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Ausgabe:

1905 Nr. 13

Spalte:

386-388

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Fischer, Max

Titel/Untertitel:

Die christliche Lehre nach dem gegenwärtigen Stande der theologischen Wissenschaft und ihre Vermittlung an die Gemeinde 1905

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 13.

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götzlich ift feine Schilderung von der dreihundertjährigen
Totenfeier Luthers in der Aula der Univerfität Leipzig
und der wenig rühmlichen Rolle, welche die theologifche
Fakultät dabei gefpielt hat S. 243; mehrfach
kritifiert er auch fehr ftark die in der fächfifchen
Kirche allmählich zur Herrfchaft kommende reaktionäre
Strömung vgl. S. 363. 381 ff. 543 fr. u. a. Bedeutungsvoll
ift feine Beurteilung der politifchen Stellung Sachfens,
von dem er offenen und ehrlichen Anfchluß an Preußen
fordert, ,denn nur dadurch daß Deutfchland-Preußen
und Preußen-Deutfchland wird die deutfche Einheit zu
Stande kommen'. Den von Bismarck eingefchlagenen
Weg fieht er zunächft als einen verderblichen an, der
ganz Deutfchland ins Unglück flürzen wird (6. Mai 1866),
aber fchon wenige Monate fpäter am 2. Aug. fchreibt
er in bezug auf feine Einquartierung: ,Wir befanden
uns in der eigentümlichen Lage, diefe ,Feinde' bei ihrem
Weiterzuge mit unfern beften Wünfchen zu begleiten,
hätten aber nicht gehofft, daß unfere Wünfche fo fchnell
und in fo überfchwenglichem Maße in Erfüllung gehen
würden'. Klar erkennt er, daß es für Deutfchland nur
eine Lofung geben kann .Öfterreich hinaus'. Jeder der
eine wirklich deutfche Gefinnung hat, ift längft zu der
Einficht gekommen, daß nur mit und durch Preußen ein
Deutfchland zu Stande kommen kann'.

Endlich fei noch kurz darauf hingewiefen, welche
Bedeutung diefe Briefe für die Charakteriftik von
Ed. Reuß felbft haben. Wie kennen Ed. Reuß als den
feinfinnigen Gelehrten mit ftark äfthetifchen Intereffen,
als den geiftreichen Gefellfchafter voll überfprudelnder
Laune, auch wohl als den Mann voll beißenden Spottes.
Diefe Briefe zeigen ihn von einer vielen unbekannten
Seite: als den Mann des Gemüts und aufrichtiger
Frömmigkeit, als den hilfsbereiten Freund und Berater,
ja in gewiffem Sinn auch als den Seelforger feiner
Studenten, der mit feinem ganzen Herzen feinem Beruf
fich hingab. Mit welchem Eifer hat er in Jena und
Gießen es verfucht, feinem Schüler die Wege in die
akademifche Laufbahn zu ebnen! Wie vermag er den
fchwer Getroffenen zu tröffen und dem mutlos
Gewordenen wieder neue Hoffnung zu erwecken und
feine Kraft zu ffählen! Welche Tiefe des Schmerzes
offenbaren uns feine Briefe bei Gelegenheit des Todes
feiner Freunde und welch ein Jubel andererfeits klingt
uns entgegen, daß aus dem Schüler ihm der geliebte
Freund geworden, dem er die verborgenften Tiefen
feines Herzens erfchließt! Wir find gewiß, daß auch die,
die F.d. Reuß zu kennen meinten, fein Bild hier in
einer neuen Beleuchtung fehen.

Die beiden Herausgeber haben fich die Arbeit fo
geteilt, daß Budde die Verantwortung für den Text der
Briefe übernahm, Holtzmann aber einen knappen Abriß
des Lebens von Ed. Reuß gab, während er bei
Graf wefentlich auf die Aufzeichnungen feiner Tochter
zurückgeht. Ebenfo fchrieb Holtzmann die für das
Verffändnis der Briefe nötigen Erläuterungen: nur ein
genauer Kenner des Elfaffers, der fo zahlreiche Beziehungen
hatte, war in der Lage, diefe Anmerkungen zu
fchreiben, in denen eine nicht geringe Summe felbft-
verleugnender Arbeit fteckt. Beide Herausgeber
verdienen unfern lebhafteften Dank. Nicht am wenig-
ften freilich auch der Verleger, der in bezug auf Druck
und äußere Ausffattung eine Mufterleiftung zuftande
gebracht hat. Auch die trefflichen dem Buch beigegebenen
Bilder von Reuß und Graf laffen nichts zu
wünfchen übrig.

