Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1905 Nr. 19

Spalte:

528-529

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, E. R.

Titel/Untertitel:

Schleiermachers und C. G. von Brinkmanns Gang durch die Brüdergemeine 1905

Rezensent:

Stephan, Horst

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

527

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 19.

528

überall, wie glücklich und verfländnisvoll der Verf., der

Dozent an der Univerfität Helfingfors ift, fich in die

Gedankenarbeit anderer Nationen, befonders in die der
Deutfchen, eingelebt hat.

Bonn. O. Ritfchl.

Freudenthal, Prof. J., Spinoza. Sein Leben und feine
Lehre. Erfler Band: Das Leben Spinozas. Stuttgart,
F. Frommanns Verlag 1904. (XIV, 349 S.) gr. 8°

M. 6.80

Der Verfaffer diefer Schrift hat fich fchon durch
fein 1899 veröffentlichtes Werk ,Die Lebensgefchichte
Spinozas', das Quellenfchriften, amtliche Urkunden und
nichtamtliche Nachrichten in den Originalfprachen mit
deutfcher Überfetzung, kritifchen und erläuternden Anmerkungen
enthielt, große Verdienfte um die Spinoza-
forfchung erworben. Den Hauptbeftandteil der Quellenfchriften
bildeten die beiden alten Biographien, die hier
in einer neuen, auf die beften Vorlagen zurückgehenden
Ausgabe zugänglich gemacht find, die des lutherifchen
Predigers Johannes Colerus, der die Lehren des Atheiften
verabfcheut, fich aber dem Eindruck feines reinen Charakters
nicht entzieht, und die des treuen Anhängers Spinozas
Jean Maximilien Lucas, der fich und feine Schrift im
Dunkel der Anonymität verneckte, weil man fich, wie
er fagte, ,um Spinozas Leben zu befchreiben, verbergen
mußte, wie wenn man ein Verbrechen beginge'. F. nimmt
an, daß die Biographie des Colerus bisher überfchätzt
wurde, was befonders in Kuno Fifchers Darftellung
Spinozas der Fall fei, und kann fich dabei neben einer
Reihe von Ungenauigkeiten, die Colerus leicht hätte vermeiden
können, auf das höhere Alter derjenigen des
Lukas berufen, die, wie in der ausgezeichneten hollän-
difchen Spinozabiographie von Meinfma ,Spinoza en zijn
kring' (Spinoza und fein Kreis 1896) nachgewiefen ift,
noch vor dem Jahre 1688 verfaßt wurde. Übrigens find
beide durchaus unabhängig von einander, weßhalb das
beiden Gemeinfame befonders wertvoll ift; auch ift die
Lukasfche Biographie keineswegs einwandfrei.

Nun hat F. felbft als der am meiften hiezu Berufene
das in jener erften Veröffentlichung gegebene zuverläffige
Material mit noch manchem andern Stoff zu einer Darfteilung
des Lebens Spinozas verarbeitet. Das Material
ift auch nach diefer forgfältigen Sammlung für eine voll-
ftändige Biographie immer noch unzureichend, und der
Verf. hat fich der Aufgabe nicht entzogen, gelegentlich
die Lücken der Uberlieferung durch Vermutungen auszufüllen
. Er hat dies aber mit Takt und kritifcher Zurückhaltung
getan, und man kann ihm nur dankbar dafür fein,
wenn er aus der Fülle eigener Vertiefung in Perfönlichkeit
und Geht Spinozas das Bild feines Lebens vervollftändigt,
wie es z. B. in der hübfchen Darftellung der Befuche
Leibnizens bei Spinoza (S. 274fr.) gefchieht. Das Buch,
urfprünglich als eine Bearbeitung des Lebens und der
Lehre Spinozas für Frommann-Hauffs,PhilofophifcheKlaffi-
ker' geplant, ift fo allmählich über diefen Rahmen hin-
ausgewachfen. Diefer erfte Band, eine vollftändige Schilderung
der Lebensgefchichte Spinozas, beftätigt in der
Tat das Wort Eduard Zellers, zu dem fich der Verf. im
Vorwort bekennt: ,die wefentliche Bedeutung pfycho-
logifch-biographifcher Unterfuchungen befteht darin, daß
fie die Entftehung der philofophifchen Syfteme aus ihrer
nächften Quelle erklären' (S. VII). Aus dem reichen
Inhalte des Werkes läßt fich hier nur einiges Wenige
hervorheben. Das Erlte Kapitel führt uns zu den Ur-
fprüngen und Vorbedingungen feines Lebens und Wirkens
. Auf holländifcher Erde geboren, erwachfen und
geftorben, ift Spinoza ja doch kein echter Sohn der
Niederlande, fondern der Sproß eines fremden Volks-
ftammes, der erft um die Wende des fechzehnten Jahrhunderts
in den Niederlanden Wurzel gefchlagen hatte
und durch Sprache, Gefetz, Sitte und Religion von den

