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Ausgabe:

1904 Nr. 20

Spalte:

559-560

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Belser, Johannes

Titel/Untertitel:

Die Geschichte des Leidens und Sterbens, der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn 1904

Rezensent:

Hollmann, Georg

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 20.

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jüd. Volkes III, 3. Aufl. S. 159) nicht aufrecht erhalten läßt.
Schon die Stellen der LXX find derfelben nicht günftig.
Wenn es Haggai 1, 1 heißt sv xcp dsvxEQm erst erii Aa-
qiov xov ßaOiXEcoq ■ . . syEVEXo X.öyog Kvq'iov sv xeiqX
'Ayyaiov, fo will der griechifche Uberfetzer durch diefe
Wiedergabe des Hebräifchen fchwerlich zum Ausdruck
bringen, daß die Aufzeichnung des Orakels erft nach
dem Tode desDarius erfolgt ifl (dies müßte nach Wilcken
die Vorausfetzung fein). Analog find Haggai 2,1. Sach. 1,7.
7, 1. Für entfcheidend aber halte ich folgende zwei
Daten. 1. Nach I. Makk. 13, 42 pflegte man unter dem
Hohenpriefter Simon die Urkunden in folgender Weife
zu datieren: Exovg jcqcoxov eju Xlpcovoq agyiEgscog psya-
Xov xal OXQCtxrjyov xal qyovfisvov 'lovöcdcov. Da es fich
hier zweifellos um eine Datierung bei Lebzeiten Simons
handelt, könnte der griechifche Uberfetzer feine hebräifche
Vorlage nicht fo wiedergegeben haben, wenn Wilckens
Regel zutreffend wäre. 2. Einige zweifprachige Münzen
des Königs Agrippa II tragen auf der einen Seite das
Datum Im(perator) Caiesar) D(ivi) Ves{pasiani) f{ilius)
Dom{üianus) Au{gustus) Gerfmanicus) Cos. XU, auf der
andern Eni ßaa{iXECoq) Aygiiuiiia sxiovq) xq oder xe (Mad-
den, Coins of the Jews 1881 p. 157 sq.). Diefe Münzen
find doch ficher bei Lebzeiten Agrippas geprägt. Es
ergibt fich alfo, daß die fragliche Formel fowohl vom
lebenden wie vom verdorbenen Fürften gebraucht worden
ift.

Göttingen. E. Schür er.

Belser, Prof. Dr. Johannes, Die Geschichte des Leidens und
Sterbens, der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn.

Nach den vier Evangelien ausgelegt. Freiburg i. B. 1903,
Herder. (VIII, 524 S. gr. 8.) M. 8.— ; geb. M. 10.—

Nach einer kurzen Einleitung behandelt ein erfter
Teil die Vorgefchichte des Leidens (S. 3—123) d. h. die
Periode von der förmlichen Befchlußfaffung des Syne-
driums über Jefu Tötung (nach Joh. II, 45-57) bis zum
Ende der großen efchatologifchen Rede (Mt. 25, 31—43).
Der zweite Teil bringt die Leidensgefchichte im engeren
Sinne (S. 124—453) von dem Befchluß des Synedriums
über Jefu Ergreifung am 12. Nifan (Mt. 26, 1—5) bis zur
Grabeswache (Mt. 27, 02-G6) und zwar in fünf Abfchnitten
(Befchluß des Synedriums und Abendmahl; Vorgänge am
Ölberg; Verfahren vor dem jüdifchen Synedrium; vor
der römifch-ftaatlichen Behörde; Leidensweg, Tod und
Begräbnis). Der dritte Teil behandelt in zwei Abfchnitten
Auferftehung, Erfcheinungen des Auferftandenen und
Himmelfahrt (S. 454—516). Schriftflellerverzeichnis und
Regifter find beigegeben.

Das Werk ifl ein Produkt derjenigen Harmoniftik,
ohne die Schriftforfchung in der katholifchen Kirche
nicht exiftieren kann. Der Autor bringt es wirklich fertig
, für das behandelte Gebiet und über dasfelbe hinaus
nicht nur die Synoptiker untereinander in Einklang zu
bringen, fondern auch diefe mit Johannes. Der letzte
Kanon für den Verf. findet fich S. 317 in dem Satze: ,Da
ein und derfelbe heilige Geift den Matthäus und Lukas
beim Niederfchreiben ihrer Denkwürdigkeiten infpiriert
und geleitet hat, fo ift die Annahme einer widerfpruchs-
vollen Darfteilung ausgefchloffen' (cf. auch S. 469 Änra. 6,
S. 172 Anm. 4). Die konfequente Folgerung ift dann,
,daß Zweifel und Bedenken gegenüber der Glaubwürdigkeit
der evangelifchen Berichterftattung lediglich der
Mangelhaftigkeit unferer Einficht entfpringen' (S. 388).
Für den Exegeten ergibt fich dann als erfte Pflicht:
Harmonifierung der verfchiedenen Berichte ä tout prix.
Nur einige Beifpiele aus dem reichen Material, um zu
zeigen, was hier geleiftet wird! Wenn nach Mc.—Mt. die
Jünger angewiefen werden nach Galiläa zu gehen, um
dort den Auferftandenen zu fchauen, nach Lc.—Joh. die
erften Erfcheinungen in Jerufalem ftattfanden, fo ift das

