Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1905 Nr. 7

Spalte:

201-204

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reitzenstein, Richard

Titel/Untertitel:

Poimandres. Studien zur griechisch-ägyptischen und frühchristlichen Literatur 1905

Rezensent:

Lietzmann, Hans

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

201

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 7.

202

Reitzenstein, R., Poimandres. Studien zur griechifch-
ägyptifchen und frühchriftlichen Literatur. Leipzig,
B. G. Teubner 1904. (VIII, 382 S.) gr. 8° M. 12 —

Den Papyruskäufen der Straßburger Bibliothek haben
wir es zu danken, daß Reitzenftein fein reiches Wiffen
und feine Arbeitskraft in den Dienft religionsgefchicht-
licher Forfchung geftellt hat. Im Anfchluß an die erft-
malige Veröffentlichung einiger diefer neuen Erwerbungen
hat er 1901 ,zwei religionsgefchichtliche Fragen' erörtert,
von denen die zweite (Schöpfungsmythus und Logoslehre)
ihre alte Zauberkraft, die den von ihr ergriffenen nicht
mehr losläßt, wieder aufs neue bewährt hat. Aus der
Verfolgung der bei der Erklärung jener Papyrusblätter
aufgeworfenen oder kurz geftreiften Probleme ift das vorliegende
Buch erwachfen, deffen nächftes Ziel die religionsgefchichtliche
Würdigung der unter dem Namen des
Hermes Trismegiftos gehenden Literatur ift. Aber unter
R.s Händen hat dies faft unfcheinbare Thema eine ungeahnte
Faffungskraft bekommen, und das vollendete Werk
bedeutet tatlächlich nichts Geringeres als den erften in
großem Stile angelegten und durchgeführten Verfuch, I
die Ausgeftaltung der ägyptifchen Religionsformen und
-vorftellungen unter dem Einfluß des Hellenismus zu er-
forfchen oder, wie man es auch ausdrücken kann, die
ägyptifchen Elemente in dem großen Sammelbecken der
helleniftifchen Religiofität aufzuweiten.

Es ift tatfächlich feltfam, daß, während man feit
Jahrzehnten den babylonifchen, fyrifchen, perfifchen —
von jüdifchen gar nicht zu reden — Elementen nach-
fpürt und kühne Waghälfe gar nach Indien fich auf
die Entenjagd begeben, niemand fich der nächftliegenden
Aufgabe gewidmet hat, die Landesreligion des hellenifti-
lchen Kulturzentrums auf ihre eventuelle Wirkung hin
zu ftudieren. Die vereinzelten Bemerkungen der Ägypto- '
logen blieben in den zu folcher Arbeit berufenen Kreifen
der Philologen und Theologen unbeachtet — wohl auch
ungelefen, größere Studien wie Amclineaus Essai sur le
gnosticisme egypticn {Anna/es du Musee Guimet XIV 1887)
blieben durch ungefchickte Ifolierung und Betonung von
nichts beweifenden Einzelheiten ohne die gewünfehte
Wirkung. R.s Buch fetzt zum erften Male am richtigen
Orte ein, und es wird durch feine eigene Schwerkraft auch
für die Dauer wirken: für die Erfüllung der wichtigften
Vorbedingung auf Seiten der Lefer, eine richtige Vor-
ftellung von dem, was wir Gnoftizismus nennen, ift ja
bereits von mehreren Seiten geforgt worden.

Das Buch ift nicht leicht zu lefen, es will eingehend
ftudiert fein. Wer es nur ,anlieft' und etwa die zahlreichen
eingeftreuten griechifchen Texte überfchlägt, wird es bald
mit konfufem Kopfe beifeite legen. Aber auch der
fleißige Lefer würde gerne öfter, als es jetzt gefchieht,
die Richtlinien der Unterfuchung in kurzen klaren Sätzen
vorgezeichnet fehen oder nach einem der zahlreichen
und langen Exkurfe fich in Form einer Rekapitulation
an fie erinnert finden, ein Wunfeh, der durch das Fehlen
eines eingehenden Inhaltsverzeichniffes verftärkt wird.
Indeffen, es ift kein irrealis. In Ilberg-Gerth's Neuen
Jahrbüchern für das klaffifche Altertum 1904 L Abt.
S- 177— !94 hat R. die Hauptgedanken des Werkes in
Form eines Vortrages wiedergegeben, und diefe ebenfo
klare wie umfaffende Epitome kann nicht dringend genug
als Einführung in das Studium des Buches empfohlen
werden: wenn der Verleger fich entfchließen wollte, den
Auffatz als gefondertes Heft zugänglich zu machen, würde
er den Lefern des Poimandres (und zweifellos auch fich
felbft) einen großen Dienft leiften.

