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Ausgabe:

1904 Nr. 12

Spalte:

363-365

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Dorner, August

Titel/Untertitel:

Grundprobleme der Religionsphilosophie 1904

Rezensent:

Baur, August

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 12.

364

das vormalige Kloftergebiet von Reinfeld feine Pfarrkirche
nicht in Reinfeld, fondern in Zarpen gehabt hat,
daß das heutige Kirchfpiel Reinfeld erft nach Aufhebung
des Klofters entftanden und erft allmählich von der
Parochie Zarpen abgegrenzt ift. Prall berichtet (S. 400fr.)
vom Norderdithmarfcher Kaland; F. Witt gibt einige
Lütjenburger Urkunden aus dem 15. Jahrhundert wieder
(S. 515fr.). R. Hänfen bringt feine Artikel über die
Wiedertäufer in Eiderftedt zum Abfchluß (S. 344ff.): er
teilt die ,Appunktuation' etwa aus dem Jahre 1608 mit,
nach der die der Wiedertäuferei Verdächtigen verhört
werden follen, und druckt eine Rechtfertigungsfchrift
der Wiedertäufer aus dem Jahre 1614 ab; über die Taufe
und Konfirmation einer Mennonitin aus dem Jahre 1696
berichtet E. Michelfen (S. 408 ff.). Jürß bringt (S. 405 ff)
zu dem Leben des Dethlef Johannis, das als vielbewegtes
und leidensvolles aus der Zeit des 30jährigen Krieges
durch Pontoppidans dänifche Kirchengefchichte bekannt
geworden ift, eine urkundliche Notiz, die geeignet ift,
über den Charakter des Mannes einiges Licht zu geben;
M. Lenfch weift (S. 513 ff.) auf Dethlefs chroniftifche
Tätigkeit hin. A. Hallig gibt (S. 412ff.) in Fortfetzung
feiner Mitteilungen im 5. Heft des I. Bdes. (S. 145)
weitere kulturgeschichtlich intereffante Briefe des General-
fuperintendenten Callifen von feinen Vifitationsreifen aus
dem Jahre 1836.

Folgende Bemerkungen feien geftattet: S. 306 Anm. 2
Zeile 36 muß es ftatt 12. Bd. heißen: 12. Heft; S. 500
Z. 38 muß es offenbar 1708 heißen; S. 315 Z. 23 und
S. 316 Z. 1 ift ,gare' zweifellos richtig und bedeutet wohl
nichts anderes als die in das Land zu fleckende Düngung;
S. 296 Z. 23 hätte man die Angabe gewünfcht, daß der
betreffende Brief Melanchthons im Corp. Ref. V S. 178
abgedruckt ift; S. 495 hätte mancher zu Anm. 1 wohl
gerne den noch vorhandenen Grundriß der alten Galms-
büller Halligkirche mitgeteilt gefehen — follte er fich nicht
noch nachliefern laffen? Vielleicht wären auch über das
S. 497 Z. 23 h erwähnte fogenannte neue Hamburgifche
Gefangbuch noch einige Bemerkungen am Platze gewefen;
offenbar ift es das von Geffcken, Die Hamburgifchen
niederfächf. Gefangbücher, Hamburg 1857, S. XX f. erwähnte
, von deffen Einführung neuerdings Höck, Bilder
aus der Gefchichte der Hamburgifchen Kirche, Hamburg
1900, S. I02ff. eingehender erzählt hat; gleich nach der
"Vifitation in Galmsbüll — 1712 — ift dann ein fpeziell
für Schleswig-Holftein beftimmtes, aber doch zunächft
wohl noch privatim zufammengeftelltes Gefangbuch er-
fchienen, denn erft das fogenannte ,Taufendliedrige' von
1752 trägt den Vermerk ,auf Kgl. allergnädigften Befehl'
auf dem Titel (vgl. Witt, Quellen und Bearbeitungen,
Kiel 1899, S. 164).

Wir wünfchen den trefflich redigierten Publikationen
guten Fortgang.

Erichsburgb.Markoldendorf(Hann.). Ferdinand Cohrs.

Dorner, D. Dr. A .Grundriss der Religionsphilosophie. Leipzig
1903, Dürrfche Buchhandlung. (XVIII, 448 S. gr. 8.)

M. 7.—

Dorner, D. Dr. A., Grundprobleme der Religionsphilosophie.

