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Ausgabe:

1905 Nr. 21

Spalte:

571-572

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sabatier, Paul

Titel/Untertitel:

Examen de la vie de Frère Elie du Speculum Vitae, suivie de trois fragments inédits 1905

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 21.

572

nur immer wieder das Teftament des Franziskus lefen,
wo Franz von allen feinen Brüdern Handarbeit und die
größte Ehrfurcht von den Klerikern verlangt, um zu
spüren, daß die Theorie F.s, fo fcharffinnig fie durchgeführt
ift, doch nicht das Richtige trifft. Freilich um F.s
Standpunkt im einzelnen beftreiten zu können, müßte ich
auf die Quellenfrage eingehen, und das verbietet der
Raum in diefem Blatte; ich begnüge mich mit der Andeutung
, daß in der Frage der Einführung der Wiffen-
fchaft und der Stellung Franzens zu ihr, ebenfo in der
krage der Laienrechte im Orden auch fonft ziemlich zu-
verläffige Quellen wie die II. Vita Celanos und die Legende
der 3 Genoffen (gar vollends aber Bonaventura S. 65f.!)
nicht ohne weiteres herangezogen werden dürfen, da fie
in einer Zeit entftanden find, wo eben diefe Fragen be-
fonders durch das Generalat und den Sturz des gebildeten
Laien Elias Gegenftand des erbittertften Streites geworden
waren. Damals freilich triumphierten die Theologen
und die Laien wurden entrechtet, und die alten Befürchtungen
Franzens, die fich an das Eindringen der Wiffen-
fchaft knüpften und die fich fo erfchreckend rafch erfüllten
, wurden offiziell richtig geftellt und fo gedeutet,
daß fie zur Gegenwart paßten. Aber das Specidum per-
fectionis zeigt die Erinnerungen der unterdrückten Partei.

Auch fonft hätte F. den Legenden kritifcher gegen-
überftehen dürfen, befonders in dem Abfchnitt S. 131 ff.,
der über Antonius von Padua handelt: F. tadelt Lepitre,
daß er fich als gewiegten Kritiker dadurch erweifen wolle,
daß er ohne Bedenken alles preisgebe, was nicht aus den
älteften Quellen klar erhelle, aber die Art, wie F. der
angeblich aus dem 13. Jahrhundert flammenden (vgl. dagegen
Kerval S. 134 Anm. i; 243), von Lemmens 1902
herausgegebenen Antoniusvita und der ,bis hart an den
Beginn des 14. Jahrhunderts' reichenden Luzerner Hand-
fchrift faßt blindlings folgt, wie er Surius unbedenklich
benutzt, wie er Antonius als ,Prediger' in Vercelli und
feine Anftellung in Bologna fchildert, verdient m. E. geradezu
den Vorwurf der Kritiklosigkeit.

Aber F. fcheint fich fo in die Sprache und die Denkweife
der Legenden hineingelebt zu haben, daß er die-
felbe Rhetorik bei allen ,Geiftesriefen' feines Ordens liebt
wie ein Thomas von Celano, er bedenkt nicht, daß diefe
Legenden manche Züge und Redewendungen enthalten, die,
weil fie zu dem ftereotypen Heiligenbild gehören, in ihrer
Bedeutung beeinträchtigt werden (vgl. z. B. wie von den
beiden fo verfchieden begabten und erzogenen Männern,
Franz von Affifi und Antonius von Padua fchon in den
älteften Legenden ganz in den gleichen Worten gefagt
wird, daß fie viri idiotae waren, die aber mcmoriam pro
libris babebantl), und er empfindet nicht, wie diefe über-
fchwängliche Redeweife auf uns einen dem beabfichtigten
geradezu entgegengefetzten Eindruck macht. Nur bei
Roger Bako macht F. reichlichen Gebrauch von einfchrän-
kenden Bemerkungen gegenüber feinen offenbaren Übertreibungen
ufw. Man fühlt, wie die Sympathie des Ver-
faffers mehr den Scholastikern gehört, als ihm, der doch
mehr als alle andern feine Zeit überragt hat. Ob die
vielen Wiederholungen in dem Buch, befonders in den
Zitaten, bei einer etwas anderen Anordnung fich nicht
doch hätten vermeiden oder wenigstens verringern laffen,
bleibe dahingestellt.

Stuttgart. E. Lempp.

