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Ausgabe:

1904

Spalte:

65-68

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Lagrange, Marie-Joseph

Titel/Untertitel:

Études sur les religions sémitiques 1904

Rezensent:

Schwally, Friedrich

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Theologische Literaturzeitung.

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof. in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 3, 6. Februar 1904. 29. Jahrgang.

Lagrange, Etudes sur les religions semitiques ! Bardenhewer, Gefchichte der altchriftlichen

(Schwally). Literatur, 2. Bd. (Harnack).

Weißbach, Babylonifche Miscellen (Meißner), j Hannay, The spirit and otigin of Christian

Rotenberg, Lehrbuch der neufyrifchen Schrift

und Umgangsfprache (Schwally).
Barth, Die Hauptprobleme des Lebens Jefu

2. Aufl. (Holtzmann)

monasticism (Scheel).
Preufchen, Mönchtum und Sarapiskult,2.Ausg.
(Derf).

Harnack, Der pfeudoeyprianifche Traktat De

Herner, Die Anwendung des Wortes xvQiot; i singularitate clericorum u. s. w. [Texte und

im Neuen Teflament (Holtzmann).
Sokolowski, Die Begriffe Geift und Leben
bei Paulus in ihren Beziehungen zu einander
1 Holtzmann).

Unterfuchungen, N. F. IX, 3] (v. d. Goltz]
Bright, The age of the fathnrs (Krüger).
Srawley, The catechetical oration of Gregory
of Nyssa (Krüger).

Sanders, Etudes sur Saint Jerome (Grützmacher
).

Schwalb, Religion ohne Wunder und Offenbarung
(Lobflein).

Thieme, Der Offenbarungsglaube im Streit
über Babel und Bibel (Lobflein).

Stalker, Jefus Chriftus unfer Vorbild, 3. Aufl.
(Lobflein).

Stalker, Die Chriftologie Jefu oder Was fagt
Jefus Chriftus über fleh Selbft? (Derf.).

Ecklin, Erlüfung und Vcrföhnung (Nielier-
gall).

Lagrange, P. Marie-Jofeph, Etudes sur les religions , an die Götter des Pantheons, während der Menfch fich
semitiques. Etudes bibliques.) Paris 1903, V. Lecoffre. ! an ienen höchften Herrn der Welt gar nicht heranwagt.
(XII axo 8) ! Sehr originell ift die Art, wie L. gewiffe Erfcheinungen ■

> 43 P- gr- •) | jn feiner Kirche hierzu in Parallele ftellt: ,Dans la rcligmn

Pere Lagrange, der fich fchon als Epigraph und Be- j catholique qui fait une large part h cc sentiment, qui
gründer der Jttcole biblique in Jerufalem einen Namen j admet un Mediateur et Pintercession des saints, il faut que
gemacht hat, veröffentlicht in diefem flattlichen Bande ; Pautorite lutte sans cesse contre la tendance qui frustrerait
eine Reihe von Studien über die femitifchen Religionen. le Createur du culte qui liest dii qiia luP (S. 25). Wie
Die Vorrede bemerkt, daß ungefähr ein Viertel diefer jft aber. fragen wir verwundert, jenes geheimnisvolle
Studien bereits früher in der Revue biblique erfchienen monotheiftifche Bewußfein entftanden? Auch hierauf erbt
, vergißt aber bedauerlicher Weife genauere Angaben, halten wir eine Antwort: ,Le germe de cettc idee a ete
Den Ideengang des Verf. zu skizzieren ift nicht leicht, depose par Dieu lui-meme dans le coeur de l'/iomme'
da er den Stoff nicht immer klar disponiert und die Ge- (S. 26). Man wird mir zugeben, daß diefe Methode
danken nicht überall klar formuliert hat. Die lndroduc- i wiffenfchaftlich durchaus unzuläfüg ift. — Hinffchtlich
tion, Les origincs de la religwn et de la bilde, S. 1—49. ' der femitifchen Götter und Göttinnen (Kap. II. III S 70
bekämpft die Theorie der evolutioniftifchen Schule, daß | bis 139) fcheint mir eine der wichtigften Fragen noch
fich der Monotheismus aus dem Polytheismus entwickelt ; immer die zu fein, ob die Geftalt der Aftarte der femi-
habe, wie der Polytheismus aus dem Polydämonismus. | tifchen Urzeit angehört. Ihre Beantwortung hängt von
Der letztere hat nur mit Magie und Zauberei zu tun, ; den Urfprüngen der füdarabifchen Kultur ab So lange
nur auf der Stufe des Polytheismus kann von Ausübung diefe nicht aufgehellt find, läßt fich über inn? nichts
einer Religion gefprochen werden. ,Lorsqii on rcconnaissait Begründetes fagen. Ich neige allerdings der Annahme
a Pesprit,quils'agit d'unmortoude Pageufd'un plienomene, j ZU) daß Baal wie 'Athtar nicht genuin arabifch find
la puissance, la bonte, la justice, dans une large viesure, und es sind mir neuerdings aus den füdarabifchen

