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Ausgabe:

1904 Nr. 24

Spalte:

664-665

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haußleiter, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Universität Wittenberg vor dem Eintritt Luthers. Nach der Schilderung des Mag. Andreas Meinhardi vom Jahre 1507 1904

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 24.

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lieh bemerken wir an den Erzeugniffen der koptiiehen
Kunft deutlich fyrifchen Einfluß, befonders an der
Ornamentierung. Wir verdanken ihm vor allem die
Wedelranken (S. 44 fr.). Der weiche Sandftein Ägyptens
hat übrigens die Kopten gerade auf diefem Gebiete angeregt
, Behenderes zu wagen, durch ftärkere Tiefen wirkungsvollere
Gegenfätze zu fchaffen; und wir muffen
geftehen, daß fie diefes Gefchenk ihrer Heimat mit gutem
Erfolge fleh zu nutze gemacht haben.

Strzygowski hat durch feine Feftftellungen über den
zufammengefetzten Charakter der koptifchen Kunft unfere
gefchichtlichen Kenntniffe wefentlich bereichert. Wir
verdanken ihm einen wertvollen Einblick in die Mifchung
der orientalifchen Nationalitäten und ihre Verbindungen
mit dem Hellenismus um die Wende unterer Zeitrechnung
. Es kann das Verftändnis diefer wichtigen Er-
fcheinungen nur fördern, wenn fie öfter als bisher vom
Standpunkte der allgemeinen Kultur aus betrachtet werden
. Auf was für wunderbare Überlieferungsketten man
hier gefaßt fein muß, zeigt Strzygowski S. XVIII f. an
einem fehr lehrreichen Beifpiel: die Anaftafisbilder der
Byzantiner haben fleh unter Vermittlung der Juden aus
einer altägyptifchen Vorftellung entwickelt, die wir zu-
erft in dem demotifchen Romane des IIa -ern-ucse nachweifen
können!

Wer den Katalog Strzygowskis durchblättert mit
dem Wunfche, Schönheiten der Kunft zu entdecken, wird
fich vermutlich bitter enttäufcht fühlen. Solch prächtige
Stücke, wie die Rundgiebel, die Wedelranken, die
Kapitelle, find doch flark in der Minderheit. Aber es
wäre ungerecht, würden wir die Kopten etwa mit den
Griechen der klaffifchen Zeit vergleichen. Sie find in
erfter Linie Schüler der alten Ägypter und wollen ihren
altägyptifchen Vorfahren zur Seite geftellt fein, deren
Technik fie weiter überlieferten. Erfüllt man ihnen diefen
billigen Wunfeh, fo ergibt fich klar: fie haben von Hellenen
und namentlich von den Syrern nicht weniges
gelernt, das fie wirklich bereicherte. Manches Werk von
koptifcher Hand darf felbft den vielgerühmten Denkmälern
des Alten Reiches getroft gegenüber treten; wie
viel mehr erft den Erzeugniffen etwa der ptolemäifchen Zeit!

Die weltgefchichtliche Bedeutung der koptifchen
Kunft beruht freilich nicht auf den wenigen
klaffifchen Stücken, die fie gefchaffen hat, oder auf ihrem
unmißverfländlichen Zeugniffe für die Völkerver-
fchlingungen des helleniftifchen Morgenlandes. Sie liegt
vielmehr darin, daß fie zufammen mit der fyrifchen und
kleinafiatifchen Kunft an der Wiege der romanifchen
Kunft des Mittelalters geftanden hat. Diefe Erkenntnis
, die wir früheren Arbeiten Strzygowskis verdanken
, erhält durch fein neueftes Werk viele glänzende
Beftätigungen. Der Verfaffer hat an verfchiedenen
Stellen des Kataloges diefen Tatbeftand angedeutet.
Selbft auf fo rätfelhafte Gebilde, wie die einander umarmenden
Krieger von S. Marco in Venedig (S. 7), werfen
die koptifchen Kunftdenkmäler helles Licht. Es wird
keiner an Strzygowskis Katalog vorübergehen dürfen,
der fich mit den Anfängen der mittelalterlichen Kunst
befchäftigt.