Acht Vorträge. Berlin 1903, C. A. Schwetfchke & bohn.
(VIII, 132 S. Lex. 8.) M. 3.20

Selten habe ich ein Werk mit fo wenig Befriedigung
aus der Hand gelegt, wie Dorners ,Grundriß der Religions-
philofophie'. Nicht als ob es nicht möglich wäre, auch
im Falle der Nichtubereinftimmung mit der Anfchauung
des Verfaffers aus dem reichen Inhalte des Werkes im
einzelnen und ganzen mannigfache Belehrung zu fchöpfen;
aber was das Buch fein will, ift es nun eben ganz und
gar nicht. Denn wenn man von einem ,Grundriß' mit
vollem Recht erwarten darf, daß er den zu behandelnden
Stoff in möglichft gedrängter, insbefondere von aller

unnötigen Wiederholung freier, das Wefentliche vom Un-
wefentlichen durch Text und Anmerkungen fcheidender
Form dem Lefer darbiete und denfelben dadurch in den
Stand fetze, rafch einen überallhin orientierenden Überblick
über das vorliegende wiffenfchaftliche Problem, feine
Stellung und feine möglichen und auch wirklich vollzogenen
Löfungen zu gewinnen, fo wird man in diefen berechtigten
Hoffnungen von dem vorliegenden Werke in
mehr als einer Hinficht bitter enttäufcht. Darüber, daß
in dem Buche eine große Menge von Selbftwiederholun-
gen fich findet, bedarf es eines Nachweifes im einzelnen
gar nicht; denn diefe Tatfache liegt zu offen und zu klar
für jeden Lefer vor den Augen. Diefe Tatfache zeigt
aber mit unwiderlegbarer Sicherheit, daß es dem Buch
an ftraffer Beherrfchung des Stoffes, an formal einheitlicher
Konzeption und Kompofition fehlt; mit anderen
Worten: das Buch ift eine fehr flüchtig entworfene und
hingefchriebene Arbeit. Wenn die in dem Werke enthaltene
eigentümliche Gedankenarbeit eine nachhaltigere
Wirkung hervorbringen follte, fo müßte es gründlich umgearbeitet
und gekürzt werden. Diefe Flüchtigkeit der
Ausarbeitung zeigt fich auch in anderen Dingen, die,
wenn fie auch vielleicht als nebenfächlich angefehen
werden können, doch bezeichnend find. Ich weife hier
z. B. nur auf die Zufätze und Verbefferungen S. IX bis
XII hin, die in großem Umfang zeigen, wie häufig der
Verf. während der Abfaffung geiftig feines Stoffes felbft
nicht einmal mächtig und ficher gewefen ift, fo daß die
Mahnung des nonum prematur in annutn hier recht gründlich
hätte beherzigt und erwogen werden follen. Und
wenn ich z. B. die Literaturverzeichniffe in den Werken
der von I. B. C. Mohr herausgegebenen Sammlung theo-
logifcher Lehrbücher mit dem Dornerfchen vergleiche,
wenn das letztere auch keinen Anfpruch auf Vollftändig-
keit macht, fo fällt mir doch die Pünktlichkeit dort fehr
ftark auf.

Dagegen, daß Dorner die Bedeutung der Metaphyfik
für die Religionsphilofophie mit größtem Nachdruck in
den Vordergrund ftellt und immer wieder auf feine meta-
phyfifchen Theorien zurückgreift, will ich mich am aller-
wenigften tadelnd ausfprechen. Denn eine Religion ohne
Gott ift mir ebenfo unfaßlich als eine Pfychologie ohne
Seele. Wenn P. Natorp einmal (Philof. Monatshefte Bd.
28 S. 163) in einer Befprechung von R. Euckens .Einheit
des Geifteslebens' ufw. demfelben vom eigenen kritifchen
Standpunkt aus entgegenhält: ,Unfer Schifflein treibt luftig
wieder auf dem offenen Meer der Spekulation dahin', fo
könnte man diefen Vorwurf noch mit viel mehr Recht
Dorner entgegenhalten. Denn er bewegt fich mit einer
faft naiv zu nennenden Sicherheit auf dem Gebiet meta-
phyfifcher Gotteserkenntnis, die wohl nur wenige mit ihm
teilen werden, befonders diejenigen nicht, welche etwa
mit E. Zeller zwar zu Kant zurückgekehrt find, aber
doch zugleich über ihn hinauswollen. Nur hie und da,
wie z. B. S. 240, zeigt fich ein Anlauf von größerer
Selbftbefcheidung. Aber freilich hat ja Dorner es fich
gut gemacht: er braucht fich ja nur auf feine philofo-
phifchen Vorarbeiten, befonders fein ,Menfchliches Erkennen
' zu berufen, wie er denn überhaupt feine eigenen
Werke mit Vorliebe zitiert. Seine Hauptaufgabe fieht er
ja doch (f. S. 217) wohl darin, das unerfreuliche Refultat
derjenigen, ,die in der Gegenwart am lebhafteften für die
Metaphyfik eintreten', nämlich den Peffimismus des Unbewußten
in eine optimiftifche Metaphyfik des Theismus
umzuwandeln.

Daß eine folche fröhliche, auf dem Meer der Spekulation
luftig treibende Metaphyfik für den Symbolismus
eines Sabatier und die in ihm mitenthaltene kritifche Vorficht
kein Verftändnis hat, kann freilich nicht wundernehmen
. Wenn er aber S. 259 gegen den Symbolismus
Kant aufruft, fo möchten wir hiegegen nicht nur Kant
felber in Bewegung fetzen (Proleg. zur Metaphfik § 57
Schluß, Hartenfteinfche Ausgabe IV, S. 105, dazu Paulfen,