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Ausgabe:

1905 Nr. 9

Spalte:

267-269

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schmidt, Carl (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Acta Pauli. Übersetzung, Untersuchung und koptischer Text 1905

Rezensent:

Jülicher, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 9.

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wenn Tie wirklich WilTenfchaft trieben! — B. bietet mehrfach
Proben aus dem Thalmud in Überfetzungen dar.
Diefe Uberfetzungen find m. F. nicht genau und auch
nicht überfichtlich genug, um ein rafches, ficheres und
peinlich genaues Verftändnis der betreffenden Abfchnitte
zu vermitteln. Im Text fleht: Wbtf m, B. überfetzt
: mach der Lehre R. Eliefers'. In der Gemara heißt
es: Hais im iOSrn = denn es ift tradiert: Rabbi fagt etc.
Das überfetzt B. fo: ,weil er fich nach einem hierauf bezüglichen
Ausfpruch Rabbis richtet, der nach der Überlieferung
gefagt hat'. Wozu diefe Breitfpurigkeit und
Ungenauigkeit? Eine Probe der Art, wie m. E. der
Thalmud allein brauchbar überfetzt werden kann, habe
ichZeitfchr. d. dtfch. morgenl. Gefellfch. Bd. LVII S. 581 ff.
gegeben. Leider war es mir nicht vergönnt, am Leipziger
Institututn Judaicum weiterftudieren zu können,
fonft wäre diefe Überfetzung umfaffender geworden. Bei
der komplizierten Zufammenfetzung des Thalmud ift es
unbedingt nötig, die Wiedergabe durch Abfätze, ver-
fchiedene Typen etc. fo durchfichtig als möglich zu ge-
ftalten. Sonft ift hinterher die Überfetzung ebenfo un-
verftändlich wie das Original. — Der deutfche Ausdruck
B.s ift teilweife nicht ganz einwandfrei: S. 4: ,die da
alle . .. ftrebten', ,die da' beffer: die; S. 15: ,ich darf es
dem Lefer nicht erfparen, wenigftens Namen und Hauptinhalt
diefer Beftandteile kurz anzugeben'. Soll der Lefer
die angeben? S. 36, 3. 4 beffer: .haben aber an fich felbft
keine normativen Charakter'. — Wäre es nicht praktifcher
gewefen, die reproduzierten Thalmudblätter etwas größer
zu gefüllten? Die Typen find fo das reine Augenpulver.
— Möchte B.s Thalmudkatechismus das Intereffe am
Thalmud fördern! Es kann unmöglich ausbleiben, daß
die chriftliche Theologie die Arbeit am Thalmud um-
faffend und energifch in Angriff nimmt.

Gotha. Paul Fiebig.

Acta Pauli. Überfetzung, Unterfuchung und koptifcher
Text. Herausgegeben von Carl Schmidt. Zweite
(durch Zufätze) erweiterte Ausgabe ohne Tafeln.
Leipzig, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung 1905. (LV,
240 u. 80* S.) gr. 8° M. 12—; geb. M. 14.50;

Zufätze allein (LV S.) gr. 8° M. 2 —

Für die Veranftaltung einer ,kleinen Ausgabe' der
Acta Pauli für die große Mehrzahl der Lefer, die von
den Lichtdrucktafeln doch keinen Gebrauch machen
können, verdient die Verlagsbuchhandlung unfern Dank,
um fo mehr, als dem Herausgeber C.Schmidt dadurch
Gelegenheit geboten wurde, Zufätze zu feinem Werk zu
veröffentlichen, die teils Fehler aus diefem entfernen, teils
Ergänzungen bieten, teils angegriffene Stücke energifch
verteidigen. Was von der erften Ausgabe hier 1904
Nr. 11 von Harnack rühmend gefagt wurde, gilt noch
heut; fie ftellt kein abfchließendes Werk dar, aber ein an
neuen Ergebniffen, auch an ficheren Schlußfolgerungen
überaus reiches.

Zuerft S. VII—XIII teilt S. einige Änderungsvor-
fchläge betreffs Kompofition der Paulusakten mit, vielfach
durch Clemen veranlaßt; die Auffaffung, daß der
Autor die Reiferoute des Paulus wefentlich nach
Apgfch. 13—28 konftruiert hat, ift einleuchtend. Daß
Sch. für eine Reife nach Spanien keinen Platz in den
Acta frei findet, fcheint mir erft recht ficher, nur bedeutet
das nichts für die Frage nach deren Gefchichtlichkeit.
Der Fälfcher hat eben von Paulus nichts gewußt, als
was die Apgfch. ihm darreichte; mit vollem Recht verwirft
Sch. ja auch S. XVII f. Zahns Phantafie von der Glaubwürdigkeit
der in den Theklaakten gegebenen Befchrei-
bung der Geftalt des Paulus. Was er fonft unter B über
den Gefchichtswert der Paulusakten bemerkt, dürfte die
Frage nicht erledigen. Daß der eigenartige Ruhm der
Thekla bloß auf die Paulusakten zurückgeht, ift fchwer

zu glauben. Wie fich Sch. die Sache vorftellt, ift mir
auch nicht klar geworden; einerfeits foll der Theklakult
erft im Zufammenhang mit der Hochfehätzung des Jungfrauenideals
Boden gewonnen haben, andererfeits ihr Kult
in Seleucia, ohne daß die Stadt eigene Traditionen
über Thekla befeffen hätte, mit der Romanfigur unferer
Akten ,nichts weiter als den Namen gemein' haben!

