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Ausgabe:

1904 Nr. 9

Spalte:

275

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Gutberlet, Constantin

Titel/Untertitel:

Der Kampf um die Seele. Zwei Bände. 2., verb. Aufl 1904

Rezensent:

Elsenhans, Theodor

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275

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 9.

276

Intellektualismus zu fchützen: der wird ihm wohl fchwer-
lich zu erfparen fein. Die beigegebene Druckfehlerlifte
hätte noch bereichert werden können.

Straßburg i. E. E. W. Mayer.

Gutberiet, D. Conftantin, Der Kampf um die Seele. Vorträge
über die brennenden Fragen der modernen Pfy-
chologie. Zwei Bände. Zweite verbefferte und vermehrte
Auflage. Mainz 1903, F. Kirchheim. (VIII,
III, 718 S. gr. 8.) M. 8.— ; geb. M. II —

Das zuerfl 1899 erfchienene, im Jahrgang 1900 Nr. 1
befprochene Buch, eine Sammlung von Abhandlungen,
die in ihrer Gefamtheit fo ziemlich alle Hauptprobleme
der modernen Pfychologie vom Standpunkte des Neothomismus
aus behandelt, hat in der zweiten Auflage
eine fo ftarke Vermehrung erfahren, daß fle zum
Zwecke größerer Handlichkeit in zwei Bände zerlegt
wurde.

Mit großem Fleiß hat der Verfaffer das seither an-
gewachfene Material zufammengetragen und die einzelnen
Abhandlungen darnach ergänzt. Kaum ift irgend eine
Neuerfcheinung unberückfichtigt geblieben. Freilich find
auch die Berichte über diefe Neuerfcheinungen mehr
nur in der Form von Rezenflonen oder vielfach wörtlichen
Inhaltsangaben dem Ganzen beigefügt, als in
den Zufammenhang der Ausführungen hineingearbeitet.
Immerhin bietet auch in diefer Form das Werk dem
bereits Orientierten eine wlilkommene Uberficht über
die Fülle der vorhandenen Anflehten. Für den
Anfänger, der fleh darnach erft orientieren wollte, könnte
diefe Behandlungsweife nur verwirrend wirken.

Ganz neu hinzugekommen ift, eine umfangreiche
zehnte Abhandlung über ,Kinderpfychologie'. Sie gibt
eine fehr zeitgemäße Überficht über die Beftrebungen
und Veröffentlichungen auf diefem mit wachsendem
Eifer und Intereffe bearbeiteten Gebiete. Von einzelnen
Punkten aus der ebenfalls den Charakter einer Enzyklopädie
pfychologifcher Anflehten tragenden Abhandlung
könnte beanftandet werden, daß der einleitende erfte
Satz den Anfchein erregt, als ob die Herbartfche
Schule es gewefen fei, welche diefer Befruchtung der
Erziehungslehre durch die Seelenlehre die Bahn geöffnet
habe, während diefe neue Richtung gerade in der
Emanzipation von der Übermacht der Herbartfchen
Pädagogik fleh ihren Weg erft erkämpfen mußte; ferner
daß in dem dankenswerten Bericht über die Verfuche
von B. Erdmann und Dodge über das Lefen (S. 661 ff.)
nicht berückfichtigt ift, daß diefelben zunächft nur für
den Erwachfenen gelten; endlich daß die verdienftvolle
von Kemfies herausgegebene Zeitfchrift für pädagogifche
Pfychologie und Pathologie gar nicht oder nur wenig
berückfichtigt ift.

Was. den Standpunkt des Verfaffers betrifft, fo
muß ich auf die frühere Befprechung verweifen. Eine
Diskuffion mit ihm ift auch dadurch erfchwert, daß
über das Recht feiner Überzeugung nicht bloß er felbft,
fondern auch Herr Dr. J. B. Holzammer, Cons. Eccl. et
Can. Cap. Cathedr. Eccl. Mogunt., der das Imprimi per-
mittitur für fein Buch unterfchreibt, zu entfeheiden hat.

Heidelberg. Th. Elfenhans.

Schultz, D. Hermann, Aus dem Universitäts-Gottesdienste.

II. Von Pfingften bis Advent. Predigten. Nach dem
Tode des Verfaffers auf Grund einer Auswahl herausgegeben
. Göttingen 1903, Vandenhoeck & Ruprecht
. (V, 200 Seiten gr. 8.) M. 2.80; geb. M. 3.60.

