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Ausgabe:

1904 Nr. 16

Spalte:

459-460

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Chapelli, Alessandro

Titel/Untertitel:

Nouve pagine sul cristianesimo antico 1904

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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459

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 16.

460

angepaßtem Text, geordnet nach den Quellenverhält-
niffen: Stücke aus Mk mit den Parallelen beider Seitenreferenten
, Stücke aus Mt und Lk, doppelt überlieferte
Stücke und Sondergut. — Es ift eine Freude zu fehen,
wie begierig im Laufe der letzten Jahre die Geifter der
Zeitgenoffen nach einer Nahrung geworden find, wie fie
hier und in ähnlichen Kundgebungen geboten wird.
Möge auch diefes fchlichte Büchlein zum Zeugen für das
erwachende Bedürfnis nach voller Wahrheit in der Religion
werden!

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Chiappelli, Alessandro, Nuove pagine sul cristianesimo an-
tico. Firenze 1902, Le Monnier. (XIV, 341 S. 8.)

Seinen 1887 veröffentlichten ,Studi d'antica letteratura
cristiana' (vgl. Jahrg. 1887 diefer Zeitfchrift Sp. 212)
läßt der Profeffor der Philofophie in Neapel eine neue
Sammlung von feither gehaltenen Vorträgen, in Zeit-
fchriften und anderswie veröffentlichten Auffätzen folgen,
die ihn aufs neue als den kundigften und berufenften in
der nicht eben dichten Schar italienifcher Mitarbeiter
an der gelehrten Erforfchung des Urchriftentums erweitern
Das Buch ift A. Harnack gewidmet und legt in
der Tat durchweg Zeugnis von dem Eifer und Fleiß ab,
welche der Verf. den Arbeiten des Genannten und überhaupt
der deutfchen Forfchung gewidmet hat, ohne daß
dies der Selbftändigkeit feines Urteils Eintrag getan
hätte. Ich habe anderswo (Deutfche Literaturzeitung 1902,
Sp. 705 f. Proteftantifche Monatshefte 1903, S. i9<jf.)
mehrfach auf Wert und Bedeutung der Leiftungen diefes
Gelehrten aufmerkfam gemacht und muß mich hier auf
kurze Angaben des Inhaltes der einzelnen, in diefer
Sammlung aufgenommenen Stücke befchränken. Zuerft
alfo JefusChriftus und feine neueren Biographen' (S. 1—98):
als folche erfcheinen der Deutfche Delff, der Engländer
Edersheim, der Franzofe Pere Didon und der Italiener
Bonghi. Wertvoller aber als alle von diefen geleifteten
Beiträge ift, was der Verf. aus dem Eigenen hinzugibt,
betreffend teils die Tauglichkeit des, allerdings vom
Paulinismus beeinflußten, Markuswerkes, um wenigftens
die großen Epochen im öffentlichen Auftreten Jefu erkennbar
werden zu laffen, teils aber auch den religiöfen
und fozialen Charakter feines Lebenswerkes, wie es bei
aller zeitgefchichtlichen Bedingtheit doch einen Ewigkeitswert
behält. Es folgt eine Abhandlung ,über die
chiliaftifchen Vorftellungen der Chriften nach ihrem ge-
fchichtlichen Verlauf (S. 99—175), welche fchon gleich
nach ihrem Erfcheinen von Harnack in diefen Blättern
(Jahrg. 1888, Sp. 354 f.) mit höchfter Anerkennung begrüßt
wurde. Sämtliche übrigen Stücke gelten mehr
oder weniger neuen Funden und Errungenfchaften. Als
,die ältefle Apologie des Chriftentums' (S. 176—209) er-
fcheint das, übrigens gegen Harnack fchon den Zeiten
Hadrians zugewiefene, Werk des Ariftides, deffen theologifche
und foziale Stellung im Verhältnis zur ganzen
Umgebung beleuchtet wird. ,Ein neues Blatt alter
Kirchengefchichte' (S. 210—239) gilt dem Danielkommentar
des Hippolytus und berührt fleh vielfach mit
dem zweiten Stück, tritt übrigens jetzt zurück hinter
den Auffchlüffen, die wir dem gleichzeitig erfchienenen
großen Werk Neumanns verdanken. Weitere Mitteilungen
folgen über ,die Fragmente eines Evangeliums (S. 240—
273) und einer Apokalypfe des Petrus' (S. 274—287).
Letztere wird auf ihre heidnifchen Vorgänger und mittelalterlichen
Nachfolger hin angefehen. Erfteres foll trotzdem
, daß es die kanonifchen Evangelien fchon vorausfetzt
, doch noch Traditionen enthalten, die älter find als
diefe; namentlich in der Auferftehungsgefchichte. ,Eine
neue biblifche Entdeckung' (S. 288—299) zeigt uns auf
dem bekannten Wege im Presbyter Ariftion den Ver-
faffer des Markusfchluffes. Es folgen ,die neuen Jefus-
worte' (S. 300—314), d. h. die Logia von Oxyrhynchos,

