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Ausgabe:

1904 Nr. 1

Spalte:

20-21

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Huck, Joh. Chrystosomus

Titel/Untertitel:

Ubertin von Casale und dessen Ideenkreis 1904

Rezensent:

Lempp, Eduard

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 1.

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Chorepiskopus in Syrien, wohl in derDiözefe von Aleppo,
wirkte und der rechtgläubigen Kirche treu blieb. Unter
feinen zahlreichen Dichtungen zeichnen fich durcheinemehr
individuelle Färbung und reichen Gedankengehalt die fünf
Loblieder auf den 432 verftorbenen Bifchof Acacius von
Aleppo, fowie das Gedicht auf die Einweihung der neuerbauten
Kirche zu Kennefchrin aus. Beide hat Bickell
am angegebenen Orte in deutfcher Überfetzung mitgeteilt
und außerdem ein auf den Klementinifchen Rekog-
nitionenroman bezügliches Gedicht über Fauftinus und
Metrodora und ihre drei Söhne lateinifch in feinem Con-
spectus rci Syrorum literariae p. 46. Dagegen enthält
feine Sammlung von den zahlreichen metrifchen Gebeten
des Balai nur drei kleine Proben, die fich fyrifch bei
Overbeck finden: ein Gebet zu Ehren der Maria, ein
folches zu Ehren der Märtyrer und eins für die verftorbenen
Gläubigen. Diefe Gebete machen fchon darum
einen nicht unwichtigen Teil der dichterifchen Produktion
des Balai aus, weil fie neben den gleichnamigen Gedichten
desEphraem und des Jakob von Sarug beim Gottesdienfte
öfters gebraucht und deshalb in den fyrifchen Brevieren
und den liturgifchen Handfchriften vielfach vertreten find.
Leider ift aber bei vielen diefer Gebete die Autorfchaft
des Balai unficher. Vielfach ift nämlich der Name gar nicht
genannt, fondern nur das Versmaß, deffen fich Balai gewöhnlich
bediente, durch den Anfangsvers einer der Überlieferung
nach von ihm gedichteten Strophe bezeichnet.
Aber es liegt auf der Hand, daß diefe Angabe keine
Sicherheit bietet, da doch auch andere Syrer gelegentlich
fich des fünffilbigen Metrums bedient haben können.
Aber auch da, wo einem folchen Gedichte die Bezeichnung
,des Mar Balai' beigefügt ift, wird uns kaum eine
gröfsere Sicherheit geboten, da felbft diefe Angabe an
fich nach der parallelen Bezeichnung ,im Metrum des
Mar Balai' nichts als bloße Bezeichnung des Metrums
fein kann. Wie grofs die Unficherheit ift, zeigt auch der
Umftand, daß ein und dasfelbe Gedicht bisweilen in ver-
fchiedenen Quellen verfchiedenen Verfaffern zugeteilt ift.
Schließlich ergibt ein Vergleichung der einzelnen Ge-
dichtftücke auch noch die Thatfache, daß eng Zufammen-
gehöriges bisweilen getrennt und ganz Verfchiedenes zu-
fammengeftellt worden ift. Das derartig befchaffene
Material diefer .Gebete' ift nun durch die neue Textausgabe
Zetterfteen's beträchtlich vermehrt worden. Aus
den fyrifchen Handfchriften des Britifchen Mufeums
flammen 31, aus der Bibliotheque Nationale zu Paris 20
und aus der Königl. Bibliothek zu Berlin 14 Gedichte, bei
denen Balai als Verfaffer genannt ift; und in einer zweiten
Abteilung ftellt der Verf. weitere 69 Gedichte zufammen,
die durch die oben erwähnte Angabe des Anfangsverfes
der bekannten fünffilbigen Balai-Strophe gekennzeichnet
find. Die Ausgabe ift an fich recht forgfältig. Auch ift
die beigegebene deutfche Überfetzung frei von groben
Fehlern. Immerhin find im Einzelnen mancherlei Aus-
ftellungen zu machen; manche ungefchickte Wendung
geht jedoch vielleicht darauf zurück, daß Z. des Deutfchen
nicht fo völlig mächtig ift, als ob es feine Mutterfprache
wäre. Ferner hätte er Wortfpiele foweit möglich auch
im Deutfchen nachbilden müffen. Manches ift auch zu
frei wiedergegeben, fo daß die fpezielle Färbung des Gedankens
verloren geht. Indem wir von einem näheren
Eingehen auf die rein philologifche Seite feiner Aufgabe
hier abfehen, möchten wir nur noch auf einen Mangel
hinweifen, den fein Buch mit anderen neueren Ausgaben und
Überfetzungenfyrifcher Texte teilt: das nicht felteneFehlen
von Angaben über die den Dichtungsworten zu Grunde liegenden
Bibelftellen, von denen manche ihrem ganzen Inhalte
nach und zugleich mit mehr oder weniger engerem
Anfchluß an den Wortlaut der Pefchittha reproduziert
werden, während wiederum aus anderen nur einzelne
Wendungen entnommen find. Manchmal liegt das fo klar
zu Tage, daß man ebenfogut urteilen kann, eine Angabe
der zu Grunde liegenden Stelle fei unnötig; manchmal

