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Ausgabe:

1905 Nr. 16

Spalte:

443-444

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlögl, P. Nivardus

Titel/Untertitel:

Libri Samuelis 1905

Rezensent:

Löhr, Max

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 16.

444

gionen. Das erfte Kapitel weift ,die Beftandteile der
Religion' auf: Religion, Gott, Seele, zukünftiges Leben,
Erlöfung, Natur und Gott, Menfch und Gott, Kultus,
Gebet, Opfer, Riten im engeren Sinne, Priefterftand — das
letzte, überfchrieben ,Prinzipien der Religionswiffenfchaft',
bietet folgende Paragraphen: Begriff der Religion, Wefen
und Urfprung der Religion, Charakter der Religion, Gefetze
der religiöfen Entwickelung, Allgemeingültige
Elemente der Religion, Wichtigkeit des religiöfen Problems
für die Gegenwart. Wer würde fich ernftlich getrauen
, Begriff, Wefen, Charakter, Entwickelungsgefetze,
Elemente der Religion fo auseinanderzuhalten? Es gelingt
auch dem Verf. nur unvollkommen. Und dazu fließen
ihm Kapitel 1 und 3 vielfach in einander. Die oben gerügten
planlofen Verweifungen nach vorn und hinten find
das Eingeftändnis hiervon. Kurz, diefem ,Abriß' mangelt
jede Sicherheit und Reinheit der Form. Die Form ift
aber bei einem ,Abriß' alles. Um der Form willen, der
klärenden, einführenden, geftaltenden Technik willen, begehrt
, kauft, lieft man ein folches Buch. Vor diefem
Abriß kann man den Laien und den Studenten nur
warnen, er wird als Ganzes nur dazu dienen, ihm ein
Mißtrauen einzuflößen oder zu ftärken wider das ganze
Gebiet, deffen Dunkel auch ein fo berufener Führer nicht
aufzuhellen vermag.

Ift alfo gar nichts Gutes an dem Büchlein? Ift der
Verf. in Wirklichkeit doch kein Berufener? Das eben
möchte ich nicht fagen, und eben darum habe ich fo
lange bei den Mängeln des Dargebotenen verweilt, weil ich
den Verf. bitten möchte, felber dies Büchlein zurückzuziehen
und dafür ein befferes zu fchreiben. Desgleichen
fei die Verlagshandlung gebeten, zu einem folchen Arrangement
entfchloffen die Hand zu bieten. Es fehlt dem
Verf. weder an Wiffen noch am Sinn für das Phänomen.
Sehr hübfch ift die Sammlung von Gebeten in § 10,
überhaupt find ihm die §§ IO—13 (Gebet, Gelübde und
Opfer, Riten, Priefterftand) am betten gelungen. Die Methode
, zuweilen längere Beifpiele zu geben, wenige, ftatt
vieler nur andeutenden, ift genau die richtige für eine
Sammlung Göfchen und müßte nur ruhiger durchgeführt,
das Räfonnement ihr zuliebe möglichft befchnitten werden
. Diefes drängt fich viel zu fehr vor, z. B. ganz
deplaciert in dem der Entwicklungsgefchichte gewidmeten
Kapitel mit einer leidenfchaftlichen Polemik gegen den
jfchamaniftifchen Wahn'. Aber in dem Räfonnement felber
fteckt fo viel Liebe zur Religion, fo viel Verlangen, ihre
Selbftändigkeit zu begreifen, zu verteidigen und plaufibel
zu machen, daß man den Gedanken nur eben eine fieg-
reichere, dem Zweck des Büchleins angemeffenere, prä-
zifere Geftaltung wünfcht. Ganze Seiten des letzten
Hauptabfchnitts würde ich in einem Feuilletonartikel gern
lefen. Sollten folche ,Vorarbeiten' hier und da dem
Büchlein zugrunde liegen und fich hieraus fein kraufer
Charakter erklären? Genug, fo geht es nicht, und der
Verfaffer möge es als einen Beweis aufrichtiger Hoch-
fchätzung anfehen, wenn ich ihm felber zugemutet habe,
uns an Stelle diefes allzu flüchtigen Vernichs einen vollkommenen
Abriß der vergleichenden Religionswiffenfchaft
zu fchreiben.

Marburg. Rade.

