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Ausgabe:

1905

Spalte:

262-264

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Völter, Daniel

Titel/Untertitel:

Die Offenbarung Johannis 1905

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 9.

262

beziehen, auf fich beruhen bleiben; die Hypothefen von
Chapman {Journ. of theol. stud. 1904, 357ff. $17 und
Bartlet (ebd. 1905, 204fD, die B. noch nicht berück-
fichtigen konnte, hätte er fonft gewiß abgelehnt. — Statt
En seh.. k.e.Ul, 39,1 ift übrigens auf der letzten Seite des
Buches: 3 zu lefen.

Bonn. Carl Clemen.

Goguel, Maurice, L'apötre Paul et Jesus-Christ. Paris, Fischbacher
1904. (VI, 393 p.) gr.8° f. 7-50
Eine Gutes versprechende jüngere Kraft des fran-
zöfifchen Proteflantismus begrüßen wir in dem Verf.
diefes Werkes, welcher damit den Grad eines Lizentiaten
bei der Parifer Fakultät erworben hat. Schon früher
find wir ihm in einer Studie über den johanneifchen Begriff
des Geiftes begegnet (Jahrgang 1903 der ThLZ
S. 5i6f.). Diesmal befchäftigt ihn das gerade der unmittelbaren
Gegenwart fich (teilende Rätfei des größeren
oder geringeren Abftandsverhältniffes, in welchem Paulus
und fe'ine Theologie zujefus und feiner Heilsverkündigung
gedacht werden muß. Bekanntlich flehen fich in der Be-
meffung der Nähe oder Ferne P. Feine (Jefus Chriftus
und Paulus 19/02), mit dem es der Verf. viel zu tun hat,
und M. Brückner (Die Entstehung der paulinifchen Chrifto-
logie 1903), den unfer Verf. wenigftens kennt (S. 69. 273),
um von Hertlein (Prot. Monatshefte 1904, S. 265—271)
ganz zu fchweigen, direkt gegenüber. Zur Kennzeichnung
feiner eigenen Stellung genügt fchon das, allerdings
im formalen Gegenfatz zu einer früheren Äußerung (S. 207)
flehende, Bekenntnis, Jefus habe ,nie aus feiner Perfon
den Mittelpunkt feiner Lehre gemacht. Stets gibt er der
Andacht und der Anbetung feiner Jünger eine Richtung
auf den Vater, nie auf fich felbft. Und das Wichtigfte
von allem ift, daß Jefus den ausfchließlichen Grund des
Heils in der Liebe und Barmherzigkeit des Vaters ge-
fehen hat' (S. 367).

Der Durchführung diefes Standpunktes gilt die erste
Hälfte der Unterfuchung mit Bezug auf den tatfächlichen
Befund {/es faits), während die zweite {/es idees) einen
Aufriß der paulinifchen Lehre gibt mit steter Beziehung
auf ihren etwaigen Zufammenhang mit der Verkündigung
Jefu. Was diefem Hauptteil vorangeht, beläuft fich, von
nicht streng hierher gehörigen Dingen abgefehen, zumeist
auf den Nachweis der Bekanntfchaft des Paulus mit der
Überlieferung der Gefchichte Jefu, infonderheit feiner
Worte. Der Verf. hütet fich in löblicher Weife vor den
beliebten Übertreibungen, behauptet aber mit Recht das
Vorhandenfein zahlreicher Anfpielungen und Reminiszenzen
neben ganz wenigen direkten Zitaten. Doch
würde ich in 1 Theff. 4,8 eher den Anlaß zu der von
Matth. 10,40 abweichenden Redaktion der Worte Luk.
iO,m fehen (S. 87), zumal da ja auch fchon 10, 7. 8, verglichen
mit Matth. 10,10, nach 1 Kor. 9,1.1. IO, 27 redigiert
ift (S. 77). Gelegentlich tut der Verf. der Meinung Vor-
fchub, als vertrete Paulus die Zurückführung der Taufe
auf Jefus felbft (S. 78 f.), wovon glücklicher Weife fpäter
(S. 356. 360f.) nichts mehr zu bemerken ift. Eigentümlich
berührt auch die Erklärung des Urfprungs der Sünde
durch Kombination von Rom. 1,21—25 mit 5, 12-21 und
1 Kor. 15, 45-47, wonach die Urfünde eigentlich in Ido-
lolatrie beftanden, Gottes Zorn aber die Menfchheit
dafür der Obmacht des Fleifches überlaffen hätte
(S. 153—156). Einen rettenden Ausweg aus bekannten
Widerfprüchen, in welche das paulinifche Denken an
diefer Stelle gerät, will darin auch Brognard in feiner
anerkennenden Anzeige {Revue Chretienne, Ser. IV, 1,
S. 147—154) nicht finden. Ebenfo laffe ich dahingeftellt
fein, was G. felbft nur als Vermutung ausfpricht, inwieweit
der bekannte Spruch vom willigen Geift und
fchwachen Fleifch Mark. 14, M einen Anhaltspunkt für
die paulinifche Lehre vom fundigen Fleifch abgeben kann

(S. 163). Andere fchwache Punkte macht E. Vifcher
namhaft (Theologifche Rundfchau VIII, S. 137L).

