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Ausgabe:

1905 Nr. 10

Spalte:

309-311

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bisle, Max

Titel/Untertitel:

Die öffentliche Armenpflege der Reichsstadt Augsburg 1905

Rezensent:

Bossert, Gustav

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309 Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 10. 310

Peftpredigt und die große Vorrede zu den Predigten über
den 130. Pfalm ,de profundis', die das Frauenlob in einem
Ehrenregifter frommer Frauen in Bibel und Gefchichte
fingt. Den Schluß bilden 87 ungedruckte Briefe, die meift
von Mathefius an Paul Eber gerichtet und größtenteils
von G. Buchwald auf der Nürnberger Stadtbibliothek
aufgefunden worden find. Es ergibt fich aus denfelben
manches Neue für die Biographie des Mathefius, der,
wie Loefche wohl richtig den senex deutet, nach Ebers
Vorfchlag Nachfolger Bugenhagens in Wittenberg werden
follte und bei der Audienz, die ihm Maximilian II. in
Schlackenwerth erteilte, Eindrücke von diefem Herrfcher
bekam, die zu beachten find (S. 591). Da und dort wird
der Text noch weitere Vergleichung bedürfen. S. 518 Z. 10
wird zu lefen fein eccli=ecclesiasticum, S.559Z. famulare
ftatt formare, S. 562 Z. 16 ftatt mirabüetn miserabilem.

Aber das größte Verdienft um die 4 Bände hat
Loefche fich mit feinen reichhaltigen Erläuterungen, die
er jedem Band beigegeben hat, erworben. Welche Aufgaben
ihm hier nach den verfchiedenften Seiten geftellt
waren, erkennt jeder, der einmal nur die Lutherbiographie
gelefen hat. Vollends aber ftellte die Urbanuspredigt
und die aus der Sarepta mitgeteilten eine Aufgabe, die
nicht bald wieder jemand zu löfen befähigt war. Sind
doch fchon die fprachlichen Rätfei (vgl. Hildebrands
fchwanz 3, 199, 12) oft faft nicht zu löfen, ebenfo die
geographifchen und hiflorifchen, vollends aber die berg-
männifchen. Da wird Loefche der befte Dank für feine
vortreffliche Arbeit entrichtet, wenn feine Lefer mithelfen,
den Schatz, der hier zu heben ift, vollends ganz zu Tage
zu fördern. Hier einige Beiträge. I, 7, 28 ift gecken
nicht verfpotten, fondern gackern. S. 34, 17 ift Jahrtag =
Anniverfarium. S. 34, 27 kupfern Seelmeffen Anfpie-
lung auf die Guldenmeffe. S. 166, 18 ift vielleicht Joh.
Campanus auch mit gemeint. S. 173, 14 gyret = girret,
Jef. 38, 14. 175, 16 Abtrag ift nicht — Abbitte, fondern
Entfchädigung. S. 226, 16 ift lelicht mit dem fchwäbifchen
161e verwandt, was fich mit dem lateinifchen languidus
deckt. 2, 56, 18 ift dreufchlichte =* treu/fchlichte. S. 112,21
ift ftrupfen füddeutfch = ftreifen. S. 125, 19; 147, 1 ift
ein Jacobswirt gewiß nicht ein Jakobswaller, was =
Bettelwirt fein foll, fondern ein betrüglicher Gaftgeber,
der Jakob mit dem Linfengericht gleicht. S. 130, 39
Schotten = Molken. S. 241, 24 ift das unerklärte orten =
urten, Zeche. S. 131, 18 krebs = Cancer. S. 241,10 Lotterholz
= Lotterbett. 4, 462, 31 ift Regelhaus nicht Mutterhaus
, fondern ein Haus, wo man nach einer Regel lebt,
wie Beginen.

Nabern. G. Boffert.

Bisle, Gymn.-Prof. Dr. Max, Die öffentliche Armenpflege
der Reichsstadt Augsburg mit Berückfichtigung der ein-
fchlägigen Verhältniffe in anderen Reichsftädten Süd-
deutfchlands. Ein Beitrag zur chriftlichen Kultur-
gefchichte. Paderborn, F. Schöningh 1904. (XIV,
192 S.) gr. 80 M. 4 —

Was Bisle bietet, ift wertvolles Material zur Gefchichte
der öffentlichen Armenpflege in Augsburg, die er von
der kirchlichen vereinsmäßigen und privaten Armen-
unterftützung'unterfcheidet. Mit vollem Recht befchränkt
er fich auf die Zeit der reichsftädtifchen Selbftändigkeit
der Stadt, wenngleich die Wirkung der Einverleibung
in das Königreich Bayern auf das Armenwefen der Stadt
nicht ohne intereffe gewefen wäre. Der Verfaffer hat die
reichlich vorhandenen Quellen des Augsburger Stadtarchivs
und der Stadtbibliothek und anderer Anftalten
fleißig durchforfcht und gibt auch über die Armenpflege
benachbarterStädte,wieKaufbeuren,Kempten,Memmingen
und Ulm wertvolle Auffchlüffe. Seinen Stoff hat Bisle
in folgende acht Abfchnitte gegliedert: ürganifation der
öffentlichen Armenpflege, Urfachen der Verarmung,

