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Ausgabe:

1905 Nr. 15

Spalte:

431-433

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kalkoff, Paul

Titel/Untertitel:

Die Anfänge der Gegenreformation in den Niederlanden. Zwei Teile 1905

Rezensent:

Cohrs, Ferdinand

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 15.

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darf — für die Ausbildung der Geiftlichen. — Ein Ge-
genftück zu diefem Artikel bildet, wenn er naturgemäß
auch zeitlich fpäter liegt — er behandelt etwa die Wende
des 18. und 19. Jahrhunderts — Naumanns Beitrag zur
Entwickelung des Volksfchulwefens (S. 169ff.), den er aus
den bezüglichen Akten der Ephorie Eckartsberga trefflich
illuftriert. Er zeichnet fich durch forgfam abwägendes
Urteil aus und tritt, ohne die großen Mängel jener Zeit
zu verkennen, doch den oft tendenziös gefärbten Dar-
ffellungen auf diefem Gebiet entgegen, die mit düfterften
Farben fchildern, um ,auf dunklem Hintergrunde des
alten Lehrers fich in um fo leuchtenderem Gewände den
modernen Seminariften abheben zu laffen' (S. 174). —
Ins Mittelalter zurück führt Liebes Auffatz über die Herbergspflicht
der Klöner mit befonderer Beziehung auf die
Landschaften der Provinz Sachfen (S. 192fr.), der aus
dem verfchiedenartigften Quellenmaterial ein lebensvolles
Bild zu konftruieren weiß. Sein Hauptergebnis ift das
negative, daß die Klöfter die ehemals in anerkennens-
wertefter Weife geübte Pflicht der Gaflfreundfchaft mehr
und mehr an die bürgerlichen und ftaatlichen Inftanzen
verlieren und auch auf diefem Gebiet am Ende des Mittelalters
zeigen, daß fie ihre Rolle ausgefpielt haben. —
Hinfichtlich des Artikels von Größler: ,Die Zeugen und
Beweife für die Entftehung des Lutherliedes: Ein fefte
Burg . .' (S. 129fr.), der auch als Sonderdruck erfchienen
ift, kann ich mich auf die in diefer Zeitung (Nr. 8 Sp. 239t.)
fchon gelieferte muftergültige Anzeige beziehen; eine
eingehende Behandlung würde dagegen Nebelflecks' Re-
formationsgefchichte der Stadt Mühlhaufen i. Th.' erfordern
, die in zwei Folgen (S. 61 ff. und 208 ff.) bisher vorliegt
. Da indeffen der Reff der wertvollen Abhandlung
noch ausfteht, fo fei es mit diefem Hinweis für diefesmal
genug, zumal infolge des vielfeitigen zu erwähnenden
Materials der Raum fchon übermäßig in Anfpruch genommen
ift; wir werden gelegentlich des nächften Referats
über die ,Zeitfchrift' auf den Artikel zurückkommen. —
An kleineren Stücken enthält der vorliegende Jahrgang
Mitteilungen des unabläffigen Forfchers und überall in-
tereffante Data entdeckenden Jacobs über Herders Beziehungen
zu dem Haufe Stolberg-Wernigerode (S. 116 ff.),
ferner einen dritten Beitrag von Liebe: einen ,Brief des
Kurfürften Joachim II. vom 26. Mai 1562 betr. die Heirat
des erften Magdeburger Domherrn', will heißen: die erfte
Heirat eines der Magdeburger Domherrn (S. 122 ff.), und
endlich, von dem um die ,Zeitfchrift' fehr verdienten Radlach
mitgeteilt, das zeitgenöffifche — äußerft anerkennend,
ja direkt überfchwänglich lautende — Urteil des Superintendenten
Sam. Müller in Sangerhaufen über Guftav
Adolf von Schweden (S. 257 fr.). —

Erichsburgb. Markoldendorf (Hann.).Ferdinand C o h r s.

Kalkoff, Paul, Die Anfänge der Gegenreformation in den Niederlanden
. Zwei Teile. (Schriften des Vereins für
Reformationsgefchichte Nr. 79 u. 81. 21. Jahrg. 2. u. 4.
Stück.) Halle, R. Haupt in Komm. 1903.4. (VII, 112
u. VII, 119 S.) gr. 8° Je M. 1.20

Nicht Gleichgültigkeit gegen das fchöne Buch, das
ich vielmehr fchon wiederholt auch gerade zum Zweck
der Befprechung in die Hand genommen habe, ift es
gewefen, das mich feine Anzeige fo hat verzögern laffen,
vielmehr nur der Umftand, daß immer vor der Hand
unauffchiebbare Pflichten fich dazwifchendrängten. Ich
bitte deshalb die verfpätete Anzeige zu entfchuldigen.

