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Ausgabe:

1904

Spalte:

262-263

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mommert, Carl

Titel/Untertitel:

Das Prätorium des Pilatus, oder der Ort der Verurteilung Jesu 1904

Rezensent:

Schürer, Emil

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 9.

262

fchaffen fich mühen. So fchließe ich die Befprechung }
diefes hoffentlich nur erften Bandes eines Evangelienkommentars
von J. Wellhaufen mit dem Ausdruck dankbarer
Bewunderung für die Fülle von Schätzen, die der
Schatzgräber von Beruf in ihm findet, für die Anziehungskraft
, die er auf den zufällig des Wegs Kommenden unfehlbar
ausüben muß. Dagegen bezweifle ich feinen
pädagogifchen Wert, er fchenkt Funde, nur eins lehrt
er nicht: finden. Daß man ihn nicht für folche Zwecke
empfehle! Auch der Meiner kann nicht alle möglichen
Aufgaben in einem löfen.

Marburg i. H. _Ad. Jülicher.

Trench, Erzbifch. Dr. Richard Chenevix, Die Gleichnisse
des Herrn in St. Matthäus XIII, betrachtet. Ins Deutfche
übertragen von Pfr. M. Schuchard. Leipzig 1903,
G. Strübig's Verlag. (VIII, 73 S. gr. 8.)

M. 1.50; geb. M. 2 —

Im Jahre 1841 veröffentlichte der englifche Theologe
Trench eine Auslegung der Parabeln Jefu (in Wahrheit
waren es nur 30), die große Verbreitung fand; die
14 Auflage ift 1880 erfchienen: wefentliche Umgeftaltungen
hat der Verfaffer feit 1841 nicht vorgenommen. Es iff ver-
wunderlich, daß man in Deutfchland 1903 das Bedürfnis i
empfindet, von diefem Werk, das, der , Vorerinnerung' |
zufolge, eine ungewöhnliche Erfcheinung ift, eine Über-
fetzung und zwar vorerft nur von den ,in St. Matthäus !
XIII enthaltenen Gleichniffen' zu veranffalten. Denn
Trenchs Buch trägt durchaus gelehrten Charakter, hatte
feinerzeit das Verdienff, in ungewöhnlichem Maße !
namentlich die ältere Gefchichte der Parabelauslegung heranzuziehen
und durch forgfältige archäologifche Belehrung
, aber auch durch Verwertung von Analogem aus
alter und neuer Literatur den Lefer anzuregen und zu
fördern, ift aber auf der Höhe der Wiffenfchaft nur
zur Zeit feiner Entftehung gewefen, und auch in England
fchon durch andere, die in der Folgezeit an die
Parabelforfchung unabweisbar herangetretenen Fragen der
Evangelienkritik berückfichtigende Werke in den Hintergrund
gedrängt worden. Aus diefem über 60 Jahre j
alten Werk erhalten wir nun einen Ausfchnitt, voller ]
Verweife auf englifche und lateinifche Werke, die,
zumal der vollftändige Titel immer — bei Trench mit
Recht — als fchon bekannt fortgelaffen wird, dem
Lefer gar nichts nützen: Überfetzungen Trenchs aus
Kirchenvätern in gediegener Afterüberfetzung, felbft mit
fo naiver Treue, daß wir S. 35 n. aufgefordert werden,
,Minucius Felix Seite 329 Ausgabe Ouzel' zu vergleichen
!