Unter C ,der getaufte Löwe' hat fich S. von Krüger
den rechten Weg weifen laffen; fehr dankenswert ift die
: wörtliche Beifügung eines von dem Amerikaner Good-
fpeed veröffentlichten äthiopifchen Apokryphons (in
englifcher Überfetzung S. XXI—XXV), das S. richtig als
eine fpäte, recht willkürliche Verarbeitung von Thekla-
Motiven würdigt. S. XXIXf. zeigt er fich bereit, den
Zufatz xaza xov actööxoXov als Hypothefe eines Verehrers
der Akten anzuerkennen und deren koptifche
Überlieferung bis ins 6. Jhdt. häretifchen Kreifen zuzu-
fchieben.

Das Wichtigfte aber, da fich die Verbefferungen in F
S. LI—LV faft bloß auf Kleinigkeiten beziehen, enthält

i Abfchnitt E über die angebliche Urgeftalt der Paulusakten
. S. bezeichnet ihn als Antikritik gegen Corffens
Anzeige in den Gött. Gel. Anz. 1904, 702—724. Diefer
fieht in den jetzt teilweis rekonftruierten Paulusakten, die
fogar einen Briefwechfel der Korinther mit Paulus um-
faffen, eine relativ fpäte kirchliche Sammlung von Pauluslegenden
, für deren Wortlaut der Kopte ein befonders
fchlechter Zeuge fei; die Urform der Theklaakten, die wir
nicht mehr befitzen, fei ein häretifches Produkt gewefen,
worin z. B. die Ehe geradezu als gottwidrige Einrichtung
hingeftellt war. Leider ift jene Befprechung eines der
verdienteften Mitarbeiter auf de.m Gebiet der altchrift-
lichen Literaturgefchichte in fo leidenfehaftlichem, zum
Teil abfichtlich verletzenden Ton gehalten, daß dem Unbeteiligten
die richtige Würdigung der Argumente für
und wider fehr erfchwert wird. Auch Sch. wird durch
fein Temperament ja zu hyperbolifchen Äußerungen ver-

i führt; den ,bis auf die Knochen orthodoxen Kirchenmann',
von ,einem Typus, den wir in Irenäus am bellen ausge-

j prägt finden', würde ich gern entbehren. Aber Corffen
follte wenigftens richtig zitieren, nicht Sch. die Behauptung
zufchreiben, die Paulusakten feien ,eine klaffifche
Urkunde der altkatholifchen Kirche' unter Weglaffung des
Hauptwortes: klaffifche Urkunde des Popularchriften-

! tu ms der altk. K. Und ift es dasfelbe, wenn bei Corffen
S.s Entzücktheit von dem Korintherbriefwechfel damit

j belegt wird, daß ,er ihn geradezu als ein Kabinettftück
betrachtet' und wenn wir bei S. lefen S. 181, er fei als
ein Kabinettftück innerhalb der Gefamtkompo-
fition der Akten — deren Erbärmlichkeit nämlich S.
keineswegs verfchleiert! — zu betrachten? — In der
Hauptfache hat S. feine Anficht fehr erfolgreich verteidigt
. Das Enkomion des Pf.-Chryfoftomus, mit deffen
Hülfe Corffen die vermeintliche Lücke zwifchen c. 22
und 23 der Theklaakten ftopfen will, wird von S. weit
unbefangener als bei C. gewürdigt, erft recht gilt das
von der lateinifchen Rezenfion D; daß Thekla fchon in
der Urform der Legende Jungfrau, nicht verheiratet war,
fcheint mir vollends ficher: einzelne Übereinftimmungen
des Kopten mit fchlechterer Überlieferung würden noch
nicht beweifen, daß er eine junge katholifche Überarbeitung
eines gnoftifchen Romans darfteile. Den Beweis
für die fpätere Einfchiebung des Korintherbrief-
wechfels in die Akten mag C. jetzt gegen Harnack führen;
fein Vertrauen auf Hieronymus wirkt komifch, wennfehon
ich auch nicht ganz fo viel wie S. auf Tertullians Ge-
fchichtchen von dem afiatifchen Presbyter geben möchte.
Mit der Fauftusftelle operiert weder C. noch S. zu Recht,

| fie beweift für den einen fo wenig wie für den andern.
Schade, daß C. nicht ohne diefe feltfame Gereiztheit in
den Kampf eingetreten ift; denn daß wir die ,Aufgabe', von

J der S. auch hier S. XLIX wieder redet, ,das häretifch-
gnoftifche von dem populär-großkirchlichen fcharf abzu-