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Ausgabe:

1904

Spalte:

76-77

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bardenhewer, Otto

Titel/Untertitel:

Geschichte der altchristlichen Literatur. II. Bd.: Vom Ende des 2. Jahrh. bis zum Beginn des 4. Jahrh 1904

Rezensent:

Harnack, Adolf

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erkennen fei (S. 62 f.). Dann aber wird es beim ,Herrn
des Geiftes' felbft nicht anders gewefen fein und die vom
Verf. vermißten Ausfagen über Jefu Sündlofigkeit als
Refultat eines Kampfes zwifchen dem ,Sündenfleifch'
und dem ,Geift der Heiligkeit' (S. 123) werden eben dort
zu rinden fein, wo Chriftus die mit der öäpg afiagrtaq
gegebenen Verfuchungen nach Rom. 5, 19. Phil. 2, 8 im
Gehorfam gegen Gott und nach Rom. 15, 13 Eigenes nicht
fachend überwindet (S. 124).

Diefer eine Kontroverspunkt ift hier aus einer ganzen
Reihe ähnlicher Fälle faft wie zufällig und zu dem
Zwecke hervorgehoben worden, die außerordentliche
Schwierigkeit folcher Probleme fühlbar zu machen, bei
deren Behandlung man immer unter dem Eindruck der
Unmöglichkeit fteht, zu einer definitiven, jede Mehrdeutigkeit
ausfchließenden Entfcheidung zu gelangen. Mit
gleichem Intereffe verfolgt man weiterhin den Verfuch
eines Nachweifes, daß bei P. auch der Glaube und um
des zwifchen Glauben und Rechtfertigung beftehenden
Verhältniffes willen auch die letztere als Geifteswirkung
zu denken fei (S. 70 f.); daß Gal. 4,« oti nicht ,daß',
fondern ,weil' heißt, übrigens nicht die Gegenwart des
Geiftes im Gläubigen, fondern die Gewißheit, daß er fich
im Sohneszuftand befindet, durch den geiftgewirkten
Gebetsruf dargetan werden foll (S. 85 f.); daß 1. Kor. 6,11
die zwei mit kv eingeführten Beftimmungen auf jedes der
vorangehenden Verben zu beziehen find (S. 102 f.); daß
der zwifcheneintretende Begriff der Sühne es verftänd-
lich macht, wie auch die von Cremer in den Vordergrund
geftellte justitia salutifera im Grunde immer noch justitia
distributiva bleibt (S. 174 t.), wobei auch ein Streiflicht
auf die Gerechtigkeits- und Lohnbegriffe in der Verkündigung
Jefu fällt (S. 179f.); daß wenigftens in Bezug
auf die Zukunftsausfichten des Individuums der Zwiefpalt
zwifchen der jüdifchen und der helleniftifchen Gedankenreihe
unausgleichbar bleibt (S. 217 b); daß aber auch
fchon die jüdifchen Stammbegriffe der paulinifchen Anthropologie
fchließlich von hellenifchem Denken annektiert
erfcheinen (S. 251) und tiefe Riffe in der Einheitlichkeit
des paulinifchen Denkens zu Tage treten laffen, fofern
,jiv£vli<x einerfeits, vovg und ovvdörjOig andererfeits fich
ganz felbftändig gegenüberftehen und eben dadurch bewähren
, daß fie ganz verfchiedenen Gedankenkreifen entflammen
. Was die Begriffe zufammenhält, ift allein der
Umftand, daß fie fich in einem Kopfe beifammenfinden'
(S. 263). Solcherlei auch bezüglich der Lehre von der
Taufe wiederkehrende (S. 272 f.), fcharffinnig durchgeführte
Verfuche, das geiftige Eigentum des P. teils auf feine
jüdifchen, teils auf feine hellenifchen, bezw. helleniftifchen
Urfprünge zu verfolgen und beiden gegenüber teils die
urchriftlichen, aufJefuszurückgehenden, teilsdieoriginellen,
weil auf eigenfter perfönlicher Erfahrung beruhenden
Elemente abzugrenzen, dürften zu den intereffanteften
und anregendften Beftandteilen des Werkes gehören.
,Die oft heterogenen Stücke aus dem Judentum und aus
dem Hellenentum bleiben ohne Vermittelung nebeneinander
flehen'. ,Was dagegen die Stärke und Inten-
fität des Einfluffes betrifft, fo überragt das Judentum das
Hellenentum nach Maßgabe deffen, daß P. von Geburt
nicht Grieche, fondern Jude ift. Ohne das Hellenentum
mag man ihn fich noch begreiflich zu machen fuchen.
Ohne das Judentum wäre er ganz und gar unverftändlich'

(S- 277)-

Noch ift hervorzuheben, daß vom Einfluß einer be-
ftimmten theologifchen Schule oder gar einer konfeffio-
nellen oder kirchlichen Partei im ganzen Buche nichts,
aber auch gar nichts zu bemerken ift. Der Verf. arbeitet
wirklich vorausfetzungslos, es fei denn, daß man annehmen
wollte, die im Vorwort (S. VII) beifällig genannten Theologen
hätten ihm die richtige Ausficht verbaut. Im
Druckfehlerverzeichnis (S. XII) ift die erfteZeile zuftreichen,
die zweite dahin zu verbeffern: 6, 7, 14; 9, 10; ferner ift
zu lefen S. 37 Z. 16 v. o. Jtapadid6{i£da; S. 41, Z. 8 v. u.

ihren; S. 51, Z. 5 v. u. Theoph.; S. 56, Z. 18 v. o. Pendant;
S. 92, Z. 4 v. o. Flehens' (Sach. 12, 10); S. 150, Z. 19 v. o.
ihr; S. 155, Z. 12 v. u. p. 16 ff.

