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Ausgabe:

1905 Nr. 1

Spalte:

410

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mayer, E. W.

Titel/Untertitel:

Christentum und Kultur. Ein Beitrag zur christlichen Ethik 1905

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 14.

und Große, der unter dem theoretifchen Spezialiftentum
verkrüppelt ift, Gott wieder zu finden weiß, nicht nur an
Geftalten der Gefchichte, womit (ich untere Armut begnügen
muß, fondern auch an uns. Das ift beffer als
über die Gottesidee {breiten. 3. Glauben undWiffen.
Ift das Wiffen Sache des mittelbaren Kennenlernens, fo
ift Glauben das unmittelbare Innewerden. Kein Unterricht
über Gott führt zum Verftändnis und zur Gewißheit
, nur das unmittelbare Erleben und Erfahren, wie
überhaupt in der unmittelbaren Empfindung die Sicherheit
und das Organ für die Werte des Lebens liegt.
Haben wir uns um die Gabe der Unmittelbarkeit gebracht
, fo müffen wir wieder aus dem komplizierten
Wefen heraus das intuitive Vermögen, Gott zu gewinnen,
fuchen, indem wir fülle auf feine Offenbarung laufchen.
4. Glaube und Moral. Der Glaube als das Aufflammen
der Seele unter der Berührung Gottes und als die Lebensbewegung
, die das Dafein des Menfchen begründet, hebt
über die fittliche Mifere in ein höheres Sein hinaus und
hilft das wahrhaftige fittliche Ideal, nämlich die prak-
tifche Löfung des Problems Menfch und feine verborgene
Wahrheit verwirklichen. S.Liebe. Weder die Komödie
der Liebenswürdigkeit noch die Tyrannei der egoiftifchen
Liebe verdienen Liebe zu heißen, fondern nur die unmittelbare
Empfindung eines echten Intereffes an der
Seele des Andern. Da fleh diefe nicht kommandieren
läßt, gewinnt man fie nur fo, daß man in die heilige
Liebeswelt Gottes, die uns Jefus erfchloffen hat, eintaucht
, und dann fein Himmelsglück als mächtige und
unbedingte Liebeserweifung überquellen läßt. 6. Wer
war Jefus? Statt auf Begriffe von ihm foll man auf eine
lebendige Erfahrung von feiner gefchichtlichen Perfon
ausgehen. Dann findet man in ihm eine ftarke Eigenart,
die feine ganze Perfon durchglüht, eine Herrfchaft feines
Selbft über ihn, die eine Sphäre von Reinheit und Zuverficht
um ihn verbreitet, — und darin die Wahrheit
des Menfchen in feiner Gemeinfchaft mit Gott. An Jefus
kommt man zum Erlebnis des Vaters und zum Bewußtfein
des eigenen Selbft famt den verborgenen Tiefen des
Lebens. Das ift aber M.s Auffaffung, die fich niemand
anzueignen hat, höchftens um feine eigene daran zu gewinnen
. 7. Wie finden wir uns felbft? Zwifchen den
beiden Abwegen, der Originalitätshafcherei und dem
Kultus der Schlagwörter, gilt es wahr, feft und frei feinen
Weo- zu fuchen. Jefus, das Neuland perfönlichen Lebens,
hilft uns allen Schein und alle falfche Rückficht abzulegen
, um in der Wahrheit Leben und Glück zu finden
und damit uns felbft. Statt in der Arbeit und in gemeinnützigem
Wirken unterzugehen, follen wir aus der Gemeinfchaft
Gottes heraus in echter Hingebung an der
Umwandlung der Menfchheit fchaffen. —

Man hat diefe Gedankenwelt nur fehr ungenügend
charakterifiert, wenn man auf die in ihr vollzogene Verbindung
einer anti-intellektualiftifchen, chriftozentrifchen
Theologie mit hochmodernen Motiven hinweift, die im
Sinne Nietzfches auf den Gewinn eines ftarken eigen-
perfönlichen Lebens im Gegenfatz zur Naturgebunden- j
heit und zur fchwächlichen Allerweltsmoral hindrängen.
Der Hauptwert der Arbeit Müllers liegt in dem Mut zur
Unmittelbarkeit, den er einem zerdachten Geift wieder
erwecken kann, in dem feinen pfychologifchen Realismus,
mit dem er in die wirkliche Menfchenfeele hineinleuchtet,
und in der Frifche, mit der er auf die rückhaltslofe Her-
ausgeftaltung einer wahren und ftarken Eigenart hinarbeitet
. Unter den vielen ethifchen Idealen, die an dem
Baum .Chriftus' fchon erblüht find, ift das Müllerfche ohne
Zweifel das für viele Gegenwartsmenfchen zutreffendfte;
nur möge Müller darauf achten, uns auch im einzelnen
Jefus als Vorbild und Quellpunkt perfönlichen Lebens
fehen zu laffen, ftatt nur davon zu zeugen. — Ref. gehört
zu den vielen Theologen, die M. aufs ftärkfte beeinflußt
Und denen er viel geholfen hat.

