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Ausgabe:

1905 Nr. 1

Spalte:

521-523

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Thesaurus Baumianus. Verzeichnis der Briefe und Aktenstücke, hrsg. von Johannes Ficker 1905

Rezensent:

Bossert, Gustav

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 19,

522

Chriflenheit, eine würdige Vorbereitung fichert. Mag an
der Beichte, wie Luther Tie nachher eingerichtet hat,
manches anfechtbar fein, jedenfalls zeigt fein eifriges Bemühen
gerade um eine evangelifche Beichte, wie klar er
erkannt hatte, daß die römifchen Inftitutionen ohne die

liehen Univerfitäts- und Landesbibiiothek als Verlegerin
ein wichtiges Hilfsmittel in einem Verzeichnis der Briefe
und Aktennücke des Thesaurus Baumianus gefchaffen
worden. Zugleich aber hat Ficker im Vorwort dem Urheber
diefer großen Sammlung, dem 1878 verftorbenen Profeffor

größte Schädigung für die Gemeinde nicht einfach über j Joh. Wilhelm Baum, dem Biographen Capitos, Butzers

Bord geworfen werden dürften

Und find denn jene Wittenberger Abendmahlsfeiern
wirklich fo ideal gewefen? ich fürchte, Barge fieht fie
doch in etwas zu rofigem Lichte. Von den Eilenburger
Ereigniffen gewinnen wir auch nach Barges Darftellung
einen recht abflößenden Eindruck (vgl. S. 362 ff., bef. 364
oben); wer fleht aber Barge dafür, daß nicht Ahnliches
und Schlimmeres auch in Wittenberg paffiert ift? follte
wirklich niemand von denen, die in der Nacht vorher in
wüfter Weife Kirchen- und Bilderftürmerei getrieben, am
Chrifttage kecken Mutes mit zum Abendmahl gekommen
fein? Ift denn folche Reformation aber wohl in Wirklichkeit
die wünfehenswerte Einleitung evangelifchen Gemeindelebens
? Zeigen folche Vorgänge nicht vielmehr,
daß das Volk für die Reformen, die Karlftadt fo fchnell
vornahm, in Wahrheit noch nicht reif war? und daß

und Bezas, ein wohlverdientes Ehrendenkmal gefetzt, indem
er uns die großartige Sammeltätigkeit Baums, feinen
unermüdlichen Fleiß, fein Gefchick im Ermitteln der Standorte
und im Entziffern feiner Vorlagen, in der Wahl feiner
Helfer und in der Kollationierung ihrer Kopien, die Ausdauer
und den durch keinerlei Schwierigkeiten in der
Benützung der Archive gebrochenen Mut, die Hilfe feiner
Freunde und vor allem die feiner treuen verfländnisvollen
Gattin, feine Freude an den Schätzen der Reformation,
aus denen er fich in der Zeit feiner letzten Krankheit
vorlefen ließ, in anziehender Weife fchildert.

Als Baum die Biographie von Capito und Butzer
für das große Elberfelder Sammelwerk übernahm, mußte
und wollte er alles beifammen haben, wie er felbft fagt.
In der kurzen Zeit von 1856 bis 1858 brachte er nicht
weniger als 2500 Briefe, die ungedruckten in vollftändiger

Luther allen Grund hatte, zunächft energifch zu bremfen '■■ Abfchrift und mit Erläuterungen, die gedruckten im

und dann den Übergang in Ruhe fich vollziehen zu laffen?
ja müffen nicht Schreckenstage, wie fie nachher der
Bauernkrieg brachte, uns vor Wünfchen warnen, wie Barge
fie hinfichtlich des Verlaufes der reformatorifchen Be-
weemner verrät, und hätte nicht die Perfpektive, die er

Regeft mit Angabe des Druckorts zufammen. Nicht genug
zu bedauern ift, daß feine geplante Ausgabe von
c. 900 ungedruckten Briefen, meift aus dem Thomasarchiv,
nicht zuftande kam, weil er keinen Verleger fand. Noch
fchmerzlicher ift, daß fein Vorfchlag in der letzten Sitzung

S. 460 bei dem ihm fympathifchen Verlauf fich vorftellt, ! des proteftantifchen Seminars zu Anfang der Belagerung
auch eine ganz andere werden können? j Strasburgs, ein jeder Profeffor follte, um die Schätze der

