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Ausgabe:

1905 Nr. 21

Spalte:

574

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schäfer, Ernst

Titel/Untertitel:

Sevilla und Valladolid, die evangelischen Gemeinden Spaniens im Reformationszeitalter 1905

Rezensent:

Benrath, Karl

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 21.

574

auch dem deutfchen Reiche zugute kommen muffen.
Referent zweifelt, ob der Verfaffer mit diefer Anficht
bei den Kennern jener Zeit großen Beifall finden wird.
Seine eigene Darftellung zeigt deutlich, wie fehr der
dem Kaifer gemachte Vorwurf der Unbeftändigkeit berechtigt
ift. Er möge nur Seite 62 feiner Erzählung
durchlefen, wo er das wechfelnde Verhalten Maximilians
gegenüber dem Papft und den kirchlichen Reformen
durchaus zutreffend gefchildert hat. Auch jene andere
gegen den Kaifer erhobene Anklage hat der Verfaffer
nicht entkräftet. Daß Maximilian in der Angelegenheit
des deutfchen Ordens das Wohl Deutfchlands dem Vorteil
feines Haufes zum Opfer brachte, erzählt uns der
Verfaffer felbft (S. 79). Er gibt ferner zu, daß das In-
tereffe, welches das Reich an feinem linken Rheinufer
hatte, doch nicht ganz zufammenfiel mit dem Streben,
das großburgundifche Reich um jeden Preis in feinem
Beftande zu erhalten. Noch viel weniger Vorteil hatte
das Reich davon, wenn der Plan Maximilians, durch die
Hand der Herzogin Anna v. der Bretagne diefes Land
zu erwerben , verwirklicht wurde. Schon der Vater Maximilians
hat dies Unternehmen, durch das der franzöfifche
Hof auf das fchwerfte gereizt wurde, auf das nachdrück-
lichfte getadelt. Kein Wunder, daß die deutfchen Fünften
derartige abenteuerliche Pläne nicht unterftützen
wollten, fondern die Politik des Kaifers mit äußerft
mißtrauifchen Augen anfallen. Hätte Maximilian fich
befcheiden können, fo würde es ihm nicht zu fchwer haben
fallen können, die deutfchen Fürften einer nationalen
Zwecken dienenden Politik dienftbar zu machen. Vor
allen Dingen hätte er fie durch aufrichtiges Eingehen
auf die gewünfchten Reformen zur Sicherung von Friede
und Recht gewinnen müffen. Es ift nicht richtig, wenn
der Verfaffer den Streit, in den der Kaifer hierüber mit
den Fürften geriet, dahin zufpitzt, als habe es fich dabei
in Wahrheit darum gehandelt, ob der Kaifer oder
die Fürften die Reichsregierung führen follten. Das ift
eine Verwechfelung von Mittel und Zweck. Da der
Kaifer die Reformen unmöglich machte, indem er die
dafür bewilligten Mittel alsbald für feine auswärtige Politik
in Befchlag nahm, fo hat man allerdings die Reformen
dadurch zu fichern gefucht, daß man es unternahm,
den Kaifer unter die Kontrolle der Fürften zu (teilen.
Wäre der Kaifer aber aufrichtig auf die Reformgedanken
eingegangen, fo würde er in dem neuen Bundes-
ftaat eine ähnliche Stellung haben erringen können, wie
fie jetzt der König von Preußen in Deutfchland einnimmt.
Referent kann demnach nicht zugeben, daß Maximilian
, wie der Verfaffer meint, ein tiefer blickender
Staatsmann gewefen fei, als Berthold von Henneberg.
Daß er nicht fah, welche Ausfichten ihm Bertholds Pläne
zu einer Steigerung der königlichen Macht boten,
wenn er fie aufrichtig förderte und gefchickt zu feinen
eigenen machte, wurde feinem Haufe und Deutfchland
zum Verhängnis. — Der 3. Teil gibt einen Überblick
über das Wirtfchaftsleben und die Wiffenfchaft von dem
13. Jahrhundert bis zum Tode Maximilians. Der reiche
Inhalt diefes Teiles wird am beften durch eine Angabe
der einzelnen Abfchnitte veranfchaulicht. Sie find: Das
Städtewefen, der Kapitalismus, die größeren Städte und
ihre Gefchichtfchreiber. Das wiffenfchaftliche Leben,
die Schulen, die Bettelorden und die Scholaftik, die Uni-
verfitäten. Maximilians Beziehungen zum wirtfchaftlichen
und wiffenfchaftlichen Leben. Die Bauern und Ritter.
Kaifer Max als der letzte Ritter und erfte Landsknecht.
Vielleicht wird es manchem Rheinen, als fehe der
Verfaffer die Leiftungen der kirchlichen Einrichtungen
für das Geiftesleben unferes Volkes in zu günftigem
Lichte. Man mag das dem Standpunkt des Verfaffers
zugute halten; im allgemeinen wird man ihm die Anerkennung
nicht vertagen können, daß er fich redlich
bemüht, Licht und Schatten in gleicher Weife zu verteilen
. Es tritt das namentlich in dem Abfchnitt über |