lorsque le culte etait public et Pattitude respectuense, Pesprit
etait un dieu et les hommages qu'on lui rendait, une religion.
Mais s'il s'agissait d'un esprit anonyme, plus redoute
qu'aime, on cssayait de le tenir a sa discretion en exploitant
ses appetits et ses defauts; on se contentait de la magie
(S. 27). An diefer, übrigens keineswegs neuen Beobachtung
ift wohl etwas Richtiges, aber in der hier vorDialekten
Worte und Wendungen zur Kenntnis gekommen
, die aus Babylonien eingewandert fein muffen. —
S. 79 f. wird, ohne Zufügung neuer Argumente, die
bekannte Theorie Lagardes wiederholt, daß el ,Gott'
urfprünglich, le terme, le but des desirs humains1 bedeute
und mit der Präpofition b« ,zu — hin' zufammenhänge.

achtung Ut wohl etwas Richtiges, aber in der hier vor- Diefe Etymologie ift aber fchon allein deswegen abfurd
getragenen Verallgemeinerung ift fie falfch. Lagrange ; weil jn ein uraltes Volkswort und kein philofophifcher
glaubt nun zwifchen Polyth. und Polyd. eine fo tiefe Kluft Terminus ift. — In dem kleinen Abfchnitt über Unreinheit
konftatiert zu haben, daß es niemand mehr einfallen ; (S. 140—157) wendet er fich mit Recht gegen die mecha-
könne, weder den Polyth. aus dem Polyd., noch diefen nifche und kurzfichtige Weife, nach der diefe Materie in den
aus jenem herzuleiten, vielmehr fei eine parallele Ent- ; meiften Handbüchern behandelt wird und macht fehr
wickelung anzunehmen. Als Beweis dafür hätte eretwanoch intereffante Beobachtungen über die Art, wie vorfichtige
anführen können, daß in allen polytheiftifchen und fogar Äußerungen großer Forfcher von ihren Anhängern ver-
monotheiflifchen Religionen bis auf den heutigen Tag gröbert werden. Ich bin felbft fchon lange der Über-
polydämoniftifche Unterftrömungen vorhanden find. In ; zeugung, daß die Vorftellungen von der Unreinheit o-e-
Wahrheit find beide Religionsformen nicht prinzipiell j wiffer Tiere keineswegs immer ihren Grund in Bedenken
verfchieden, fondern äußerft nahe ftehende Stufen der- religiöfer Natur haben, fondern daß auch andere Motive
felben Leiter. 1 von Einfluß fein können, z. B. Schädlichkeit oder Un-

Da L. auch das Hervorgehen des Monotheismus aus fchmackhaftigkeit des Fleifches, phyfiologifch begründeter
dem Polyth. leugnet, fo ift er wiederum verpflichtet, eine ' Wiederwillen gegen gewiffe Tiere, Nichtvorkommen im
andere Löfung des Problems anzugeben. Und er ent- j Land und fchließlich Analogielchlüffe der Geletzesfchrift-
zieht fich dem nicht. Im Hintergrunde aller polytheis- I fteller. Aber ich halte ebenfo beftimmt gegen Lagrange
tifchen Kulte — fo ungefähr führt er S. 24 aus — fteht : daran feft. daß die Idee des Speifeverbots urfprünglich
ein mehr oder weniger klares Bewußtfein von der Exiftenz : von der Religion ausgeht, und daß die meiften Speifeeines
höchften Wefens. Opfer und Gebet richten fleh | verböte tatfächlich einen von Haufe aus religiöfen Grund
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