Schlögl, Prof. Dr. P. Nivard, O. Cist, Die Bücher Samuelis

oder Erftes und Zweites Buch der Könige, überfetzt
und erklärt. (Kurzgefaßter wiffenfchaftlicher Kommentar
zu den Heiligen Schriften des Alten Tefta-
ments. Auf Veranlaffung der Leo-Gefellfchaft herausgegeben
von B. Schäfer. Abtheilung I, Band 3,
I. Hälfte.) Wien, Mayer & Co. 1904. (XXI, 159 S.)
gr. 8° M. 8.40

Schloegl, Prof. D. P. Nivardus, O. Cist., Libri Samuelis.
(Libri Veteris Testamenti. Ope artis criticae et

metricae quantum fieri potuit in formam originalem
redacti.) Vindobonae, Mayer et Socii MDCCCCV.
(X, CXXXV et 66 p.) Lex. 8° M. 10.60

Schlögl hat feinem Kommentar in weniger als Jahres-
frift eine Textausgabe der Samuelis-Bücher folgen laffen.
Kommentar und Textausgabe ergänzen fich nicht nur
infofern, als die textkritifchen Probleme in der letzteren
ausführlich behandelt find — es ift beifpielsweife jede
Abweichung des Lucianus notiert und auf ihren kritifchen
Wert geprüft —, es ift auch mancherlei Sachliches, was
im Kommentar verfehen oder überfehen war, hier korrigiert
bezw. nachgeholt, fodaß eine gemeinfame Be-
fprechung beider Bücher berechtigt erfcheint.

Verf. hat fich an der Erforfchung der altteftament-
lichen Metrik wiederholt beteiligt — ich erinnere nur an
feine beachtenswerte Befprechung der Sieversfchen Arbeit
im Literarifchen Centrai-Blatt 1902, S. 1 ff. —; demgemäß
war eine eingehende metrifche Erörterung auch bei den
poetifchen Stücken des Samuel-Textes zu erwarten.
Seine diesbezüglichen Ausführungen zum fog. Hanna-
liede, denenzufolge das Lied in Doppeldreiern verläuft
und v. 10 b überfchüffig und als fpäterer Zufatz anzufehen
ift — über die Motivierung diefes Zufatzes kann man ja
verfchiedener Meinung fein — verdient m. E. allfeitige
Zuftimmung. Zuftatten kommt dem Metriker bei diefem
Liede der leidlich gut erhaltene Text. Einen weit
fchwierigeren Stand bietet natürlich ein Text wie das
Klagelied Davids auf Saul und Jonathan. Verf. ift den
Schwierigkeiten auf jeden Fall mutig entgegengetreten
und hat verfucht, mit Hülfe der Metrik dem urfprüng-
lichen Text möglichft nahe zu kommen. Er findet in
diefem Liede größtenteils vollgültige Vierheber und eine
Reihe von Dreihebern, ,die eigentlich katalektifche Vierheber
find'. So kommt ein ,fchön fymmetrifch gebautes
Lied' heraus. Es ift nicht zu leugnen, fein Text ift ,fchön
fymmetrifch', und ich gebe gern zu, die meiften feiner
Textänderungen find durch irgend eine Verfion geftützt;
und doch fühle ich mich nicht überzeugt. Das gilt vor
allem von den letzten Verfen, v. 25—27, deren maffo-
retifcher Wortlaut textkritifch unanfechtbar ift. Hier wird
man wohl allgemein lieber an den Text als an des Verf.s
Metrik glauben.

Aus der Einleitung zum Kommentar fei der Ab-
fchnitt 3: Text der Samuelbücher und Hülfsmittel,
ihn herzuftellen, befonders hervorgehoben. Verf.
macht mit Recht auf die zahlreichen, durch Buchftaben-
verwechslung herbeigeführten Textfehler aufmerkfam und
gibt hierfür eine umfangreiche Lifte von Belegen, die
jedem Fachgenoffen eine willkommene Vermehrung der
eigenen Sammlung fein wird. Des Verf.s Beurteilung
des Lucianus ift zweifellos nach dem Zufammenhang
S. XIXf. nur auf den Samuelis-Text zu beziehen und in
diefer Befchränkung gewiß der allgemeinen Zuftimmung
ficher.

Die Einrichtung des Schäferfchen Kommentar-Werkes
ließ dem Verf. einen verhältnismäßig geringen Raum für
exegetifche Bemerkungen. Er hat denfelben gut auszunutzen
verftanden. So ift die Wanderung Sauls, a 9 u. IO
geographifch genau behandelt; Namenerklärungen find
zahlreich eingefügt. Zu ß S,6ff. ift auf die Topographie
Jerufalems, unter Benutzung der einfchlägigen Literatur,
eingegangen. Ich kann mich nicht mit jeder exegetifchen
Entscheidung Schlögls einverftanden erklären. Vor allem
nehme ich Anftoß daran, daß er zu ß 12,31 dem mildernden
Vulgata-Text gegenüber dem mafforetifchen den
Vorzug gibt. Hierin hat er allerdings verfchiedene
Stimmen aus ,dem proteftantifchen Lager' auf feiner Seite.
Im übrigen wollen meine Widerfprüche, oben und hier,
den Fleiß und die Sorgfältigkeit feiner Arbeit in keiner
Weife fchmälern.

Breslau. Max Lohr.