Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1904

Spalte:

485-488

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bousset, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Das Wesen der Religion, dargest. an ihrer Geschichte 1904

Rezensent:

Mayer, Emil Walter

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

486

ausfetzungen des Sieges des Chriftentums im römifchen
Reich; Weltverkehr und Kultur in ihren Beziehungen
zur Million; die Zukunft der Heidenmiffion. Daß diefe
teils in der ,Zeitfchrift für Miffionskunde und Religions-
wiffenfchaft'veröffentlichten, teils felbftändig erfchienenen
Unterfuchungen hier geiammelt zum zweiten Mal ihren
Ausgang halten, ift nicht nur als ein Akt der Pietät
gegen den Verftorbenen verftändlich, fondern durch den
Wert der Darbietungen wohl begründet. Denn es find
feinfinnige, aus eingehender Befchäftigung mit den behandelten
Materien hervorgewachfene Arbeiten, die, in
den Jahren 1885 bis 1900 entftanden, noch heute in ihren
prinzipiellen wie ihren gefchichtlichen Ausführungen nicht
geringen Wert befitzen und dem Studium nachdrücklich
empfohlen zu werden verdienen.

Marburg i. Heffen. Carl Mirbt.

Camerer, Dekan a. D. Dr. Theodor, Spinoza und Schleiermacher
. Eine kritifche Löfung des von Spinoza hinter-
laffenen Problems. Stuttgart 1903, J. G. Cotta'fche
Buchh., Nachf. (VI, 179 S. gr. 8.) M. 4.—

Das von Spinoza ungelöft hinterlaffene Problem ift
das der Subftanz, die als eine doch zugleich für die Zwei-
heit der Wirklichkeit in Ausgedehntem und Denkendem
Grund fein foll. Da Spinoza die Subftanz dogmatifch
faffen will, gelingt es ihm nicht, den Dualismus wirklich
zu überwinden, das Problem zu löfen. Die ,atlributa'
bleiben in ihrer Selbftändigkeit und in ihrer Ausfchließ-
lichkeit gegeneinander felber zu fehr substantiae, als dal.?
fie wirklich in der Einheit .Gottes' begriffen werden
können. Schleiermacher löft das Problem, indem er
die Einheit des Idealen und Realen nicht dogmatifch und
rational vollziehbar fetzt, fondern fie im Transzendentalen
fucht und ihre Anerkennung für Wiffen und Wollen
zum nötigen Poftulate, für Fühlen zum unmittelbaren
Inhalte macht. — Das ift der wefentliche Inhalt der
lefenswerten, befonders an Spinozifchem Material fehr
reichen, an Schleiermachcrfchem etwas unzulänglichen
Schrift. Zwar ob man Schleiermachers ,Identität' ernft-
haft als Löfung des Spinozifchen Problems bezeichnen
kann, ift doch fraglich. Schon .Ausdehnung — denken'
und .Reales — Ideales' decken fich nicht eigentlich. Das
Verhältnis beider ift gründlich verfchieden: dort Parallelismus
, hier Wechfelwirkung. Und der Grundgedanke
der Identitätsphilofophie von der Gegenüberftellung des
Idealen und Realen wurde gegenüber der Kantifch-
Fichtefchen Spekulation als eine fo eigentümliche und
neue Erfindung gefchaffen, daß man fich durch die Analogie
der Spinozifchen zwei attributa deren Eigenart
eher verdeckt als erläutert.

Göttingen. R. Otto.

Bousset, Prof. D. Wilhelm, Das Wesen der Religion, dar-
geftellt an ihrer Gefchichte. Halle a. S., Gebauer-
Schwetfchke. (IX, 286 S. gr. 8.) M. 4.— ; geb. M. 5.-

Das Buch enthält acht Vorträge, die im Februar und
März 1903 zu Hannover gehalten worden find und aus-
gefprochenermaßen ein praktifches Ziel verfolgen, das
heißt, apologetifchen Zwecken dienen wollen.

Nach einem kurzen Hinweis auf die Bedeutung der
Religion für das gefamte Geiftesleben und auf die Unmöglichkeit
, ihre Eigenart allein aus der Betrachtung
des Chriftentums zu eruieren, unternimmt die Einleitung
eine Charakteriftik ihres Wefens im allgemeinen. Die
Religion läßt fich am beften durch zwei Merkmale be-
ftimmen, fofern fie einerfeits als Streben nach Leben
und anderfeits als Glaube an Götter, als perfönlicher
Verkehr mit diefen bezeichnet werden muß. Sie fchließt
immer zugleich Gefühle der Furcht und folche des Vertrauens
in fich. Sie ,entzündet fich' da, wo die Grenze

| der dem Menfchen bekannten -und unbekannten Welt
! liegt.

