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Ausgabe:

1904 Nr. 15

Spalte:

432-433

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bousset, W.

Titel/Untertitel:

Was wissen wir von Jesus? 1. - 5. Tsd 1904

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 15.

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nifchen Überlieferung entfprechen, aber knapper gefaßt
find, als die kanonifchen Parallelen, ein Seitenftück zu
dem Papyrusfragment von Fajjum, das fich auf die Verleugnung
des Petrus bezieht. Ich behalte mir vor, darauf
weiter einzugehen. Aber ich möchte die Anzeige nicht
fchließen, ohne die Herausgeber zu ihrem Finderglück
zu beglückwünfchen, und für die eindringende und förderliche
Bearbeitung ihrer Funde zu danken.

Leipzig. G. Heinrici.

Kalthoff, Albert, Die Entstehung des Christentums. Neue
Beiträge zum Chriftusproblem. Leipzig IQ04, E. Diede-

. . %T „ J »» , iti die Vereine in der Regel eine Kultgenoffenfchaft dar-

r.chs. (II, 155 S. gr.8.) M. 3.-; geb. M. 4.- ftellten und einen Gott oder Heros zum Patron hatten,

Apokalyptik gebildet (S. 77). Es folgt eine an fich inter-
effante Betrachtung über das antike Vereinswefen, die
religiös-fozialen Genoffenfchaften und ihre Verwandt-
fchaft fowohl mit den Synagogenverbänden, die ,als
eranifche Bildungen höherer Ordnung' betrachtet werden
können (S. 87), als mit den urchriftlichen Gemeinden,
die ,in keiner anderen Weife entftanden fein können
als die analogen Gebilde ihrer Zeit' (S. 92). Zum Überfluß
foll die Erwähnung von Tyrus und Puteoli Act.
21, 3. 4. 28,14 dartun, daß die chriftliche Gemeindebildung
die Route befolgte, welche fchon die vorchriftliche Ver-
einsorganifation eingefchlagen hatte (S. 93f.). Da nun

Als Einleitung der flott und anregend gefchriebenen
Brofchüre erfcheint eine knappe Reproduktion des Info
folgt — und das ift der Nerv der ganzen Argumentation
—, daß auch Chriftus, dem die chriftliche Gehaltes
der früheren Schrift über das .Chriftusproblem'. j meinde Hymnen quasi deo widmete, hier die gleiche
Hiernach ift die Unmöglichkeit eines .individuellen Re- ! Rolle eines Vereinsgenius fpielte, zumal da der Chriftus-
ligionsftifters' eine ausgemachte Sache ,für jeden, der j name fchon durch die meffianifche Apokalyptik ganz
mit den Methoden moderner Gefchichtswiffenfchaft einiger- I und gar in die heroifche Sphäre erhoben worden war.
maßen vertraut ift' (S. 3). Den Gebrauch, welcher hier ! Nur daß die andern Vereinsgötter rückwärts fchauen
von diefen .Methoden' gemacht wird, um eine ,indi- und das Leben von der Vergangenheit aus beherrfchen,
vidualiftifche Gefchichtsbetrachtung' aus dem Feld zu 1 während diefer kommunale Chriftus der kommende Mann
fchlagen, charakterifiert fchon der Satz: ,Wenn die ganze j ift, der das Reich bringen, die kommuniftifchen Ideale

alte Kirche, einfchließlich der Literatur des N.T., einen
menfchlichen Religionsftifter fchlechterdings ablehnt, wie
darf unfere Theologie diefer Literatur infinuieren, fie

verwirklichen wird (S. 103 f.). Aus der Addition aller
diefer Einzelpoften ergibt fich für die hier geübte Rechnungsmethode
als Summe: ,So ift das Chriftentum nach

habe, wenn auch mit überrafchend großem Mißgefchick, j allen Seiten hin durch die Entwicklung der Zeit vorgerade
von einem folchen Religionsftifter ihren Lefern
erzählen wollen?' Was diefe Theologie bei einem fo aus-
fichtslofen Beginnen leitet, fei nur ,die Angft vor dem
kirchlichen Kommunismus' (S. 128), wie er noch bei den
Kirchenvätern bis in Auguftins Tage als direkte Nachbereitet
. Das Chriftusbild ift in allen feinen Hauptzügen
fertig, ehe noch eine Zeile der Evangelien gefchrieben
wat' (S. 90). Selbftverftändlich fetzt die Richtigkeit
diefes Kalküls unter anderm auch die Unechtheit fämt-
licher Paulusbriefe voraus (S. iiof). Doch über diefe

