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Ausgabe:

1905 Nr. 7

Spalte:

219-220

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spitta, Friedrich

Titel/Untertitel:

Die Kelchbewegung in Deutschland und die Reform der Abendmahlsfeier 1905

Rezensent:

Achelis, Ernst Christian

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219

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 7.

220

freudvollen Erörterungen über Volks- und Kunftgefang
im Gottesdienft, wie fie die 13. Abhandlung bietet. Ob
wir beiftimmen oder widerfprechen, den feinfühligen
und gedankenreichen, von tiefer Religiofität getragenen
Ausführungen des Verfaffers in feinem fchönen Buche
nachzugehen, wird jedem Lefer ein Gewinn fein.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Spitta, Friedrich, Die Kelchbewegung in Deutschland und
die Reform der Abendmahlsfeier. Mit einer Beilage:
Abbildungen von PLinzelkelchen. Göttingen, Vanden-
hoeck & Ruprecht 1904. (XVIII, 222 S.) gr. 8°

M. 3 —; geb. M. 3.80

Die lebhaften Verhandlungen, die feit einigen Jahren
über die Frage: Gefamtkelch oder Einzelkelch? in
Deutfchland geführt werden, find in vorliegender Schrift
Spittas zu einem vorläufigen Abfchluß gebracht. Der
tapfere Vorkämpfer der Reform gibt im 2. Kapitel —
das erfte behandelt allgemeines und perfönliches — eine
vielleicht allzu detaillierte Überficht über die Gebiete
und Richtungen der Kelchbewegung, indem er uns
(S. 9—125) durch 23 deutfche Städte, Provinzen und
Länder führt. Es ift überrafchend, wie weit die Bewegung
fich fchon verbreitet hat, und wie zahlreiche
Gemeinden mit freudiger Entfchiedenheit und mit gün-
ftigftem Erfolge den Einzelkelch beim hl. Abendmahl
eingeführt haben. Wie in Nordamerika nach dem Berichte
des Prof. W. Raufchenbufch in Rochefter N.Y.
(Monatfchrift für Gottesdienft und kirchliche Kunft 1904,
S. 303 f.) die Bewegung für den Einzelkelch ftetig und
rafch vorfchreitet, nachdem bereits 6000—7000 Gemeinden
der Baptilten, Kongregationaliften und Presbyterianer
den Einzelkelch in Gebrauch genommen haben, fo kann
auch für Deutfchland ein ftetes Fortfehreiten der Bewegung
konftatiert werden. Auch das fcheint ficher zu
fein, daß die Gemeinden, die den Einzelkelch eingeführt
haben, nie zum Gefamtkelch zurückkehren werden. Die
oberen Kirchenbehörden verhalten fich teis abwartend
mit mehr oder weniger Wohlwollen, teils ablehnend;
bemerkenswert ift die entfehiedene Förderung der Reform
durch den Generalfuperintendenten I). Fab er in Berlin
, der zuerft durch den verftorbenen Minifter D. Boffe
auf die wünfehenswerte Einführung des Einzelkelchs auf-
merkfam gemacht wurde und in feinem Eintreten dafür
eine Bitte des Minifters zu erfüllen erklärt. Aus den
quellenmäßigen Mitteilungen Spittas geht deutlich ferner
hervor, daß die Bewegung für den Einzelkelch keine
Parteifache ift, wozu fie gewiffe kirchliche Blätter mit
teilweife recht unwürdiger Polemik haben ftempeln
wollen; es find vielmehr von theologifcher oder kirchlicher
Partei ganz unabhängige fchwerwiegende hygieni-
fche, äfthetifche und foziale Gründe, wie das 3. Kapitel
(S. 125^—151) fie darlegt, die gegen den feitherigen Gefamtkelch
geltend gemacht werden, und die in der Tat
fo durchfchlagend find, daß die Einführung des Einzelkelchs
geradezu als Wahrung der Heiligkeit des Abendmahls
erfcheint. Die Gegengründe haben bewußter oder
unbewußter Weife ihre eigentliche Kraft in dem Herkommen
, in der Gewohnheit, und die Gegner täufchen
fich felbft, wenn fie der ehrlichen Meinung find, andern
Gründen das Hauptgewicht beizulegen. Zum guten Teil
find diefe mittlerweile widerlegt. Denn nach den Mitteilungen
der Straßburger Profefforen Nowack und
Landauer (S. 161 f.), die durch den Auffatz des Letztgenannten
: ,Über den Einzelbecher beim jüdifchen
Mahle' (Monatfchrift 1904, S. 363 f. gegen G. Kawerau
in den Deutfch - Evangelifchen Blättern 1904, S. 582 f.)
noch ergänzt werden, ift es wohl nicht zu bezweifeln,
daß bei der Abendmahlsfeier Jefu die Jünger des Herrn
fich der Einzelbecher bedienten; nach dem Zeugnis der
Gefchichte, von dem das 4. Kapitel (S. 152—180) fpricht,
macht zuerft Chryfoftomus (32. Homilie zu Matthäus

