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Ausgabe:

1904

Spalte:

72-73

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Herner, Sven

Titel/Untertitel:

Die Anwendung des Wortes Kyrios im Neuen Testament 1904

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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7'

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 3.

72

Barth, Lic theol. Prof. Fritz, Die Hauptprobleme des

Lebens Jesu. Eine gefchichtlicheUnterfuchung. Zweite,
umgearbeitete Auflage. Gütersloh 1903, C. Bertelsmann
. (XV, 288 S. gr. 8.) M. 4.— ; geb. M. 4.80

Über die 1899 erfchienene erfte Auflage hat Weiffen-
bach in diefer Zeitfchrift (Jahrgang 1901, Sp. 293—297)
einen ausführlichen Bericht erftattet, deffen wefentlichen
Inhalt fich der Unterzeichnete (vgl. deffen Anzeige im
/Theologifchen Jahresbericht' 1899, S. 131) durchaus aneignen
kann, eben darum aber nicht wiederholen will.
Hat doch das Werk auch weder nach Umfang (Zuwachs
von nur 10 Seiten), noch nach Inhalt irgend welche belangreiche
Umarbeitung erfahren. Abgefehen von kleinen
Berichtigungen und von kurzen Auseinanderfetzungen
mit der Literatur der letzten vier Jahre, find es nur drei
Punkte, auf welchen der Verf. .eingreifende Veränderungen
' vorgenommen zu haben bekennt (S. X). Tat-
fächlich wollen auch diefe nicht viel befagen. Der Ab-
fchnitt über die Wunder hat zwar einige Zufätze erfahren.
Aber noch immer follen die Speifungsgefchichten und die
Seewunder, die Hochzeit zu Kana und der Fifchzug den
Erweis bringen, daß ,die Natur dem Intereffe des Reiches
Gottes in ungewöhnlicher Weife zu Dienften fein mußte'
(S. 140), wobei jedoch einige kleine. Rationalismen ge-
ftattet erfcheinen (S. 115 f. 142 t). Ahnliches gilt von
dem Abfchnitt über Tod und Auferftehung, wo eine von
Blaß vorgefchlagene Zurechtlegung des lukanifchen
Abendmahlsberichtes mit einer anderen, gleichfalls anfechtbaren
, aber doch wenigftens von Textzeugen dargebotenen
vertaufcht wird (S. 205 f.), und dem Abfchnitt
über das Selbftbewußtfein Jefu, der auch faft nur Erweiterungen
redaktioneller Art aufweift, die mit der Abficht
des Verfaffers zufammenhängen, diefe zweite Auflage
den gebildeten Nichttheologen zugänglicher zu
machen. Die Abficht darf wohl als erreicht gelten.
Mufterhaft auch in Bezug auf den Inhalt ift z. B. der
Abfchnitt über Jefu Stellung zum Alten Teftament (be-
fonders S. 71—86) ausgefallen. Genügende Sachkenntnis,
gewiffenhaft abwägendes Urteil und behutfame Sorgfalt
der Darftellung find Tugenden, die jeder billig denkende I
Lefer dem Buche zuerkennen wird. Was die Kritik
herausfordert, das liegt an dem theologifchen Standpunkt,
den es vertritt. Zwar rechnet fich der Verf. zu denjenigen
Theologen, ,welche zu keiner dogmatifchen
Schule gehören' (S. V), und man muß ihn, zumal ange- j
fichts der zweiten Vorrede (S. IX f.) und der Schlußbemerkungen
(S. 285 f.), von jeder fuggeftiven Voreingenommenheit
für die Tteifen Linien' des kirchlichen
Chriftusdogmas freifprechen. Die Atmofphäre, welcher
feine Gedankenbildungen angehören, ift mehr nur an dem
apologetifchen Verhalten zu erkennen, welches er zu
folchen Kreifen einnimmt, wo man geneigt fein könnte, j
feine Anflehten als .gefährliche Konzeffionen' an die
Negation oder ,fchmerzhafte Einfchnitte' in die Tradition
zu beklagen, fowie auch an gelegentlichen Seitenblicken
auf den ,vielfach fo haftigen und methodifch verfehlten j
Betrieb der heutigen Theologie' (S. VII), auf die .liberale'
Theologie, welche durch ihre Weltanschauung zum Gewaltakt
der Leugnung der Parufie genötigt ift (S. 180 vgl.
S. 227), oder gar auf folche .moderne Theologen' welche I
fich im amtlichen Auftreten, namentlich im Gottesdienft j
manchen Zwang auferlegen muffen, fich dafür aber Schadlos
halten durch um fo kühnere Äußerungen im Pfarrerkränzchen
' (S. 101). Es find offenbar die gemäßigteren
Elemente innerhalb der ftreng kirchlich gerichteten
Bevölkerung der reformierten Schweiz, welchen wie überhaupt
die Sympathien, fo infonderheit die apologetifchen |
Darlegungen und die belehrenden Tendenzen der vorliegenden
Schrift in erfter Linie gelten.

