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Ausgabe:

1905 Nr. 6

Spalte:

183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hoensbroech, Paul Graf von

Titel/Untertitel:

Der Syllabus, seine Autorität und Tragweite 1905

Rezensent:

Tschackert, Paul

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Seite 1

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183

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 6.

184

Ehfes bereichert aber untere Kenntnis ganz außerordentlich
. Es folgt ein Abfchnitt .Labores per Panlum III
Papam ante Concilium Tridentinum ad reformandam
ecclesiam et Romanam curiam susceptf, S. 449—512, Akten-
ftück Nr. 344—362, bedeutend für die Aufhellung der
Gefchichte Pauls III und der Verhältniffe innerhalb der
römifchen Kurie. Auf S. 513 beginnt dann erlt die Hauptfache
, die ,Actal felbft, von denen hier S. 513 bis 588 erft
die Verhandlungen der erften drei Sessiones vorgeführt
werden, Aktenftück Nr. 363 bis 384, von der Eröffnung
des Konzils am 13. Dezember 1545 bis zur 3. Sitzung vom
4. Februar 1546. Hier ift nun jede Seite intereffant; denn
es handelt fich dabei um Vorgänge, die in ihren Kon-
fequenzen die abendländifche Chriftenheit derartig in zwei
Heerlager gefpalten haben, daß die Trennung nicht hat
überbrückt werden können. Außer den Protokollen der
,Sessionesi erhalten wir die der ,Generalkongregationen',
die ihnen vorangingen und das eigentliche Arbeitsfeld des
Konzils bedeuten; wir erfahren die Petitionen, die eingebracht
und über die verhandelt wurde; Vota einzelner
Konziliaren, Anfprachen der päpftlichen Legaten, Reden
von Bifchöfen und anderen dazu beftellten Rednern und
Namensverzeichniffe der Teilnehmer an den Sitzungen.
Ein fehr detaillierter Jnde.r nominum et rerum S. 589—
619, erleichtert die vielfeitigfte Benutzung diefes hochwichtigen
Bandes. Druck und Ausftattung beider Bände
ift vortrefflich. Mögen die folgenden Teile fich auf der-
felben Höhe halten wie diefe beiden gehaltvollen Vorgänger
, dann wird man der katholifchen Wiffenfchaft zu
diefem Monumentalwerke nur von Herzen gratulieren
können. Alle Hifforiker der neueren Zeit und die wiffen-
fchaftlichen Theologen aller Kirchen und Parteien werden
es mit Dank benutzen müffen. Die Herausgeber aber
dürfen das Frohgefühl hegen, daß fie eine Arbeit für
Jahrhunderte getan haben; das wird wenigftens ein ideeller
Lohn für unbefchreibliche Mühen fein. Denn welche
unfagbaren Anftrengungen fchon vor aller Drucklegung
folcher Werke haben übernommen werden müffen, wiffen
wohl nur die zu würdigen, die in irgend einer Weife ähnliches
in Angriff genommen haben.

Göttingen. Paul Tfchackert.

Hoensbroech, Paul Graf von, Der Syllabus, feine Autorität
und Tragweite. München, J. F. Lehmanns Verlag (1904).
(122 S.) 8" M. 2—; geb. M. 3 —

Der ,Syllabus' vom 8. Dezember 1864 ift das Programm
des Ultramontanismus; ihn zu kennen, gehört
heute zur allgemeinen Bildung. Graf Hoensbroech gibt
S. 11—26 eine wörtliche Überfetzung diefes wichtigen
Schriftftückes und erläutert es, feiner Bedeutung und Tragweite
nach: das kontradiktorifche Gegenteil der 80 von
Pius IX aufgeführten ,Errores' ift .keine neue Lehre',
fondern derNiederfchlag ultramontan-katholifcher Theorie
und Praxis. Das wird im einzelnen von Graf Hoensbroech
aus feiner reichen Kenntnis der ultramontanen
Literatur nachgewiefen in Bezug auf 1) Wiffenfchaft, Bildung
und Schule, 2) Glaubens-, Gewiffens- und Kultusfreiheit
, Toleranz und Parität, 3) Kirche und Staat, 4)
Kirchenftaat und 5) Papfttum und Zivilifation. Eine er-
ftaunliche Fülle von Material ift hier zufammengebracht
und zu einer praktifchen Polemik für Gebildete verarbeitet.
Der .Syllabus' ift der päpftlich autorifierte Ultramontanismus
; wer fich über ihn orientieren will, findet in dem
vorliegenden Kommentar die befte Gelegenheit dazu.