Daß der Erforfcher der chrifUichen Archäologie in
dem Buche vieles Wertvolle finden wird, braucht kaum
gefagt zu werden. Ich verweife auf die Kreuze S. 99 f.
137 ff. 304 ff., die chriftlichen Reliefs S. 104 ff., die Holzbilder
S. 115 f., die Menaflafchen S. 223 ff, befonders
aber auf den filbernen Kirchenfchatz von Lukfor
S. 340 ff. Haußleiter, Prof D. Dr. Joh., Die Universität Wittenberg

Es ift zu bedauern, daß das Mufeum von Kairo für ; vor dem Eintritt Luthers. Nach der Schilderung des
koptifche Kunft (wie für alles Koptifche) fo wenig In- [ Mag. Andreas Mcinhardi vom Jahre 1507. 2. Abdr

£ü v* SAVrerfe5W°hugfere Aufmeridam- ' . Textbeilagen. Leipzig 1903, Deicherts Nachf.

keft. Es handelt fich doch nicht darum, die Toten- & * °'

grüfte eines längft verfchollenen Volkes wieder zu öffnen, B5» b- M- 160

die in einem Winkel der Erde verdeckt liegen. Es gilt Bei den Vorftudien zu feinem ,Melanchthon-Kompen-

vielmehr, eine der Quellen unferer mitteleuropäifchen dium' (vgl. diefe Ztfchr. 1903 Nr. 20) fließ Haußleiter

Kultur auszufchachten. Hoffentlich erhalten wir bald
ähnliche Veröffentlichungen anderer koptifcher Sammlungen
, die die Lücken der Kairiner ausfüllen. Strzygowski
aber gebührt unfer lebhaftefter Dank, daß er uns
einen fo fchönen Führer durch ein bis jetzt recht ftief-
mütterlich behandeltes Gebiet gefchenkt hat.

Dresden-N. J. Leipoldt.

Ohr, Dr. Wilhelm, Die Kaiserkrönung Karls des Grossen.

Eine kritifche Studie. Tübingen 1904, J. C. B. Mohr.
(XI, 155 S. gr. 8.) M. 3.60

Ein Buch von 150 Seiten über die Kaiferkrönung
Karls des Großen — das ift fchon an und für fich eine
Tat. Hat der Verfaffer etwa neue Quellen erfchloffen,
die ein helles Licht über den rätfelhaften Vorgang verbreiten
? Mit nichten! Er gibt nur eine kritifche Überficht
über die bisherigen Deutungsverfuche und präfen-
tiert zum Schluffe eine neue Hypothefe: die Ovationstheorie
. Zunächft beweift er von neuem gegen Sickel
und Kleinclauß, daß Karl der Große nicht zum Kaifer
gewählt worden ift. Dies ift das Hauptftück und Haupt-
verdienft des Buches. Weiter beweift Verf., daß das
Kaiferprojekt nicht von Karl ausgegangen, aber auch
nicht von der öffentlichen Meinung oder von Alkuin
dem Könige fuggeriert worden ift, fondern daß man mit
der Überlieferung die Urheber der Krönung in Leo III.
und feinen Freunden zu erblicken habe. Aber wie ift
Leo III. auf dies merkwürdige Projekt gekommen? Verf.
ftellt zunächft feft, daß Leo kein Recht hatte, Karl den
neuen Titel beizulegen: er hat eben einfach ,darauf los
demonftriert'. Die Annahme, daß Leo durch die Krönung
ein für allemal die Verleihung der höchften Würde
an den apoftolifchen Stuhl habe bringen wollen, hält
Verf. keiner Widerlegung für würdig. Etwas länger hält
er fich bei der Blutbanntheorie auf, wonach Leo Karl
krönte, um die Verurteilung der römifchen Aufftändifchen
als Majeftätsverbrecher zu ermöglichen. Denn dazu war
nicht der fränkifche König, fondern nur der römifche
Kaifer befugt. Ohr erklärt auch diefe ,papierene' Theorie
für unbewiefen und unmöglich. Seiner Meinung nach
war Leos Motiv lediglich Dankbarkeit. Die Krönung
war eine gut gemeinte, in ihren Konfequenzen nicht
erwogene Ovation. Karl war über diefe Ovation fo
wenig erbaut, weil derartiger ,Klimbim feiner einfachen
Natur wideiftrebte'. Die Kaiferkrönung Karls — das ift
alfo das Refultat des Buches — war ein völlig unpolitischer
Akt, der freilich fehr bedeutende politische Konfequenzen
nach fich zog.

Der Verfaffer schreibt, wie man in Sachfen fagt,
einen forfchen, ja nicht feiten allzuforschen Stil. Seine
Darlegungen halte ich für richtig bis auf die letzten
30 Seiten. Die Erörterung der Blutbanntheorie hat er
fich doch gar zu leicht gemacht. Die wichtigfte Beweis-
ftelle, Vita Hadriani S. 14 f., hat er überhaupt keines
Blickes gewürdigt. Seine eigene Hypothefe verdient jedenfalls
vor diefer Hypothefe nicht den Vorzug. Denn
fie laßt gerade das punctum litis im Dunkeln: das Motiv,
welches Leo veranlaßte, für feine Ovation die Form
der Kaiferkrönung, zu wählen. Die .Blutbanntheorie'
vermag dies ausreichend zu erklären. Äber auch fie ift
natürlich nur Hypothefe.

Bonn. H. Boehmer.