Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1905 Nr. 7

Spalte:

195-197

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Barnes, William Emery

Titel/Untertitel:

The Peshitta Psalter according to the West Syrian Text 1905

Rezensent:

Rahlfs, Alfred

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

195

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 7.

196

Schilderung der erbärmlichen Anfänge der Neubefiedlung
des Landes fehen, follte Sach. aus der Not eine Tugend
gemacht oder vielmehr aus der kläglichen Wirklichkeit
eine herrliche Verheißung zu machen die Stirn gehabt
haben? Und was follen in der folgenden Vifion die
4 Schmiede, wenn es fich hier um die Eroberung von
Babel durch Cyrus handelt? Augenfcheinlich find das
doch alles ideale Schilderungen.

Auch zu Sach. 3 hat Now. die Wellhaufenfche Auf-
faffung des Steins mit den 7 Augen zugunflen der
Deutung Sellins aufgegeben, der an eine fteinerne Be-
ftallungsurkunde des Hohenpriefters Jofua denkt, die von
dem Statthalter Serubbabel vollzogen worden fei und, I
entfprechend einer aufgefundenen babylonifchen Urkunde,
die 7 Augen Gottes als Symbol feiner allgegenwärtigen
Allmacht, die auch über diefer Beftallung wachen werde,
getragen habe. So wenig ich die Wellhaufenfche Deutung
von Sach. 3,8-10 für unumftößlich halte, fo wenig befriedigt
doch die Sellinfche Annahme, man lefe Sellin II
80 darüber und man wird zugeben, daß die einleitende
Bemerkung ,es bedarf nicht vieler Worte' etc. eine der
bekannten Sellinfchen Streubüchfen ifl, mit denen die
Schwäche der Beweisführung verdeckt wird. Hier paßt
in der Tat nichts, jede Vergleichung des Textes von
Sach. 3 mit Sellins Darlegungen zeigt, daß die Vorgänge
hier und bei der babylon. Tafel toto coelo verfchieden
find, und daß namentlich die Herbeiziehung Serub-
babels als Vollftreckers der Urkunde mit dem Text
Sacharias abfolut unvereinbar ift. M. E. ift doch an den
Giebelftein des Tempels zu denken, an den die 7 Augen
des allfehenden Jahve fehr gut paffen. Doch diefe Aus-
ftellungen im einzelnen follen den Dank nicht beein- j
trächtigen, den wir Nowack für fein fleißiges und wohlüberlegtes
Buch fchulden.

Königsberg. Giefeb recht.

Barnes, Prof. William Emery, D.D., The Peshitta Psalter
aocording to the West Syrian Text. Edited with an
apparatus criticus. Cambridge, University Press 1904.
(LXI, 227 p.) 40 s. 12 —

W. E. Barnes, dem wir fchon einen textkritifchen
Apparat zum Pefchita-Texte der Chronik verdanken (vgl.
diefe Ztfchr. 1898, Kol. 40), liefert uns hier die erde kri-
tifche Ausgabe des Pefchita-Pfalters.

Die Mängel diefer Arbeit beftehen m. E. in Folgendem
:

1) Barnes hat zu früh mit dem Druck begonnen, ehe
er die Vorarbeiten beendigt hatte. Daher gibt er auf
S. LIV—LXI mehr als 500 Nachträge zu feinem textkritifchen
Apparat. Daher hat er noch während des
Druckes feinen Plan geändert, indem er feine urfprüng-
liche Abficht, den der Trennung der Oft- und Weftfyrer
vorangehenden Text wiederherzuflellen, aufgab und fleh
auf die Wiederherftellung des altweftfyrifchen Textes be-
fchränkte (S. XLV), wodurch auch der abermalige Druck
von 7 Bogen des Buches (S. VIII) notwendig wurde.

2) Barnes ift inkonfequent in der Notierung des Vor-
handenfeins oder Fehlens der Kopula o. Bald bemerkt
er den Unterfchied in feinem Apparat und führt fämt-
liche Zeugen für beide Lesarten an, bald weift er nur
durch Einklammerung des o im Texte auf das Vorhandenfein
des Unterfchieds hin, bald übergeht er den
Unterfchied ganz, z. B. bei ■> * V Pf. 35 28, }v« ~v 78 25.

3) Diakritifche Punkte find mit Recht fehr fparfam
gefetzt, aber fie fehlen auch da, wo fie nicht wohl zu
entbehren find, wie bei 01^5 35 6, 001 35 u, Vjus 78 34, während
001 35 3 keinen oberen Punkt haben follte.