einfach fo zu vereinigen, die Jünger ,fanden .... nicht
den Mut, nach Galiläa abzureifen' (! S. 481), blieben vielmehr
in Jerufalem und erhielten auf ihre .flehentliche
Bitte' fchon dort Erfcheinungen. Nach 8 Tagen reiften
fie dann ab. Der Widerfpruch zwifchen Mt. 27, 44 Mc. 15, 32
und Lc. 23, 39f. wird fo befeitigt, daß auch der rechte
Schächer zunächft fpottete, dann aber nüchtern wurde
und feinen Sinn vollftändig änderte. Zu Mc. 13, 32 findet
fich folgende klaffifche Interpretation: ,Der Sohn weiß,
eben als Sohn Gottes, allerdings von Tag und Stunde
der Parufie, allein er weiß davon nicht in dem Sinne, daß
er den Menfchen davon Kunde vermittelt' (S. 99). Wie
wenig fich in Wirklichkeit Harmonie herftellen läßt, zeigt
der Autor felbft trotz aller Kunft, indem er gelegentlich
Berichte als ,fummarifch und chronologifch ungenau' bezeichnet
(S. 461; cf. auch S. 393, etc.), fogar bei Mt.
24, 15—22 von einem Irrtum der Apoftel (bricht —■ natürlich
war es ,nur ein chronologifcher, nicht dogmatifcher'
(S. 106) — und ,eine Ausgleichung der Differenz zwifchen
Mt.—Mc. einer- und Lc. andrerfeits inbetreff des Ortes
der Blindenheilung . . . für unmöglich' hält (S. 17, Ab-
fchwächung S. 18 Anm. 4 Schluß). Gelegentlich werden
zur Herftellung der Harmonie, wenn es nicht anders geht,
die im übrigen fo perhorreszierten kritifchen Mittel gebraucht
, cf. die Streichung von dvaxtiXavxoq xov tjXiov
Mc. 16, 2 S. 457 und 465; fonft bliebe ja der Widerfpruch,
,und diefer ift dem Evangeliften nicht zuzutrauen' (S. 465).
Die Frage, weshalb die Evangeliften fo unvollftändige
und einfeitige Berichte gegeben haben, daß immer nur
durch mühfelige lneinanderfchiebung der verfchiedenen
Erzählungen der wirkliche Vorgang zu erkennen ift, wird
durch die Tendenzen der Verf. beantwortet, wobei namentlich
bei Johannes in ausgiebigfter Weife von der Tendenz
der Ergänzung und Berichtigung der Synoptiker Gebrauch
gemacht wird. Was dabei herauskommt, zeigt befonders
deutlich die Behandlung der Erfcheinungen des Auferftandenen
. Für die Reife der in dem Werk deponierten
theologifchen Erkenntnis weife ich z. B. darauf hin, daß
Mc. um 44 (S. 61) Mt. um 41—42 (S. 67) angefetzt wird;
man vgl. auch die Allegorifierung von Gleichniffen S. U4ff.,
Jefu Stellung zum Gefetz S. 138 und 155, das über die
Euchariftie Gefügte (S. 37, 39. Jefus hat beim Abendmahl
,nicht totes, rohes und materielles Fleifch' gegeben, ,fondern
vom göttlichen Geift erfülltes, lebendiges, verklärtes
Fleifch' S. 39). S. 278 wird fogar von der .erprobten,
einzigen Genauigkeit und Zuverläffigkeit der gefchicht-
lichen Daten des vierten Evangeliums' gefprochen. Naiv
ift die Bemerkung über Mc. 16, off.: ,es wird an der Zeit
fein, die Bedenken gegen die Urfprünglichkeit der Schluß-
perikope und die Abfaffung durch Mc. felbft aufzugeben'
(S. 504). Dies Wenige aus der reichen Fülle des von
mir gefammelten Materials wird jedermann genügen. Zur
Freude an dem mannigfach Richtigen, was das Werk
enthält (z. B. von Hauptpunkten: einjährige Wirkfamkeit
Jefu, 15. Nifan als Todestag) kann man infolge der har-
moniftifchen Grundtendenz nicht kommen.

Die Benutzung der Literatur ift eine fehr einfeitige.
Während z. B. Nebe, diefer ,durch und durch nüchterne
und pofitiv gläubige Forfcher' (S. 370) ftark herangezogen
wird, ift der befte Kommentar zur Leidensgefchichte,
Brandts evangelifche Gefchichte, nur ganz fpärlich erwähnt
, gefchweige denn daß eine wirkliche Auseinander-
fetzung mit ihm ftattfände. Das Werk leidet an einer
außerordentlichen Breite. Namentlich in den Anmerkungen
findet fich eine Menge von Wiederholungen des
fchon im Text Gefagten, die fehr gut hätten vermieden
werden können. Der kleine Druck der umfangreichen
Anmerkungen ift eine höchft unberechtigte Zumutung an
das Auge des Lefers.

Halle a. S. Georg Hollmann.