Mittel gegen die Verarmung, Almofenkaffe. Einhcimifchc
Arme, Fremde Bettler, Almofenhäufer, kirchliche Beteiligung
an der öffentlichen Armenpflege. Hier fleckt
nach jeder Beziehung lehrreiches Material, das durch ein
umfangreiches Regifter leicht zugänglich gemacht ift.
Ganz befonders intereffant find die beiden Abfchnitte
über die Urfachen der Verarmung und die Mittel der-
felben zu wehren. Es ift in hohem Grad beachtenswert,
wie der größte Feind der Armenpflege der Bettel ift,
der nicht nur auf katholifcher, fondern auch auf evan-
gelifcher Seite feine Fürfprecher hat. Nicht weniger
merkwürdig ift, wie lange es gebraucht hat, bis man die
Arbeit als das notwendige Korrelat der richtigen Armenpflege
erkannt hat, wie wenig aber die Naturalverpflegung
ihrem Zweck entfprach, und wie die wohlgemeinteften
Anftalten ohne zuverläffiges Perfonal verkommen. Es ift
nahezu unbegreiflich, was für Zuftände im 18. Jahrhundert
im Pilgerhaufe herrfchten (S. ilöff.). Leider hat Bisle
den fremden Arzt nicht genannt, der fie aufdeckte. In
derfelben Zeit galt das ,Nothaus' mit feiner verpefteten
Luft als eine Stätte der Liederlichkeit. Auch in den
Waifenhäufern, namentlich im katholifchen, herrfchten
bei der Unzuverläffigkeit der Hauseltern und dem Mangel
einer genügenden Auflicht Mißftände, die unter anderem
dahin führten, daß man den Kindern das Haar glatt ab-
fcheren ließ, weil man anders den Kampf mit dem Ungeziefer
für ausfichtslos anfah (S. 126). Nicht weniger
intereffant find die Mitteilungen über die bifchöfliche
Armen- und Bettelordnung vom 5. Nov. 1720, die für
fremde Bettler nach 14 Tagen Aufenthalt Austreibung
mit 20—30 Karbatfchenftreichen und einer Urfehde befahl
(S. 147). Aber tatfächlich /wurden die Bettler nicht
inkommodiert'. (S. 151). Ja in Dillingen, dem Sitz der
Jefuitenuniverfität und der bifchöflichen Regierung, ließ
der Bettelvogt feine eigenen Kinder ungeniert auf den
Gaffen und von Haus zu Haus betteln (S. 152). Die
Landgeiftlichkeit hatte wenig Zuverficht zu dem in der
Armenordnung des Bifchofs unternommenen Kampf mit
dem Bettel und war daher auch nicht fchr geneigt,
fie durch Beiträge an die neu zu gründenden örtlichen
Armenbehörden zu unterftützen (S. 153ff). Auch die
Mitteilungen über den Dominikaner Hyacinth Ferler
(S. 35: 61) find dankenswert, aber noch mehr die im
Anhang gegebenen Augsburger Bettelordnungen von
1459, T49T, T498, 1512 und die große Armenordnung
von 1522.

So viel Anerkennenswertes das Buch von Bisle bietet
fo wenig kann es doch befriedigen. Denn man vermißt
die Darfteilung der gefchichtlichen Entwicklung der
öffentlichen Armenpflege. Wir hören wohl, daß die-
felbe fchon 200 Jahren vor der Reformation begann.
(S. 11). Aber wir fehen nirgends klar den Unterfchied
von der kirchlichen, über die wir (S. 132fr.) einiges erfahren
, herausgehoben. Nirgends wird gezeigt, daß die
Gemeinde fich bewußt war, daß fie für fhre Angehörigen
zu forgen habe. Bisle berichtet wohl über einige Stiftungen
, die der Rat verwendete (S. 42I, und über die
mittelalterlichen Bettelverbote, wie über die Gründung
des Pilgerhaufes, aber damit haben wir noch keine Ge*
fchichte der öffentlichen Armenpflege jener eben genannten
200 Jahre. Wer aber die Gefchichte Augsburgs
kennt, wird in erfter Linie eine Darfteilung der Armenpflege
von der Reformation bis zum Reftitutionsedikt.
welches ein ganz katholifches Stadtregiment brachte, und
eine Antwort auf die Frage erwarten: was hat denn die
Reformation Neues in Augsburg gefchaffen, und wie weit
ift es verwirklicht worden? Unmöglich kann man auch
überfehen, mit welchem Ernft Amb. Blarer auf Hebung
der Armenpflege in Augsburg drang (Roth, Ref.-G. Augsb.
2, 443). Man wird weiter fragen müffen, ob die Vernichtung
der bisherigen Verfaffung und die Schaffung eines
ariftokratifchen Regiments durch den Kaifer im jähr
1548 (3. Aug.) nicht eine Wirkung auf die Armenpflege