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Ausgabe:

1905 Nr. 16

Spalte:

459-461

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Class, Gustav

Titel/Untertitel:

Die Realität der Gottesidee 1905

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 16.

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fammenhang mit dem perfönlichen, bewußten Glauben
fleht, den ein Kind noch nicht haben kann. Kommt nun
der Täufling zum lebendigen Glauben an den Heiland,
tritt diefer Glaube ins Leben, fo kommt die Wirkung,
die Kraft und die Bedeutung der heiligen Taufe voll zur
Geltung, da wird erft die ganze Fülle der Gnade und
des heiligen Geiftes vermittelt. — Das gute Recht folcher
Ausführungen liegt vor allem in dem entfchiedenen
Proteft, den der Verf. gegen eine magifche Auffaffung
der Kindertaufe führt, fowie in dem Ernft, mit welchem
er vor einer Auffaffung warnt, die geradezu fleifchliche
Sicherheit befördert und zu einem Ruhekiffen für weltlichen
und irdifchen Sinn geworden ift. Sehr anfechtbar
find dagegen die biblifch-theologifchen Erwägungen über
Taufe, Kindertaufe und Wiedergeburt, durch welche S.
feine Pofition zu begründen unternimmt. ,Auf die Verdächtigungen
, die neuere Theologen in bezug auf die
Echtheit der Stiftungen Jefu ausfprechen, . . . auch auf
die Anfechtung der Echtheit, die Jefu Miffionsbefehl
(Matth. 2819) durch Harnack erfahren, und gegen die in
wuchtigen Worten Warneck und Bornhäufer proteftiert
haben, gehe ich nicht weiter ein. Traurig ift es, daß
derartige Erörterungen, welche das Chriftentum entwerten
und es in eine gefchichtslofe Allgemeinfrömmigkeit auf-
löfen wollen, mit Fleiß ins Volk hineingetragen werden
und die Geringfehätzung der Sakramente noch weiter
verbreiten und noch größer machen, als fie fchon ift'
(15). Ein bei einem fo bibelfeften Verfaffer befonders
fchlimmes Verfehen ift auf S. 18 zu verzeichnen. ,Euer
und euerer Kinder ift diefe Verheißung', fagt Paulus in
feiner Pfingftrede, Apoftelgefchichte 239.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

GMass, Prof. a. D. Dr. Guftav, Die Realität der Gottesidee.

München, C. H. Beck 1904. (V, 94 S.) Lex. 8° M. 2 —

Eine Verhandlung über die Realität der Gottesidee
erfordert zunächft die Beantwortung einer Vorfrage,
nämlich derjenigen: Was ift der Menfch, für den die
Realität der Gottesidee behauptet werden foll? Es kann
ja doch nicht gleichgültig fein, ob diefe Realität für ein
Naturwefen oder für ein geiftiges Wefen Geltung haben
folle. Diefe Vorfrage hat der Verf. in feiner früheren
Schrift ,Unterfuchungen zur Phänomenologie und Onto-
logie des menfehlichen Geiftes' (1896) behandelt, deren
Hauptabficht war, im Unterfchied von der gewöhnlichen
Pfychologie eine Pneumatologie zu begründen, die
zu ihrem Gegenftand ebenfalls das feelifche Leben hat,
aber ,ein anderes intellektuelles Auge' befitzt, und darum
innerhalb des Seelifchen mancherlei Gebilde fleht, für
welche die Pfychologie kein Organ hat. Es ift die Aufgabe
der den erften Teil der Pneumatologie bildenden
Phänomenologie, diefe Gebilde oder fpezififchen Formen
des höheren Lebens aufzufinden. Hierher gehört in erfter
Linie der Begriff eines hiftorifchen Inhalts d. h. einer
beftimmten Geftalt der Religion, des Rechtes und der
Moral, der Kultur. Das Individuum wird durch diefen
Inhalt beeinflußt teils durch Vermittlung der jedesmaligen
menfehlichen Gefamtheit, in welcher der betreffende Inhalt
die Herrfchaft hat, teils unmittelbar dadurch, daß
der ,wefentliche Extrakt des Inhaltes in der Form einer
intellektuellen Anfchauung von dem Individuum
erlebt wird' (S. 8). Der letzte Kern aber des hiftorifchen
Inhalts befteht aus einem organifch zufammenhängenden
Syftem von Gedanken. Es fragt fich nun, ob von
diefer Pneumatologie ein Weg zur Realität der Gottesidee
hinüberführt.

