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Ausgabe:

1904 Nr. 19

Spalte:

538-541

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thimme, Karl

Titel/Untertitel:

Luthers Stellung zur Heiligen Schrift 1904

Rezensent:

Köhler, Walther

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 19.

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verbanden fein wird. Ich hebe beifpielsweife Folgendes
heraus. Wo hat Harnack getagt oder Anlaß zu dem
Mißverßändnis gegeben, daß ,die chriftliche Glaubenslehre
ein hellenifiertes Evangelium' fei (S. 5)? S. 27 lieft
man: ,Als Verfaffer (des Briefes an Diognet) vermutet
man den Philofophen Ariflides zu Athen'. Wer iß ,man'?
Ich habe meine Vermutung längß zurückgenommen; es
bleibt alfo allenfalls Kihn übrig. Wo (S. 90) berück-
fichtigt das Athanafianum die monophyfitifche Irrlehre?
Die philofophifchen Schriften Augußins find wohl feine
früheften, fchwerlich aber ,die am wenigßen bedeutenden
' (S. 147). Daß wir von Firmicus Maternus fo wenig
wiffen, wie der Verfaffer (S. 173) annimmt, iß unrichtig.
Kennt er die Arbeit von Moore? Die areopagitifchen
Schriften wurden nicht ,zuerß' auf dem Religionsgefpräch
zu Konßantinopel 531 (richtiger 533) erwähnt, fondern
viel früher. Auch wird ihre Heimat mit .Syrien oder
Ägypten' nicht richtig bezeichnet. Wenigßens iß mir
kein ßichhaltiges Argument für Ägypten gegenwärtig.
Das Chronicon pa schale reicht bis 629, nicht 630 (S. 193).
Der Abfchnitt über Mofes von Chorene (S. 194b) iß
nach Conybeares Unterfuchungen umzufchreiben. Druckfehler
habe ich außer dem unvermeidlichen ,Origines'
(S. 50) nicht bemerkt.

Gießen. G. Krüger.

Köhler, Priv.Dpz. Lic. Dr. W., Luthers 95 Thesen samt
seinen Resolutionen, fowie den Gegenfchriften von Wim-
pina-Tetzel, Eck und Prierias und den Antworten
Luthers darauf. Kritifche Ausgabe mit kurzen Erläuterungen
. Leipzig 1903, J. C. Hinrichs'fche Buchh.
(VII, 211 S. gr. 8.) M. 3.-

In der Vorrede zu feinen .Dokumenten zum Ablaß-
ftreit von 1517' hatte W. Köhler bedauert, daß er nicht
auch die Refolutionen Luthers zu feinen 95 Thefen und
die Gegenfchriften von Lck und Prierias, iondern nur die
95 Thefen und die Gegenthefen von Wimpina-Tetzel geben
konnte. Nachdem aber auch Briegcr in der Anzeige der
ebengenannten Schrift Theol. Litztg. 1903, Nr. 16 auf die
Notwendigkeit einer handlichen Ausgabe diefer Schriften
hingewiefen hatte, iß es K. gelungen, in kurzer Zeit eine
solche Ausgabe zu fchaffen, mit der ficher ein dringendes
Bedürfnis befriedigt wird und zwar nicht nur für
die Seminarübungen, fondern überhaupt für das Verßänd-
nis der 95 Thefen, deren Kenntnis K. mit Recht eine
ailgemein-hißorifche, nicht nur proteßantifche Aufgabe
nennt. Ohne ßete Berückfichtigung der Refolutionen
laffen fich aber Luthers Thefen in ihrem eigentlichen Sinn
nicht verßehen, und man wird diefe ohne die gefchicht-
lichen Vorausfetzungen und ohne die Einwände feiner
Gegner nicht billig beurteilen können.

Die Ausgabe iß wirklich eine kritifche. Allerdings
bietet fie nicht den Text in feinem ganzen Umfang, aber
man kann es nur billigen, daß die zahlreichen Wiederholungen
weggeblieben find und von den Bibelzitaten, fo
weit der Wortlaut nicht unbedingt nötig war, nur die
Stelle angegeben iß. Der Text zeigt gegenüber der
Weimarer kritifchen Gefamtausgabe einen entfchiedenen
Fortfehritt, da Köhler die Ausßellungen von Bneger und
Lenz benützen konnte und für die Resolutwnes und die
Responsio Lutheri die von den Ebengenannten in ihrem
Wert erkannten Drucke C. zu Grunde gelegt hat. Man
darf nur einige Seiten vergleichen, um zu erkennen, wie
der Text gewonnen hat. Hier nur einBeifpiel: In Luthers
Asterisci mußte jedem Lefer der feltfame Ausdruck
magna caritate indutus auffallen. Hier iß ein Bild vorausgefetzt
, das nicht zu Luthers Vorßellungskreis paßte,
der ganz an biblifchen Bildern fich orientierte. Jetzt iß
das unglückliche indutus in imbutus geändert. Unleugbar
iß noch die Härte der Ausdrucks S. 8 Z. 23 : poenitentiam
virtutem tantum dolorem virtutis definis, wenn auch

das Verßändnis durch Heraushebung der Worte dolorem
virtutis erleichtert iß.