Das Intereffe. welches man diefer Veröffentlichung
Schuldet, gilt fomit zumeift dem Umftande, daß fie als 1
typifch genommen werden darf für die Zwifchen- und

Mittelstellung, welche ein refpektabler Kreis heutiger
Theologie — fagen wir einmal: der aufgeklärte Pietismus
— zu der Leben-Jefu-Frage, bzw. zur Evangelienkritik
in freilich mannigfach abgestufter Nuancierung einnimmt.
Alles hängt natürlich an der Stellung zum Geschichtsbild
des vierten Evangeliums, deffen Einzelzüge ,in
früheren Stadien der johanneifchen Frage als gefchichtlich
fragwürdig bezeichnet worden find' (S. 19), mittlerweile
j aber .genauere Nachprüfung' und in Folge deffen Be-
i Stätigung erfahren haben follen (S. 21). Demgemäß hat
beifpielsweife Jefus für feine Jünger von Anfang und
wieder feit Cäfarea Philippi als Meffias gegolten, und
I auch Petrus hat ihn zweimal, nämlich dort und in
Kapernaum als folchen proklamiert (S. 231). Die letzterem
Auftritt vorangegangene Rede vom Lebensbrod hat
nichts zu tun mit dem Abendmahl, .welches noch gar
nicht eingefetzt war, fo wenig wie das Gefpräch mit
Nikodemus eine Anfpielung auf die chriSliche Taufe
enthält' (S. 185.) Dem letzten Mahl hat Jefus den Charakter
eines Paffamahles verliehen (S. 83, 199). An der Wahl
des Ausdrucks Logos ,wird Philo feinen Anteil haben,
fo gut wie an manchem Ausdruck des Hebräerbriefs',
aber, der Anfang des johanneifchen Prologs weift auf das
Reden Gottes in der Schöpfungsgefchichte zurück'
(S. 281), und überdies ift mit der .Tatfache' zu rechnen,
,daß Johannes aus dem Munde Jefu felber Ausfprüche
über feine himmlifche Herkunft vernommen haben will'
(S. 281), wobei freilich zu beachten, ,daß wir nicht immer
für den urfprünglichen Wortlaut der Äußerungen Jefu
einftehen können' (S. 253). Immerhin berührt es erfreulich
, daß der Verfaffer jenen Gedanken der himm-
lifchen Herkunft für wertvoller erachtet, als den der
wunderbaren Erzeugung (S.273. 283), welcher fich fchließ-
lich als eine unhiftorifche Weiterführung der Erinnerung
an die Geiftbegabung bei der Taufe erweift (S.257—272).
Von den beiden Stammbäumen hellt fich derjenige des
Lukas als richtig heraus, und die Erfindung, als beziehe
er fich auf Maria, wird gebührend abgewiefen (256 f.
262). And ere Proben der Exegefe Barths, wie die ganze
Behandlung der Gleichniffe (S. SS—58), fallen freilich
zweifelhafter aus. Das harte Wort Matth. 15,20 fetzt
keinen Gegenfatz zwifchen Kindern und Hündlein, fondern
zwifchen Vorher und Nachher bei Tifch (S. 46). Den
,Menfchenfohn' hat fich Jefus fchon wegen 21, 10 mit Beziehung
auf Pf. 8, 4-7, nur beiläufig auch wegen Dan. 7, 13
genannt (S. 238 f). Die richtige Deutung des Jonaszeichens
fleht Matth. 12,40 (S. 186); 5, m ift gegen die
Neigung des Pharifäismus gerichtet, es fich mit den
,kleinften Geboten' leicht zu machen (S. 100); 18, 2-10 beruht
die Erfcheinung vor den Frauen auf ungenauer Erinnerung
, während die Grabeswache gefchichtlich ift; die
eschatologifche Rede gehört wegen ihrer Parallele Apok. 6
(S. 162) durchaus Jefu felbft an (S. 150 f.), einfchließlich
fogar der Anfprache an den ,Lefer' 24, 15 (S. 153); fomit
hat Jefus feine Wiederkunft als noch bei Lebzeiten feiner
Jünger bevorftchend vorausgefagtfS. 150), und daß der Erfolg
feiner Weisfagung nicht entfprach, hat feinen Grund darin
, daß Gott felbft feinen eigenen Plan unter Berück-
fichtigung des (man müßte fagen: unerwarteten) Verhaltens
der Menfchen nachträglich zu ändern und den
Termin hinauszufchieben für gut befunden hat (S. 172 f).
Das mag gennügen!

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Herner, Prof. Dr. Sven, Die Anwendung des Wortes KvQioq
im Neuen Testament. (Lunds Univerfitets Ärsskrift.
Band 38. Afdeln 1. N:r. 4). Lund 1903, E. Malmftröm.

(IV, 50 S. gr. 4.)

Der Frage, wer in den verfchiedenen Schriften des
N. T. unter xvgioq zu verliehen fei, näher zu treten, fieht
man fich fchon durch die Tatfache einer weitgehenden