Sabatier, Paul, Examen de la vie de Frere Elie du Speculum
Vitae, suivi de trois fragments inedits. (Opuscules de
critique historique. Fase. XI.) Paris, Fischbacher 1904.
(56 p.) gr. 8«

S. macht das Stück aus dem Specidum vitae, das
eine Lebensbefchreibung des Elias von Cortona enthält,
und das er zuerst in feiner Bedeutung erkannt hat, zum
Gegenftand einer fpeziellen Studien, durch die er meine

Verwertung des Stückes in Frere Elie, el. bibl. 1904 z. T.
bestätigt, z. T. ergänzt und berichtigt. Befonders hebt er
an verfchiedenen Orten nachdrücklich hervor, welch eine
vortreffliche und eingehende Kenntnis der Ereigniffe diefe
Quelle verrät, die nach ihm zwifchen 1253—1262 wahr-
fcheinlich in der Nähe von Affifi entftanden ift. Dennoch
glaubt er den Bericht Eccleftons über das Generalkapitel
v. 1230 neben dem des Speculum festhalten zu können:
der General Johannes Perens habe 1230 feine Entlaffung
genommen, aber die Gefchäfte bis zur Neubefetzung des
Generalats im Jahr 1232 fortgeführt. Dafür kann er allerdings
eine Stelle aus Antonin von Florenz anführen, aber
fo anfprechend die Hypothefe ift und fo forgfältig fie
begründet wird, fo find mir doch die Bedenken, die ich
{Fr. Elie S. 96—100) ausgefprochen habe, zu stark, als
daß ich meine Zweifel für überwunden erklären könnte.
In einem anderen Punkte dagegen möchte ich S. eher
recht geben: er fucht zu beweifen, daß das Generalkapitel
von 1232 bis Juli 1233 gedauert und teils in Rieti teils
in Affifi teils in Rom stattgefunden habe. An fich fcheint
diefer Verlauf des Kapitels fehr auffallend, ja unwahr-
fcheinlich, befonders da nirgends eine Andeutung von
außergewöhnlicher Dauer des Kapitels fich findet. Aber
S. bringt doch foviele Gründe bei, die das Unwahrfchein-
liche wahrfcheinlich machen, worunter der Hinweis auf
die Bulle v. 6. Juli 1233 das größte Gewicht hat, daß ich
das, was ich früher fchon wenigftens fragweife angedeutet
habe (Fr. Elie S. 92 Anm. 2) nun doch für wahrfcheinlich
halte. Auch fonft enthält das Heft eine Menge von
feinen, oft faft allzufeinen Beobachtungen und von überaus
wertvollen Nachweifen, fo daß es für den, der über
Elias von Cortona fich unterrichten will, unentbehrlich ift

Stuttgart. E. Lempp.

Janfen, Max, Kaifer Maximilian I. (Weltgefchichte in
Karakterbildern, herausgegeben von Franz Kampers,
Sebastian Merkle und Martin Spahn. Dritte Abteilung
, Übergangszeit. Auflöfung des Reichs. Neues
Kulturleben.) München, Kirchheim 1905. (II, 141 S.
m. 80 Abbildgn.) Lex. 8° Geb. M. 4 —

Wenn man aus dem Haupttitel des vorliegenden
Buches auf feinen Inhalt fchließen wollte, fo würde man
fich ein nicht ganz richtiges Bild davon machen. Die
Darfteilung der Regierung Maximilians ift dem Verfaffer
fo wenig Hauptzweck, daß er ihr nur ^ des ganzen
Buches gewidmet hat. Das eigentliche Thema der Arbeit
geben vielmehr die Nebentitel an: Auflöfung des
Reiches, Neues Kulturleben. Erftere wird uns im I. Teil
gefchildert, der einen Überblick über die Reichsgefchichte
feit dem 13. Jahrh. giebt. Er zerfällt in die Unterabteilungen
: Königswahl und Kaiferkrönung; die Kirche;
Mißstände und Reformverfuche. Das Reich, feine Gliederung
, Verwaltung, Heer, Justiz. Das Streben nach
Reichs- und Kirchenreform. Kaifer Friedrich III. Die
Darfteilung zeigt den Verfaffer auf allen diefen Gebieten
wohl bewandert; fein Urteil ift maßvoll, verftändig und
gerecht. Für die vielfachen in der Kirche hervortretenden
Mißbräuche hat er, obwohl gläubiger Katholik, ein
offenes Auge, und er macht wiederholt auf die fchweren
Schäden aufmerkfam, die fie im Gefolge haben mußten. —
In der Beurteilung der Regierung Maximilians, die den
Inhalt des 2. Teiles bildet, weicht der Verfaffer erheblich
von Ulmann ab. Er meint, die Vorwürfe, daß der
Kaifer in der Verfolgung feiner politifchen Pläne fprung-
haft gewefen fei und das deutfehe Intereffe hinter dem
öfterreichifchen zurückgestellt habe, ganz bedeutend ein-
fchränken zu follen. Allerdings fei er nicht uneigennützig
gewefen, aber er habe doch mehr Opfer für das
Reich gebracht, als die meisten anderen Fürsten. Seine
Sorge für das Wachstum Öfterreichs hätte, wenn er von
den deutfehen Fürsten gehörig unterstützt worden wäre,