Landeskindern fcharf gefchieden war. Seine Vorfahren
gehörten zu jenen fpanifchen Juden, die auf der pyre-
näifchen Halbinfel eine fo reiche Kultur entwickelten, die
Handel, Kunft und Wiffenfchaft förderten, und deren Stolz
und Zierde einflußreiche Staatsmänner, kluge Ärzte, Dichter
und Philofophen, Mathematiker und Mediziner, Aftro-
nomen und Sprachforfcher, Bibelerklärer und Talmudiften
waren. Und als ein Teil der fpanifchen Juden unter dem
Drucke der Inquifition nach Holland auswanderte, da
wurden fie Glieder eines Volkes, deffen Kraft fich in
hartem, achtzigjährigem Kampfe um die Selbfitändigkeit
des Landes, um religiöfe und politifche Freiheit ftählte;
und Spinozas Entwicklung fiel in eine Zeit rafllofen
Vorwärtsdrängens, fruchtbarer Regfamkeit und Tätigkeit
des niederländifchen Volkes auf den verfchiedenften Ge-

| bieten menfchlichen Schaffens, in der Politik, im Verkehrs-
wefen, in Kunft und Wiffenfchaft. Um fo tragifcher mutet
uns das Schickfal an, zu welchem diefe Entwicklung ihn
führte, als den furchtlofen Denker, den fein unermüdliches
Wahrheitsfuchen der väterlichen Religion mehr
und mehr entfremdet hatte, der fchreckliche Fluch der
Synagoge traf, und ihn damit innerlich und äußerlich in
die Einfamkeit trieb; er aber trug fie feft und ftolz bis an fein
Ende als ein freier Denker, ja er fchätzte fie als eine Bürg-
fchaft feiner Unabhängigkeit fo hoch, daß er auch die ver-
lockendfte Gelegenheit zur Verbeiferung feiner Lage, den
im Jahre 1673 an ihn ergangenen Ruf an die Univerfität
Heidelberg ablehnte. In der Angelegenheit der Exkommunikation
fucht der Verf. mit umfichtiger Erwägung

1 aller Umftände beiden Teilen gerecht zu werden. Mit
Recht glaubt er der bloßen entrüfteten Verurteilung der

j jüdifchen Gemeinde gegenüber neben der Rückficht auf
die Anfchauungen des Zeitalters hervorheben zu müffen,
wie es die fpanifchen Juden, die glücklich waren, in der
neuen Heimat ihrer Religion wieder leben zu können,
erbittern mußte, daß ein junges Mitglied ihrer Gemeinde,
der Sproß einer angefehenen Familie es wagte, ihren altehrwürdigen
Glauben für einen großen Irrtum und damit
alle ihm gebrachten Opfer für eine Torheit zu erklären
(S. 76h). Beachtenswert ift auch die kritifche Vorficht,
mit welcher der Verf. fich vor einer hier befonders naheliegenden
idealifierenden Übertreibung in der Schilderung
der Perfönlichkeit feines Helden hütet. Auch Spinoza
hat fich trotz der Vorherrfchaft des Intellekts, die für
ihn charakteriftifch ift, von den Affekten, die durch das
Erkennen zu überwinden feine Ethik uns anweift, nicht
ganz befreit. ,Er hat nicht bloß geliebt; er hat auch

| gezürnt, 'gefürchtet und von heißem Seelenfchmerz und
tiefer Abneigung fein klares Denken bisweilen trüben
laffen'. Aber alles in allem tritt uns gerade in diefer
vorfichtig abwägenden und zuverläffigen Darfteilung das
Bild diefes einzigartigen Lebens um fo anziehender entgegen
, das Bild eines Denkers, der in feinem redlichen
Wahrheitsftreben, in der Lauterkeit feines Charakters, in
der Güte feines Herzens und der Fettigkeit feines Willens
mit Recht zu den vorbildlichen Perfönlichkeiten der
Menfchheitsgefchichte gerechnet wird.

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Meyer, Oberlehr. E.R., Schleiermachers und C. G. von Brinkmanns
Gang durch die Briidergemeine. Leipzig, F. Janfa
1905. (VIII, 288 S.) gr. 8(» M. 4 — ; geb. M. 5 —

Die Entwicklung Schleiermachers ift in ihren Grundzügen
durch Dilthey mufterhaft gezeichnet worden. Im
einzelnen aber bedarf das Bild, das er entworfen hat, fo
mancher Bereicherung, Verfchärfung und Verbefferung.
Vor allem erhält der Einfluß der Brüdergemeinde, mag
er auch gelegentlich ftark betont werden, im Aufbau der
Biographie geringen Raum. Hier bietet Meyers Buch,
in deffen Mittelpunkt trotz des Titels nur Schleiermacher
fleht, eine außerordentlich fleißige und wertvolle Ergänzung
. Selbft durch die herrnhutifche Erziehung hin-