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Ausgabe:

1905 Nr. 9

Spalte:

269-271

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Dionysius von Alexandrien, Dionysios leipsana. Ed. by Chrles Lett 1905

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 9.

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grenzen', bei der populären Apokryphenliteratur überhaupt
nicht werden löfen können, ift meine durch diefe
Debatte lediglich verflärkte Überzeugung; es ift ein
wunderlicher Gedanke von Schmidt, die Gnoftiker hätten
folche Literatur immer nur gefchickt für ihre Propaganda
benützt, aber nie felber fabriziert. Allein die Paulusakten,
wie wir fie nun kennen, find trotz ihrer Virginitäts-
fchwärmerei und ihrer unklaren Chriftologie kein gno-
ftifches Produkt; ganz zutreffend hat S. auf die Verwandt-
fchaft mit dem Standpunkt der monarchianifchen Prologe
verwiefen: es hat auch andere Todfeinde der Gnofis gegeben
, die nicht ahnten, wie ftark fie felber vom Gnofti-
zismus angefteckt waren.

Da ich als ein befonders ausgezeichnetes Stück in
diefer Antikritik die Behandlung des Pfeudo-Chryfoftomus
betrachte — nur den väterlich klingenden Schlußfatz
S. XXXVII, 1 — 3 hätte S. fortlaffen follen, wie nach meinem
Gefühl auch die Anm. auf S. VII — notiere ich die Reihe
von falfchen (ob fämtlich durch Migne veranlaßten?)
Lesarten, die fich da in die Textmitteilungen bei S. ein-
gel'chlichen haben und größtenteils das Verftändnis unmöglich
machen. S. XXXVII n.( 1 1. MQOEvyy^Ei ftatt
JtQOEvmpu, ibid. Z. 14 fchiebe ÖE§idv vor öeöojxoxa ein;
S. XXXIV, 17 L jteiQctTijQiov ft. jcuiq., Z. 22 hpucxevmv
ft. omjtsvcov, S. XXXVI, 12 f. xao&EVEVovoaiq ft. -voovöaiq 1
u. Z. 10 xQoörlfimv (wider Eva gerichtete Strafverdikte)

ft. JCQOxlfKOV.

Marburg. Ad. Jülich er.

dtovvalov Xeltpava. The letters and other remains of
Dionysius of Alexandria. Edited by Charles Lett
Feltoe, B. D. Cambridge, University Press 1904.
(XXXV, 283 p.) 8" s. 7. 6

Das wunderhübfch ausgeftattete Büchelchen darf ■
überall auf freundliche Aufnahme rechnen: eine fo fym- 1
pathifche Geftalt wie Dionyfius von Alexandrien verdient
es wahrhaftig, daß die Überrede feiner umfaffenden litera-
rifchen Tätigkeit, die in alle Winde verftreut worden find,
gefammelt und bequem zugänglich gemacht werden; die
Arbeit Mignes genügte den Anforderungen nicht. FTltoe
ftellt an die Spitze feiner Gefamtausgabe die Fragmente
der Briefe, dann jtEQi tJtayy£Xi6)v und jrspl cpvöEOiq; in
der nächften Abteilung folgt die Korrefpondenz der beiden
Dionyfe. Exegetifche Fragmente füllen noch über 5oSeiten,
den Schluß bilden ein paar unbedeutende Miscellanea.
Drei Indices bieten die Bibelzitate, die Eigennamen, ein j
Wortregifter, zufammen 22 zweifpaltige Seiten; eine Ge-
famteinleitung, der das Kapitel 69 aus Hieron. de vir. ül.
angefügt ift, orientiert über Leben und Arbeiten unteres
Autors. Den einzelnen Stücken wird immer noch eine
Spezialeinleitung vorangerückt, die über Quellen, Überlieferung
, Veranlaffung, Zeit u. dgl. literarifche Fragen
Bericht erftattet; außer dem textkritifchen Apparat find
Anmerkungen in großer Zahl, meift exegetifchen Charakters
beigegeben.

Als einen forgfältigen Editor und aufmerkfamen
Kommentator hat fich F. ficher erwiefen; in feinen Noten
fteckt, vor allem an Parallelen für das fprachliche und j
fachliche Verftändnis der Texte, viel ausgezeichnetes
Material. Freilich find gerade diefe Anmerkungen es auch,
die dem Buche einen peinlich zwiefpältigen Charakter
geben; zum Teil fetzen fie gelehrte Intereffen und Kennt-
niffe voraus, zum Teil erfetzen fie dem des Griechifchen
wenig Kundigen das Lexikon und umfchreiben ihm bequem
das im Text Gebotene: haben Lefer, denen man fagen
muß^daß in o.. OvvayEiomv ri xal ävaxttav p. i40f.«VcytW
im Gegenfatz zu ovvayEiQOJv ,pouring abroad', ,making
diffuse' bedeute, oder 57 n. 9, daß ßEßaJtxioxo einen Akku-
fativ bei fich haben kann, Anfpruch auf die im textkritifchen
Apparat faft übereifrig aufgeftapelten Varianten?