Möchte das Buch viele Lefer finden, unbefriedigt
wird es keiner aus der Hand legen.

Straßburg i. E. W. Nowack.

Vorträge auf dem 22. Protestantentage in Berlin.

Sülze, past. em. D. E., Nur durch die Überwindung des
Katholizismus in beiden Kirchen, in der evangelischen und
der katholischen, und durch die unumwundene Rückkehr
zur ursprünglichen Religion Jesu ist die wachsende Macht
des Atheismus zu brechen. — Der Kampf wider den
Atheismus von Stadtpfr. Eugen Mayer. Berlin, CA.
Schwetfchke & Sohn 1904. (40 u. 10 S.) gr. 8° M. —80

Dorner, Profeffor D. Auguff, Die christliche Lehre nach
dem gegenwärtigen Stande der theologischen Wissenschaft
und ihre Vermittlung an die Gemeinde. Ebd. 1904. (27 S.)
gr. 8° M. — 50

Fischer, Pfarrer D. Max, Die christliche Lehre nach dem
gegenwärtigen Stande der theologischen Wissenschaft und
ihre Vermittlung an die Gemeinde. Ebd. 1904. (23 S.)
gr. 8° M. — 50

Im Mittelpunkt der Ausführungen S.s fleht der Gedanke
der religiös-fittlichen Perfönlichkeit. Sie ift in der
Religion Jefu Ein und Alles, das Bild für Gott, das Vorbild
für den Menfchen. Der Katholizismus hat mit der
Lehre von der Dreieinigkeit, der Sühne durch das Opfer
Chrifti, den Chriftus der Meffe, die guten Werke und mit
feiner ganzen Lehrgefetzlichkeit eine unterperfönliche
Religion gefchaffen, die auch noch in den proteftantifchen
Kirchen herrfcht. Da der Atheismus die Perfönlichkeit
Gottes und des Menfchen leugnet, kann er nur durch
eine folgerichtige Durchführung der chriftlichen Perfön-
lichkeitsreligion überwunden werden, die, an die gefchicht-
liche Perfon Jefu für immer gebunden, religiös-fittliche
Perfönlichkeiten als die einzigen Gnadenmittel befitzt,
um rechte, durch Glaube, Liebe und Hoffnung geeinte
Gemeinden zu fchaffen, die die ftärkfle Schutzwehr gegen
den Atheismus wie auch gegen das andere kirchliche
Übel, das Parteitreiben, find.

M. rät zum vorfichtigen Gebrauch des Wortes Atheismus
, da nur für wenige die Welt ganz entgottet und die
Verwechslung der Religion mit einer Religionslehre fehr
gewöhnlich fei. Der Widerftand gegen die lehrgefetzlich
vorgetragene gegenwärtige Religionslehre fei als Ausgangspunkt
zu verwerten, um durch hiftorifch-kritifche
Arbeit Raum für die Religion felbft zu gewinnen.

Die gegenwärtige Krifis der Theologie befteht nach D.
darin, daß von der kirchlichen Gemeinfchaft aus der auf
die Erkenntnis der religiöfen Fundamente gerichteten For-
fchungsarbeit Grenzen gezogen werden. Folgende Lö-
fungen des Problems müffen abgewiefen werden: die Zumutung
der Kirche an die Theologie, an einem beftimm-
ten Punkt Halt zu machen, und die Zumutung der Theologie
an die Kirche, fie ganz aufzunehmen; die empi-
riftifche Feftftellung des religiöfen Gefühls ohne die
Frage nach feiner Wahrheit; die Unterfcheidung eines
praktifchen Wiffens über Gott von der theoretifchen
Wiffenfchaft; endlich die Unterfcheidung einer fymbo-
lifchen und einer wiffenfehaftlichen Darftellungsweife, die
ebenfalls die Popularreligion nicht befriedigen wird.
Der einzige Ausweg ift, das Chriftentum ganz von der
gefchichtlichen Bafis zu entfernen und in feinem Prinzip,
nämlich der Gotteskindfchaft, zu finden. So bekommen
wir eine allgemein-gültige, rationale Religion, die das
Wefentliche aus der Gefchichte herausholt und fie zur
Illuftration benutzt, die fich eben darum zur Popularreligion
eignet. Zu diefer übergefchichtlichen Perfönlich-
keitsreligion muß die an äußere Autoritäten gebundene
Religion der Unmündigen durch die Ermöglichung freier
Diskuffion aller Fragen hinaufgeführt werden.

Da nach F. mit dem alten Weltbild die alte Offenbarungswelt
verfunken ift, da die empirifch-pfychologifche