aber ift die richtige Erkenntnis des Sinnes der Stelle
abhängig davon, daß man die Bibelftelle kennt, auf die
der Dichter anfpielt. Wenn es S. 41 heißt: ,Das Zepter
des Richters . . . lehrt uns, daß die Seele teurer ift denn
alles was ein Menfch befitzt', fo weiß jeder, daß der
Dichter Mt. 16, 26 im Auge gehabt hat. Und ,Held der
Ewigkeiten' S. 48 ift aus Jef. 9, 5 entnommen. Auch
denkt wohl jeder bei der Stelle S. 46: ,fie (sc. die Gerechten)
werden Salz für die Kraftlofen' an Mt. 5, «; doch zeigt
die Bibelftelle zugleich, daß zu überfetzen war: ,Salz für
die Faden'. Wenn es aber S. 14 heißt: .liebevoller Geift',
fo kann der des Syrifchen Unkundige nicht wiffen, daß
in der Wendung iM&rTifa zugleich eine Anfpielung auf
Gen. 1, 2 enthalten ift; und dementfprechend war S. 51
auch nicht zu überfetzen: ,heiliger Geift, der du über die
Apoftel ausgegoffen wurdeft', fondern ,der du über den
Apofteln fchwebteft'. Ferner muß es S. 22 ftatt: ,denn
deine Lippen haben geküßt die Glut, die verzehrt das
Kind vom Gefchlechte Adams', vielmehr nach Jef. 6, 6
(Pefch.) heißen: ,die Kohle'. Und ftatt der unerlaubt
freien Überfetzung S. 44: ,weil fie (sc. deine Knechte)
auf deine Hoffnung bauen', müßte es heißen: ,deine
Knechte, die fich fchlafen legten in der Hoffnung auf
dich' (vgl. 1 Theff. 4, uf. 1 Cor. 15, is etc. und betreffs
s-qo by 1 Cor. 9, 10).

Zürich. V. Ryffel.

Huck, Dr. Joh. Chryfoftomus, Ubertin von Casale und dessen

Ideenkreis. Ein Beitrag zum Zeitalter Dantes. Freiburg
i. B. 1903, Herder. (V, 107 S. gr. 8.) M. 2.80

Nach dem Vorwort ift vorliegende Studie eine Frucht
mühfam erübrigter Stunden. Wie dies Bekenntnis zum
Voraus unfere Sympathie erweckt, fo erklärt es zugleich
auch die Mängel des Buchs. Der Verfaffer ift vom
Studium Ubertins ausgegangen, aber der Ideenkreis Ubertins
hat ihn weiter geführt auf das Studium der zwei
grofsen Bewegungen, die Ubertins Leben erfüllten, des
minoritifchen Armutftreits und der joachimitifchen Apo-
kalyptik. Die Menge des Stoffs, der hier zu berücklich-
tigen war, ift aber offenbar zu fchwer für den Nagel, an
den er gehängt ift, und dem Verfaffer hat die Zeit
gefehlt, das gröfsere Thema, das ihm vorgefchwebt hat,
ganz durchzufchaffen und klar auszuarbeiten, und fo führt
er uns denn durch zwei Jahrhunderte von Joachim von
Floris bis Heinrich von Langenftein, wobei der leitende
Faden fich manchmal faft verliert und nicht ohne Wiederholungen
wieder aufgenommen werden kann. Über
Ubertins Leben und Schriften, über feine Stellung zum
Armutftreit, über den Verlauf der ganzen Spiritualen-
bewegung haben uns befonders diegrundlegenden Arbeiten
Ehrlesaufgeklärt. H. fußtaufdiefenArbeiten,derenKennt-
nis an manchen Orten feine Darlegung erft ganz verftänd-
lich macht. Wie weit H. das z. T. fchwer zu erlangende
Quellenmaterial felbft durchgearbeitet hat, ift mir etwas
zweifelhaft, wenn ich Knoth's Monographie über Ubertin
vergleiche, die H. nicht, bezw. nur in ihrem erften Teil (S. 20
Anm.2)gekannt hat: vgl. H. S. 27 Anm. 1 mit Knoth S. 52 f.
61 ff. und H. S. 24 Anm. 2 mit Knoth S. 8 Anm. 1! Zu
vermiffen ift jedenfalls eine eingehende literarkritifche
Unterfuchung der Schriften Ubertins. H's Urteile, befonders
über die Päpfte, find begreiflicherweife fehr vor-
lichtig, aber doch großenteils wohlbegründet, und gehen
feiten ins Phrafenhafte, wie leider gleich auf S. 2, wo es
heißt ,Aus den abgeriffenen Federn des kaiferlichen
Adlers, die der Gallier fehnlich alsHelmfchmuck begehrte,
erhob fich ein Drache, der auch den Wagen des göttlichen
Greifes, die Kirche Chrifti, mit grimmigem Biß
verletzte und mit giftigem Stachel durchbohrte'. —

Für befonders wichtig hält esH., dieGeiftesfäden aufzuzeigen
, die Ubertin mit Joachim von Floris verbinden.
Deshalb begnügt er fich nicht mit zahlreichen Hinweifen
im Verlauf der Unterfuchung, fondern widmet den Bezie-