Das Buch ift die zufammenfaffende Darfteilung der
Ergebniffe langjähriger Studien und Forfchungen, die der
Herr Verfaffer der in unterem Buch behandelten Zeit
und Materie gewidmet und an den verfchiedenften Stellen
niedergelegt hat. In den Schriften des Vereins für Reformationsgefchichte
find fchon im Jahre 1886, von ihm
überfetzt und erläutert, die Depefchen des Nuntius Ale-

ander vom Wormfer Reichstage erfchienen, die dann
1897 eine 2. völlig umgearbeitete und ergänzte Auflage
(Halle, Niemeyer) erlebt haben; 1898 hat Kalkoff fodann
in den Schriften des Vereins für Reformationsgefchichte
eine zweite Sammlung von Depefchen und Berichten
anderer über Luther vom Wormfer Reichstage erfcheinen
laffen. Beide Publikationen enthalten zahlreiches in vorliegender
Monographie verwertetes Material. Namentlich
aber find in letzter und allerletzter Zeit, vor allem in
der Zeitfchrift für Kirchengefchichte und in dem neu
gegründeten Archiv für Reformationsgefchichte mehrere
die hier im Zufammenhange vertretenen Anflehten begründende
Abhandlungen und Unterfuchungen erfchienen.

So hat Kalkoff nach den verfchiedenften Seiten hin
die bis dahin vielfach dunkele, mindeftens verfchwommene
Epifode der niederländifchen Reformationsgefchichte erhellt
, die deshalb von befonderer Wichtigkeit ift, weil
hier zuerft, gleichfam wie eine Weisfagung in die Zukunft,
eine energifche Gegenreformation in Szene gefetzt wird
und — wenigftens für die füdlichen Gebiete — ihr Ziel
nur zu gut erreicht.

Um auf einige Einzelheiten hinzuweifen, fo hat Kalkoff
das bisher vermeintlich verlorene erfte Mandat Karls
V. gegen die lutberifche Bewegung vom 28. Sept. 1520
als vorhanden nachgewiefen, indem er es als mit dem
unter dem 20. bzw. 22. März 1521 ausgefertigten identifch
aufgezeigt hat (vgl. auch Archiv für Ref.-Gefchichte I
S. 279fr.): 1. Teil, S. iioff. gibt er von dem fo rekon-
ftruierten Plakat eine Überfetzung. Ferner hat er, wie er
vor allem das Zufammentreffen Links und Dürers in
Antwerpen zuerft erkannt hat (Repertorium für Kunft-
wiffenfehaft XX [1897] S. 443ff), fo auch überhaupt den
derzeitigen Bekanntenkreis des letzteren als Maßftab für
den damaligen Stand der lutherifchen Bewegung in den
Niederlanden nutzbar zu machen gewußt und ftützt diefe
Ergebniffe gerade in unterer Publikation aufs neue (Teil
1, S. 41 ff.). Auch dafür, daß die Hinrichtung der erften
evangelifchen Märtyrer, des Heinr. Vos aus Herzogen-
bufch (vgl. über ihn fchon früher Zeitfchr. für Kirchen-
gefch. XXIV [1903] S. 4i6ff.) und des Joh. van Efchen
ohne Widerruf und unter (tandhaftem Fefthalten der
beiden an ihrem evangelifchen Glauben verlaufen ift, was
kürzlich auch Clemen (Beiträge zur Reformationsgefchichte
I S. 4off. vgl. III S. 104f.) überzeugend nachgewiefen hat,
bringt Kalkoff neue Stützen.

Wichtiger, als diefes alles, aber find die eingehenden
Nachrichten über die Stellung Erasmus' und Aleanders
in den Bewegungen jener Tage. Erfteren lernen wir als
den vornehmften Träger ,einer auf energifche Bekämpfung
der Verdammungsbulle und Verhinderung ihres Vollzuges
gerichteten Agitation' in den Niederlanden kennen
und begreifen, daß Aleander feine Hauptaufgabe darin
fleht, ,den großen Publiziften an der Kurie wie am Kaifer-
hofe unfehädlich zu machen und aus feiner Heimat zu
verdrängen' (vgl. Archiv f. Ref.-Gefch. I S. 74fr.). Wir
dürfen folgern, daß Erasmus, wenn ihm hier nicht gleich
am Anfange der reformatorifchen Bewegung die Gefährlichkeit
der Sache fo nachdrücklich vor Augen geführt
worden wäre, am Ende doch wohl noch weiterhin der
Reformation in anderer Weife feine Kräfte geliehen und
in mancher Hinficht eine andere Entwickelung genommen
hätte, als er fie nun genommen hat. Daß er für den
Reff feines Lebens eine gebrochene Stellung einnimmt,
teils verlangend, noch an der fortfehreitenden Bewegung
der Geifter fördernd fich zu beteiligen, und doch zugleich
beftrebt, jede Gefahr bringende Teilnahme abzufchwören,
das ift auch mit einRefultat des heißen Mühens Aleanders.

Und fo hat Aleanders der römifchen Kirche förderlicher
Einfluß in diefem Punkte vielleicht doch noch
weiter gereicht, als Kalkoff ftatuiert; er hat indirekt auch
den Gang der Reformation in Deutfchland beeinflußt.
Freilich gefährlicher wäre er geworden, wenn er, wie
Kalkoff zum Schluß andeutet, auch direkt damals auf die