Vor der hiftorifchen Kritik Feltoes habe ich nicht

| zu großen Refpekt; wenn er das Chronicon Orientale wie
eine brauchbare Quelle behandelt, fich bezüglich der
Dionyfiuskirche in Alexandrien mit den dürftigen Hinweifen
auf Epiphanius, Sozomenus und Philoftorgius begnügt
, feinen Helden als Erben der großen Überlieferungen
des heil. Marcus und feiner Nachfolger preift,
| und konftatiert, daß er ein Mufter zur Nachahmung für
jedes nachfolgende Zeitalter bleibe, fo offenbart das eine
ziemliche Genügfamkeit. Neue Funde darf man denn
auch von diefer Ausgabe nicht erwarten, die Katenen-
kataloge von Karo-Lietzmann z. B. fcheinen für F. nicht
zu exiftieren. Daß aber F. lieber Unechtes mit aufgenommen
hat, als möglicherweife Echtes auf fein Urteil hin
fortgelaffen, verdient Lob; z. B. das Stück S. 64 aus dem
Kononbrief wird kaum als dionyfifch in Frage kommen,
noch weniger das auf S. 259f. Gebotene — ift übrigens
| Nr. 6 dort nicht aus einem Verfe entftanden? Aber die
Dubia lefen wir gern neben den viel zahlreicheren ficher
echten Stücken; Holls Sammlung hat F. fleißig ausgenützt.
Soweit ich ihn als Textrezenfenten kontrollieren konnte,
bewährt er fich als zuverläffigen Arbeiter. Vereinzelt
bleibt ein Fall wie S. 258, 5, daß er ein Wort ausläßt,
nämlich xaXÖv hinter yEvt'ö&cu, oder daß im Apparat
Falfches notiert wird wie 254 zu Z. 3, wo Holl keine andere
Interpunktion als F. bietet. In der Konftitution des
Textes, in der Interpunktion und im Verftändnis des
Textes bewährt F. im allgemeinen guten Takt, z. B. ift
zweifellos richtig feine Schreibung 255, 11 aloyQmv ftatt
des bisherigen alayQÖv und die Auslaffung von jrotef
254, 4, övyxoviadusvov 255, 6 ftatt des überlieferten
ovyxo/nö. bedarf keiner Verteidigung. Sehr unglücklich
ift dagegen der Einfall, auf die Frage 259, 12, ob der Sohn
gezeugt fei ßovXyöet xy ex jtaxQoq oder aßovXyxoq, eine
Antwort zu konfluieren xy vxEoßaXXovöy xyq yvmöEmq
dyäity xov xaxQoq ftatt des überlieferten xy vjcEQßovXyoei
xyq yvcöOEcoq, wo die vJtEnßovXyOiq uns fchon zeigt, auf
welchem Gebiet wir uns befinden. Daß 162, 15 (trii xy
jtavxmv) xqIöei im Text fleht, nachdem Viger das allein
mögliche xx'iöei vorgefchlagen hatte, nimmt mich wunder;
F. findet diefe Konjektur nicht nötig bei einer Reflexion
auf Gen. 1, 31: und alles war gut. 19, 3 druckt F. avxovq,
wo avxovq unentbehrlich ift und dem Sprachgebrauch
des Dion. entfpricht (vgl. 163, 16, wo F. felber gegen Holls
avxöp einfach avxcö in den Text fetzt). S. 91 muß jedenfalls
die Interpunktion geändert werden, wenn man einen
leidlichen Sinn erhalten will, Z. 7 dürfen dvaGyloHai xa
vjtouEVEiv nicht durch Komma getrennt werden, noch
Hörender ift das Kolon Z. 2 hinter ß-yQcoutvy, was die
verfchiedenen Objekte von d-yomßEvy auseinanderreißt.
Auch 126, 4 follte kein Komma vor xXejcxelv gefetzt fein,
weil dies ebenfo wie XQoGjiexpvxtvai von öid xo Z. 3
abhängt.

Leider ift an Druckfehlern, befond ers in den Akzenten
kein Mangel, etwas überreich mit folchen — natürlich
auch mit Lücken — ift das letzte Regifter ausgeftattet;
227, 11 bleibt xaoaQQvy ft. jtaoaQQvy auch in der Anmerkung
flehen. Und was im Text falfch gefchrieben
war, wird im Index ficher nicht verbeffert.

Das Schwanken in der Namenfehreibung Fabius oder
Fabianus bei den Bifchöfen von Rom vor 250 und Antiochien
nach 250 hätte überwunden werden müffen. —
Daß an den Texten noch manches zu verbeffern übrig
geblieben ift, gereicht dem Herausgeber nicht zum Vorwurf
, z. B. ift 215, 10—12 im gegenwärtigen Zuftand unhaltbar
; 255, 5 möchte ich ftatt des rätfelhaften oyva-
jioövvxa (das Medium wäre verftändlicher) avvvjioövvxa
vorfchlagen, 125,15 ftatt xdq löiaq öiavoiaq Qtjiovxaq, was
unmöglich ift, jcEQiEJtovxaq einfetzen, 219,6 durch die einfache
Streichung des letzten t in (p&£iQ0vxai einen guten
Sinn herausbringen: äövyxQixa yao xa Evavxia xal dl~
XyXa (p&Einovxa, 220,9 ftatt oXiymoElv empfehlen dXiycooy.

Aber felbft wenn im einzelnen mehr zu beanftanden
wäre, fo bleibt dem Herausgeber das Verdienft, die Ar-