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Ausgabe:

1904

Spalte:

107-108

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Peabody, Francis

Titel/Untertitel:

Jesus Christus und die soziale Frage 1904

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1904. Nr. 4.

108

Tifchendorf getilgten Vers 25 einem fekundären Mann
zufchreibt, ,hängt dem gewaltigen Evangelium einen groß-
fprecherifchen, hyperbolifchen Schluß an'. ,Der Vers
hat nur dann guten und erklärlichen Sinn, wenn niemand
anders als ein Augenzeuge, wenn ein Apoftel, wenn —
Andreas ihn gefchrieben hat' (S. 49). In Vers 24
(oiöafiev) reden Andreas und Philippus gemeinfam, in
Vers 25 (olfiai) tritt Andreas hervor und macht den
Schluß (S. 50). Beide bezeugen alfo die Abfaffung des
Plvangeliums durch Johannes, und zwar noch bei Lebzeiten
desfelben; ja Johannes hat fein Evangelium ,im
Einverftändnis und Zufammenwirken mit andern Apofteln
gefchrieben' (vgl. das ,wir' I, 14), und unter diefen hat
Andreas, nach der im Muratorifchen Fragment erhaltenen
Kunde, eine führende Stellung eingenommen (S. 53).

Die Fäden der Beweisführung find, wie man fieht,
mit vieler Kunft fein gefponnen. Glaubt der Verfaffer
wirklich, daß diefes fubtile Gewebe Stand hält gegenüber
der Wucht der gegen die johanneifche Autorfchaft
fprechenden Gründe?

Göttingen. E. Schürer.

Peabody, Prof. Francis G., Jesus Christus und die soziale

Frage. Autorifierte Überfetzung von E. Müllenhoff.
Gießen 1903, J. Ricker. (V, 328 S. gr. 8.)

M. 5.— ; geb. M. 6.—

Eine Überfetzung des von mir früher hier (Jahrgang
1902, Sp. 165—167) angezeigten Werkes des Profeffors
für chriftliche Moral an derHarvard-Univerfität (Cambridge
in Maffachufetts) mag als angebracht befonders infofern
erfcheinen, als es eine in vieler Beziehung treffliche Anleitung
zur Behandlung der fozialen Sorgen und Aufgaben
unferer Gegenwart unter religiöfem Gefichtspunkt bietet.
Der praktifche Geift des Amerikaners weiß diefe Dinge
aus feiner größeren Erfahrungsfülle heraus noch vielfei-
tiger und beziehungsreicher aufzufaffen und darzuftellen,
als dies in unferer einheimifchen theologifchen Literatur,
foweit fie fich fozialiftifch intereffiert zeigt, der Fall ift.
Prediger und Seelforger werden hier nicht blos eine belehrende
Lektüre, fondern auch reiche Anregung zu
eignen Gedankengängen und Kundgebungen finden. Sind
fie zugleich kritifch gefchulte Theologen, fo werden fie
dem Verf. allerdings nicht blos feine Verwertung
biblifcher Stellen als immer auf gleicher Linie von mora-
lifcher Verbindlichkeit und hiftorifcher Gültigkeit liegender
dicta probantia, fondern auch manche exegetifche
Sonderbarkeit im Einzelnen zu verzeihen haben, wie wenn
z.B. das der .Offenbarung der Herrlichkeit Gottes' geltende
.ängftliche Harren der Kreatur' auf die drangfalsvolle
Entwickelung der fozialen Ordnung bezogen wird (S. I0O,
in) oder wenn das äygaipov Act. 20, 35 der Hand des
Paulus verdankt wird (S. 205). Mit um fo mehr andächtiger
Freude und herzlicher Zuftimmung werden fie
befonders die Kapitel 4 ,von den Reichen' und 5 .von
der Fürforge für die Armen' lefen. Der Beachtung feien
auch die Ausführungen über die Stellung der Sozialdemokratie
zur Religion Jefu (S. 240 f.) und über den
Erfatz für die Religion empfohlen, den hier ein wirtfchaft-
liches Programm beanfpruchen und in gewiffem Sinn
auch durchfetzen konnte (S. 249 f.)

Die Überfetzung leidet befonders in den frühern
Teilen zuweilen an auffallender Unbeholfenheit und
mangelnder Unterfcheidung des englifchen und deutfchen
Sprachgeiftes. Mehrfach fleht .pathetifch', wo wir .tragifch',
oder ,Mann', wo wir .Menfch' fagen würden. Es ift die
Rede von .Romantik' (S. 146, 148), von Jefu .Verehrung
für die Frauen' (S. 118), vom .Anfteckungskeime eines
guten Lebens' (S. 218), von der .Faffungskraft' (ftatt Anziehungskraft
) der Lehre Jefu (S. 57), von .Reformatoren'
ftatt Reformern (S. 83), von .Fortfchieben' ftatt .Beifeite-
fchieben' (S. 76) u. f. w. Mit den Zitaten hätte es genauer
genommen werden follen; vgl. S. 69 M. 5,7 ftatt
I 17, S. 179 Luc. 4,34 ftatt 7,3o; S. 230 Joh. 14 ftatt 18.