Auf die Frage, wo wir am beften die empirifch

' irgendwie zugänglichen Anfänge der Religion ftudieren
können, antwortet der zweite Vortrag: bei den Naturvölkern
. Denn deren Leben bietet uns zwar kein ad-

j äquates, aber doch das relativ befte Bild der Zuftände
innerhalb der älteften Menfchheit. Und fo wird denn
zunächft der Kult der ,Wilden' befchrieben. Fetifchismus,
verbunden mit Zauberei, Ahnen- und Totenverehrung

! find die wichtigften Formen, die fich auf der Grundlage
fies Animismus erheben. Die Religion, die durchaus
.Privatfache' ift, richtet fich auf untergeordnete Geifter.
Moralifche Elemente fehlen. Sinnliche Güter werden
erftrebt. Auf einer etwas höheren Stufe flehen dann
fchon die ,Stammesreligionen'. Die Götter des Himmels,

j der Geftirne, der Erdtiefe nehmen die Aufmerkfamkeit
in Anfpruch. Ahnenkult und Totemismus machen fich
bemerkbar.

Den .Nationalreligionen' wendet fich der dritte Vortrag
zu. Die hervorragenden Eigentümlichkeiten find:
der Polytheismus; die zunehmende Moralifierung; die
allmähliche Ablöfung der Götter vom Naturgegenftand;

j die kräftigere Perfonifizierung derfelben; ihre bildliche Darfteilung
; Tempelbauten; Priefterwefen; Ausbildung des

I Mythus; Verfchwinden des Totenkults. Als Paradigmata
werden vorgeführt die babylonifche Religion, der gegenüber
die Überlegenheit des ifraelitifchen Prophetismus

: entfchieden behauptet wird, und die griechifche.

Einen gewaltigen Fortfehritt bedeuten die prophe-

j tifchen Religionen, mit denen es der nächfte Vortrag zu tun

j hat. Allen gemein ift die .fchöpferifche Stellung, die
der einzelne in ihnen einnimmt': hier Zarathuftra, dort

| Kongtfe, dort Plato, vor allem die altteftamentlichen
Propheten. Eine einheitliche, in fich gefchloffenc Über-

j zeugung vom Inhalt und Wefen des Lebens' kommt zur

I Geltung. Die Religion wird entnationalifiert und weiterhin
ethifiert. Der Monotheismus entfaltet fich. Befrei-

! ung von allem Äußerlichen findet ftatt. Als der gran-

J diofefte einfehlägige Typus wird die prophetifche Religion
Ifraels gefchildert.

In den Gefetzesreligionen, von denen der fünfte Vortrag
handelt, vollzieht fich etwas wie eine Rückbildung.
Treffende Beifpiele geben ab: das Judentum, der Parfis-
mus, der Islam, in gewiffem Sinn auch die an Plato fich

| anlehnende fpätere Religion der Griechen, der morgen-
ländifche und römifche Katholizismus. Der Partikularis-

j mus gewinnt von neuem die Oberhand, freilich erweicht
innerhalb des Judentums durch das Profelytenwefen, im
Parfismus durch deffen .Ableger', die Mithrasverehrung.
Auch der Islam ift eine .politifch gebundene und be-
fchränkte Religion'. Der Kultus fpielt wieder eine an-
fehnliche Rolle und zwar die größte im Parfismus.
Im Judentum wird er behindert durch die Zerftreuung
der Anhänger über weite Räume und begrenzt durch
den Synagogengottesdienft. Am wenigften tritt er im
Islam hervor. Wertfehätzung der .Obfervanz', des
religiöfen Brauches, des Bekenntniffes, des .Glaubens',
nomiftifche Weltanfchauung, Sammlung der .Urkunden',
Schriftgelehrtentum, Buchfrömmigkeit, Herrfchaft des,
allerdings mehr oder weniger finnheh gefärbten, Gerichtsgedankens
find weitere charakteriftifche Merkmale.

Ift der Prophetismus gelegentlich in Gefetzesreligionen
entartet, fo hat er fich anderwärts wohl umgefetzt
in Erlöfungsreligionen. Als Exempel befpricht der
fechfte Vortrag den Piatonismus und den Buddhismus.

; Diefer und jener fchätzt das empirifche Leben gering
und ftrebt aus demfelben hinaus. Der Gottesgedanke

I verblaßt. Die Moral tritt zurück. Ein gefpanntes Verhältnis
zur Kultur bereitet fich vor oder ftellt fich ein.

| Da wo die beiden, durch die Gefetzesreligion einerfeits,
durch die einfeitige Erlöfungsreligion anderfeits markierten
, Linien fich fchneiden, da, ,wo fich die Erlöfungsidee