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Ausgabe:

1905 Nr. 21

Spalte:

569-571

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Felder, Hilarin

Titel/Untertitel:

Geschichte der wissenschaftlichen Studien im Franziskanerorden bis um die Mitte des 13. Jahrhunderts 1905

Rezensent:

Lempp, Eduard

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569 Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 21. 570

Sehr dankenswert ift fchließlich die Mitteilung des
fyrifchen Textes der Thomasakten aus dem berühmten
Evangelienpalimpfeft Sin. Sj>r. 30: bietet er auch gegenüber
Wrights Ausgabe nicht, wie die Herausgeberin
meint, eine ältere kürzere Form, fondern eine durch
vielerlei Auslaffungen entftellte, fo ift doch bei der
hohen Bedeutung des Syrers gerade in diefen Akten jede
Mehrung unferes Materiales von Bedeutung. Das beigegebene
Fakfimile läßt die Schwierigkeit der Entzifferung
deutlich genug erkennen.

Strasburg. von Dobfchütz.

Felder, Lekt. P.Dr. Hilarin, ü. Cap., Gefchichte der wiHen-
Ichaftlichen Studien im Franziskanerorden bis um die

Mitte des 13. Jahrhunderts. Freiburg i.B., Herder 1904.
(XI, 557 S.) gr. 8" M. 8-; geb. M. 10 —

und entfpreche der früheren Ordnung, wornach alle
Glieder der Genoffenfchaft predigen durften und follten,
wobei es fich aber nicht um die kirchliche Predigt im
engeren Sinn gehandelt habe; die erfte Stelle entflamme
und entfpreche der fpäteren Zeit, wo die Predigt nur
mehr Aufgabe befonders ausgewählter Mitglieder geworden
fei. F. dagegen findet keinen VViderfpruch zwifchen
den zwei Stellen, er fagt, der Minoritenorden fei von
Anfang an ein aus Laien und Klerikern gemifchter Orden
gewefen (S. 69),- und von Anfang an fei den Laien allen
ohne Unterfchied von Franz die Aufgabe geftellt gewefen,
.Exhorte' d. h. kurze Ermahnungen gelegentlich an die
Leute zu richten, wozu es keiner Approbation feitens
der Ordensoberen (S. 37) und keiner Ermächtigung feitens
der Kirche (S. 39) bedurft habe. Dagegen die Predigterlaubnis
, um die Franz beim Papfte nachgefucht habe, fei
von Anfang an als Erlaubnis zur kirchlichen Predigt im
ftrengen Sinn gemeint und gegeben gewefen und die fei

,Die gefamte äußere und innere Entwicklung, welche j nur den Klerikern im Orden erteilt worden. ,Die Laien
die Wiffenfchaft im Franziskanerinftitut der erften 50 Jahre im Orden durften nie predigen; es ift daran fchon gar
genommen hat', darzuitellen war ein Unternehmen, das nicht zu denken zufolge des noch heute wie damals

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nicht nur ,eine Unfumme geduldiger Kleinarbeit', fondern
auch eine außerordentliche Belefenheit und eindringenden
Scharffinn erforderte; und es ift hoch erfreulich, wie diefcs
Unternehmen hier von einem Glied der Familie des h.
Franziskus durchgeführt ift, wobei das ftolze Bewußt-

beftehenden Kirchenrechts' (S. 40 Anm. 3). Franz felbft
hat die Predigterlaubnis erhalten nur vermöge derTonfur,
die ihm gegeben wurde, und auch alle diejenigen Laien,
die von Anfang an nur nach ftrenger Prüfung zum Predigen
zugelaffen wurden, durften dies nur, indem fie durch

fein, daß der Franziskaner- mit dem Dominikanerorden ,im j die Tonfur der Hierarchie eingegliedert wurden, und auch
Brennpunkte mittelalterlicher Geifteskultur ftand', gewiß [ dann war den nicht theologifch gebildeten Predigern nur

berechtigt ift.

Nach einer Vorunterfuchung über das Wefen des
Minoritenordens wird zuerft die gefchichtliche Entwicklung
der wiffenfchaftlichen Studien im erften Jahrzehnt
(1209—1219) unterfucht, wobei die urfprüngliche Minoriten-
predigt und die Stellung des Stifters zur Wiffenfchaft zu
eingehender Behandlung kommen. In einem zweiten Ab-
fchnitte, der die Zeit von 1219—1250 befpricht, werden

die Sittenpredigt, nicht aber die dogmatifche Predigt gemattet
(S. 56). Es war dann felbftverftändlich, daß fpäter,
als allmählich Kleriker genug in den Orden eintraten, nur
diefe das Predigtrecht bekamen, während die Laien auf
die Exhorte angewiefen blieben. Und was nun Franz
gegen die Wiffenfchaft geäußert hat, das war alles nur
gegen die wiffenfchaftliche Begehrlichkeit der Laien im
Orden gefagt. Das Gebot der Ordensregel v. 1223: .non