Die Lehre von Gott betreffend konstatiert G. Übereinstimmung
, foweit das religiöfe Intereffe auch bei Paulus
wenigftens vorwiegt. Ein Unterfchied liegt darin, daß
es fich für Jefus um das Verhältnis Gottes zum Sünder,
bei Paulus entsprechend feinen theoretifchen Tendenzen
mehr um das zur Sünde handelt (S. 193 f.). Von ungleich
größerem Belang ift das chriftologifche Kapitel. Der
Meffianismus steht fchon im Hintergrund der Selbft-
bezeichnung Jefu als Menfchenfohn, während der Gottes-
fohn zugleich das Geheimnis der einzigartigen religiöfen
Perfönlichkeit zum Ausdruck bringt. Der ,Kryptomef-
fianismus' Wredes erfährt Anerkennung (S. 198. 215 f.
224. 226), zugleich aber auch auf allen entfcheidenden
Punkten Ablehnung (S. 213. 217h 227fi). Folgt ein Abriß
zuerst der paulinifchen Lehre von Perfon und Werk
Chrifti, dann auch der paulinifchen Soteriologie. Der
Unterzeichnete ift erfreut, fich mit dem Inhalt bis auf
weniges Detail einverstanden erklären zu können. Ganz
infonderheit verdienen aber die vergleichenden Abfchnitte
Anerkennung, fofern hier die ganze Weite des Abftandes
zwifchen Jefu Selbftausfagen und der paulinifchen Doktrin
rückhaltlos, offen und vollftändig dargelegt und auf ihre
gefchichtlichen Urfachen und Bedingungen zurückgeführt
wird. Die Chriftologie ift eine Schöpfung des paulinifchen
Geiftes, darum aber keine Erfindung, denn fie nimmt
ihren Ausgangspunkt beim gefchichtlichen Jefus und beruht
auf der religiöfen Erfahrung des Paulus (S. 276),
und die, dem Evangelium Jefu nicht minder fremdartig
zur Seite tretende, paulinifche Soteriologie hängt ganz
an der Tatfache, daß dem Apostel, und ihm erstmalig,
das irdifche Leben Jefu nur gleichfam ,sub spccie mortis-
in Sicht tritt (S. 331). Um fo näher flehen fich beide
bezüglich der Moral. Diefelbe ift Gefinnungsmoral hier
wie dort und hat, foweit fie bewußt oder unbewußt
efchatologifch bedingt erfcheint, etwas von dem an fich,
was man ,Interimsmoral' genannt hat (S. 352). ,Kirche,
Sakramente, Gnofis' — fo lautet die Überfchrift des
letzten Abfchnittes — alles das war Jefu und feinem Evangelium
durchaus fremd. Hier bezeichnet Paulus geradezu
einen neuen Anfang, und es find auch keine vom Judentum
herkommende Einwirkungen, die fich bemerklich
machen, fondern wir find zur Erklärung feiner myftifchen
Begriffe von der Kirche als dem Leib Chrifti, in den die
Gläubigen sacramentaliter eingegliedert werden, auf das
helleniftifche Milieu der Zeit gewiefen, welchem auch die
gnoftifierenden Anfätze der Korintherbriefe entfprechen
(S. 3d5- 371)- Eine anfprechende, durchaus von gefundem
Urteil eingegebene Schlußbetrachtung widmet der Ver-
faffer der ,Evolution des Chriftentums von Jefus bis zu
Paulus' und der .Bedeutung des Auftretens des Paulus'.

Manches in diefem, an Zitaten von Jefus- und Paulusworten
faft überreichen, auch Wiederholungen nicht
fcheuenden Buche hätte allerdings kürzer gefagt, die
ganze Darftellung hätte bündiger gefaßt fein können.
Aber der Verf. wollte wohl auch angehenden, nach Orientierung
im Gewirr und Streit der Meinungen fuchenden
Theologen ein zuverläffiger und fachkundiger Führer fein;
wenigftens wäre er diefer Aufgabe in vorzüglicher Weife
gerecht geworden. Schließlich mag bemerkt werden,
daß, von kleinen, fich felbft korrigierenden Fehlern abgefehen
, S. 78 zu lefen ift Marc. 16 ftatt 6, S. 299 Korinther
ftatt Römer, und daß S. 231 Note 1 die Worte
verheilt fcheinen.

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Völter, Prof. Dr. Daniel, Die Offenbarung Johannis, neu

unterfucht und erläutert. Straßburg, J. H. Ed. Heitz
1904. (V, 171 S.) gr. 8° M. 3.50 '

,Wenn ich 22 Jahre, nachdem ich die neuern Unter-
fuchungen über die Apokalypfe eingeleitet habe, noch

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