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Ausgabe:

1905 Nr. 16

Spalte:

457

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spahn, Martin

Titel/Untertitel:

Leo XIII., dargestellt 1905

Rezensent:

Bruckner, Albert

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457

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 16.

458

Spahn, Martin, Leo XIII., dargestellt. München, Kirchheim
1905. (III, 248 S.) gr. 8° M. 4—; geb. M. 5 —

Das neuefte Werk von Spahn über Leo XIII hat mir
trotz des Jubels, mit dem es von der katholiSchen Preffe
als ein Meifterwerk erSten Ranges begrüßt worden iSt,
oder vielleicht gerade deswegen eine ziemliche Enttäuschung
bereitet. Allerdings hat auch in dieSem Buche wie
in feiner Biographie des großen Kurfürften die hiftorifche
Arbeitsmethode des Verfaffers eine Reihe von Urteilen
gezeitigt, die ebenfoweit von konfeffioneller Enge entfernt
find, als man Sie fbnft aus dem Munde treuer Katholiken
nur feiten zu hören gewohnt ift. Spahn redet offen
von den politischen Intrigen und gewandten Parteikämpfen
im Konklave eines Pius' VIII und Gregors XVI
(p. 39. 49). Er kennzeichnet Scharf die Strebernatur des
jugendlichen Pecci, dem die Religion nur Mittel zum
Zweck und Phrafe war (p. 37ff), und verfchweigt auch
die mangelhafte Ausbildung und oberflächliche Denkart
desfelben als Delegaten und Bifchofs nicht (p. 56. 77.
123 fr. 176—181 und fonft). Spahn fleht ferner in der
Zerftörung des Kirchenstaates nicht bloß einen Akt freventlicher
Willkür, fondern die natürliche Folge der
äußerft unfähigen päpftlichen Verwaltung (p. 15 f. 65 fr.)
und erfpart auch feinem Helden den Vorwurf nicht
,Parzival Stand in der Gralsburg und fragte nicht' (p. 75).
Für den modernen Sozialftaat zeigt er mehrfach warme
Sympathie und bedauert lebhaft, daß es Pius IX an
einer gründlichen Kenntnis der deutfchen Geiftesbewegung
gefehlt habe (p. 97. 179—181 und fonft). Aber gerade
der Darstellung der verschiedenen Strömungen im modernen
Katholizismus, die So Sehr gerühmt wird, mangelt
meines Erachtens eine gewiffe Schärfe und Plaftik, und
ebenfo vermißt man auch fchmerzlich eine klare Zeichnung
der Gedankenentwicklung Leos XIII felbft, die wenigstens
einmal hätte übersichtlich zufammengefaßt werden müffen.
Wir hören wohl viele Namen und Schlagworte und erhalten
mehrfache gelungene Momentbilder, aber die einzelnen
Eindrucke werden nie zu einem anfchaulichen Ge-
famtbild erweitert und vertieft, und So verwifcht fleh das
Gelefene fehr bald wieder. Der Verfuch aber, Leo XIII zu
einem Christoph Columbus der Kirche zu erheben, der,
indem er ,das Ganze des Menfchheitswerdens' erfaßte
und ,den Weg zur Kultur über das Soziale Gebiet' fand,
feiner Zeit für Jahrhunderte voraus war und die Kirche
an den Kütten einer neuen Welt landete, ift gewiß recht
geistreich und mit viel Wärme und Begeisterung vorgetragen
. Ob er aber richtig ift, muß doch erft die Zukunft
beweifen, und die fchweren Mißerfolge Leos gerade ,auf
der Höhe feines Weltbegreifens' find nicht recht geeignet
, für diefe Prophezeiung allzuvielen Glauben zu
erwecken, um fo mehr als wohl vielen Lefern mit mir
der grandiofe Inhalt diefes ,Weltbegreifensl recht geheimnisvoll
geblieben fein dürfte. Und wenn ferner auch
Aufbau und Gliederung diefer Biographie gegenüber der
des großen Kurfürften einen bedeutenden Fortfehritt aufweifen
, fo hat dafür der Stil viel von feiner Einfachheit
und Frifche verloren und ift manieriert und gezwungen, ja
fogar mehrfach geradezu undeutfeh geworden und ermüdet
außerordentlich durch fein immerwährendes Pathos.
Dagegen find Druck und Ausstattung nur zu loben, und
über die letztere bloß zu bemerken, daß in diefem Band
die Illustration — mit Ausnahme einer wohlgelungenen
Kohlenzeichnung Leos XIII — völlig fehlt.

Bremgarten. A. Bruckner.

Knortz, Karl, Römische Taktik in den Vereinigten Staaten.

