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Ausgabe:

1905 Nr. 9

Spalte:

281-282

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Saintyves, P.

Titel/Untertitel:

La réforme intellectuelle du clergé et la liberté d‘enseignement 1905

Rezensent:

Lobstein, Paul

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28l

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 9.

282

Beherrfchung des Gegenftandes, lichtvolle Gruppierung
der Probleme und vornehme, formvollendete Darfteilung
auszeichnet Die in den verfchiedenen Kreifen behan- i
delten Fragen, die namhaften Perfönlichkeiten des kirchlichen
wie des gegnerifchen Lagers, die theologifchen
oder kirchenpolitifchen Ereigniffe werden in fchlichtem,
rein fachlichem Tone vorgeführt und durch reichliche,
gefchickt gewählte Zitate illuftriert. Ein bibliographifcher
Nachtrag (271—282) zählt 80 Schriften auf, teils größere
Werke, teils Auffätze, Zeitungen und Zeitfchriften, die H.
oft mit einigen Zügen kurz und bündig charakterifiert und
die er in feinem Buche forgfältig verwertet hat. Obgleich
der Verf. nirgends fein perfönliches Urteil dem Lefer aufdrängt
, fondern fich damit begnügt, die Zeugniffe und die
Tatfachen vorzulegen, zieht er doch in dem Schlußkapitel
das Fazit der gefchilderten Entwickelung; er ftellt den
akuten Charakter der Glaubenskrifis feft, welche zahlreiche
Priefter Frankreichs aus der römifchen Kirche getrieben,
noch zahlreichere in ihren bisherigen Überzeugungen er-
fchüttert hat: der Amerikanismus ift ihm nur eine Epi-
fode des in der Religion niemals unterbrochenen Kampfes
zwifchen dem fortfchrittlichen und dem reaktionären
Geifte. ,Bien qu'elle eut ete un peu vive, lescarmouchc
scrait restec sans importance, si eile ne s'etait engagee dans
des circonstances graves. Les patrons des doctrmes et
des pratiques dmtre-mer croyaient venir au secours de
rilglise romaine et la defendrc de la moniere la plus opportune
. Rome les a condamnes. Mais le mal auquel ils pre-
tendaient remedier subsiste, augmente, attcndant d'autres
kommes de bonne volonte- (46b). Mit diefem düftern Ausblick
in die Zukunft fchließt der Verf., der felbft zu jenen
kommes de bonne volonte gehört, welche im Gegenfatze
zur herrfchenden Großmacht der Unwiffenheit und des
Fanatismus zu einem aus dem Evangelium verjüngten
und in der Luft der Freiheit auflebenden Katholizismus
ihre Zuflucht nehmen möchten. Die Gefchichte des
Martyriums folcher im Glauben wandelnden Glieder feiner
Kirche hat er mit mutiger Selbftverleugnung gefchrieben:
welcher Lohn ihm für feine Bemühungen von feiner kirchlichen
Behörde zu Teil geworden ift, hat er felbft in
einem ergreifenden Büchlein erzählt [Mes diffecultes avec
nun eveque, 1903).

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Saintyves, P., La reforme intellectuelle du clerge et la liberte
d'enseignement. Paris, E. Nourry 1904. (XI, 341 p.)
8° f. 3-5o

Ein überaus zeitgemäßes Buch, deffen Wert auf einer
umfaffenden, urkundlich belegten Kenntnis des Gegenftandes
, einem befonnenen, nach allen Seiten hin Umfchau
haltenden Urteil, einem lebendigen Verftändnis fowohl
der Forderungen der modernen Gefellfchaft als auch der
berechtigten Intereffen des religiöfen Gemütes beruht. —
Der Verf. unterfucht die Urfachen der verhängnisvollen
Mittelmäßigkeit des in den katholifchen Seminarien Frankreichs
erteilten Unterrichtes; er ftützt fleh dabei auf zahlreiche
Zeugniffe von Prieftern und Bifchöfen, die in ergreifender
Eiithelligkeit die Unzulänglichkeit der intellektuellen
Bildung des Klerus feftftellen: die theologifchen
und philofophifchen Seminarien find unvermögend, zum
felbftändigen Denken anzuleiten. Diefer troftlofe Zuftand
erklärt fich aus der wahrhaft kindifchen Albernheit der
in Gebrauch flehenden Lehrbücher, aus der erfchrecken-
den Unfähigkeit der Lehrer, aus dem böfen Willen oder
der Gleichgültigkeit der Bifchöfe. Zur Befeitigung diefer
Mißftände gibt es nur ein Mittel: man muß von Lehrern
und Schülern eine den Verhältniffen entfprechende, durch
unfere Zeit gebotene Befähigung verlangen. Zur Durchführung
einer folchen Reform werden die Bifchöfe niemals
aus freien Stücken die Hand bieten. Wo die Bifchöfe
verfagen, muß der Staat eingreifen. Mit großer Vorficht
und maßvoller Ruhe beftimmt der Verf. die Natur und