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Pfleiderer,Otto, Das Christusbild des urchristlichen Glaubens

in religionsgefchichtlicher Beleuchtung. Vortrag, gehalten
in verkürzter Faffung vor dem internationalen
Theologen-Kongreß zu Amfterdam, September 1903.
Berlin 1903, G. Reimer. (116 S. gr. 8.) M. 1.60

Wie bereits bei der 2. Aufl. des .Urchriftentums', fo
erfleht man auch aus diefer Schrift, daß fich der Verf.
eine bewunderungswürdige Entwicklungs- und Anpaffungs-
fähigkeit bewahrt hat. Fern von aller Erftarrung und
allem eigenfinnigen Fefthalten des einmal Behaupteten
zeigt Pfleiderer verftändnisvolles Eingehen gerade auf die
neueften theologifchen Bewegungen, ein Eingehen, das
vielleicht manchem zu rafch, zu uneingefchränkt erfcheinen
mag. Der vorliegende Vortrag zeigt Pfleiderer in den vor-
derften Reihen derer, die von der religionsgefchichtlichen
Methode einen wefentlichen Fortfehritt der Forfchung erhoffen
. In feinen .einleitenden Vorbemerkungen' weift er
der Theologie des 20. Jahrh. die vergleichende Religions-
gefchichte als weites Arbeitsfeld zu. Die Leben- Jefu-
Literatur führt nur zu hypothetifchen Vermutungen. Das
wirkliche gefchichtliche Bild ift unerreichbar. Wir kennen
nur das Chriftusbild des urchriftlichen Glaubens, das von
dem modernen Chriftusbild fo verfchieden ift, wie die Antike
von der Moderne überhaupt. Nicht das kann die
Aufgabe fein, aus dem antiken Chriftusbild ein modernes
herauszudeftillieren, fondern das antike gerade im Zu-

I fammenhang mit Mythen und Riten gefchichtlich zu ver-

j flehen, was nur auf religionsgefchichtlichem Wege mög-

j lieh ift. Das dann Folgende foll eine verfuchsweife Probe
fein. In fünf Abfchnitten wird zu den Themen: Chriftus
als Gottesfohn, als Überwinder Satans, als Wunderheiland,

| als Todesüberwinder und Lebensmittler, als König der
Könige und Herr der Herren ein reiches Material von
Parallelen aus der Religionsgefchichte beigebracht. Pfleiderer
ift keineswegs der Meinung, daß diefe Parallelen
immer äußern gefchichtlichen Zufammenhang beweifen
follen. Das zeigen die beachtenswerten Schlußbemerkungen
. In ihnen fordert der Verf. auch dazu auf, über
den Ähnlichkeiten nicht die Unterfchiede zu vergeffen.
Das Chriftentum ift eine höhere fchöpferifche Synthefe
aus fehr verfchiedenen Elementen, ein wefentlich neuer
Inhalt in alten Formen. Sehr treffend wird die religions-
philofophifche Wahrheit der mythifchen Einkleidungen

| aufgezeigt und die Notwendigkeit folcher Einkleidung,
wobei befonders der Unterfchied zwifchen dem gefchichtlichen
Jefus und der chriftlichen Idee betont wird. Es
gilt, .loszukommen von dem verderblichen Bann des Hi-
ftorizismus, der Gottes Offenbarung nur in Urkunden
einer toten Vergangenheit fucht und fie darüber in der
lebendigen Gegenwart zu finden verlernt' (S. 115).

Das reiche religionsgefchichtliche Material, das Pfl. im
Hauptteil bietet, weift auf ebenfoviele Aufgaben der

I künftigen Forfchung hin. Es wird genau unterfucht

| werden müffen, ob die vorhandenen Analogien wirkliche
Parallelen find oder nur fcheinbare, ob im erfteren Falle

j direkte Beeinfluffungen ftattgefunden haben und wie weit
fie reichen. Welche frappierenden Parallelen beftehen
zwifchen Apok. 12 und dem Leto-Mythus — und doen
welche Differenzen, fo daß man immer wieder bedenklich

! wird, ob eine direkte Einwirkung vorliegt (eine mythifche
Grundlage für Apok. 12 halte ich für unbedingt erforderlich
). Aber nun auch noch Verfolgung und Flucht des
Chriftusknabens (Mt. 2) auf denfelben Mythus zurückzuführen
(S. 40), heißt die religionsgefchichtliche Methode
überfpannen. Einfachere Erklärungen liegen hier näher.
Die Marken Parallelen zwifchen buddhiftifcher und chrift-

! licher Sage find uns längft bekannt, aber wie wenig find