Sehr dankenswert iß, was Köhler in den knapp gehaltenen
Anmerkungen an Nachweifen von Zitaten aus
den Kirchenvätern, den Scholaflikern und dem Kirchen-

I recht bietet. Hier lag ja der große Mangel der Weimarer
Gefamtausgabe, daß fie lediglich nichts bot zur Texterklärung
und zur Feßßellung der Zitate, abgefehen von

| den Bibelflellen, wobei freilich die Schwierigkeit der

I Sache und die Übernahme der ganzen Arbeit auf die

j Schultern eines einzigen Mannes zu berückfichtigen iß,
deffen großes Verdienß auch nach Denifles Verdikt un-

j gefchmälert bleibt. Mit großem Genuß hat Ref. die
Quellennachweife durchgefehen, die ein fchönes speeimen

1 eruditionis für den Verfaffer find. Sicher wird es auch
noch gelingen, die nonnulli S. 43, Z. 26, die zwei Hieronymuszitate
S. 153, Z. 12. 198, Z. 5, die Sage vom Ablaßbrief
in der Hölle 154, Z. 18 und das Wort Karls V. S. 184, Z.25:

! ,Quicquid imposuerit (papa), quantumvis grave sit, feren-

I dum est' quellenmäßig zu belegen.

Für den Druck hätte es fich empfohlen, daß die 95

I Thefen, zu denen der übrige Text nur die Erläuterung
bildet, durch Sperrdruck hervorgehoben wären. Die

i Zahlen genügen zu diefem Zweck nicht. Sie heben neben
dem Sperrdruck, der die Resolutiones, die Obelisci Ecks,
die Asterisci, die Thefen Wimpinas und Tetzeis, die Bemerkungen
des Prierias einführt, die grundlegenden Thefen
nicht fcharf genug hervor.

Aber noch einen andern Wunfeh hat Ref. Es drängt
fich jedem Lefer auf, wie Luthers Sprache, fo weit er
fich nicht im Kampf mit der Scholaßik und dem Kirchenrecht
bewegt, eine ßark biblifche Klangfarbe hat, ganz
abgefehen von den förmlichen Zitaten. Aber diefe Eigen-

I art der Diktion Luthers fällt nicht von felbß in die Augen,
befonders bei lateinifchen Texten, wo uns der Wortlaut
der Vulgata nicht immer gegenwärtig iß. Es wäre des-

! wegen nicht nur für den Gebrauch bei Seminarübungen,

| fondern auch für andere Lefer als evangelifche Theologen
wertvoll, wenn diefe biblifchen Anklänge durch kurfive
Schrift kenntlich gemacht würden. Hier nur einige Bei-
fpiele. S. i,Z. 24 Spiritus, non literae 2 Kor. 3, 6. S. 4, Z. 25 ff.
coneupiscentia caruis, superbia vitae, coneupiscentia ocu-
lorum 1 Joh. 2, 16. S. 20, Z. 24 Beatus, si suffert tentationem

I Jac. I, so; Z. 25 orietur sicut lucifer 2 Petr. 1, w; S. 25, Z. 2

j absorberetur tristitia 2 Kor. 2, 7. S. 52, .. dinumerentur omnia
ossa Pf. 22, i8. S. 17, Z. 23 iß Jo. 2, 13 nicht genügend, da
die meißen Lefer die Stelle im Ev. Joh. fuchen werden.

| während Joel gemeint iß.

Die Ausgabe iß ganz geeignet, nicht nur bei Prote-
ßanten, fondern auch bei Katholiken den Eindruck hervorzurufen
, ,wie forgfältig Luther feine Woite gefetzt hat'
(S. VI), aber auch zu zeigen, wie der nach Licht ringende
Mann und feine Gegner fich zu einander verhalten wie
Leben und Formel, wie Religion und Kirchenrecht.

Nabern. G. Boffert.

Thimme, Paß. Karl, Luthers Stellung zur Heiligen Schrift.

Gütersloh 1903, C. Bertelsmann. (104 S. gr. 8.)

M. 1.80; geb. M. 2.40
Daß das viel erörterte, zuletzt von Scheel (vgl. diefe
Zeitg. 1903 Nr. 13) behandelte Thema: Luthers Stellung
zur h. Schrift noch nicht ausgefchöpft fei, ift Thimme
| ohne weiteres zuzugeben (f. fein Vorwort), und damit
1 feine Bearbeitung fchon rein formell gerechtfertigt; fach-
j lieh wird fie es durch eine Anzahl guter Beobachtungen,
i fo gewiß uns andrerfeits manches verfehlt erfcheint.

Nach einer kurzen Einleitung gliedert Verf._ f. fein

I Inhaltsverzeichnis am Schluß, im Texte wird die Glie-
< derung nicht immer deutlich —: 1) Die Heilskraft der
| Schrift. 2) Die Autorität der Schrift. 3) Die Begründung
fubjektiver Gewißheit um die Schrift als Gottes Wort.
I In diefer Dispofition kommt fogleich die zweifellos richtige,

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