Heidelberg. Niebergall.

Mayer, Prof. D. Dr. E. W., Christentum und Kultur. Ein

Beitrag zur chriftlichen Ethik. Berlin, Trowitzfch &
Sohn 1905. (VII, 63 S.) gr. 8° M. 1.40

Es find drei Vorlefungen, die der Verf. im Oktober
1904 auf dem durch den Zentral -Ausfchuß für Innere
Miffion veranHalteten apologetifchen Inftruktionskurfus
zu Berlin gehalten hat. Ihre Drucklegung ift deshalb
dankenswert, weil der Verf. in ihnen in ausgezeichnet
klarer Weife ein Problem behandelt, deffen Schwierigkeit
gerade neuerdings wieder, befonders infolge der
geiftvollen, aber anfechtbaren Ausführungen Fr. Naumanns
in feinen .Briefen über Religion', vielen zu deutlichem
Bewußtfein gekommen ift. Ift eine konfequente und ge-
wiffenhafte Beobachtung echter, d.h. mit dem Evangelium
Jefu felbft in Einklang flehender chriftlicher Ethik mit
rechter Würdigung der Kultur und Mitarbeit an ihr vereinbar
? Oder brauchen wir neben dem Grundprinzip der
chriftlichen Moral noch andere Normen des Tuns und
Laffens, um an der Kultur erfprießlich mitwirken zu
können?

Der Verf. tritt mit Entfchiedenheit dafür ein, daß
das chriftliche Moralprinzip der Liebe, richtig aufgefaßt,
zu einer pofitiven Würdigung der Kulturarbeit und Beteiligung
an ihr führt. Die Kulturarbeit entfpreche infofern
dem chriftlichen Liebesgebot, als auch fie etwas
zum Beften der Menfchheit beitrage. Freilich ziele fie
nur ab auf die Erhaltung und Entwicklung des leiblich-
geiftigen Lebens der Menfchen und nicht direkt auf den
eigentlichen Endzweck der chriftlichen Liebe, d. i. auf
die Entfaltung der religiös-fittlichen Anlagen des Menfchen
. Aber weil das leiblich-geiftige Leben innerhalb
diefer Welt die unentbehrliche Naturgrundlage für den
Beftand und die Entwicklung des religiös-fittlichen Lebens
fei, fo könne die chriftliche Liebe auch das Ganze der
Kulturarbeit mit umfaffen. Die chriftliche Liebe ftelle
auch nicht Forderungen mit Bezug auf diefe Kulturarbeit
auf, die dem inneren Wefen derfelben widerftreben. Sie
fordere vielmehr gemäß jenem erkannten Werte der
I Kultur einen folchen Betrieb der Kulturarbeit, durch
welchen diefe wirklich den natürlichen Lebensbedürf-
niffen, die durch fie befriedigt werden follen, recht ent-
fprechend werde. Aus der chriftlichen Liebe folge die
allgemeine Regel einer felbftvergeffenen Sachlichkeit und
Hingabe an das Objekt, welche das Geheimnis des Erfolges
bei jeder Kulturarbeit fei. Sie ftelle aber nicht
befondere Regeln für die verfchiedenen Zweige der Kulturtätigkeit
auf, fondern fordere die Beobachtung der
für diefe verfchiedenen Zweige geltenden natürlichen und
technifchen Regeln, welche den Verhältniffen gemäß
wechfeln müffen. Es war gut, daß Jefus nicht eine .Kulturethik
' entwickelt, fondern nur das allgemeine Prinzip
einer für alle Zeiten gültigen reinen Gefinnungsethik auf-
geftellt hat.

Dies find die Hauptgedanken. Sie werden eingeleitet
durch eine hiftorifche Darftellung der verfchiedenen
[ Auffaffungen vom Verhältniffe des Chriftentums zur
Kultur im römifchen Katholizismus, im alten Luthertum
und im Pietismus. — Ich möchte die intereffante kleine
Schrift warm empfohlen haben.

Jena- H. H. Wendt.

Esser, Dr. B. J., Zending en Polygamie. De gedragslijn
der christelijke Zending ten opzichte der veelwijverij
historisch toegelicht. Baarn, Hollandia-Drukkerij 1905.
(III, 191 s.) gr. 8°

Die Behandlung der Polygamie ift in der Praxis aller
Miffionsgefellfchaften eines der fchwierigften Probleme.
I Ein niederländifcher Theologe hat feine Doktordiffer-
: tation an der freien reformierten Univerfität zu Amfter-
dam einer hiftorifchen Unterfuchung diefes Gegenftandes
| gewidmet. Er verfucht keine eigene exegetifche Behand-