Und Barge mag fagen, was er will, Luthers Erfolg j Seminarbibliothek zu retten, einen Teil vom Koftbarften
in Wittenberg, den er durch feine Invokavitpredigten | in feinem Keller bergen, abgelehnt, ja als unpraktifch
erzielte, bleibt ein wunderbarer. Es ift durch nichts zu ; befpöttelt wurde. Dann wären wenigftens die handfehrift-
beweifen, daß er nur die Mächtigen und Starken (S. 445), 1 liehen Schätze gerettet worden, die in der Nacht des
die Ariftokraten, hinter fich hatte, wenn er auf Ruhe und j 24. Aug. 1870 mit der Stadt- und Seminarbibliothek ver-
Befonnenheit drang. Barge hat felbft (S. 390) darauf brannt find. Glücklicherweife ift uns vieles davon in der
hingewiefen, daß felbft Karlftadt nur unter fchweren An- I Abfchrift Baums erhalten. Nicht hoch genug kann der
fechtungen die traditionellen Anfchauungen hätte über- ■ Edelfinn geachtet werden, mit dem Baum den Ertrag
winden können. Und dem Wittenberger Volk follte es j feiner Lebensarbeit für die deutfehe Reformationsge-
leicht gefallen fein, von allem, was durch jahrhunderte- : fchichte, den Thesaurus Epistolicus Reformatorum Alsa-
lange Tradition ihm geheiligt war, fich zu trennen? ich | ticorum, der kaiferlichen Univerfitätsbibliothek mit der Be-
bin überzeugt, daß auch gerade aus dem Volke mancher, ftimmung übergeben hat, daß feine Benützung in jeder
der vorher, von der Maffenbewegung fortgeriffen, mit- j Weife erleichtert, ja felbft Ausleihen geftattet werde. Es
gelaufen war, aufgeatmet hat, als er Luthers befonnene ! find dies 24 Bände mit 2 Regifterbänden. Im Sommer
Mahnungen hörte. Die gewaltige Macht des hiftorifchen i 1895 hat Baums Witwe auch die Sammlung von Briefen
Zufammenhanges läßt fich eben bei keiner Neuerung j und Akten zur Gefchichte der franzöfifchen Reformation
kurzweg ausfchalten, und das hat Karlftadt verkannt. ! mit Ausfchluß der in den Opera Calvini und der Bio

Darin aber erweift er fich als Schwärmer, mehr noch
vielleicht, als in feiner wörtlichen Befolgung von Matth. 1125
(vgl. Köftlin-Kawerau S. 485), die Barge wohl nicht deutlich
genug charakterifiert. Deshalb hat Karlftadt weichen
müffen, und Luther hat den Sieg behalten.

Ich könnte noch auf anderes eingehen, das in Barges
Darftellung mehr im einzelnen mir aufgefallen ift — fo
fcheint mir, daß er auch bei der Schilderung von Karl-
ftadts Charakter nicht ganz von Widerfprüchen fich frei

graphie Bezas gedruckten Briefe unter dem Titel Thesaurus
Epistolicus Reformatorum Gal/icorum (Band XXVII
—XXXII) und eine große Anzahl Supplemente (XXXIII—
L) der kaiferlichen Univerfitäts- und Landesbibliothek
mit ebenfo liberalen Beftimmungen über die Benützung
übergeben. Es ift ganz im Sinn Baums, wenn feine Gattin
damals fchrieb: ,Für die Gefchichte jener Zeit foll Straßburg
das Bindeglied aller europäifchen Länder bleiben
wie es bereits damals der Fall war',

hält — aber ich breche ab, um nicht den Eindruck zu Im Jahr 1899 begann Ficker zur Erleichterung der
erwecken, als ob ich die Anerkennung, die ich oben dem j Benützung und damit zur Schonung der koftbaren Schätze
Buche aus aufrichtigem Herzen gezollt habe, hier wider- mit Hilfe von 25 Studierenden die Briefe und Akten zu
rufen wollte. Manches wird ohnehin erft aus dem IL j regiflrieren und fo den Druck des Regifters vorzubereiten.
Bande recht klar werden.

Ich wünfehe dem fchönen Buche reges Studium und
erhoffe von ihm eine neue Förderung der Reformations-
gefchichte.

Erichsburgb.Markoldendorf(Hann.).FerdinandCohrs.

Aufgenommen hat Ficker nur den Inhalt der Bände
welche Dokumente, Briefe und Akten enthalten, und der
Supplementbände mit ihrer Sammlung zur Gefchichte der
weifchen Kirche in Straßburg und den Manufkripten,
während die annaliftifchen, chronologifchen und biographischen
Notizenfammlungen weggelaffen wurden. Jeder
Thesaurus Baumianus. Verzeichnis der Briefe und Akten- Brief ift doppelt nach Schreiber und Empfänger verzeichnet
ftücke herausgegeben von Johannes Ficker. Straß- : und innerhalb der Rubriken von und an chronologifch

bürg i.E.,Kaiferliche Univerfitäts- und Landesbibliothek
1905. (XXX, 183 S.) gr. 4"

Der Forfchung auf dem Gebiet der Reformations-
gefchichte ift von Profeffor D. J. Ficker und der kaifer-

eingeordnet mit Angabe des Datums, der Sprache des
Schriftstucks und, wo möglich, des Fundorts. Ebenfo wurde
bemerkt, ob der Brief ganz oder im Auszug vorhanden
oder bloß angeführt ift. Briefe vom gleichen Datum
wurden mit Anfang des Briefs aufgeführt. Unbekanntere

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