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Ausgabe:

1905 Nr. 1

Spalte:

22-24

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Graue, Dietrich Georg

Titel/Untertitel:

Selbstbewusstein und Willensfreiheit, die Grundvoraussetzungen der christlichen Lebensanschauung, mit besonderer Berücksichtigung ihrer modernen Bestreitung geprüft und dargestellt 1905

Rezensent:

Wendland, Johannes

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 1.

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wiffenfchaft in der Regel auf den Kant-Lotzefchen Gedanken
, daß, felbft wenn die mechaniftifch-kaufale Betrachtung
fich durchführen laffe, eine teleologifche Auf-
faffung der Natur durchaus offen bleibe. Und auch die
Abwehr der naturaliftifchen Deutung des geiftigen Lebens
befchränkte fich nicht feiten auf die fcharfe Betonung von
zwei Punkten: einmal daß doch bei aller naturwiffenfchaft -
lichen Erkenntnis des pfychifchen Lebens der erkennende
Geift felbft das Gewiffefte fei und von ihm und feiner
Art die ganze mathematifch-mechanifche Plrklärung felbft
abhänge, fodann daß uns im praktifchen, befonders religiöfen
Erleben die Lebendigkeit, Freiheit und Würde
des Geiftes unmittelbar und unwiderlegbar feftftehe. Für
diefe Konzentration der Apologetik ift z. B. Herrmann
typifch. Otto begnügt fich nun nicht damit, dem Naturalismus
das Feld zu überlaffen und der chriftlichen An-

des Gewinns, der davon zu erhoffen ift, überfchreitet
Otto durchaus nicht das richtige Maß. Er erhofft von
dem Eingehen auf die naturwiffenfchaftlichen Verhandlungen
nur erftens eine Verftärkung des Eindrucks, daß
auch wir noch vor einem großen Geheimnis ftehen,
zweitens eine gewiffe Unterftützung der Teleologie des
religiöfen Glaubens. Aber ausdrücklich hebt er bei dem
zweiten Punkt hervor, daß der wiederauflebende Gedanke
von Zielftrebigkeit und causac finales in der Natur noch
nicht frommer Glaube an ein einheitliches Zweck- und
Vorfehungswalten Gottes, fondern zunächft noch gar
nicht religiös gemeint fei. Er ift nur überzeugt, daß diefe
Wendung in der Naturwiffenfchaft dem frommen Glauben
wenigftens entgegenkomme. Und das ift gewiß richtig;
denn der chriftliche Glaube bringt, fowie man ihn in klare
Vorftellungen faffen will, die Anfchauung von göttlichen

fchauung nur das Recht des Kondominiums zu wahren; Zweckgedanken, alfo eine Form von Ideenlehre mit fleh,
fondern er möchte den Naturalismus fchon bei feinem Auch beim erften Punkt betont Otto mit Nachdruck, daß
ganzen Okkupationsverfuch mit wiffenfehaftlichen Gründen die Anerkennung des Geheimniffes noch nicht den höheren
a limine abweifen. — Rückt man diefes Unternehmen j teleologifchen, befonders chriftlichen Glauben trage, daß
Ottos in einen noch umfaffenderen gefchichtlichen Zu- j fle aber den ,Unterftrom im religiöfen Empfinden', die
fammenhang, fo könnte man fragen, ob das Ablenken untere Stufe in dem ,Schichtgebilde' der höheren, auch
von dem Ritfchlfchen Weg nicht ein Zurückbiegen ! der chriftlichen Frömmigkeit abgebe. Das Verhältnis
der Apologetik zu ihren früheren Bahnen fei. Hatten diefer Unterftrömung zum ,Glauben' fcheint mir zwar mit
doch z. B. Luthardts apologetifche Vorträge in weitem dem Satze (S. 174), daß durch jene ,der Glaube erft
Umfang eine Widerlegung der modern-wiffenfehaftlichen „fromm" im eigentümlichen Sinne ift', nicht glücklich beMethoden
und Refultate und eine Verteidigung der Pofi- ftimmt zu fein; aber Vorausfetzung der Frömmigkeit ift
tionen der chriftlichen, refp. theologifchen Weltbetrach- j zweifellos der Sinn für die geheimnisvolle Tiefe, die
tung (z. B. in Beziehung auf das Wunder) verfucht. ! auch die Natur noch in fleh birgt. Und fo ift denn in
Ebenfo verfährt heute noch die katholifche Apologetik, der Tat innerhalb der Grenzen, die Otto felbft mit Klar-
z. B. in dem Werke von Schanz.— Aber, genau zugefehen, heit zieht, die Aufmerkfamkeit auf die Wendungen in
lenkt Otto doch nicht einfach auf die alten Bahnen zu- : der Naturwiffenfchaft für uns gewinnbringend, und wir
ruck. Denn einmal verzichtet er zum voraus völlig dar- find dem Verf. für feine klaren Berichte darüber Dank
auf, irgend einen direkten Beweis für die fromme, ge- j fchuldig. Wir haben derzeit keinen andern, der mit der

