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Ausgabe:

1904 Nr. 15

Spalte:

439-442

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jastrow, Morris

Titel/Untertitel:

The study of religion 1904

Rezensent:

Clemen, Carl

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439 Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 15. 440

Christophilus, Dr., Grundlinien der Versöhnungslehre.

Leipzig 1904, G. Strübig. (51 S. gr. 8.) M. —.75

Verf. grenzt feine Verföhnungstheorie nach zwei
Seiten hin ab: der kirchlichen Lehre gegenüber be-
ftreitet er die unbedingte Notwendigkeit des Todes Jefu
und betont er die Fürbitte des auferftandenen Chriftus,
der Ritfchelfchen (fo!) gegenüber legt er Wert auf die
Umftimmung Gottes durch die Gehorfamsprobe und
Fürbitte Jefu Chrifti. Auch von den Schülern Ritfchls
will er nichts wiffen, die den Stellvertretungsgedanken
dem Offenbarungsgedanken unterordnen. Jefus ift der
Mittler und Vertreter, denn er hat nicht jraQäÖEiyfia
fondern Xvtqov ,gefagt', und die Geftalt des Gärtners
im Gleichnis vom F'eigenbaum famt dem Meffiasge-
danken beweifen es. Als Mittler ift Jefus der Bürge in
doppeltem Sinn, einmal für die Leichtfinnigen der
Bürge der Heiligkeit und dann für die Verzagten der
der Gnade Gottes.

Verf. hat offenbar das Dogma von der intercessio
Christi vergeffen und die neueren Ritfchlianer nicht ver-
ftanden. Die Offenbarung der Gnade Gottes und die Theorie
über ihre Begründung in Chriftus rechnen doch auf ganz
verfchiedene menfchliche Organe, die eine auf den Glauben,
die andere auf den Verftand. Hätte Verf. die fchönen
Arbeiten von Ecklin gekannt, dann hätte er den in der
Gehorfamsleiftung Jefu gegebenen IXaOuiöq nicht erft ganz
am Ende nachgetragen, fondern als eine kräftige Linie
in feine Theorie eingezeichnet.

Heidelberg. Niebergall.

Jastrow, Prof. Dr. Morris, Jun., The study of retigion. (The
contemporary Science Series.) London 1901, W. Scott.
(XIV, 451 p. gr. 8.) 6 sh.

So fpät dies Buch — übrigens ohne Schuld des
Herausgebers und des Referenten — zur Anzeige kommt,
fo warm muß es empfohlen werden. Gibt es doch eine
treffliche Einführung in alle das Studium der Religions-
gefchichte betreffenden Fragen und kommt fo dem auch
in Deutfchland immer mehr erwachenden Intereffe dafür
aufs befte entgegen.

Der Verf. beginnt mit einem Überblick über die
Gefchichte der Difziplin und findet zu ihr im Altertum
(bei Herodot, Plutarch, Lucian) nur erft Anfätze. Noch
weniger fei in der chriftlichen Zeit bis zu Anfang des
19. Jahrhunderts davon die Rede gewefen — obwohl hier
immerhin an die bekannten Ausfagen über eine natürliche
Gotteserkenntnis auch bei Luther und noch mehr die
namentlich bei Raimundus Lullus gelegentlich begegnende
Gleichftellung der drei .geoffenbarten'Religionen hätte erinnert
werden können. Den erften Verfuch, ,die Religionen
der Welt' darzuftellen (wenngleich nur vom Standpunkt
des Chrifientums aus), machte aber erft der Engländer Roß
i. J. 1653; es folgten Anfang des 18. Jahrhunderts Bernard
Picart und J. F. Bernard, die umgekehrt dem Chriften-
tum ablehnend gegenüberftanden und Ende desfelben
Dupuis, der überall Naturverehrung fah und die Eigentümlichkeiten
der einzelnen Religionen verkannte. So war
der eigentliche Gründer der Religionsgefchichte vielmehr
Herder mit feinen Ideen zur Philofophie der Gefchichte
der Menfchheit, neben dem aber fofort Hegel und Car-
lyle zu nennen find. Von neueren Gelehrten erwähnt J.
befonders M. Müller, Tiele und A. Reville; was er endlich
über das Studium der Religionsgefchichte namentlich
an Univerfitäten fagt, befpreche ich lieber fpäter im
Zufammenhang mit Erörterungen, die die hier gegebenen
doch nur weiter ausführen.