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Bardenhewer, Prof. DD. Otto, Geschichte der altchristlichen
Literatur. Zweiter Band. Vom Ende des zweiten
Jahrhunderts bis zum Beginn des vierten Jahrhunderts.
Freiburg i. B. 1903, Herder. (XVI, 665 S. gr. 8.)

M. 11.40; geb. M. 14.—

Überrafchend fchnell ift diefer zweite Band dem
erften, der im J. 1902 erfchienen ift (f. Theol. Litztg.
v. 1902, Nr. 8), gefolgt. Die Gründlichkeit und Zuver-
läffigkeit der Arbeit hat dadurch nicht gelitten. Ich habe
das Werk von der erften bis zur letzten Seite genau
geprüft und habe überall eine gleichmäßige Sorgfalt in
den Angaben und diefelbe Umficht bei der Sichtung
und Beurteilung des Materials gefunden. Das Werk
kam in meine Hände, als der demnächft erfcheinende
zweite Band meiner ,Chronologie', der fich ebenfalls
ausfchließlich auf die chriftliche Literatur des 3. Jahrhunderts
bezieht, im Manufkripte faft abgefchloffen war.
Nur für Cyprian, Novatian, die kirchenrechtliche Literatur
und die Martyrien habe ich Bardenhewers Werk noch
benutzen können. In die bereits vollendeten übrigen
Kapitel Einfchiebungen zu machen, habe ich unterlaufen
(mit Ausnahmen zweier kleiner Notizen inbezug auf
Hippolyt), weil die weitgehende Übereinftimmung in
den Echtheits- und in den chronologifchen Fragen, die
zwifchen uns befteht, eben dadurch noch eindrucksvoller
werden wird. Allerdings hatte ich auch keine Veran-
laffung, mich mit den Aufftellungen B.s befonders aus-
einanderzufetzen, da er Eigenes, im ftrengen Sinn des
Worts, im einzelnen nur fehr feiten bietet; aber die
treue Berichterftattung und die wohl abgewogene Entfcheidung
in großen wie in kleinen Fragen ift doch eine
ausgezeichnete wiffenfchaftliche Leiftung.

Über die Anlage und Anordnung ift inbezug auf
die Literatur des 3. Jahrhunderts kaum etwas zu fagen.
Durch zufammenfaffende Überfichten hat der Verf. den
entwicklungsgefchichtlichen Fragen gerecht zu werden
verfucht. Von den Zufammenhängen mit der profanen
Literatur ift, wie im erften Bande, faft ganz abgefehen.

Über die einzelnen Punkte, an denen ich dem Ver-
faffer nicht beizuftimmen vermag, hier in Verhandlung
zu treten, verfage ich mir. Die Randbemerkungen, mit
denen der erfte Band ausgeftattet war und die auf minder
kundige Lefer den Eindruck machen mußten, als hätte
der Verfaffer aus meiner Literaturgefchichte nichts gelernt
, fondern fei nur zu unfreundlicher Polemik verpflichtet
, find diesmal fpärlich geworden. An einem
Punkte der Vorrede — die Rechtfertigung des Titels
,Altkirchliche Literatur' intereffirt mich nicht — darf ich
aber nicht vorübergehen. Ich hatte in der Anzeige des
I. Bandes (Sp. 239) bemerkt, der Verf. werde feine Lefer
in einem Abfchnitte enttäufchten, nämlich in dem der
gnoftifchen Literatur gewidmeten: ,Hier ift nicht nur der
Mangel an tieferen und weiteren Gefichtspunkten am
empfindlichften, fondern auch die literarhiftorifchen Ausführungen
find zu kurz, ja an einigen Stellen geradezu
flüchtig'. Hierzu bemerkt B. jetzt (Vorrede S. IX): Har-
nack hat es — zur Abwehr von Mißverftändniffen mag
dies noch beigegeben werden — nicht für nötig gehalten,
den Vorwurf der ,Flüchtigkeit' mit irgend einem
Nachweis zu belegen'. Ich traute meinen Augen
nicht; denn der nächfte Satz in meiner Anzeige lautete:
Man vergleiche z. B. die dem Apelles oder die der
koptifch-gnoftifchen Literatur gewidmeten Abfchnitte.
Daß Hermogenes ein refpektabler Denker gewefen ift
mit wirklich originellen Ideen, erfährt man überhaupt
nicht, u. f. w.' Das waren doch drei Beifpiele. Sollte