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Ausgabe:

1905

Spalte:

589-591

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wieber, Eduard

Titel/Untertitel:

De apocalypsis S. Pauli codicibus 1905

Rezensent:

Dobschütz, Ernst

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;S< Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 22. 590

Quelle des römifch-militärifchen Brauches hervor' Auf
erfteren hat übrigens auch fchon Parmentier zur Erklärung
und Glaubhaftmachung des letzteren hingewiefen.

Wenn man diefe Dinge mit einiger Kritik prüft, wird
man doch alles — die Vorausfetzungen und die Folgerungen
— höchft unwahrfcheinlich finden. Vor allem ift zu
der Erzählung des Dio Chryfoftomus ein ftarkes Fragezeichen
zu fetzen. Sollen wir uns wirklich das Märchen aufbinden
laffen, daß der Perferkönig auf einige Tage alle
feine Macht und Würde an einen zum Tode verurteilten
Verbrecher abgetreten habe (denn fo wird die Sache von
Dio dargeftellt)? Man müßte doch mindeftens viel von ihr
in Abzug bringen, um einen biftorifchen Kern herauszu-
fchälen. Es kommt aber das Schweigen des Strabo und
des Athenäus hinzu die offenbar nichts von der Legende
des Dio Chryfoftomus wiffen. — Der militärifch-römifche
Brauch, welchen die Akten des Dafius erwähnen, ift von
anderer Art, aber gleich unwahrfcheinlich. Hier handelt
es fich nicht um einen zum Tode verurteilten
Verbrecher, fondern um ein Menfchenopfer für Kro-
nos. Von einem folchen wiffen nun die anderen Schrift-
fteller, welche die Saturnalien erwähnen, nichts (f. die
Stellen bei Wendland S. 176). Nach ihnen ift der Saturnalienkönig
ein harmlofer Prinz Karneval, deffen Machtbefugnis
in der Hauptfache darin beftcht, seinen Zech-
genoffen alberne Befehle zu erteilen. Was die Akten
des Dafius erzählen, müßte alfo ein fremdartiger, aus
dem Orient hinzugekommener Brauch fein. Ift es aber
irgend denkbar, daß im römifchen Heere der fpäteren
Kaiferzeit— wenn auch nur in fingulärer Weife — Menfchenopfer
geduldet wurden? Das fcheint mir trotz der
von Parmentier und Cumont verfuchten Verteidigung
recht unwahrfcheinlich. Und die Autorität der Akten des
Dafius ift nicht von der Art, die Sache glaubhaft zu
machen (f. Harnack, Gefch. der altchriftl. Literatur II, 2,
1904, S. 476).

Aber auch, wenn man alle Vorausfetzungen zugibt,
fo vermag ich in dem ,König' der Sakaeen und dem
.König' der Saturnalien nach den Akten des Dafius kein
Analogon zur evangelifchen Verfpottungs-Szene zu finden.
In beiden Fällen ift der Zweck nicht die Verfpottung
des dem Tode Geweihten, fondern vielmehr der, ihm noch
eine kurze Zeit üppigen Wohllebens zu geftatten. Die
Sache hat alfo weit mehr Ähnlichkeit mit unterer .Henkersmahlzeit
'. Ich glaube daher nicht, daß diefe Hinweife
zur Aufhellung der evangelifchen Gefchichte beitragen.
Zu deren Erklärung genügt ja auch vollkommen, was
Reich nachgewiefen hat: die Häufigkeit mimifcher Darftellungen
mit burlesken Scherzen, wie der gemeine Mann
fie liebt. Durch die Gewöhnung an folche war den Soldaten
die Improvifierung der Verfpottungsszene hinreichend
nahe gelegt.

Göttingen. E. Schürer.

Wieber, Dr. Eduard, De apocalypsis S. Pauli codicibus.

(Marburger Differtation.) Marburg, H. Bauer 1904.
(73 S.) 8»

Durch Birt zu einer Neubearbeitung der Paulus-Apo-
kalypfe angeregt, unterfucht W. in diefer Differtation
zunächft die Überlieferung: bekannt find, von den fekun-
dären romanifchen und englifchen Überfetzungen abge-
fehen, die Brandes, P. Meyer u. a. behandelt haben, bisher:
G, der von Tifchendorf Apoc. apocr. 1866 nach einem
Mon. {du XIII) und einem Ambr. C 255/«/ {eh. XV, wohl
Abfchrift von Mon) edierte griechifche Text; S, zwei auf

