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Ausgabe:

1904 Nr. 2

Spalte:

38-40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Haupt, Paul (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

The Books of Ezra and Nehemiah 1904

Rezensent:

Budde, Karl

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 2.

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der PerfÖnlichkeit, die diefe Lieder gefungen hat. Und
dazu tut die Art der Uberfetzung das ihre. Duhm fagt
im Vorworte, er habe nicht ,poetifch verfchönern' wollen:
es bedurfte deffen angefichts der Verfe, die er von
Jeremia ableitet, auch nicht: fie find Poefie, und ihr Ver-
faffer ift Dichter von ,Gottes Gnaden' (Komm. S. 47).
Immerhin lieft fich die Überfetzung fehr viel glatter als
der z. T. ftark verdorbene Urtext —, und das gilt vor
Allem in Bezug auf das Metrum, das, wie fchon im Titel
gefagt ift, in der Überfetzung wiedergegeben werden foll.
Wer dem ftillen Fluß der deutfchen Vierzeiler mit ihren
regelrecht abwechfelnden 3 und 2 Hebungen genießend
folgt, der bekommt freilich keine Ahnung, wie oft in der
Urfchrift diefes Versmaß verfchüttet oder zum minderten
fchwer erkennbar geworden ift. Ich nenne nur Einiges.
2, 28: Ja, wo find denn die Götter, || Die du dir befchafft
hart? = *(s rfttS Itj» II Trf-X n*«1). Man hat Mühe aus
der erften hebräifchen Zeile eine Hebung mehr herauszuhören
, als aus der zweiten, zumal wenn man mit Duhm
Tprfbti lefen will (Komm. z. St.); dagegen 5, 4: Ich dachte:
nur die Niedren || Sind fo verkommen = iji? ''ZTYas 15*]
?bi<r: " ="'s~ Nach dem Komm, lieft Duhm i^Wl und
läßt'den zweiten Stichos mit T[K beginnen, fo daß auf
die letzten 4 Worte zufammen nur 2 Hebungen fallen!
Vgl. weiter 8, 9: Ift CttSH um eine Hebung länger

als -rn? 15,20: rpbV l'anbS'l (1- = 3 Hebungen?

23, u: b*32 = 3 Hebungen? Eür 20, u-is gibt

Duhm die Schwierigkeit, das Metrum herauszulefen, felbft
zu, indem er fogar die Vermutung aufwirft, es könnte
das Gedicht von Jeremia felber nicht ganz ausgearbeitet
und geglättet worden fein (Komm. S. 166). Natürlich
hilft dem Metrum öfter eine kleine Konjektur auf (z. B.
5, 10: Wrn'C" für "rntth = 2 Hebungen), von der Rekon-
ftruktion größerer verdorbener Stellen wie Ii, ia zu
fchweigen; oder es fallen ihm zu liebe Worte und Stichen
aus, die an fich fchwerlich beanftandet worden wären
(vgl. z. B. 6, 1 22, 13). —■ Eine größere Bewegungsfreiheit
in der deutfchen Wiedergabe des Metrums hat Duhm
übrigens dadurch gewonnen, daß er, mit vollem Recht,
wie mir fcheint, nicht jeder einzelgenommenen Zeile des
Urtextes fondern je 2 Zeilen zufammen feine Überfetzung
entfprechen läßt. Z. B. alfo 8 17: Ja wißt, ich will Bafi-
lisken || Auf euch entfenden = 033 nb»z3 13517 ^ l|
3133SS 3"Bn:; vgl. oben 5, i, weiter 6, 24 9,2 23, u etc.

Auch im Ausdruck hat Duhm doch öfter der wörtlichen
Wiedergabe eine glattere Wendung vorgezogen,
fo daß man in manchen Fällen von ziemlich freier
Überfetzung fprechen kann. Vgl. z. B. 2, >-,: Halt an!
du verlierft die Schuhe || Dir lechzt die Kehle =
nsttsr tj:"v |i Jinja sjijyi yjje; 6, 11: auf fröhliche
Jugend = =-7>na Ti"6 3?; ij, 10:' daß ich lebe = 1347131 13;
terner 9 9 12 <i '15 i6 22 13 31 i»; 30 20 (nicht jerem.j'u. a.
— Nicht recht deutlich ift mir geworden, nach welchem
Prinzip Duhm in der Aufnahme der von ihm als Zufätze
erkannten Worte in die Überfetzung verfahren ift, und
zwar in den jeremianifchen Stücken fowohl wie anderwärts
. Ich weiß z. B. nicht, warum er diefe Gloffen,
Varianten etc. in 2 23. 25 14 6 (Qi?Fi3) 18 20 21 4 25 so. 37b
31 11» 32 11 46 22 47 3 (VbabS ffti$ einfach ausläßt, während
er andere, z. B. in 2 19.26.28.31 3 20.24 etc., in der Überfetzung
wiedergibt. Nicht als ob man fie fo fchwer
vermißte! Den Genuß der Lektüre hätten fie ficherlich
nicht erhöht; fie hätten aber auch in weniger Hörender
Form z. B. unten nachgetragen werden können, und
jedenfalls hätte ihre Aufnahme dazu gedient, dem Lefer,
zumal dem Nichtfachmann, ein noch eindrucksvolleres
Bild vom gegenwärtigen Zuftand unferer biblifchen Texte
zu liefern, deffen ganze Mangelhaftigkeit fonft gerade der
Überfetzer rückhaltlofer als irgend jemand aufgedeckt '
hat (vgl. namentlich Komm. S. 69. 144). — Eine kleine !
Abweichung der Überfetzung vom Kommentar finde ich !
darin, daß 20 u als unecht, 27 12 im Baruchbuche dagegen