die treibenden Kräfte der Weiterentwicklung und dann curent ncscientcs lilteras litteras discerc heißt geradezu,

befonders die wiffenfchaftlichen Franziskanerinftitute zu
Bologna, Paris und Oxford mit ihren bedeutendften Vertretern
und ihrem Einfluß auf die Mitwelt behandelt.
Endlich folgt in einem dritten Abfchnitt eine ausführliche
Darlegung der Organifation der Lehranftalten, ihrer Methode
und ihres Schulprogramms. Es ift wohl erfichtlich,
wie viel der Verfaffer im 2. und 3. Abfchnitte den grundlegenden
Arbeiten Denifles verdankt. Aber auch wer
diefe Arbeiten kennt, wird finden, wie überall auf die
Quellen zurückgegangen und wie neue Schätze aus den-
felben hervorgeholt find. Wenn ich aus meiner freilich

,die Laien im Orden follen nicht darauf ausgehen Kleriker
zu werden' (S. 71). Es gab im Orden von Anfang an
einen Beruf zur Geiftesarbeit wie zur Handarbeit (S. 69),
den Laien verbot Franz jede wiffenfchaftliche Arbeit
(S. 71), aber für die Kleriker fchätzte er die theologifche
Wiffenfchaft fehr hoch, ja er verpflichtete die Kleriker
fchlechthin, fich die nötigen Kenntniffe zu erwerben (S. 65),
und war auch durchaus nicht dagegen, daß die Konvente
Hausbibliotheken für das Studium haben, nur follen fie
der minoritifchen Armut entfprechen und keiner foll ein
Sondereigentum an Büchern haben. Auf diefe Weife ift

befchränkten Bekanntfchaft mit den Quellen urteilend nun F. in der Lage, fo ziemlich alle Erzählungen der
hier etwas vermiffe, fo ift es das, daß F. die Novizen- Quellen fowohl aus dem Lager der Spiritualen, wie der
traktate Davids von Augsburg nicht noch mehr ausgenützt ■ Kommunität für fich verwerten zu können: die derWiffen-
hat; ich glaube, es wäre aus ihnen, wie auch aus den j fchaft ungünftigen Äußerungen gelten den Laien und die
Werken des Antonius von Padua für die Gefchichte der der Wiffenfchaft freundlichen den Klerikern des Ordens.
Studien im Minoritenorden doch vielleicht mehr zu holen Gelegentlich freilich wird die Darfteilung diefes Stand-
gewefen als gefchehen ift. Freilich ift zuzugeftehen, daß I punktes etwas unficher (bef. S. 351—355)- aber im ganzen

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diefe Schriften in ihrem Bettand noch nicht ficher feft-
geftellt find, und überdies ift der Stoff, den F. zu behandeln
hatte, fo groß, daß nicht zu verwundern ift, wenn
ihm das eine oder andere dabei entgangen ift.

Nicht ganz fo einverftanden bin ich mit der Behandlung
des erften Abfchnitts, wie überhaupt der Partien,
wo nicht die Inftitutionen, fondern die Perfonen, die
Helden des Ordens, in FYage kommen.

Um F.s eigentümlichen und, foviel ich weiß, ganz
originalen Standpunkt in der Frage der Stellung des
Ordensftifters zur Wiffenfchaft darzulegen, gehen wir
vielleicht am betten von 2 Stellen in der erften Minoriten-
ordensregel aus. In c. 17 heißt es: Nullus fratrum predicct
. . nisi concessum fucrit sibi a suo ministro', in c. 21 ,talem
exhortationcm et laudem omnes fratres mei quandocun-
que pl acuerit eis annuntiare possunV. Müller, Anfänge

glaubt der Verfaffer auf diefe Weife den ganzen Gang
des Ordens als eine geradlinige Entwicklung der Ideen
und der Willensmeinung des Stifters aufzeigen zu können.
Mir fcheint aber diefe ganze Anfchauung, als ob Franz
von Anfang an einen aus Klerikern und Laien gemifchten
Orden habe gründen wollen, und auch die Unterfcheidung
von Exhorten der Laien und Predigten der Kleriker in
der Anfangszeit nicht gelungen. So ifts ja freilich geworden
fpäter unter dem Einfluß der Kurie und der in den
Orden eingetretenen Vertreter der Wiffenfchaft, fo fah
wohl der von F. foviel angeführte Salimbene die Sache an,
der von den wiffenfchaftlich ungebildeten Predigern Se-
garellis fagte, folche Leute würden im Minoritenorden
kaum Verwendung finden, um bei Tifch zu dienen und
Gefchirr zu fpülen; aber in der alten Zeit hat man es
nicht auffallend gefunden, wenn ein Kleriker wie Antonius

S. 17, hatte da einen Widerfpruch gefunden und gefchloffen, von Padua auf dem Eremitorium feine Wiffenfchaft völlig
die zweite Stelle flamme aus der urfprünglichen Regel | beifeite legte und wirklich Schüffein fpülte. Man darf