W. unterfucht zunächft das Verhältnis von GSP mit
dem Refultat, daß P trotz einiger Fehler feiner meift
fklavifch genauen Überfetzung das gemeinfame Original
am treueften erhalten hat, G eine verkürzende, S eine
erweiternde Bearbeitung darfteilt. Gegen das hier etwas
mechanifch angewendete Prinzip, daß die Überein-
ftimmung von P und S gegen G für Urfprünglichkeit
beweife, laffen fich allerdings Einwendungen erheben:
fowohl bei dem Text des Neuen Teftaments als z. B.
bei dem der Kirchengefchichte des Eufebius beweift der
Confenfus von lat. und syr. nicht gegen gr., da beide
Überfetzungen auf eine fehr alte Rezenfion des grie-
chifchen Textes zurückgehen können, der urfprüngliche
griechifche Text aber doch bei andern, felbft ganz jungen
griechifchen Zeugen erhalten fein kann. Entfcheidend
find fchließlich innere Gründe, und diefe beftätigen in
der Tat W.s Thefe. Bezüglich der andern lateinifchen
Formen korrigiert W. zunächft Brandes' Auffaffung von
LI durch den Nachweis, daß in Vitid. lat. 362 zwei Texte
aneinandergefchoben find— dem mit den andern kürzeren
Formen verwandten, nur die Höllenftrafen umfaffenden
LI ift ein Stück angefchloffen, das W. als .Fragment'
eines vollftändigen Textes bezeichnet: es umfaßt die 3
mittleren Teile, d. h. capp. 19—37 und beftätigt, felb-
ftändig aus dem griech. Text überfetzt, die Vorzüglichkeit
von P gegen G und S. Dagegen follen nach W.
LI und die verwandten Rezenfionen LH—V aus P ge-
floffen fein. Die zum Beweife hierfür beigebrachten
Stellen erfcheinen mir nicht hinreichend. Das Problem
liegt ähnlich wie bei vielen lateinifchen Texten der Apo-
kryphen-Literatur. Speziell aus von Gebhardts mufter-
hafter Behandlung der passio S. Theclae laßt fich lernen,
wie Überfetzung, Verfion, Epitome zu unterfcheiden find,
wie mannigfach die verfchiedenen Formen ineinanderfließen
. Wenn LI überfetzt 6920 in mundo, 30.32 lacrimari,
34 seculum rehquerunt, wo P hat 2420 in seculo constituti,
28 plorabant, 30 jlevi, 33 qbrenunciaverunt, fo liegen hier
offenbar verfchiedene Übei fetzungen vor.

Als 2. Teil hat W. p. 40—-73 eine grammatikalifche
Unterfuchung der Sprache von P geliefert nach dem
Mufter von M. Bonnets Le Latin de Gregoire de Tours,
auf Grund einer für ihn von Lebegue angefertigten Neukollation
des Parifer MS. W. kommt zu dem Refultat,
daß die Überfetzung dem 6., vielleicht fchon dem S.Jahrhundert
angehört. Einer pnilologifchen Differtation fleht
diefe Unterfuchung gut an. Ertragreicher wäre es ge-
wefen, die Art der Überfetzung mit den verfchiedenen
Typen der lateinifchen Bibelüberfetzung zu vergleichen.
Kl in P H Kor. 12 1-5 aus der vulg. vorangestellt (11 1-8
James), fo zeigen doch fchon die erften Worte des ur-
fprünglichen Textes 11 20 James, daß der Überfetzer eine
vorhieronymianifche Verlion benutzte, loquerepopu/i huic..
appomtis peccatum super peccatum; nicht minder die Para-
diefesftröme c. 45 p. 37 10 omnem . . totam . . qui est contra
Assyrios. Der Überfetzer ift ungefchickt; wie er pyrgi
{=turres) beibehält, fo fchwankt er zwifchen den Worten:
xanonylCeiv II 27 temptare, 1731 inritare; dxarajtavaxcaq
1320 incessabiliter, 1334 mdeficienter; trdvaxot; tlolßfrsv etc
rov xööfiop (Rom. 5 12 vulg. in hunc mundum intravit)
uberfetzt er 3724 mors ingressa est in sacculo, 25 in mundo
(vgl. Burkitt, Old latin and itala 44k). Die Anfpielung
an Lk. 1235 in 149 (fehlt bei G) erinnert an die Raffung
in c. Das alles weift auf eine Zeit, wo zwar noch alte
Überfetzungsformen wirkfam find, aber bereits die jüngeren
fich damit mifchen.

An Einzelheiten fei noch bemerkt, daß 1713. is James

diefelbe Überfetzung zurückgehende fyrifche Texte, der wohl fac ei aus faciens, 282-, ingens aus ingressus, 3922
eine 1864 von Perkins ins Englifche, der andere 1869 von deputati aus disputati herzuftellcn fein wird auf Grund
Zingerle ins Deutfche überfetzt; P, eine lateinifche, aus von G. S. 16 macht W. dem G einen Fehler daraus, daß
Par.n a l 1631 [**. VIII) 1893 von James veröffentlichte I er fchrcibt anrjyaytv [ie Ix vöxov xrje sroXecoc. was W.
Überfetzung; endlich LI und LIV, zwei lateinifche Rezen- ■ überfetzt: er führte mich weg von dem Süden der Stadt;
fionen, die Brandes 1885 als Beifpiele von 6 lateinifchen j es heiße aber, wie S richtig verftand: er führte mich nach
Bearbeitungen veröffentlicht hat. ! der Südfeite der Stadt. Unter den Teftimonien für die