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Ausgabe:

1904

Spalte:

401-403

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wurm, Paul

Titel/Untertitel:

Handbuch der Religionsgeschichte 1904

Rezensent:

Volz, Paul

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Theologische Literaturzeitung

Herausgegeben von D. Ad. Harnack, Prof. in Berlin, und D. E. Schürer, Prof in Göttingen.

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig. Jährlich 18 Mark.

Nr. 14. 9- Juli 1904- 29. Jahrgang.

Wurm, Handbuch der Religionsgefchichte (Volz).

Müller, H., Die Gefetze Hammurabis und die
mofaifche Gefetzgebung (Volz).

Loisy, Le quatrieme evangile (Holtzmann).

Plummer, II Corinthians (Clemen).

Holl, Amphilochius von Ikonium in seinem
Verhältnis zu den großen Kappadoziern (Jülicher
).

Lombard, Conftantin V empereur des Romains
(Ph. Meyer).

Rott, Friedrich II von der Pfalz und die Reformation
(Virck).

Hoffmann, G., Die Lehre von der fides im-
plicita innerhalb der katholifchen Kirche
(Ritfehl).

Michalcescu, &t]aai()dg zifg ÖQ&odo^ia?,
Die Bekenntniffe und die wichtigflen Glaubens-
zeugniffe der griechifch-orientalifchen Kirche
(Ph. Meyer).

Bolliger, Drei ewige Lichter: Gott, Freiheit,
Unflerblichkeit (Clemen).

Kaftan, Was die Rechtgläubigkeit in der
evangelifchen Kirche bedeutet (Rade).

Wurm, Paul, Handbuch der Religionsgeschichte. Herausgegeben
vom Calwer Verlagsverein. Calw und Stuttgart
1904, Vereinsbuchhandlung. (431 S. 8.) M. 4.— ;

geb. M. 5 —

Neben die umfangreichen Lehrbücher von Chantepie
de la Sauffaye und von Orelli tritt hier ein fehr nützliches
Handbuch der Religionsgefchichte. Verf. wollte,

Miffionsliteratur als Quelle der Religionsgefchichte begreiflich
, und zuweilen führt ihn fein Intereffe für die
Miffion einen Schritt zu weit, fo dal.l er an manchen
Punkten Miffionsgefchichte ftatt Religionsgefchichte
treibt; aber wir können ihm für diefe energifche Herbeiziehung
der Miffionsberichte nur dankbar fein. Umgekehrt
wird gewiß die Miffion, wenigftens die gelehrte
Abteilung derfelben, mehr und mehr lernen, wie unent-
wie er fagt, nicht einen bloßen Auszug aus den ge- ! behrlich ihr die Religionsgefchichte ift, und das vornannten
Lehrbüchern, fondern eine felbftändige Arbeit j liegende Buch mag gute Dienfte für diejenigen leiften,

geben. Und dies ift in vollem Maß der Fall, denn der
religionsgefchichtliche Stoff ift in durchaus charakte-
riftifcher Weife aufgefaßt und dargeftellt. Das bedeu-
tungsvollfte Charakteriftikum der vorliegenden Schrift ift
die Stellung des Verf. zu der Autorität der Bibel; fie,
nicht das chriftliche Bewußtfein, ift ihm als einem Schüler
von Beck der Ausgangspunkt aller theologifchen Wiffen-

die Miffionskunde bezw. Miffionstätigkeit und Religionsgefchichte
miteinander verbinden wollen. Von hier aus
kommen wir an das vierte Charakteriftikum diefes Handbuches
: es will eine populär-wiffenfehaftliche Arbeit
fein, nicht bloß für Theologen, fondern für einen größeren
Leferkreis geeignet, insbefondere für Lehrer, Miffionare
und Miffionsfreunde. Durch eine objektive Darftellung

fchaft, fie ift ihm auch das Krkenntnisprinzip in der Re- der einzelnen Religionen, durch fehr zahlreiche und forg-
ligionswiffenfchaft. Verf. glaubt, daß die Ergebniffe der fältig gewählte Proben aus den verfchiedenen Religions-
religionsgefchichtlichen Forfchung mit den Angaben der büchern will es den Studierenden in ftand fetzen,
Bibel im Einklang flehen, ja, er ift von der prinzipiellen die Quellen zu fehen und fich ein eigenes Urteil zu
Überzeugung geleitet, daß die Ausfagen der Bibel, des ] bilden; dem Miffionsfreund will es, wie eben gezeigt,