Wenn im gewöhnlichen Leben die Frage nach der
Exiftenz Gottes aufgeworfen wird, fo wird nicht nach
dem Inhalt, fondern nach der Realität der Gottesidee
gefragt. Der Gott, um deffen Dafein es fich handelt, ift
ja aus der betreffenden Religion genau bekannt, und man
fragt nur, von mancherlei Zweifeln bewegt, nach feiner

j realen Exiftenz. In der philofophifchen Frage dagegen:
Ift überhaupt ein Gott? werden Inhalts- und Exiftential-
frage verbunden. Bei dem Verfuch, diefe Frage zu beantworten
, haben wir zunächft dem reinen Denken d.h.
dem die Erkenntnisformen bildenden Denken zu folgen.
Indem wir dies tun und das herausarbeiten, was wir ftill-
fchweigend mitdenken, wenn wir die Hauptbegriffe der
Subftanz und Kaufalität anwenden, gelangen wir zu den
drei Begriffen der abfoluten Subftanz, der abfoluten Kraft
und des abfoluten Denkens, wobei das letztere daraus
abgeleitet wird, daß, wenn eine gedankliche Notwendigkeit
regieren foll, ein vernünftiges Denken vorhanden
fein muß, ,welches erklären kann: aus den und den
Gründen hat das zu gefchehen' (S. 26). Dies führt zu
dem Gedanken eines abfoluten Ich mit abfolutem Denken,
welchem die abfolute Kraft als bleibende Fähigkeit zu
Gebote fleht, d. h. zu dem Gedanken des abfoluten
Geiftes.

Dies ift aber doch nur die ,Gottesidee des reinen
Denkens', aus Poftulaten, aus Forderungen des Gedankens
erwachfen. ,1m gewöhnlichen Leben merkt man weder
vom reinen Denken noch von reiner Gottesidee etwas.
Da hält man fich an die religiöfe Gottesvorftellung, die
dann felbftverftändlich in den verfchiedenen Religionen
eine verfchiedene ift' (S. 27). Wenn wir aber als Geifter
der Notwendigkeit folgen, ,den abfoluten Geift wie einen
Hintergrund alles Lebens zu denken', fo bleibt diefer
Vorgang im Denken befchloffen, ,das Tranfzendente ift
nicht aus feiner Tranfzendenz herausgetreten'. Aber ift
vielleicht ein Element vorhanden, worin Gott indirekt gegeben
, ,man kann auch fagen, worin er geoffenbart
wäre'? (S. 35). Die Antwort liegt in der Überfchrift des
zweiten Kapitels: ,die unhiftorifche Offenbarung Gottes'.
Die Erörterung darüber geht aus von den bereits genannten
, organifchen Gedankenfyftemen, welche den Kern
der hiftorifchen Inhalte bilden. Diefe ftellen nämlich ihre
Forderungen in Geftalt unbedingter Imperative an
das Individuum, die im Individuum ein Urteil der
Billigung oder Mißbilligung und ein Gefühl der Verpflichtung
hervorrufen. Sind aber auch Imperativ, Urteil
und Verpflichtungsgefühl normal vertreten, fo fleht der
Menfch dennoch ,gleichfam einen Augenblick füll,
und fragt, ob er die Forderung wohl ausführen kann.
Am Wollen fehlt es nicht, aber bei der menfehlichen
Schwäche am Können. Da ift es, als ob eine leife
Stimme fagte: es wird gehen! Sie ift bei aller Unfchein-
barkeit ebenfo kategorifch wie der Imperativ, ebenfo von
dem Nimbus höherer Autorität umgeben, ganz eigentlich
ein kategorifcher Indikativ' (S. 39).

Diefe Zufage kann nun nicht vom Ich flammen, da
fie fich ja gerade an das Ich wendet und ihm Mut zu-
fpricht, auch nicht im unperfönlichen Denken, da diefes
über das Poftulieren nicht hinauskommt. Die in der
Zufage: ,Es wird gehen' liegende Ausführbarkeit des
Vernunftgebotes kann doch allem Schein zum Trotz nur
dann fo kategorifch behauptet werden, wenn die be-
ftimmte fefte Beziehung zwifchen dem menfehlichen Geift
und der Natur befteht, daß der erftere die letztere bearbeiten
kann. Daraus geht zugleich hervor, daß ,die
Zufage von einer Inftanz flammen muß, welche dem unperfönlichen
Denken und dem Ich verwandt ift, aber
gleichwohl über dem menfehlichen Geift und über der
Natur fleht. Diefe Inftanz kann aber nur der abfolute
Geift fein, und fo wird das urfprüngliche Poftulat des
abfoluten Geiftes durch die Zufage als Realität er-
wiefen und erhält zugleich feinem Inhalt nach eine nähere
Beftimmung' (S. 40).

Die durch die ,Zufage' erteilte Garantie ift aber eine
ganz formale, von den Unterfchieden der Syfteme völlig
abftehende. Sie könnte eben fo gut den mohammeda-
nifchen wie den chriftlichen oder buddhiftifchen Forderungen
zuteil werden. Gibt es nicht außer diefer formalen
Offenbarung auch noch eine materiale? Diefe