Göttingen. Paul Tfchackert.

i Graue, Dietrich, Die Religion des Geistes. Wie der Gebildete
denkend zu ihr Stellung nimmt. (Neue Pfade
zum alten Gott. 6.) Freiburg i. B., P. Waetzel 1903.
(VIII, 114 S.) gr. 8° Geb. M. 2 -

Zuerft eine kurze Skizze des Gedankenganges:
Trotzdem die Stärke der Religion in der ruhigen
J Selbftverftändlichkeit ihres Wahrheitsbefitzes liegt, macht
i die Gefahr der Entartung und die Eigenart des modernen
Menfchen die wiffenfchaftliche Verteidigung des Chriften-
tums zur Pflicht. Statt des nur für bereits Gewonnene
I geeigneten .praktifchen' Beweifes muß das Verfahren ein-
gefchlagen werden, die Religion in ihrer höchften geiftigen
Geftalt als eine notwendige Funktion des menfchlichen
i Geifteslebens nachzuweifen. Gleichwie der Äfthetiker den
Blick des Laien auf ein Bild einftellt, muß der Apologet
j den Blick auf Gott einftellen, damit man fich in ihn ein-
I fühlen kann. — Eine ziemlich umfangreiche Unterfuchung
! über die Sprache der Religion, in der ihr analogifcher
anthropomorpher Charakter gut begründet und veran-
fchaulicht wird, läuft darauf hinaus, daß von der Gefetz-
i mäßigkeit diefer Sprache auf die des dadurch auszudrük-
enden religiöfen Lebens gefchloffen wird, woraus ihre
Bedeutung als eines integrierenden Beftandteiles unfres
Geifteslebens folgt. Geht man aber ftatt vom Äußeren,
vom Innern der Religion aus, fo Hellt fie fich als die
befte, wenn nicht einzige Löfung aller unfrer fchweren
J feelifchen Spannungen dar, die in dem Gefühl, allfeitig
von Gott umfangen zu fein, ihren tiefften Grund findet.
Das Dafein diefes Gottes läßt fich mit dem Welt-
j gefetz begründen, daß ein Bedürfnis wie das religiöfe
! ohne ein Subjekt, das es erweckt und befriedigt, nicht
i entftehen noch beftehen kann. Zu dem Verfuche, nach
i der Gottheit auszufchauen, um fie durch Schärfung des
Gottesfinnes zu finden, eignet fich vor allem der Prote-
ftantismus, weil er Jefus in den Mittelpunkt Hellt; ihn
können aber manche Moderne erft finden, wenn fie an
| modernen Geftalten ihren Sinn für wahre Größe ge-
; fchärft haben. Das Übel in der Welt, an dem fich immer
der Glaube an die göttliche Liebe flößt, zeigt vielmehr,
daß die Gottheit nach dem die Welt durchwaltenden
Gefetz des Opfers unter Liebe Opfern und Dienen verlieht
. Von diefem Glauben aus erhebt fich auch die zarte
Hoffnung auf ein ewiges Leben. —

Für die apologetifche Tätigkeit lege ich auf das
Denken etwas weniger, auf die Entfcheidung und das
Probieren etwas mehr Wert als G. Die Ausführungen
über die Religion als notwendige Funktion des Geiftes
und über die dem Bedürfnis entfprechende Realität überzeugen
mich nicht. Aber das macht fchließlich angefichts
des Zweckes, den fich das Buch fetzt, fo viel nicht aus.
Jeder muß an der fo frifch und warm gefchriebenen
! Schrift feine helle Freude haben; vorzüglich gelungen ift
! zumal der Abfchnitt über die religiöfe Sprache und die
Charakterifierung des modernen Menfchen. Wer auf
Suchende unter den Gebildeten einen Eindruck machen
will, gebe ihnen diefes Büchlein in die Hand.

Heidelberg. Lic. Niebergall.

Cathrein, Viktor, S. J.. Religion und Moral oder gibt es
eine religionslofe Moral? Zweite, vermehrte Auflage.
Freiburg i. Br., Herder 1904. (IX, 212 S.) 8n

M. 2.40; geb. M. 3.20
Nach einer Darfteilung der Anhänger einer unabhängigen
Moral unter den Philofophen gibt der erfte
Abfchnitt der Schrift eine ziemlich eingehende Schilderung
der fogenannten Ethifchen Bewegung, in deren Bekämpfung
die Hauptabficht des Verfaffers zu liegen
fcheint. Zuerft Hellt er zu diefem Zweck die Moral und
die Religion nach chriftlicher (katholifcher) Auffaffung
nebeneinander und weift dann nach, daß alle Momente