4) Obgleich Lees Ausgabe, wie längft bekannt war,
und wie Barnes felbft in feiner Einleitung feftftellt, ein
faft unveränderter Abdruck aus der Londoner Polyglotte

1 ift, und diefe auf die Parifer Polyglotte und diefe wiederum
auf die Urausgabe Gabriel Sionitas von 1625 zurückgeht,
zitiert Barnes in feinem textkritifchen Apparat ftets den
Leefchen Text und daneben nur hie und da die Urausgabe
, während es das methodifch einzig Richtige gewefen
wäre, überall die Urausgabe anzuführen und die davon
abhängigen jüngeren Ausgaben nur da zu nennen, wo fie
abweichen, vgl. ZATW 1889, 162.

Im übrigen zeichnet fich die Arbeit von Barnes durch
Sorgfalt vorteilhaft aus. In drei längeren Pfalmen, die
ich als Stichproben herausgriff, habe ich keinen Fehler
im Konfonantentexte gefunden, und auch die Kollationen
{teilten fich, foweit man nachprüfen konnte, als zuvcr-
läffig heraus.

Der Wert der Barnesfchen Ausgabe liegt darin, daß
hier zum erftenmale mit überlegter Auswahl eine große
Anzahl von Handfchriften verglichen ift. Freilich hat
Barnes mit zwei Ausnahmen (A = Ambrosianus, F =
Florentinus) nur die in England, befonders im pritish
Museum befindlichen Handfchriften berückfichtigt,'unter
diefen aber mit Recht die älteften und charakteriftifchften
Vertreter des jakobitifchen, neftorianifchen und melchi-
tifchen Textes ausgewählt. Befonders zahlreich waren
die jakobitifchen Handfchriften, daher hat Barnes die
älteften vom 6.—10. Jahrh. ausgefucht und von den
jüngeren nur zwei Handfchriften des 12. Jahrh. durchweg
verglichen und vier andere aus dem II.—13. Jahrh. an
vereinzelten Stellen eingefehen. Der jungjakobitifche
Text, der noch Korrekturen nach Barhebräus erfahren
hat (ZATW 1889, I72ff), ift alfo unter den verglichenen
Handfchriften nicht vertreten; das ift kein wefentlicher
Verluft, da diefe Handfchriften höchftens gefchichtlich
intereffant find, aber für die Herftellung des urfprüng-
lichen Textes nichts austragen; doch hat man es zu beachten
für die Beurteilung der älteren Ausgaben, befonders
der Gabriel Sionitas, welche gerade auf diefen jungjako-
bitifchen Text in erfter Linie zurückgeht und daher
manche Lesarten bietet, die in keiner einzigen der
Barnesfchen Handfchriften vorkommen. Die neftorianifchen
und melchitifchen Handfchriften find dünner gefät
und fetzen erft mit dem 12. Jahrh. ein. Die Gefamtzahl
der durchweg verglichenen Handfchriften beläuft fich auf 19.

Außerdem hat Barnes die Mafora der Nelforianer
(vom Jahre 899) und der Jakobiten (aus dem 9./10. Jahrh.),
die arabifche Überfetzung des Pefchita-Pfalters, die Zitate
in den Werken verfchiedener fyrifcher Kirchenfchriftfteller
und auch die älteren gedruckten Ausgaben des fyrifchen
Pfalters verglichen. Bei den Zitaten hat er zuweilen des
Guten zu viel getan, indem er Lesarten, welche gar nicht
aus der Pefchita, fondern aus dem Griechifchen flammen,
als vollwichtige Varianten behandelt und ihnen die ganze
Maffe der Pefchitazeugen gegenübergeftellt hat, z. B. 63 a
645 80 2. Dies hängt allerdings mit feinem Prinzip zu-
fammen, auch für die Textlesart ftets alle Zeugen anzuführen
, was ja in wichtigen Fällen viel für fich hat, aber
fo konfequent durchgeführt den textkritifchen Apparat
doch gar zu umftändlich macht.

In der Einleitung handelt Barnes ausführlich über
die einzelnen Textzeugen und ihr Verhältnis zueinander
und über die Textfamilien, deren Charakteriftika er feft-
zulegen verfucht, und ftellt dann die Grundfatzc für die
Rekonftruktion des urfprünglichen Textes auf (S. XLIII).
Er bekämpft hier meine Thefe, daß der oft- und weft-
fyrifche Text voneinander unabhängig feien (ZATW 1889,
163ff), meint vielmehr: ,'Fhe Iiistory of Ihe PesJiitta is a
Iiistory of never ceasing admixture of tcxts1, (S. XLI) und
führt Beifpiele für die Mifchung örtlicher und weltlicher
Texte an (S. XXXVI f.). Ich gebe gern zu, daß ich mit
meiner fcharfen Formulierung der Thefe über das Ziel
hinausgefchoffen habe, doch fcheint mir auch Barnes mit
feiner entgegengefetzten Thefe zu weit zu gehn. Die
neftorianifchen Handfchriften haben doch einen ziemlich
; ausgeprägten Sondertypus, wie Barnes felbft in feiner