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Ausgabe:

1904 Nr. 3

Spalte:

90-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ecklin, Friedr.

Titel/Untertitel:

Erlösung und Versöhnung 1904

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 3.

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unter der Bedingung durchführen, daß das Chriftusbild
der Evangelien die Formeln der chalcedonenfifcher Chrifto-
logie außer Kraft fetzt.

2. ,Die Chriftologie und die Ethik umfaffen fo ziemlich
alles, was die Synoptiker darbieten. Der Unterfchied
zwifchen beiden befleht darin, daß die Chriftologie zeigt,
was Gott für des Menfchen Erlöfung getan hat, während
die Ethik dartut, was der Menfch zu tun und zu erfahren
hat, um erlöft zu werden' (S. VI—VII). In vorliegender
Schrift liefert der Verf. das Ergebnis der über den erften
der beiden Gegenftände angeflehten Unterfuchung; die
Ethik Jefu foll in einem fpäteren Buche zur Darfteilung
gelangen. Schließlich beabfichtigt St. auch die Lehre
jefu nach dem Johannesevangelium, die ,ein eignes Gebilde
ift und gefonderte Behandlung erfordert', in einer
dritten Veröffentlichung feinen Lefern vorzuführen. Dafs
er in der gegenwärtigen ,Chriftologie Jefu' nur die Synoptiker
zu Wort kommen läßt, darf nicht in dem Sinne
verftanden werden, als wollte St. die Echtheit des vierten
Evangeliums preisgeben. ,So überaus hoch ich auch die
Synoptiker fchätze, fo habe ich doch, nachdem ich fie
gelefen, das Gefühl, daß noch etwas ungefagt ift. Sie
erklären eine fo wunderbare Erfcheinung, wie das Chriften-
tum nicht völlig. Es geht einem ähnlich, wie mit der
Lektüre von Xenophons Memorabilien, nach der man
fühlt, daß noch etwas gefagt werden muß, um den Einfluß
des Sokrates auf die Gefchichte der griechifchen
Wiffenfchaft verftändlich zu machen ... Es gibt Rätfei
in diefem Evangelium, die noch der Erklärung harren;
aber die Welt wird fich nie bei dem Glauben beruhigen,
daß diefer Bericht von jemand anders herrühre als von
einem Apoftel, ohne daß der Jünger, den Jefus lieb
hatte, das Bild feines Meifters entftellt und gefälfcht
haben könne' (S. VI—VIII). Nach einem einleitenden
Kapitel über ,die Wichtigkeit der Lehre Jefu' (S. 1—26),
unterfucht der Verf. die Selbftbezcichnungen Jefu ,Men-
fchenfohn' (S. 27— 51) und ,Sohn Gottes' (S. 52—75), und
fpricht fodann von dem ,Mefftas' (S. 76—101), dem ,Er-
löfer' (S. 101—124) und dem ,Richter' (S. 124—145),
,Wir halten die Anficht für begründet, daß die Stelle im
Daniel die Quelle der in Rede flehenden Bezeichnung
f.des Menfchen Sohn') ift und daß fie meffianifche Bedeutung
hat . . . Aber mir fcheint der tieffte Grund für
feine Wahl nur in dem wunderbaren Ausdruck zu fuchen
fein, den diefer Name feiner Verbindung mit dem Men-
fchengefchlecht verleiht. Jefus zeigte die innigfte Teilnahme
für alles, was im Wefen und in der Beftimmung
des Menfchen hoch und edel ift, und hatte das tieffte
Mitgefühl für alles, was es in feinem Lofe Schmerzliches
und Betrübendes gibt. Er ift der Bruder aller, der Menfch
der Menfchen. Das ift einer der beiden Pfeiler, auf welchem
feine Mefftaswürde beruht' (S. 46. 47). Zu diefem Ergebnis
gelangt St. nicht, ohne fich mit der einfchlägigen
Literatur gewiffenhaft auseinandergefetzt zu haben. ,Den
Neigungen der Schule, deren Wahlfpruch es ift, daß
Jefus aus dem Gedankenkreife und den Lebensverhält-
niffen feiner Zeit heraus verftanden werden müffe' (S. 38),
Hellt er einen Ausfpruch Carlyles entgegen, der gegenüber
der Überfchätzung des ,milieul jedenfalls zu beherzigen
ift, und fügt dann hinzu: ,Es mag fein, daß Jefus mehr
ein Kind feiner Zeit war, als wir anzunehmen gewöhnt
find, und es mögen Begriffe und Gedanken aus der
apokalyptifchen Literatur gefunden werden, die in feine
Lehre übergegangen find; allein diefe find nichts weiter
als die unbelebten Stoffe, welche die Pflanze in fich aufnimmt
, um fie in Beftandteile ihres eigenen Wefens zu
verwandeln und zu fchönen Formen umzubilden'. — ,Was
die Bezeichnung „Sohn Gottes" betrifft, fo ift der Sinn,
in welchem diefer Name auf Jefus feitens andrer angewandt
wird, nicht überall derfelbe. In einigen Fällen
mag er meffianifch fein; aber das gemeinfame Fdement
fcheint uns vielmehr die Erkenntnis zu fein, daß in dem
Herrn etwas ift, das ihn über die gewöhnliche Menfch-

