu Jofua, Richter und Samuelis; die
politifche Gefchichte der Staaten Israel und Juda im
Licht der Denkmäler; Gloffen zu den übrigen gefchicht-
lichen Büchern, zu den Lehrbüchern und den Propheten.

Das Buch ift außerordentlich gefchickt angelegt und
durch eine Menge fprechender Abbildungen vorzüglich
ausgeftattet. Da es auch angenehm gefchrieben ift und
eine Sammlung intereffanten Stoffes enthält, wird jedermann
es mit großem Genuß lefen. Das Wertvolllte an
dem Buch und wirklich wertvoll find die aus Babylonien
wie aus der Antike überhaupt beigebrachten religions-
gefchichtlichen Analogien zu den Berichten wie zu einzelnen
Stellen der israelitifchen Literatur. Mit Glück
nimmt Verf. hier die alte Schraderfche Gloffarweife wieder
auf, bezw. genauer, er fucht eine Verbindung zwifchen

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zuftellen, indem er nicht nur einzelne Stellen aus der
ver<deichenden Religionsgefchichte erklärt, fondern die

ligionen der Welt überhaupt zum Vergleich und zur
Erklärung herbeizuziehen. Diefes wichtige Werk, von
Schräder begonnen, von Jeremias und anderen in glücklicher
Weife fortgefetzt, muß immer weiter betrieben und
ausgedehnt werden. So hat die A. T.liche Exegefe und
das Studium der israelitifchen Religion aus dem vorliegenden
Buch reichen Gewinn, wo wir nur hineingreifen
mögen, ob in die Urgefchichte oder in die Jofephgefchichte
oder in die mofaifche Gefetzgebung, in das Hiobdrama
oder auch in die Propheten- und Pfalmenftellen. Befon-
ders nützlich und intereffant find die allgemeineren Ab-
fchnitte, z. B. über das vorisraelitifche Kanaan, über die
religiöfe Propaganda und die kriegerifchen Heldentaten des
Propheten und Schechs Abraham, über die Einwanderung
oder über die politifche Gefchichte der israelit. Staaten
im Licht der Denkmäler.

Über den Wert diefes religionsgefchichtlicb.cn Gloffars
werden alle einig fein; wenn auch die Parallelen nicht
alle gleich fclilagend und hilfreich lind, manche gar nicht
hergehörig oder künftlich, das ändert an der ganzen Tatfache
nichts und mindert den Gewinn durch die unmittelbaren
, oft merkwürdigen, kaufalen oder nicht kaufalen
wirklichen Parallelen in keiner Weife. Strittig ift dagegen
der Einfluß der altorientalifchen Weltanfchauung und des
babylonifchen aftralen Pantheons auf die israelitifche Gedankenwelt
und auf die A. T.lichen Schriftfteller. Das
Buch hätte fleh einen dauernderen Wert gefchaffen, wenn
es fleh auf das Gloffar und auf das Sachliche befchränkt
und in diefes Gebiet der antiken kosmologifchen Philo-
fophie, das noch fo dunkel ift, fleh nicht begeben hätte.
Dem Verf. ift freilich gerade diefe Seite des alten Orients
und des vom alten Orient auf das A. T. fallenden .Lichtes'
das Wichtigfte, und er ift nicht nur von der Tatfache
einer altorientalifchen, fpeziell babylonifchen Weltanfchauung
und von dem aftralen Charakter der babylonifchen
Wiffenfchaftsreligion aufs tieffte, noch mehr faft als
fein Meifter Winckler, überzeugt, fondern auch von dem

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der fvft'ematifchen und der rein gloffarifchen Anlage her- entfeheidenden Einfluß diefer Weltanfchauun« auf die

Israeliten und von dem mythologifchen Gewand der bi-
bl.fchen Berichte (vgl. die aftralen Züge im Sintflutmythus,

einzelnen Phafen der israelitifchen Gefchichte mit dem das Mondmotiv in der Abrahams-, das Tammuzmotiv „
Licht der orientalifchen Gefamtgefchichte beleuchtet. Verf. ; derjofeph-und in der Mofegefchichte, aftralmytholomfehe
hat damit den epochemachenden Gedanken Schräders, ; Motive bei Jofua u. a.). Er fleht in der Erkenntnis des
ein religionsgefchichtliches Gloffar zum A. 1. anzulegen, < altorientalifchen mythologifchen Syftems geradezu den
in bedeutfamer Weife neubelebt und formal wie material ! Schlüffel zu einer Formenlehre des biblifchen Schrifttums
erweitert, entfprechend der fortgefchnttenen Kenntnis und zeichnet daher in den einleitenden Kapiteln (,zum
Babyloniens, dem gefchichtlichen Bedürfnis, Israels Leben 1. Mal im Zufammenhang') die altorientalifche Weltauf-
in feinem größeren Zufammenhang zu lefen, und dem faffung und das ihr zugrund liegende artrale Pantheon
religionsgefchichtlichen Beftreben, nicht bloß die Israel unter Vorführung der urkundlichen Belege. Ich bin nicht
benachbarten und verwandten Völker, fondern die Re- im Stande, diefe Theorien auf ihre Richtigkeit zu prüfen

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