Wirkung der fozialen Ideale des Urchriftentums nach- . und andere fchnell fertige Urteile hat fchon Bouffet in
weisbar ift. Aber auch diefes ift wieder für eine auf das I der Schrift ,Was wiffen wir von Jefus?' fo ausreichende
Ganze gerichtete, die großen Zufammenhänge erfaffende j Auskunft gegeben, daß ich mich damit begnügen kann,
Gefchichtsauffaffung durch die vorangehende foziale und ! nur noch auf einige fenfationelle Neuigkeiten hinzuweifen,

philofophifche Entwicklung der griechifch-römifchen Welt wie daß die Luc. 10, 1 f. angeredeten Jünger die fchon

bedingt. Aus der .Vorgefchichte des Chriftentums im
römifchen Reich' hat übrigens einen Eindruck auf mich
faft nur die Bemerkung gemacht: ,Daß der Gläubiger

dem 2. Jahrh. angehörigen fratres sportulantes Cyprians
find (S. 129), zum Bilde des ungerechten Haushalters
16, lf. und der Sünderin 7, ssf. aber Papft Kalliftus und

den Schuldner mit Weib und Kind verkaufen läßt, daß j feine Gönnerin Marcia gefeffen haben (S. 133f.). Den
der Schuldner im Kerker fchmachtet, bis er den letzten I Schluß macht eine Betrachtung über ,die Zukunfts-
Heller bezahlt, war nicht jüdifches, fondern römifches ! perfpektive des Chriftentums'. Was fie uns fehen läßt,
Recht' (S. 35). Das fleht zwar nicht abfolut feft, wie ■ ift ,ein fäkularifierter Chriftus als Typus des autonomen

aus den von P. W. Schmidt (Die Gefchichte Jefu II
S. 326) angeführten Voten von Mitteis und K. Krauß
hervorgeht. Aber römifche Praxis, zumal in Geldfachen,
konnte zweifelsohne überall geübt und überall bekannt
fein, wo Römer die Herren waren, und das Schuldrecht
des Altertums war in der Praxis graufam, auch wo die
Theorie humaner lautete; vgl. 2. Kön. 4, 1. Jef. 50, 1.
Neh. 5, 5 mit Ex. 22, 2. Lev. 25, 39. 47. Weiterhin werden
gelegentlich für Bithynien .Pächter der Staatsgefälle' angenommen
(S. 37), wogegen noch 100 Jahre nachher für
.Palästina, zumal Galiläa' ein römifches Steuerfyftem und
deshalb auch die ,in den Evangelien geradezu korporativ
auftretenden Zöllner', d. h. Pächter der an den Landes

Menfchen' (S. 152), hinter welchen der Jefus der .liberalen
Theologen' verschwinde.

Straßburg i. E. H. Holtzmann.

Bousset, Prof. D. W., Was wissen wir von Jesus? 1.—5.

Taufend. Halle a. S. 1904, Gebauer-Schwetfchke. (79 S.
gr. 8.) M. 1.—

,Es ift mir bei dem Verfuch, in den Anmerkungen
die auf diefem Gebiet den Laien zugängliche Literatur
zufammenzuftellen, mit erfchreckender Deutlichkeit klar
geworden, wie wenig die wiffenfchaftliche Theologie bis
jetzt, von verfchwindenden Ausnahmen abgefehen, es
grenzen zu erhebenden Zölle, eine gefchichtliche Un- ! fich zur Aufgabe gemacht hat, die Früchte ihrer Arbeit

möglichkeit fein follen (S. 34). Dagegen ift nur zu fagen, j zum Allgemeingut zu machen, und wie ratlos fie den
daß Zölle im römifchen Paläftina der neuteftament- | Laien gegenüber Büchern wie denjenigen Kalthoffs, die
liehen Zeit ebenfo gewiß für den kaiferlichen Fiskus er- i nun in wiederholten Auflagen in die Welt wandern,
hoben wurden, wie es höchft wahrfcheinlich genannt j flehen läßt'. Unfer Verf. hat ein volles fubjektives Recht
werden muß, daß die gleichen Einkünfte in Galiläa dem | zu folcher Klage. Denn er hat fchon zu wiederholten
dortigen Landesherrn zugute kamen (vgl. Schürer I ! Malen das Seine getan, um diefem Übel zu fteuern, und
S. 476. 478). Weniger ift einzuwenden gegen das der j infonderheit die vorliegende Brofchüre zeigt uns einen
Vorgefchichte des Chriftentums in der griechifchen Philo- j glücklichen Wurf zur Popularisierung ausgetragenfter
fophie gewidmete Kapitel, wie überhaupt die zur Ent- j Früchte der Wiffenfchaft. Es handelt fich dabei im all-
ftehung des Chriftentums mitwirkenden Nebenfaktoren in ! gemeinen um eine richtige Einfehätzung der Bedeutung
der Regel in deutlicher Beleuchtung erfcheinen. Doch 1 des perfönlichen Faktors im Gegenfatze zu der, nur Maf-
läuft, was über die Vorgefchichte im Judentum gefagt | fenbewegungen wertenden, materialiftifch-foziologifchen
wird, in der merkwürdigen Behauptung aus, der Kom- j Gefchichtsauffaffung, die fich Kalthoff angeeignet hat, im
munismus habe die ökonomifche Grundanfchauung der i befondern um das nicht zu eliminierende Eintreten des