§ 7) das Eine Kelchgefäß als Symbol der Einheit der
Gemeinde geltend, und im Abendlande hat erft Gregor II
(715—731) auf den Einen Kelch Gewicht gelegt. In der
evangelifchen Kirche ift das Symbol der Einheit des
Brotes längft nicht mehr vorhanden, und niemand hat
Anftoß daran genommen, daß in großen Gemeinden bei
großen Kommunionen eine Anzahl von 2—6 Kelchen
gebraucht wurden und werden. Somit kann die ,Ein-
heit' des Kelches zugunften des Gefamtkelches nicht
ernftlich in Betracht kommen; fie beruht in der Einheit
des Inhaltes, nicht des Gefäßes.

Das 5. Kapitel (S. 180—208) behandelt die Praxis.
Es find, wie nicht anders zu erwarten ift, mancherlei
Verbuche und Vorfchläge gemacht worden, wie die Feier
des Abendmahls mit Einzelkelchen einzurichten ift. Allgemein
befeitigt ift der Gedanke, auf den Kelch überhaupt
zur Not verzichten zu können, um den Mißftänden
des Gefamtkelches zu entgehen; auch der anfänglich
empfohlene Vorfchlag, daß jedes Gemeindeglied für den
von ihm zu verwendenden Einzelkelch zu forgen und
ihn mitzubringen habe, findet keine Verteidiger mehr.
Daß die Gemeinde die Kelche zu ftellen hat, ift allgemeine
Anficht. Dagegen find die Befürworter des Einzelkelchs
nicht darüber einig, ob die fitzende Kommunion
nach Art der Brüdergemeinde oder nach Art der reformierten
Gemeinden Laskifcher Obfervanz einzuführen
ift, oder ob die traditionelle Prozeffion zum Tifch des
Herrn beibehalten werden foll, etwa mit der Modifikation,
daß gleichzeitig etwa 16—20 Kommunikanten im Halbkreis
um den Altar flehend das Abendmahl empfangen.
Auch darüber ift noch keine Klarheit, auf welche
Weife das Eingießen des Weins aus dem Chriftuskelch
in die kleinen Einzelbecher zu bewerkftelligen, und welche
Form der Einzelbecher zu bevorzugen ift. Ob eine
größere Beteiligung am hl. Mahle durch Ifinführung der
Einzelkelche zu erwarten ift, mag allerdings fraglich fein;
I die Vermutung ift jedoch nicht abzuweifen, daß manche
1 Gemeindeglieder, die bisher fich zurückgehalten haben,
kommen werden, und vor allem ift hervorzuheben, daß
vielen Abendmahlsgäften eine reinere Freude am Tifch
des Herrn wird gegeben werden, wenn fie nicht mehr
genötigt find, Anftöße oder Anwandlungen von Averfion
zu überwinden.

Das Buch Spittas ift ,dem theologifchen Seminar
der evangelifchen Brüdergemeine in Gnadenfeld zur
Jubelfeier feines 150jährigen Beftehens am 24. Mai 1904'
gewidmet. Mit Recht! Es kann der evangelifchen Großkirche
nur zum Segen werden, wenn die liturgifche Unbefangenheit
und der liturgifche Takt der Brüderge-
I meine zum Vorbild genommen wird.

Zu bemerken ift noch, daß das Urteil Spittas und
feine Darftellung der Polemik gegen die Kelchbewegung
in Straßburg (S. 39) von ihm in der Monatfchrift 1904,
S. 335 wefentlich modifiziert ift. Ferner ift dem Ver-
faffer zu S. 66 (Bemerkung über die ,Landesuniverfität
Marburg') wohl Theol. Rundfchau 1904, S. 351 f. entgangen
'.

Marburg. E. Chr. Achelis.

Nachtrag zu Sp. 140.

Zu den zwei fyrifchen Zitaten aus dem III Korinthcr-
brief in Nr. 5, Sp. 140 teilt mir F. C. Burkitt aus Cambridge
mit, daß diefelbe Stelle auch in den Akten
Sarbels (Cureton, Syriac Documcnts 57 1. 4. 5) als Worte
,eines der Lehrer der Kirche' zitiert wird (== Acta Mar-
tyrum ed. Bedjan I, 114 1. 2).

Maulbronn. Eb. Neftle.

I-

1) Nach Ablieferung des Referates find die wertvollen ,Unter-
fuchungen über die Möglichkeit der Übertragung von Krankheitserregern
durch den gemeinfamen Abendmahlskelch nebft Bemerkungen über die
Wahrfcheinlichkeit folcher Übertragung und Vorfchlägen zu ihrer Ver-
j meidung' von Direktor Dr. O. Roepke und Aff.-Arzt Dr. E. Huss der
1 Heilftätte Stadtwald (Leipzig, Thieme 1905, 17 S.) erfchienen. A.