innerhalb der Religionsgefchichte ein Stück Miffionsgefchichte
geben; den gebildeten Lefer will es über den
Wert der einzelnen Religionen, vor allem der um die
Weltherrfchaft ringenden Religionen belehren, es will in
apologetifchem Intereffe zeigen, was für einen bemitleidenswerten
Taufch die machen, die für das Chriften-
tum den religiöfen Torfo des Buddhismus oder die theo-
der Menfchen in religiöfer Hinficht." Der fog. Entwick- j fophifchen Spielereien der indifchen Philofophie fich zuBuches
der Religion, bezüglich der Entftehung und der
Entwicklung der Religion von der Wiffenfchaft gehört,
anerkannt und zugrunde gelegt werden müffen. Dies
fuhrt uns auf ein weiteres Charakteriftikum des vorliegenden
Buches, das ift die vom Verf. lebhaft betonte
Anficht von der urfprünglichen Reinheit der religiöfen
Erkenntnis und von der abwärts fteigenden Entwicklung

lungstheorie mit ihrem Poftulat der Aufwärtsbewegung
(teilt Verf. das Urteil der Bibel und die tatfächlichen

eignen.

Verf. unterfcheidet nach einer fachlich nicht völlig

Beweife aus der Religionsgefchichte gegenüber; was er befriedigenden, aber fehr praktifchen Einteilung die Reanführt
, find in der Tat fehr beachtenswerte Zeugniffe j ligionen der unkultivierten Völker, die Nationalreligionen
für einen urfprünglich reineren Gottesglauben der wilden und die Univerfalreligionen. Bei der Überfchau über die
und der zivilifierten Völker, fie werden mit dazu dienen, unkultivierten Religionen ift man aufs neue überrafcht
der mehr und mehr durchbrechenden Erkenntnis von I von der Mannigfaltigkeit des Heidentums auch in feiner
der Unrichtigkeit der früheren Entwicklungstheorie zum einfachen Form. Man bekommt eine lichtvolle Erklärung
Sieg zu helfen. Im Unterfchied von den aus der Ver- J des Fetifchismus, wonach ,Fetifch' ein Geilt, ein be-
nunft gefchöpften Poftulaten diefer Entwicklungstheorie feeltes Mittelwefen zwifchen Gott und Menfch ift, das
gründet fich die Behauptung der urfprünglichen Höhe j in einem Menfchen oder in allerlei auffallenden Naturries
Gottesglaubens auf die Erfahrung, fpeziell auf die j gegenftänden Wohnung nehmen kann; man lernt den
Angaben der Miffionare. Das ift nun ein drittes Charak- j Dämonendienft kennen, in den die Menfchen von der
teriftikum diefes Handbuches, daß es die Miffionsliteratur j Urreligion des Monotheismus zunächft herabgefunken
fleißig benützt. Gewiß mit vollftem Recht, insbefondere j feien, während das Aufkommen der anthropomorphen
da, wo es fich um die unkultivierten Völker handelt; [ Vielgötterei durch die dichterifche Phantafie und das

die Miffionare find ja wohl vielfach keine völlig unbefangenen
und objektiv gefchulten Fragfteller, Beobachter
und Berichterftatter, aber andere Beobachter find das

Erwachen des nationalen Bewußtfeins fich erkläre. Es
blieb mir bei diefem Abfchnitt die Frage übrig, wie die
verfchiedenartige Stellung der einzelnen wilden'Stämme

cbenfo wenig und noch weniger, und niemand dringt fo zum Gebrauch von Götzenbildern zu begreifen und wiffen
unmittelbar in die heidnifche Religion ein, als diefe ; fchaftlich auszunützen fei. Bei dem Kapitel der National
Pioniere des Chriftentums. Bei dem Verf., der felbft in 1 religionen ift die indifche Religion, über die fich der
der Miffionsfache tätig war, ift die Anerkennung der j Verf. durch frühere bedeutfame Veröffentlichungen aus-

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