Das erfte Kapitel ift der Frage nach dem Alter der
Hermetifchen Literatur gewidmet. Mrdizinifche und aftro-
logifche Bücher, die vom .Ägyptilchen Hermes' verfaßt
lind, begegnen bereits in der Ptolemäerzeit, die Exiftenz
theologifcher Schriften derfelben Art läßt fich für die
gleiche Zeit mit Sicherheit erfchließen. Von den uns

erhaltenen Traktaten fucht R. den erften, ,Poimandres'
betitelten, durch Vergleichung mit dem Hirten des Hermas
zu datieren: die frappante Ähnlichkeit zwifchen der Er-
fcheinung des Hirten in Hermas Vis.V und Poim. § 1 — 4
weife auf eine gemeinfame Vorlage, die nichts andres als
eine ausführlichere Faffung des Poimandres fein könne.
EinZufammenhang befteht ohneZweifel: in beidenBüchern
ftellt fich der alles Folgende offenbarende Geift als Hirten
vor und verwandelt fich dann ty iöta. Ebenfo ift die
Konzeption beim Hermas ficher nicht urfprünglich: weder
daß der Schutzengel des H. ein Hirte ift, noch daß er
fich verwandelt, ift irgendwie verftändlich — etwa wie die
i durch die Situation erforderten Engel-Hirten Sim. VI 1
| und 2. Im Poimandres ift die Verwandlung durchaus
begründet, nicht aber auch die Hirtengeftalt des Offenbarungsgottes
. Die einzige von R. (S. 31) für dies letztere
beigebrachte Parallele fcheint mir nicht beweiskräftig:
vor allem fehlt der zureichende Grund für das Hirten-
koftüm. Hermes als Hirt ift ja eine dem Griechen geläufige
Vorftellung, die auch in der bildenden Kunft ihren
Ausdruck gefunden hat: dazu würde R.s Bemerkung über
das Hirtenland Arkadien, die Heimat des Hermes, als
Vifionsfchauplatz in Hermas Sim. IX 1,4 beffer paffen,
doch fcheint mir noch ein tieferes Problem dahinter verborgen
zu fein. Sicher ift, daß der Anfang des Poimandres
wie Hermas Vis.W von einander unabhängig find und auf
eine gemeinfame, alfo vor der Mitte des II. Jahrh. ent-
ftandene Quelle weifen. Daß diefe eine Offenbarungs-
fchrift war, ift gleichfalls klar, nicht aber, daß es gerade
eine ältere Faffung des Poimandrestraktates fein muß,
wie R. annimmt: das bleibt doch nur eine Möglichkeit.

In Kapitel II folgt eine Analyfe des Poimandrestextes,
welche zugleich bereits einen kurzen und an theologifch
intereffanten Anmerkungen reichhaltigen Kommentar
bietet: befonders beachtenswert ift der gelungene Nachweis
, daß die gelegentliche Identifikation des Logos mit
dem Kosmos bei Philo aus einer Poim. 6—8 und Plutarch
de Js. et Os. 53h erfcheinenden pantheiftifch gefärbten
Theologie ägyptifchen Urfprunges flammt. Kapitel III
unterfucht die Grundvorftellungen des Poimandres auf
ihre Herkunft. Daß die ägyptifche Theologie feit ältefter
Zeit das Wort einer Gottheit als Perföniichkeit neben
ihr auffaßt, ift eine den Ägyptologen geläufige, uns Theologen
nicht immer gegenwärtige Tatfache. In der ums
Jahr 1300 v.Chr. an die Wände der thebanifchen Königsgräber
gezeichneten Ausgabe des Am-duat fchreiten in
der erften Stunde der durchs Totenreich fahrenden
Sonnenbarke unter anderen Göttern voran ,das Wort des
Ofiris' ,das Wort des Chepar' ,das Wort des Atum' ,das
Wort des Ra', jedes dargeftellt als eine hermenähnliche
Figur (f. Lefebure Les hypogees royaux de Thibes I 4
Taf. 26 in Annales du Musee Guimet IX und dazu Wiede-
mann, Relig. d. alten Ägypter S. 50). Daß die Schöpfung
der Welt durch das ,Wort' Gottes altägyptifche Lehre
fei, hat Mafpero des öfteren betont (Hist. anc. des pcuplcs
de l'Orient I 147 ff. ,Creation by tlie voicc' in IX. internat.
congress of Orientalists. Communic. 1892) und R. in den
relgefch. Fragen S. 71 weiter ausgeführt. Einen fchlagen-
den Beweis für die Einwirkung diefer Vorftellungen auf
den Hellenismus erhalten wir nun im Poim. S. 59ff: die
Poimandreskosmogonie, nach welcher der Urgott TVbüc
| aus fich einen^ 6rj[iiovQybg Novg und einen Abyog emaniert,
welche ouoovatoi find und voneinander gefondert die
Weltfchöpfung bewirken, dann aber fich wieder vereinigen,
ift weder neuplatonifch noch gar chriftlich beeinflußt,
fondern die griechifche Umbildung eines durch eine In-
fchrift des VIII. Jahrh. bereits vertretenen altägyptifchen
Mythus fynkretiftifcher Tendenz. Anknüpfend an die
folgenden Ausführungen des Textes über die Entftehung
i des Menfchengefchlechtes aus der Verbindung des Gottes
"AvfrQOJXoq mit der <Pvöig, feine Knechtung unter die
7 Planetengötter und feine Erlöfung durch die Lehre des
1 Menfchenhirten geht R. den weiteren Spuren des Anthro-

**