Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1905 Nr. 6

Spalte:

181-183

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ehses, Stephanus (Ed.)

Titel/Untertitel:

Concilium Tridentinum. Tomus IV, Pars I 1905

Rezensent:

Tschackert, Paul

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

iSi

Theologifche Literaturzeitung 1905 Nr. 6.

182

durch die eindringende Würdigung der Abiäffe als
finanzieller Maßregeln. Völlig neues Licht verbreitet Schuber
den erflen Anftoß zu jenem dem Erzbifchof Albrecht
von Magdeburg bewilligten Ablaß, deffen verhängnisvolle
Bedeutung bekannt ift. Er konnte nämlich den Berichten
der Gefandten Albrechts in Rom (im Magdeburger
Archiv, in extenso in Bd. II abgedruckt) die Tatfache
entnehmen, daß es die Kurfe gewefen, die den Ablaß
dem Erzbifchof angeboten, um ihn für die Zahlung einer
.Kompofition' von 10,000 Dukaten zugleich zu entfehädigen
wie zu kräftigen (Ausführliches darüber in meinem Auf-
fatze in den ,Preußifchen Jahrbüchern1 Bd. 116, S. 417
bis 440: ,Die neueften Ablaßfludien'; in den einleitenden
Bemerkungen habe ich mich hier auch über
die fenfationelle Vorgefchichte des Schultefchen Werkes
geäußert). Mit wohltuender Empörung bricht dabei
unfer katholifcher Hiftoriker über den fimoniflifchen
Papft und all die maßgebenden Perfonen an der Kurie
den Stab. Auch Luthern bemüht fich'Sch. gerecht zu
werden. Dabei fcheint er mir freilich (I, 186) die beginnende
Oppofition wider den Ablaß zu überfchätzen;
und vollends ift der wahre Tatbeftand auf den Kopf ge-
ftellt, wenn es von Luthers Erhebung gegen den Ablaß
(I, 187) heißt: ,Er begann einen Pfad zu wandeln,
ohne ein Ziel zu kennen, und gerade darum kam er
fo weit vom Wege feiner Vorfahren ab'. Denn wenn
etwas feftfteht, fo dies, daß Luther mit feinen 95 Thefen
nur das nächfte Ziel verfolgt hat, dem unfagbaren Treiben,
deffen feelenverderbliche Wirkung er im Beichtftuhl
kennen gelernt hatte, entgegenzutreten, ohne dabei an
eine Oppofition wider das herrfchende Kirchentum und
an eine Reform der Kirche auch nur entfernt zu denken.

Leipzig. Theodor Brieger.

Concilium Tridentinum. Diariorum, actorum, epistularum,
tractatuum nova collectio. EdiditSocietas Goerresiana
promovendis inter Germanos catholicos litterarum
studiis. Tomus quartus: Concilii Tridentini Actorum
Pars prima: Monumenta concilium praecedentia, trium
priorum sessionum acta. Collegit, edidit, illustravit
Stephanus Ehses. Friburgi Brisgoviae, Herder 1904.
(CXLI, 619 p.) Lex. 8° M. 48—; geb. M. 54.40

In proteftantifchen Kreifen ift man gegen die Publikationen
der Görresgefellfchaft argwöhnifch; denn bei
dem Betriebe der Wiffenfchaft, der durch die römifche
Zenfur geregelt wird, können wir nun einmal keine objektive
Erkenntnis der Wahrheit erwarten. Indes wo es
fich um Auffindung und Darbietung unbekannter Quellen
handelt, werden wir verdienftliche Leiftungen ltets gern
und unparteiifch anerkennen, fie mögen herkommen, woher
fie wollen. In der glücklichen Lage befinden wir uns
gegenüber dem Monumentalwerke, von dem hier ein jüngft
erfchienener Teil zur Anzeige gebracht werden foll.

Bekanntlich liegt die Gefchichte des Trienter Konzils
bis jetzt im argen; die beiden berühmten Darftellungen
derfelben, Sarpis liberal-katholifche und Pallavicinis jefui-
tifch-apologetifche, find beide parteilich; als Hefele in
feiner Konziliengefchichte das Bafeler Konzil behandelt
hatte, erlahmte er angefichts der Unmöglichkeit, mit dem
feiner Zeit bekannten Quellenapparat eine Gefchichte des
Tridentinums zu verfuchen. Was feitdem von Döllinger,
Druffel und Hergenröther geleiftet ift, find Vorarbeiten,
und Theiners Edition der ,Acta gentana' bringt nicht viel
mehr als die offiziellen Akten, von denen das Meifte
fchon längft bekannt war. Es fehlte alfo bis 1901 an
einer umfallenden und vviffenfehaftlich brauchbaren Quel-
lenfammlung zur Gefchichte diefer für die ganze Neuzeit
wichtigften Kirchenverfammlung. Wer aber füllte fie zu-
ftande bringen? Für alle Einfichtigen ift es kein Geheimnis
, daß den proteftantifchen Gelehrten die Herftellung
eines folchen Werkes unmöglich ift, weil fie zu vielen

1 Quellen, die unter der Botmäßigkeit der römifch-katho-
lifchen Geiftlichkeit flehen, keinen Zutritt erhalten würden.
Die Aufgabe, um die es fich handelt, bleibt alfo römifch-
katholifchen Forfchern vorbehalten. Da ift es nun ein
unbeltreitbares Verdienft der Görresgefellfchaft, die in
Rom ein eigenes ,Hiftorifches InftituP unterhält, daß fie
durch geeignete Gelehrte die Löfung der überaus wich*
; tigen Aufgabe in die Hand genommen hac.