z. T. als echt behandelt wird (vgl. ebendort ferner die
Umftellung von 34 7). Es würde zu weit führen, auf die
meift fchon textkritifch recht unfichern Stellen (wie z. B.
6 27 ff.), über deren Wiedergabe man abweichender Meinung
fein könnte, einzugehen.

Über die anderen Teile der Überfetzung kann ich
mich kurz faffen. Die Stücke aus Baruchs Lebensbe-
fchreibung des Propheten (hauptfächlich in Kap. 26—45)
find ebenfalls in altdeutfchen Lettern wiedergegeben. Für
das Gros der Ergänzer befchränkt fich Duhm auf die
gewöhnliche Druckfchrift, für Gloffen und Einfchaltungen
fowie für das Mehr des hebr. Textes gegenüber dem
griechifchen auf kleine Schrift, hier zuweilen durch eingerückten
oder kompreffen Satz nachhelfend; in lateinifcher
erfcheint der einzige Vers 10 n, ,eine aramäifche Be-
fchwörungsformel, mit der die fpäteren Juden die böfen
Geifterin der Luft, die Sternfehnuppen, Meteore, Kometen
und dgl. unfehädlich machten' (S. XXVIII). Der Abftand
diefer fekundären Stücke wirkt oft auch durch die Überfetzung
hindurch mit verblüffender Stärke. Ich rede
davon am Bellen in Duhms eigenen Worten (zu 16 9
Komm. S. 140): ,Wenn uns Jeremia fo packt, daß feine
Zeit für uns Gegenwart wird, daß wir mit ihm fchaudern
und uns ängftigen, macht uns fein Ergänzer plötzlich
klar, daß es fich ja eigentlich um längft vergangene Dinge
handelt und um Menfchen, die ihre gebührende Strafe
vor fo und fo viel hundert Jahren empfangen haben'.

Nur eine Einzelheit zur Überfetzung: 51 32 lieft man
noch in der Kautzfch-Bibel nach der traditionellen Erklärung
von a5it, daß man ,die Sümpfe ausgebrannt habe'.
Duhm überfetzf ftatt deffen in dem fehr richtigen Gefühl
j der Unzuläffigkeit eines folchen Ausdruckes: ,daß man
! die Schanzen mit Feuer verbrannte'. Er fchreibt für
niTaS« das nachbiblifche Diaa (S. 371 des Komm.). Die
Überfetzung trifft das Richtige, ohne daß die Konjektur
nötig wäre; denn wie J. Barth in feinen Wurzelunter-
fuchungen zum hebr. und aram. Lexikon gezeigt hat,

~ s > * . '

entfpricht ai72JS< arabifchem pla-t (sing, ps.!) = ,Burgen'.

— Ein Fehler hat fich in die Versnummerierung von
4623—26 eingefchlichen; daß 46 27 f. = 30 10 f., fehlt.

Befonders dankenswert noch ift die Einleitung (S.
V—XXXIV), die in prägnanter Kürze und doch mit
unmittelbar lebendiger Kraft die gefchichtliche Situation,
das Leben und die fchriftftellerifche Tätigkeit Jeremias
fkizziert und über die zeitliche Abfolge feiner Gedichte,
fein Leben von Baruch, fowie die jüngeren Beftandteile
feines Buches orientiert.

Ich wünfehe der Duhm'fchen Überfetzung viele Lefer
über den Kreis der Fachgelehrten hinaus, wie innerhalb
diefes Kreifes. Es ift ein eigenartiges Erlebnis, fich der
Wirkung des alten Prophetenwortes hinzugeben, wie es
uns aus der Werkftätte eines modernen Überfetzers entgegentritt
,coc dia jcvQÖq'.

Bafel. Alfred Bert hol et.

The Books of Ezra and Nehemiah. Critical edition of the
Hebrew text. With Notes by Prof. D.D. Hermann
Guthe. English translation of the notes by B. W.
Bacon, D.D., and D. B. Macdonald, B. D. With ad-
ditions by Rect. Prof. L. W. Batten, Ph. D. (The
sacred Books of the Old Teftament. A critical edition
of the Hebrew text, printed in colors, with notes
prepared by eminent Biblical fcholars of Europe and
America, under the editorial direction of Prof. Paul
Haupt. Part 19.) Leipzig 1901J. C. Hinrichs'fcheBuchhandlung
. (72 S. gr. Lex. 8.) M. 6.—; geb. M. 7.50

Diefe Abteilung der Haupt'fchen Bibel hat ihre be-
fondere Gefchichte, die uns der Herausgeber auf S. 56
erzählt. Das Buch war Ende 1896 fertig gedruckt,