Sein zweites Kapitel handelt von der Klaflifikation
der Religionen und lehnt die Theorien, die darüber Tiele,
Hegel, M. Müller, A. ReVille, Kuenen, Whitney, Ed. von
Hartmann aufgehellt haben, fämtlich ab. Und in der Tat
läßt fich gegen jede von ihnen etwas einwenden; aber

ift J.s Einteilung in Religionen der Wilden, der primitiven
, der fortgefchrittenen Kultur und endlich folche,
die als Ideal den Einfluß der Religion auf das ganze
Leben hinftellen , wirklich beffer? Auch hier find doch
die Übergänge vielfach fließend und vor allem die Bezeichnungen
fo wenig konkret, daß mit einer folchen
Einteilung allein noch nicht viel anzufangen ift. Man
wird alfo doch, ohne fie für die allein mögliche zu erklären
, auf eine oder mehrere der frühern Einteilungen
zurückgreifen müffen; und dazu fcheinen mir die von
Tiele und Reville, an die fich z. B. auch Bouffet anlehnt,
am meiften geeignet zu fein.

In feinem dritten Kapitel tut J. mir die Ehre an, von
meinem 1896 in den Studien und Kritiken über die ver-
fchiedenen Auffaffungen des Begriffs Religion veröffentlichten
Auffatz auszugehen und verlangt danach von
einer Definition der Religion Berückfichtigung ihrer theo-
retifchen fowohl, als praktifchen Seite. Freilich verlieht
er darunter manchmal wieder etwas anderes als die Erhebung
zu Gott und ftellt fo z. T. Auffaffungen von der
Religion zufammen, die wenig mit einander gemeinfam
haben; aber worauf er fchließlich (S. 171) hinauskommt:
religion consists of three elements: (1) the natural recog-
nition of a Power or Powers beyond our control; (2) the
feeling of dependence upon this Power or Powers; (3) entering
into relations with this Power or Powers — das
ift jedenfalls richtig.

Auch im vierten Kapitel diefes erften allgemeinen
Teils, das von dem Urfprung der Religion handelt, gehen
dem Verf. verfchiedene Fragen durcheinander, nämlich
die nach der älteften Form der Religion und die nach
ihrem eigentlichen Urfprung. Mit Bezug auf die erfte
wiederholt er nochmals, was er fchon vorher (S. 102 f.)
über den Animismus gefagt hatte: Animism is the basis
of religious belief for those who have taken more than the
first steps of civilisation, who have done much to pave the
way for the higher forms of culture which we call civili-
sation. Mit Bezug auf die zweite dagegen wird der
Widerftreit, in dem fich der Menfch mit feiner Umgebung
findet, der erft als die Vorbedingung der Religion anerkannt
wird, dann doch ohne genügende Gründe verkleinert
und dem Menfchen vielmehr mit M. Müller eine Wahrnehmung
des Unendlichen zugefchrieben; aber das ift
für die ältefte Zeit doch ficher zu viel behauptet. Da
erklärt fich die Vorftellung von einer höhern Macht zur
Genüge aus den Erfahrungen, die der Menfch im Kampf
ums Dafein macht.

Der zweite, fpezielle Teil behandelt nach einander
das Verhältnis der Religion zur Ethik, Philofophie, Mythologie
, Pfychologie, Gefchichte und Kultur. Das erfte
betreffend meint J., Religion und Ethik hätten anfangs
nichts mit einander gemein und erft fpäter übe diefe
einen Einfluß auf jene aus. Ich kann dies letztere nur
in dem Sinn zugeben, daß der Menfch allerdings erft ge-
wiffe Gefühle an fich kennen gelernt haben muß, ehe er
fie — immer inadäquater Weife — bei der Gottheit
wahrnimmt; aber eine folche Wahrnehmung findet doch
wirklich ftatt. Zumeift freilich erfcheinen die Götter nur
als Garanten der fittlichen Ordnung, ohne felbft an fie
gebunden zu fein; wenn diefe Anfchauung alfo fpäter
zurücktritt, fo bezeichnet das, wie J. richtig fagt, doch
keine Rückkehr zu dem früheften Verhältnis. The thought
that the ethical development of the individual is in accord
with the destiny jor wich man has been placed on
earth, creates a new link between religion and ethics
(S. 224 f.).

Was weiterhin das Verhältnis der Religion zur Philofophie
angeht, fo hebt J. mit Recht hervor, daß es keineswegs
immer ein feindfeliges gewefen ift. Zunächft waren
beide vielfach einig und auch als fie auseinander gingen,
kam die Philofophie oft der Religion zu Hilfe oder einigte
fich diefe wenigftens mit jener. Und dies bezeichnet
J. wieder durchaus zutreffend als unbedingt nötig.