die Grenzen der ftaatlichen Intervention, indem er fich
bemüht, nicht minder die Lehrfreiheit als die intellektuelle
Selbftändigkeit der Kleriker zu wahren. Zum Eintritt
in das seminaire de Philosophie ift das Abiturientenexamen
zu fordern: dasfelbe wird eine gewiffe Bürgfchaft für die
allgemeine Bildung der Zöglinge gewähren, den geiftlichen
Beruf den andern carrieres liberales gleichftellen, ein
Unterpfand für die Sicherheit und Sorglofigkeit der Zukunft
bieten, die Freiheit des innerlichen Berufs fchützen.
Von den mit dem Unterricht in den Seminarien zu betrauenden
Lehrern ift das Lizentiatenexamen zu verlangen.
Zwar darf der Staat die Petenten nicht zwingen, diefes
Examen in den ftaatlich organifierten Fakultäten vorzubereiten
, er kann aber diejenigen begünftigen, die diefen
Weg einfchlagen. — Sehr gefchickt geht der Verf. auf
die gegen diefe Vorfchläge erhobenen Inftanzen ein, fucht
diefelben zu entkräften, und weift nach, in welchem größeren
geiftigen Zufammenhang die hier geforderten Änderungen
allfeitig und erfolgreich durchzuführen find. —
Das mit großer Klarheit und Wärme gefchriebene Buch
wirkt durch feine vornehme Objektivität und Ruhe überzeugend
und verföhnend; leider ift kaum zu hoffen, daß
es Gehör finden wird, da in den Kreifen der religionsfeindlichen
/Freidenker' und im Lager des jefuitifch ge-
finnten Ultramontanismus derfelbe Fanatismus und die-
felbe Befchränktheit herrfcht.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Niebergall, Priv.-Doz. Lic. F., Die Kasualrede. (Moderne
praktifch-theologifche Handbibliothek. Eine Sammlung
von Leitfäden für die kirchliche Praxis im Sinne der
neueren Theologie. Herausgegeben von Priv.-Doz. F.
Niebergall. I. Band.) Leipzig. R. Wöpke 1905. (VIII,
184 S.) 8» M. 2.40; geb. M. 3 -

Die ,Moderne praktifch-theologifche Handbibliothek',
deren erfter Band zur Befprechung vorliegt, will die Auf-
faffung des Chriftentums, wie es die neuere Theologie
vertritt, auf die Praxis anwenden lehren. ,Wir wollen uns
befinnen auf Formen der Darbietung des Evangeliums,
wie fie unfrer Zeit und unfrem Verftändnis des Evangeliums
entfprechen. Wir denken vor allem an die Anfänger,
die den fchwerften Schritt in ihrem amtlichen Leben, den
aus der grauen Theorie in das Feld der Praxis, fich gern
erleichtern laffen möchten'. Dürfen wir von dem vorliegenden
Bändchen auf den Charakter des ganzen Unternehmens
fchließen, das wir warm begrüßen, lo foll offenbar
das wiffenfehaftliche Moment möglichft zurücktreten.
Wenigftens ift in dem erften Bändchen alles Gefchicht-
liche fehr ftiefmütterlich behandelt. Das gereicht ihm
nicht zum Vorteil, und follte das ganze Unternehmen einer
heute leider fogar mit Abficht als unwiffenfehaftlich fich
gebenden praktifchen Theologie Gefolgfchaft leiden wollen,
fo wäre das bedauerlich. Was befonders das Gefchicht-
liche in der praktifchen Theologie betrifft, mit deffen
üblichem Betrieb N. fich wiederholt unzufrieden erklärt
(vgl. S. 61. 94), fo darf nie vergeffen werden, daß die
praktifche Theologie gerade auch in ihren gefchichtlichen
Partien an der theologifchen Gefamtbildung unfrer künftigen
Pfarrer mitzuarbeiten hat, die ihren Wert in fich
felbft trägt, auch wenn fie nicht auf einzelne praktifche
FVagen automatifche Antworten liefert. Wenn nun N.
fordert, daß die praktifche Theologie in ihren gefchichtlichen
Partien immer den Finger darauf legen müffe, was
aus der Gefchichte zu lernen fei, fo hofft man eine vorbildliche
Probe diefer gefchichtlichen Behandlung zu erhalten
, wenn man die Überfchrift über § 6 lieft: ,Was
man aus der Gefchichte der Kafualrede lernen kann'.
Aber wie ift der Lefer erftaunt, wenn er fieht, daß der
ganze Paragraph noch keine zwei Seiten diefes kleinen
Buchformats umfaßt. Und doch läßt fich aus der Gefchichte
der Kafualien und Kafualrede tatfächlich fehr