Am Schluß der Anzeige des erften Bandes der
Predigten von D. Hermann Schultz (Th. Lit.-Ztg.
1903 Sp. 530 f.) wurde die Bitte ausgefprochen, daß

der in Ausficht geftellte zweite Band aus dem Nachlaß
des inzwifchen Entfchlafenen doch möchte veröffentlicht
werden. Die Bitte ift erfüllt; wir erfahren, daß der
Verfaffer felbft die Auswahl getroffen habe; als ,letzten
Gruß des Verklärten' an feine Freunde und Verwandten
bietet die Herausgeberin diefe 19 Predigten dar.

Der erfte Band gab Predigten aus der feftlichen
Hälfte des Kirchenjahres, deshalb überwogen die Feft-
predigten; der zweite Band bietet Predigten aus der
Trinitatiszeit, daher fehlen die Feftpredigten mit Ausnahme
der erften, einer Pfingftpredigt, und der letzten,
die bei der Akademifchen Feier der Jahrhundertwende
gehalten wurde, falls man nicht auch die Predigten zum
Beginn und Befchluß des Studienfemefters zu den
Feftpredigten zählen will.

In der Anzeige des erften Bandes ift eine Charak-
i teriftik der Predigten von Schultz verfucht worden.
Tief eingehende Meditation und großen Gedankenreichtum
in edelfter Form tut jede Predigt kund. Doch
nicht auf dialektifche Entwicklung legt der Verfaffer den
Nachdruck, feine Stärke ift die religiöfe Betrachtung.
Die exegetifche Durcharbeitung des Textes ift die
Vorausfetzung der Betrachtung, fie tritt jedoch meiftens
nicht als Förderung des Schriftverftändniffes hervor.
Die Anwendung des Hauptgedankens, was er uns
Heutigen zu fagen hat, liegt dem Verfaffer am Herzen,
und die Anwendung kündet das tiefe religiöfe Leben
des Predigers wie feine Vertrautheit mit den religiöfen
Bedürfniffen feiner Akademifchen Gemeinde. Was fich
nicht unmittelbar für das religiöfe Leben der Gegenwartverwerten
läßt, wird mit wenigen Worten übergangen;
fo behandelt die Predigt am ,Totenfonntagr (S. 170 f.)
die rechte Traurigkeit am Grabe nach 1 Theff. 4 13—is;
die efchatologifchen Eigentümlichkeiten des Textes
werden als uns fremd geworden bezeichnet, aber auf
die Frage: ,Können wir uns denn, wie der Apoftel ermahnt
, mit diefen Worten unter einander tröften?' empfangen
wir die kurze Antwort: /Wer fo fragt, der hat
nicht wirklich in den Sinn unferer Epiftel hineingefchaut,
der denkt nur an ihren äußeren Klang, an das zeitliche
Gewand ihrer erhabenen Predigt', und nur Vers 13 und
der Schluß des Textes wird behandelt. Wir meinen allerdings
, daß den fuchenden Geiftern unferer Zeit, die vornehmlich
doch in der Akademifchen Gemeinde vertreten
find, mit eingehender Auseinanderfetzung mit dem Apoftel
mehr gedient fein würde. Eigentümlich kontraftiert mit
diefer Predigt die über die ,Himmelreichskinder' nach
Mt. 13 44, in der bis in die verborgenften Einzelheiten
hinein der Text allegorifch ausgedeutet wird.

Der zweite Band fleht übrigens dem erften durchaus
nicht nach. Wir möchten ihm in mancher Beziehung
fogar den Vorrang einräumen. Es fei auf die zweite
Predigt: Das Gebet der Pfingftgemeinde nach 1 Kor. 14
13—15 hingewiefen, auf die tief evangelifche Darlegung des
,Betens mit dem Geift und des Betens im Sinn', die in
die innerften und zarteften Verhältniffe des chriftlichen
Gebetslebens uns hineinführt. Wie hier, fo tut überall
eine kraftvolle Entfchiedenheit fich kund, die das
fpezififch Chriftliche von dem edel Menfchlichen nicht
nivellieren läßt, die den Unterfchied der Kinder der
Welt von den Gotteskindern betont und die enge
Pforte nicht auf Korten des Ernftes des Evangeliums
erweitert, ohne jedoch die Suchenden und Nahenden
irgendwie zurückzuftoßen. Vielleicht der fchönfte
Schmuck der Sammlung ift die letzte Predigt des
Verfaffers: ,Seid einig' über 1 Kor. 3 is—23. Nicht nur
technifch zeichnet fie fich durch forgfältige Exegefe
und eingehende und ungezwungene Verwertung des
Textes aus, — die Art und Weife, wie die Einigkeit
der Gläubigen auf Grund des im Glauben an Chriftus
Erlebbaren und im Herzen Geborenen im Gegenfatz
zu dem, was durch menfehliche Gedanken feftgeftellt
wird und daher zertrennend wirkt, dargeftellt wird, ift