die als fehr alt taxiert und kurz erklärt werden, und
zwar das vom Stein und Holz im Sinne Harnacks gegen
Zahn, Krüger u. a. ,Die Sibyllenhöhle bei Cumä und
ein neues Fragment der Schrift Julians gegen die Chriften'
(S. 315—329), zwei Stücke, die freilich nur zufammen-
gehalten werden durch die pfeudojuftinifche Cohortatio
ad Graecos, die Kp. 37 eine Befchreibung jener Höhle
bringt (die Verlegung derfelben an den Avernerfee foll
fpäteren Datums fein) und, teilweife wenigftens, für eine
Antwort auf Julians Angriff gehalten wird. Den Schluß
macht eine Betrachtung ,über das flavifche Henochbuch'
(S. 330—339). Höchft erfreulich ift der Eifer, womit der
Verf. feinen Landsleuten ein ernfthaftes Erfaffen der religiöfen
und religionsgefchichtlichen Probleme ans Herz
legt. Nur fo, nicht mit Witzen und Verachtungsphrafen,
werden fie einer drohenden klerikalen Reaktion entgehen.
Denn die wahre Gefchichte der Menfchheit ift nicht bloß
Gefchichte der Staaten- und Völkerbildung, fondern Gefchichte
der Religion (S. 175).

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Müller, Prof. D. F. E. Karl, Die Bekenntnisschriften der
reformierten Kirche. In authentifchen Texten mit ge-
fchichtlicher Einleitung und Regifter herausgegeben.
Leipzig 1903, A. Deichert, Nachf. (LXXI, 976 S. gr. 8.)

M. 22.—; geb. M. 24.—

Diefes Sammelwerk ift höchlich willkommen zu
heißen, es kommt wirklich, um die fchöne Zeitungs-
phrafe mal am rechten Orte anzuwenden, einem tiefgefühlten
Bedürfnis' entgegen. Im Jahre 1840 erfchien zum
letzten Male in Deutfchland eine wiffenfehaftlichen An-
fprüchen genügende Sammlung reformierter Bekenntnis-
fchriften, die Collectio confessionum in ecclesiis reformatis
publicatarum von H. A. Niemeyer. Diefe Ausgabe ift
längft vergriffen und felbft antiquarifch feiten geworden.
Ph. Schaff in feiner Bibliotheca symbolica ecclesiae universalis
, The Creeds of Christendom with a history and
critical notes (3 Bände, zuerft 1876; mir liegt die 5. Auflage
vor, die 1887 erfchien und ein gänzlich unveränderter
Abdruck der 4. von 1884 ift; ob fie die letzte
ift, weiß ich nicht) hat u. a. die ihm befonders wichtig
fcheinenden reformierten ,Creeds1' hiftorifch beleuchtet
(I, 354ff.) und ediert (III, 193 fr.). Diefes Werk ift ja an
fich nicht fchwer zu erreichen und wohl auch in Deutfchland
ziemlich bekannt, nimmt aber ganz vorwiegend auf
englifch-amerikanifche Intereffen Rückficht. Seine Trefflichkeit
für die reformierten Stücke fleht außer Frage.
Es ift doch fehr erfreulich, daß jetzt wieder in Deutfchland
ein Gelehrter fich der großen, mühfeligen Arbeit
unterzogen hat, eine Sammlung der wefentlichen, wirklich
bedeutfamen reformierten Bekenntniffe herzuftellen,
korrekte Texte von ihnen zu gewähren und in einer
Einleitung über fie nach dem gegenwärtigen Stande der
hiftorifchen Forfchung kurz zu berichten. Es ift natürlich
nur in begrenztem Maße eine eigentliche Originalarbeit
, die Müller (Vertreter der reformierten Theologie
in Erlangen) dargeboten hat; bei den älteren Stücken
überall felbft auf die Urdrucke oder, wo das noch tunlich
fein mag, auf die Handfchriften zurückzugehen, ift
ihm unmöglich gewefen. Er begnügt fich öfters, moderne
Abdrücke zu reproduzieren, jedoch unter forgfältiger
Erwägung der für maßgebend zu erachtenden Ausgaben,
zum Teil doch auch unter Rückgang auf handfehrift-
liches Material. Auch die Einleitungen find nur unter
Einfchränkungen die Frucht felbftändiger Studien von
Müller. Bei einigen kann M. fich auf Erörterungen, die
er in der 3. Auflage der Realencyklopädie geliefert hat,
beziehen. Nicht angenehm ift, daß M. bei Literaturangaben
zuweilen fo vag ift, daß man wohl zweifelhaft
fein kann, worauf er fich eigentlich beruft. Es ift nicht
fchwer, allerhand Nachträge zu der zitierten Literatur zu