Berlin, C. A. Schwetfchke & Sohn 1904. (80 S.) gr. 8°

M. 1.50

Das fpannend und mit viel Sachkenntnis geschriebene
Heft des Freidenkers Karl Knortz entrollt uns in fcharfer
Beleuchtung ein tief trauriges Bild von der planmäßigen

Unterdrückung edlen, deutfch-katholifchen Lebens und
Denkens in der römifchen Kirche der vereinigten Staaten
und von den Mitteln, durch die diefelbe den freien
amerikanischen Staat zum Handlanger und Gehilfen
ihrer Herrfchergelüfte zu machen fucht. Bemühend ift
dabei vor allem der Eindruck, daß der Ultramontanismus
auch in der nordamerikanifchen Kirche im energifchen
Vorwärtsdringen begriffen ift, und daß ihm auch dort
viel zu wenig bewußter und nachdrücklicher Widerstand
geleistet wird.

Bremgarten. A. Bruckner.

Menegoz, Prof. E., Le fideisme et la notion de la foi. Re-

ponse ä M. le Pasteur Babut. (Extrait de la Revue
de theologie et des questions religieuses de Montau-
ban, no. du ier Janvier 1905.) Paris, Librairie Fischbacher
1905. (40 p.) gr. 8°

Diefe Auseinanderfetzung des auch unter uns wohl
bekannten und hoch gefchätzten Parifer Profeffors mit
Pfr. Babut, der ihm Semipelagianismus vorgeworfen hatte,
ift befonders als Beitrag zur genaueren Beltimmung und
Würdigung der in der ,Parifer Schule' vertretenen Richtung
[fideisme, symbolo-fideisme) intereffant. Diefe in der
Theol. Literaturzeitung öfters charakterisierte (1895, Num.
13. 17; 1900, Num. 18; 1901, Num. 23) Erneuerung des
evangelifchen Glaubensprinzips behauptet neben den
auch diesfeits der Vogefen unternommenen Verfuchen
ihre Selbständigkeit, berührt Sich indeffen auf manchen
Punkten mit der in den Kreifen der deutfchen Theologie
vertretenen, aus dem lebendigen Geifte des reformatori-
fchen Christentums geborenen Erkenntnis. Befonders
wertvoll find, neben den unermüdlichen Bestrebungen
des Verf.s zur Befeitigung der ihm entgegentretenden
Mißverftändniffe und Mißdeutungen, feine Erwägungen
über die Entstehung des evangelifchen Heilsglaubens
(S. 20fg.). Mit warmer Beredfamkcit fchildert M. die
geiftig befreiende und religiös vertiefende und erbauende
Wirkung, welche dem religiöfen Verständnis des Evangeliums
entflammt. Nicht minder wohltuend berührt die
Weitherzigkeit, mit welcher er die abweichenden Auf-
faffungen beurteilt; versteht er es doch, das religiöfe
Glaubensintereffe von den theologifchen Formulierungen
frei zu Stellen und das Wefentliche und Bleibende von
dem Relativen und Vergänglichen zu unterfcheiden. Durch
den höflichen und vornehmen Ton nicht minder ausgezeichnet
als die gegen feine Auffaffung gerichtete Polemik
Babuts, gestaltet fich diefe theologifche Abhandlung
zu einem perfönlichen Bekenntnis, das den Gegner
vielleicht nicht überzeugen, ihm jedenfalls aufrichtige
Hochachtung einflößen wird.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Saul, Pfr. Fr., Ist die Kindertaufe die Wiedergeburt? Dresden
, C. L. Ungelenk 1905. (III, 32 S.) gr. 8° M. — 40

Nach einer Darlegung der drei Hauptauffaffungen,
in welche fich die Vertreter einer konfervativ fein wollenden
Theologie in der Gegenwart teilen, beantwortet der
Verf. die in der Überfchrift aufgeworfene Frage dahin,
daß, weil die Kinder noch nicht glauben, eine fofortige
Gleichung von Taufe und Wiedergeburt unzuläffig fei.
Unfere Kindertaufe gibt noch nicht alles das, was die
Schrift denen zufpricht, die als gläubige Erwachfene
getauft werden, fie gibt aber die Bürgfchaft für ein neues
Leben. In der Taufe verfetzt Gott das Kind aus dem
Reich des Todes und der Gerichtsverhaftung in das Reich
des Lebens und der Erlöfung, das durch Chrifti Leben,
Leiden und Sterben gegründet ift. Diefen Eintritt des
Kindes in den Gnadenftand bei Gott können wir aber
nicht kurzweg Wiedergeburt nennen, weil das, was die
Schrift über Wiedergeborenfein ausfagt, immer im Zu-