! heit erhebt' (S. 60). ,Die Sohnfchaft war gewiß ethifch,
fofern fie in der Übereinftimmung feines Geiftes mit den
| Gedanken und Abfichten Gottes und in der feiigen
I Liebesgemeinfchaft zwifchen ihm und Gott beftand.
Allein daraus, daß fie ethifch war, folgt nicht im min-
deften, daß fie nicht metaphyfifch war. Im Gegenteil,
das Ethifche beruht allezeit auf dem Metaphyfifchen,
und ethifche Gemeinfchaft wird um fo weniger möglich,
je weiter die beiden Wefen metaphyfifch von einander
getrennt find' (S. 64). ,Wir dürfen es als erwiefen erachten
, daß Jefus darauf Anfpruch machte, der Meffias,
der Sohn Davids zu fein' . . . ,Ziel feiner irdifchen Mif-
fion war das Reich Gottes' (S. 80). ,Die Segnungen,
deren Inbegriff das Reich Gottes ift, waren im Sinn und
Geilt Jefu etwas ganz andres als die, von welchen die
I politifchen und revolutionären Eiferer träumten . . . Jefu
Gedanken bewegten fich vorherrfchend auf fittlichem und
religiöfem Gebiete. Die von Schmoller, J. Weiß u. A.
vertretene Anficht, Jefu Anfchauung vom Reiche Gottes
fei ,apokalyptifch' gewefen, verwandelt Jefum in einen
phantaftifchen und in Täufchungen befangenen Träumer,
den wir unmöglich als den Heiland der Menfchheit annehmen
könnten' (S. 93. 96—97). In dem Kapitel über
| ,den Erlöfer' handelt St. befonders von der Stellung Jefu
zu feinem Tode, in erfter Linie von dem heiligen Abendmahl
: zur Faffung des Verföhnungs- und Opfergedankens
bemerkt er, feine Darfteilung fei das Ergebnis langen
Nachdenkens, doch berühre fie fich mehr mit dem, was
die ,Gefchichte des alten Bundes' und ,der altteftament-
liche Opferkultus' von Kurtz hierüber bieten (S. 123).
j Das letzte Kapitel ,Der Richter' umfaßt ein reicheres
Material, als es die Überfchrift andeutet; es gilt den
drei Ereigniffen, die Jefus befonders vorausfah und -fagte:
j feine Auferftehung, fein Wiederkommen und das Gericht.
I Die Herleitung der Eschatologie Jefu aus den zeitge-
fchichtlichen Faktoren weift St. durch die bereits vorhin
erwähnten Gründe zurück: ,das Bild, das Baldenfperger
I u. A. von Chriftus entwerfen, muß für alle diejenigen ein
unbefriedigendes fein, welche in ihm den höchften Offenbarer
der Wahrheit und den Heiland der Welt verehren;
denn es ift das Bild von Einem, der in der Sphäre der
j Selbfttäufchung lebt und feinen Nachfolgern ein Ver-
j mächtnis hinterläßt, das einem Blendwerk fehr ähnlich
ift' (S. 139). Doch will St. anderfeits der fpiritualifieren-
den Exegefe Haupts nicht unbedingt folgen (S. 136).
Von Wendt urteilt er, derfelbe ,habe die Gewohnheit,
die erhabeneren Ausfagen Jefu möglichft zu verflachen-
(S. 143. 73. 110). Die fünfundvierzig neueren Werke, die
St. in einem Schlußverzeichnis aufgezählt hat (S. 149—151),
find nicht einfach als Paradeftücke aufgeftellt; der Verf!
hat fie offenbar in Betracht gezogen und pofitiv oder po-
lemifch berückfichtigt; die älteren Schriften werden von
1 ihm nicht angeführt. Daß St. Ulimanns Buch über die
Sündlofigkeit Jefu ,eins der tüchtigften und dauernften
I Erzeugniffe deutfeher Theologie' nennt, ift für feinen
i eigenen Standpunkt charakteriftifch. In Summa, Sts
I Schrift weift die Vorzüge und Mängel auf, die in feinem
,Leben Jefu' hervortreten (f. Holtzmanns Rezenfion,
I ThLztg.1895, Nr. 4); den großen Erfolg, deffen das Original
j und die Uberfetzung fich erfreuen, hat der Verf. fowohl den
Schatten- als den Lichtfeiten feines Buches zu verdanken.

Straßburg i. E. P. Lobftein.

Ecklin, Pfr. Gb. Ad. Friedr., Erlösung und Versöhnung. Ein
Beitrag zum Verftändnis der Gefchichte diefer Heilslehren
, mit befonderer Berückfichtigung der Lehrweifen
des XIX. Jahrhunderts bis und mit Ritfeh]. Bafel 1903,

Helbing & Lichtenhahn. (XII, 658 S. gr. 8.) M. 6._

Verf. hat fich, wie es fcheint, die Erfetzung der Lehre
i von der Strafgenugtuung Jefu Chrifti durch eine beffere
| Theorie über die Notwendigkeit feines Leidens zur Ver-
i föhnung der Menfchen mit Gott zur Lebensaufgabe ge-