den Humanismus hervor, der vielleicht als der befte des
ganzen Buches bezeichnet werden darf. Vermißt hat
Referent eine Darftellung der kirchenfeindlichen religiö-
fen Unterftrömungen, des Sektenwefens und des Huffitismus
, und deren Bekämpfung durch die kirchlichen
Organe. Mit Rückficht auf die am Finde Maximilians
beginnende innerliche Loslöfung des größten Teiles
unferes Volkes von der alten Kirche, hätte, fo fcheint
es dem Referenten, eine Schilderung diefer Bewegung
nicht fehlen dürfen. Aufgefallen ift dem Referenten
auch, daß nirgends eine zufammenfaffende Darftellung
von der Entwicklung der bildenden Kunft gegeben ift,
die doch unter Maximilian in der Malerei und Erzgie-
ßerei ihren Höhepunkt erreichte. Die paar Stellen, in
denen der Verfaffer gelegentlich der Kunft und einzelner
Künftler Erwähnung tut, können für diefen Mangel
nicht entfehädigen. Im ganzen und großen aber wird
man dem Verfaffer zugeftehen, daß er feine Aufgabe,
dem gebildeten Lefer auf befchränktem Raum in an-
fprechender Form ein der Wahrheit entfprechendes Bild
von dem Leben unferes Volkes in dem angegebenen Zeitraum
zu zeichnen, in befriedigender Weife gelöft hat.
Wir wünfehen dem Werk namentlich unter katholifchen
Lefern die weitefte Verbreitung.

Weimar. H. Virck.

Schäfer, Priv.-Doz. Dr. Ernft, Sevilla und Valladolid, die
evangelilchen Gemeinden Spaniens im Reformationszeitalter.

Eine Skizze. (Schriften des Vereins für Reformations-
gefchichte. 21. Jahrg. 1. Stück [Nr. 78].) Halle, M.
Niemeyer 1903. (VIII, 137 S.) gr. 8° M. 1.20

Ref. hat in Nr. 8 der Theol. Lit.-Ztg. von 1903
Sp. 239—243 die ,Beiträge zur Gefchichte des fpan. Pro-
teftantismus ufw.' von dem inzwifchen zum Profeffor in
Roftock ernannten Verf. befprochen. In dem erften Bande
diefer,Beiträge'finden fich bereits eingehende Erörterungen
über die beiden evangelifchen Gemeinden in Sevilla und
Valladolid (S. 233—400); im 2. Bde. (S. 271—426) gibt
S. ,Urkunden zur Gefch. der Proteftantengemeinde in
Sevilla', und im 3. Bde. finden fich die Prozeßakten der
hervortretendften Perfönlichkeiten aus diefen beiden Gemeinden
, welche ,die Brennpunkte evangelifchen Wefens
in Spanien' im XVI. Jahrh. gewefen find. Da aber eine
abgerundete Darftellung, insbefondere wie fie fich unter
Berückfichtigung des von Menendez Pelayo, Eduard
Böhmer, de Caftro u. a. gebotenen Materials jetzt auf
dem neuen Untergrunde geben läßt, noch nicht vorlag,
fo ift es dem Verf. zu danken, daß er die obige her-'
geftellt hat, welche unter die Schriften des Vereins für
Reformationsgefchichte aufgenommen worden ift. Die
Refultate für beide Gemeinden find, fowohl was die Zahl
als auch was die Glaubensfreudigkeit einer größeren Zahl
der Gemeindeangehörigen angeht, derart, daß eine ge-
wiffe frühere Tradition über diefe proteftantifchen Ge-
meinfehaften wefentlich eingefchränkt werden muß. Trotzdem
bleiben die hier entworfenen Bilder hochbedeutfam
und wer fich nicht aus den Akten direkt unterrichten will'
der greife zu der hier von dem Herausgeber der Akten
felber dargebotenen Quinteffenz. Was Ref. in der Be-
fprechung der ,Beiträge' Sp. 243 betreffs der Bemerkungen
des Verf. über die Abendmahlsfeier in Valladolid notiert
hat, halt er auch gegen S. 87 der vorliegenden Publikation
aufrecht.

Königsberg. Benrath.