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Ausgabe:

1905

Spalte:

481-483

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sell, Karl

Titel/Untertitel:

Die Religion unserer Klassiker Lessing, Herder, Schiller , Goethe 1905

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 17.

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wohlgelungen und inftruktiv zu bezeichnen, während der
dritte Teil, die Elocutio, namentlich der Äbfchnitt über
Tropen und Figuren, und der vierte Teil, die Pronuntiatio,
durch anfchauliche Durchfichtigkeit und praktifche Gewandtheit
nicht hervorragen.

Zwifchen römifch-katholifcher Kanzelberedfamkeit
und evangelifcher Predigtkunft ift ein nicht zu verwifchen-
der Unterfchied. Jene ift Rhetorik: ihre Mufter find die
antiken Redner, vorzugsweile Demofthenes und Cicero;
die getarnte antike Redekunft wird auf die Kanzel übertragen
und nur der Gegenftand unterfcheidet die römifch-
katholifche Predigt von den Leiftungen der antiken Rhe-
toren. Die Prediger flehen wie ehedem die ,Redner'
dem Volke gegenüber; die Widerftrebenden follen für
die Zwecke des Redners gewonnen werden, und das
.Überreden'wird mit allen künftlichen Mitteln zur Erregung
der Affekte betrieben. Die Stellung des evangelifchen
Predigers zur Gemeinde ift prinzipiell anders. Hier redet
der Bruder zu den Brüdern auf dem gemeinfamen Boden
des Evangeliums; alle Kunft des Überredens hat daher
keine Stätte. Die Sache, lediglich die Sache, foll wirken,
und alle Form der Kunft hat keinerlei Recht felbftändiger
Exiftenz, fie hat fich in den keufcheften Dienft der Sache
zu ftellen, damit diefe in reiner ureigner Kraft freie Überzeugung
ftärke oder fchaffe. Daß römifch-katholifche
Prediger oft an zündender Einwirkung auf die Maffen zu
Augenblickserfolgen den evangelifchen überlegen find, ift
nicht in Abrede zu ftellen; ob aber folche Art dem
religiös-fittlichen Aufbau des Gemeindelebens, worauf
doch alles ankommt, dienlich ift, ift eine andere Frage.
Anderfeits ift auch nicht zu leugnen, daß die evangelifchen
Prediger in ihrem Beftreben, eins zu fein mit dem Wort
der Verkündigung, und in ihrem fachlichen Intereffe auf die
Ausbildung der rednerifchen Form vielfach bis zur völligen
Vernachläfligung wenig Wert legen und dadurch die
Kraft der Sache nicht zur Entfaltung bringen. So kann
das Studium der Rhetorik, infonderheit das Studium vorliegender
,Grundzüge der Beredfamkeit', den evangelifchen
Predigern, die es find und die es werden wollen, nur
empfohlen werden. Das Bewußtfein von ihrer Aufgabe
wird fie davor bewahren, auf die Abwege der Künftelei
und des rhetorifchen Blendwerks fich verlocken zu laffen.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Seil, Prof. Karl, Die Religion unserer Klassiker Lessing,
Herder, Schiller, Goethe. (Lebensfragen. Herausgeber:
H. Weinel.) Tübingen, J. C. B. Mohr 1904. (VII, 274
S.) gr. 8° M. 2.80; geb. M. 3.80

S. will in diefem vorzüglich ausgeftatteten, aus einer
populären Vorlefung hervorgegangenen Buchedie Religion
unterer Klaffiker, genauer ihren Anteil an der Gewinnung
einer tieferen, der Aufklärungszeit entgegengefetzten
Weltauffaffung und Lebensführung darftellen. Die untereinander
fehr verfchiedenen religiöfen Auffaffungen unferer
Klaffiker verbindet als gemeinfamer Zug die Durchdringung
der von ihnen vorgefundenen Geftalt des Chriften-
tums mit dem Gedanken der Humanität, wie fie von
Herder gefordert und von Goethe verwirklicht worden
ift (S. 1—10). Die Hauptmaffe des Buches, die Darfteilung
der Religion Leffings, Herders, Schillers und Goethes,
enthält neben vielen literargefchichtlichen und biogra-
phifchen Notizen eine reiche Fülle von Äußerungen aus
ihren Werken und aus ihrem Leben, die einen Einblick
in ihr religiöfes, theologifches oder philofophifches Denken
ermöglichen. S. hat fich abfichtlich auf eine oft recht
aphoriftifch gehaltene Darlegung des Materials befchränkt.
Mancher wäre vielleicht für ein Mehr an Eingliederung
in größere Zufammenhänge, an Vertiefung in die Motive
und Urfachen, an Beurteilung und Beziehung auf die
Gegenwart dankbar gewefen. Die Verfchlingung der
biographifchen Entwicklung mit der Darftellung der An-

fchauungen, die aphoriftifche Form, der vollftändige
Mangel von äußerlich bemerkbaren Unterteilen fowie die
Seltenheit von größeren Über- und Rückblicken machen
mitunter Lektüre und Verftändnis nicht ganz leicht. Aber
doch treten die charakteriftifchen Umnffe der einzelnen
Geftalten bei einiger Vertiefung klar heraus.