Was zunächft den Umfang der in Ausficht genom-
: menen Quellenfammlung betrifft, fo hat man die Grenzen
möglichft weit gefleckt, um nach Kräften Vollftändigkeit
i zu erftreben. Man beabfichtigt vier Abteilungen von
; Quellen zufammen zu bringen: 1) die .Tagebücher
{,Diarial die von einzelnen Perfönlichkeiten während des
Konzils angefertigt find, da diefelben unfehatzbare
Stimmungsbilder über Perfonen und Vorgänge während
der Tagung des Konzils enthalten und dadurch Schlag-
i lichter auf Verhandlungen werfen, die in den .Akten' oft
bloß als brnta facta liistorica fich ausnehmen; 2) die
.Akten' felbft, die den eigentlichen Körper der Quellen
bilden; 3) die .Briefe' der beteiligten Perfonen, Quellen
von unmeßbarem individuellen lntereffe; 4) , Traktate',
foweit fie die Verhandlungen illuftrieren. Nach jahrelanger
forgfamer Vorbereitung, nach Bereifung und Durch-
forfchung der in Frage kommenden Archive und Bibliotheken
des Abendlandes, ift es möglich geworden, im
Jahre 1901 mit dem erflen Bande diefer weit ausfehauen-
I den Publikation in die Öffentlichkeit zu treten. Da der-
felbe, foviel ich weiß, in diefer Zeitfchrift noch nicht angezeigt
ift, benutze ich diefe Gelegenheit, um zuerft auf
ihn hinzuweifen. Er erfchien unter dem Titel ,Concilium
Tridentinum. Tomus Primus. Diariorum Pars prima*. Frib.
1901. 931 S. 4°, bearbeitet von Sebaftian Merkle, der
jetzt den Lehrftuhl der katholifchen Kirchengefchichte an
der Univerfität Würzburg ziert. Daß man von diefem
ausgezeichneten Forfcher eine Mufterleiflung gefchenkt
erhalten hat, foll nur mit wenig Worten hier angedeutet
werden; der Schüler Funks arbeitet in den Bahnen feines
befonnenen Lehrers; und fein Werk hat er dem Andenken
des verftorbenen Hefele, der ihn ordinierte, gewidmet.
Die Lebensarbeit diefer beiden ausgezeichneten deutfehen
j katholifchen Forfcher wird von Merkle mit beftem Erfolge
weiter geführt. Die Sammlung der ,Diarien' ift
auf drei Quartbände berechnet. Der erde enthält den
}Commentariusr von Herkules Severoli, Prokurator auf
dem Konzile, und vier Tagebücher von Angelo Maffarelli,
1 Sekretär des Konzils. Nach dem Stande der Vorarbeiten
ift die Fortfetzung bald zu erwarten.

Inzwifchen ift nun von der zweiten Abteilung, den
,Acta der erde Teil erfchienen (Freib. 1904), von der
ganzen Sammlung ,Tomus </uartus bearbeitet von Stephan
Ehfes, Vorfland des Hiflorifchen Inftitutes der
Görresgefellfchaft in Rom, gewidmet dem Freiherrn Georg
von Hertling, dem Präfes der Görresgefellfchaft, welcher
fich um die Herftellung der ganzen Sammlung große
Verdienfte erworben hat. Es war nicht zu umgehen, daß
dem Aktenapparat zuerft eine kirchengefchichtliche Ein-
leitng vorausgefchickt werden mußte. Ehfes Jntrodudio1
füllt LXLI Seiten und präfentiert fich als eine gedrängte
Reformationsgefchichte von 1517 bis zu den Verhandlungen
über die Berufung eines Konzils nach Mantua 1536
I und 1537, verfaßt von dem Gefichtspunkte aus, daß
JlarUnus Lutherus atrocissimus quem unquam ecclesia
cathöhea c proprio trremio progredi vidit hostis*- war. Soweit
hier die bekannte römifche Beurteilung der evange-
lifchen Perfonen und Verhältniffe mit unterläuft, werden
wir fie ablehnen müffen; aber der Verfaffer hat feiner
Darfteilung zahlreiche unbekannte Quellen, Aktenftücke,
Briefe, Gutachten ufw. eingewoben und fie in textmäßig
korrekter Geftalt zur Benutzung dargeboten. Darauf
folgen 343 Aktenftücke ,Documenta annorum 1536—1545',
eine fehr wertvolle Sammlung, S. 1—447 umfaffend; viele
Stücke hat bereits Raynaldus in feinen ,Annaltsl benutzt;