nauer chriftliche Weltanfchauung aus der wiffenfehaftlichen
Arbeit zu entnehmen: hängt ihm doch jene ganz
wefentlich an der Anerkennung des Wertes, den das
geiftig-flttliche Leben hat. Sodann zieht er fleh von allen
theologifchen Geftaltungen der frommen Weltanficht auf

gründlichften theologifchen Bildung eine fo eingehende
Kenntnis der neueren wiffenfehaftlichen
Unterfuchungen über die organifche
Natur verbände. — Erwünfcht ift das alphabetifche Re-
gifter am Schluß; ein ausgeführtes Inhaltsverzeichnis

diefe felbft zurück. Endlich aber und vor allem ift Otto dürfte trotz der Überfchriften am Rand und über den
felbft aufs eifrigfte befliffen, auch feinerfeits zu allererft Seiten auch in einer Schrift für weitere Kreife nicht
jenes Lotzefche ,Selbft wenn', alfo die grundfätzliche fehlen.

Halle a. S. Max Reife hie.

Verfchiedenheit und darum auch Vereinbarkeit von
kaufal-mechaniftifcher und teleologifcher Weltauffaffung
erkenntnistheoretifch zu fichern; dann erft läßt er fich
auf die weiteren wiffenfehaftlichen Einzelunterfuchungen Graue' D' GeorS' Selbstbewusstse.n und Willensfreiheit, die
ein. Wenn alfo der Verdacht, daß er bloß auf frühere Grundvorausfetzungen der chriftlichen Lebensanfchau-
Verfahrungsweife zurückgreife, fich auflöft, fo fchwindet ung, mit befonderer Berückfichtigung ihrer modernen
in demfelben Maße der Abftand von der unter Ritfchls | Beftreitung geprüft und dargeftellt. Berlin C A
Einfluß zu Stande gekommenen Konzentration der Apolo- j Schwetfchke & Sohn 1004. fXX, 189 S.) gr. 8"
getik. Denn Otto einerfeits fleht felbft es als notwendig I
an, zuerft in grundfätzlicher, philofophifcher Betrachtung
den entfeheidenden Punkt klarzuftellen; und das ift auch
nötig, wenn nicht die ganze Apologetik in Einzelgefechte
von ftets wechselndem Bild, die nicht feiten nur Rückzugsgefechte
find, zerfplittert werden foll. Und anderer-
feits hat auch jene konzentrierte Apologetik die Frage
keineswegs abgefchnitten, ob jener irreale Bedingungs-
fatz mit dem ,Selbft wenn' bedeutende oder geringe
Chancen der Verwirklichung habe. Als Beifpiel darf ich

M. 3.20

Ritfehl fuchte die Selbftändigkeit der Theologie dadurch
zu wahren, daß er fcharfe Grenzlinien zwifchen
Theologie und Philofophie zog. Die Philofophie wurde von
der Mitarbeit an der religiöfen Frage ausgefchloffen. Neuerdings
mehren fleh in erfreulicher Weife die Stimmen
derer, welche einfehen, wie tief die philofophifchen
Probleme in die Theologie hineinreichen. Die Theologie
bedarf einer philofophifchen Fundamentierung, darum
wohl meine Unterfuchung über .Chriftentum und Ent- j kann die energifche Mitarbeit an den philofophifchen Fragen
wicklungsgedanke''(Leipzig-Tübingen 1898) anführen, in 1 der Theologie nicht erfpart bleiben. Auch Georg Graue

der ich direkt forderte, daß die Apologetik im Bund mit
verwandten Beftrebungen der Philofophie den Kampf
gegen die Methode und vermeintlichen Refultate der
naturaliftifchen Erklärung des geiftigen Lebens aufzunehmen
habe. Auf dem Gebiet der Natur forderte ich
nur unter Hinweis auf neu erwachfene Bedenken, daß die

ift der Meinung, daß jedem Zeitalter die Aufgabe zukomme
, ,das Welterkennen und die chriftliche Lebens-
anfehauung miteinander zu verknüpfen, möglichft har-
monifch zu einer einheitlichen Weltanfchauung zu verbinden
' (S. XIII) und unberechtigte Einwendungen des
Welterkennens gegen notwendige Beftandteile der chrift-

weitere Diskufflon über die Zulänglichkeit der mathe- I liehen Lebensanfchauung mit philofophifchen Gründen
matifch-mechanifchen Naturerklärung der Naturwiffen- abzuweifen. Diefe Aufgabe bleibe felbft dann beliehen,
fchaft anheimgeftellt werde. Otto tut nun den weiteren wenn das Ziel niemals abfchließend zu erreichen fei.
Schritt und berichtet genau über diefe bisherige Dis- G. unternimmt es nun, zwei Grundvorausfetzungen der
kufflon der Naturwiffenfchaft. — Auch in der Abfchätzung chriftlichen Weltanfchauung gegenüber modernen Ein-