Leffing tritt mit feiner biblifchen und religions-
wiffenfchaftlichen Kritik der ftarren lutherfchen Bibelreligion
energifch entgegen, um an ihre Stelle die
Humanitätsreligion zu fetzen, welche aber nicht nur die
Sittlichkeit, fondern auch den Glauben und die kindliche,
bewundernde Hingebung an eine ewige Vorfehung umfaßt
, die alle Schritte der Menfchen und der Menfchheit
lenkt. Ohne religiöfes Pathos, ohne ein: Verhältnis zu
der gefchichtlichen Perfon Jefu, das überhaupt erft im
letzten Drittel des letzten Jahrhunderts für die Theologie
von Bedeutung wird, ift Leffing zeitlebens ein Suchender
geblieben (S. II—52). Herder dagegen ftrebt überall in
die Tiefe; er hat ein Verftändnis für die Poefie der Bibel,
für die Stimme Gottes in der ganzen äußeren und inneren
Welt, für die geheimnisvolle Macht der Dinge, die nur
eine verftändnisvoll geftimmte Seele aufnehmen kann, für
das Ziel der Menfchheitsentwicklung, das Reich der
Humanität, in dem fich alle Kräfte der Menfchennatur
zu einem großen Glaubens- und Liebesreiche entfalten
follen (S. 53—113). Die eingehende Würdigung Schillers
findet feine Religion in der Ehrfurcht vor dem Göttlichen,
das in der Natur als Gefetz, in dem Menfchen als Grund
feiner Freiheit wohnt und die Menfchheit zu immer
höheren Stufen emporführt. Seine vollkommene Verkörperung
findet es in der griechifchen Götterwelt, weswegen
die höhere Welt auch von dem künftlerifchen
Schaffen vorausgenommen wird. Eine Reihe von Analogien
zu dem hiftorifchen Chriftentum zählt S. auf, fo
die Askefe, die Sehnfucht nach der idealen Welt u. a.
(S. 115—159). Ganz ausführlich wird Goethe gewürdigt,
feine Entwicklungsftufen und Beziehungen zu Religion
und Chriftentum werden eingehend befprochen. Befon-
dere Erwähnung verdient die eingehende Behandlung des
Fauftproblems und der herrliche Anhang .Goethes Lebensweisheit
in Sprüchen' (S. 221—256), der einen immer
wieder ftaunen läßt, wie der Alte von Weimar oft mit
einem Wort eine weite Fläche des Lebens in helles Licht
zu fetzen weiß.

Das vortreffliche Schlußwort (S. 257—263) weift auf
die richtige Verwertung der geleifteten Arbeit hin. Ebenfo
falfch wie der Verfuch, die Religion der Klaffiker für
irgend eine Form des heutigen Chriftentums in Anfpruch
zu nehmen, ift der andere, fie als eine neue höhere Zu-
kunftsftufe ihrer Entwicklung auszugeben, weil es ihr ganz
an dem dazu unentbehrlichen fozialen Element gebricht.
Der große Gewinn liegt vielmehr in ihrer Kraft, unferem
Gefchlecht eine Hilfe zum Finden feiner eigenen Religion
zu fein, wie immer jede ftark ausgeprägte Religion in
Empfänglichen den Funken eigenen religiöfen Lebens
entzündet. Können uns unfere Klaffiker auch wenig in der
uns aufgegebenen Verbindung zwifchen unferer chriftlichen
Religion und unferer gegenwärtigen Bildung fördern, fo
kann uns doch mittelbar dabei die Idealität eines Schiller
und der freudige Optimismus eines Goethe die beften
Dienfte leiften.

Viele Fragen weckt das Buch und befonders dies
Schlußwort in jedem auf, der ein Intereffe an der Verkündigung
und Darbietung des Evangeliums in unferer
Zeit hat: Wie verhält fich die idealiftifche Humanitätsreligion
zu unferm gefchichtlich und ethifch orientierten
Glauben? Welche Beftandteile haben fie von einander
aufgenommen? Ift das ganze Ideal der Frömmigkeit und
die geiftige Welt famt der Vorftellung von der Gottheit
ähnlich? oder welche Unterfchiede beliehen? Ift die ge-
fchichtslofe oder die gefchichtliche Anfchauung und Verkündigung
die höhere? Sollen wir die gefchichtliche lang-
fam in die andere überleiten oder diefer ihren Mangel an