Der Standpunkt Trenchs ift ein maffiver Supranatu-
ralismus auf Grund einer nicht minder maffiven
Infpirationstheorie; immerhin hat er die gefchichtlich pro-
phetifcheDeutungderGleichniffezurückgewiefenund(S.69)
fogar die ,Unvollkommenheit menfchlicher Veranfchau-
lichung zur Darftellung göttlicher Wahrheit' zugegeben.
Aber die Sympathie gewiffer ,Evangelifchen' von heute
fichern ihm Sätze wie der auf S. 21: ,Wie in manchen
andern Stücken, fo verdankt die Kirche auch in diefem
dem heiligen (!) Auguftinus nicht die Geftaltung ihrer
Lehre — denn diefe (!) kann fie keinem Menfchen verdanken
— fondern das klare Verftändnis deffen, was
fie bisher mittelbar befaß', oder S. 54f. die Entfcheidung,
daß der Acker Matth. 13, u die äußere fichtbare
Kirche im Gegenfatz (irreführend überfetzt!) zu der
inneren geiftlichen Kirche darftelle, welche demnach mit
dem Schatz übereinftimmt. Wie jemand, der zuvor den
Acker gleichgültig anfah, jetzt, von feinem neuen Wert
überführt, fich entfchließt, daß nichts ihn davon trennen
foll, fo fehe auch der, welcher die Kirche nicht als
menfchliche, fondern als göttliche Anftalt, als
Spenderin himmlifcher Gaben erfahren hat, daß die
Kirche bis zum äußerften Saum einzigartig und unvergleichlich
ift; er erkenne, ,daß die Seligkeit an die
Gemeinfchaft mit ihr gebunden ift'. ,Wie der Mann
den Schatz nicht ohne den Acker heben konnte' —
konnte er aber den Acker nicht nach Hebung des Schatzes
preiswert verkaufen? — ,fondern beides oder keins von
beidem ihm eigen fein mußte, fo kann jemand Chriftum
nur in feiner Kirche gewinnen; und die goldnen Röhren
des Heiligtums wurden zum Darreichen des goldnen Öls
verwendet (Sach. 4, 12)'. Und etwa noch zur Charakteri-
fierung der exegetifch-grammatifchen Scharffeherei die
Notiz von Seite 34, daß in Matth. 13, 42 der Artikel vor
xlav&fiöq und ßavyuoq ,diefe Tätigkeiten als der Hölle
eigentümliche' bezeichne.

Des Englifchen fcheint der Überfetzer hinreichend
mächtig zu fein — das einzige Erfordernis, das nach
feinem Begriff von der übernommenen Aufgabe hier
in Betracht kam —, weniger des Deutfchen. Wer
immer wieder ,wunderfam' ftatt herrlich fchreibt, und S.54
,0 wenn ein Topf . . . erklinge', haftet zu ängftlich an der
Vorlage; das Auguftin-Zitat S. 9 Anm. 1 ift bei Sch.
überhaupt nicht zu verftehen wegen falfcher Wörtlichkeit.
Aber im allgemeinen verdient die Übertragung Lob, und
eine Häufung von Gefchmacklofigkeiten enthält nur die
2 Seiten lange, von Johannes Biegler, ,in der heiligen
Paffionszeit 1903' gefchriebene, dem Büchlein als Willkommgruß
beigegebene Vorerinnerung. Wir erfahren
darin, daß Trench 21 Jahre englifcher (!) Erzbifchof in
feiner Vaterftadt Dublin war, aber nicht wann er die
notes on the parablcs publiziert hat. Den Pfarrer Biegler
zieht bei Trench vor anderem an jene fchöne Sprache,
die nichts ift als reines, lauteres, fich in ihr ver-
ftrömtes Gemüt'; aus feiner eigenen Gedankenwelt
weiß er uns mitzuteilen, daß ,das Gleichnis dem
geoffenbarten Lehrbegriffe (!) eigentümlich ift, weil
gerade er das geiftige und das äußere Leben zu einer
wahren, höheren Einheit verbindet'.

Sollte die vorliegende Schrift als Beitrag zum
Verftändnis der Gleichniffe Jefu ,den Herzen der Lefer
Freude und Anregung bieten', fo wäre eine gründliche
Abfchiebung des gelehrten Beiwerks notwendig gewefen
; follte fie ein Mufterftück fein für wahrhaft wiffen-
fchaftliche Behandlung der Gleichniffe, fo war den gelehrten
Materialien fachverftändige Aufmerkfamkeit zu
fchenken, und die zahlreichen Zitate, foweit nicht fchlecht-
hin veraltet, mußten für den Lefer von heut brauchbar
gemacht werden. Allerdings würden die Lefer diefer
Gattung mit dem englifchen Original fich wohl auch
ohne Schuchards Hilfe zurecht finden.

Marburg. Ad. Jülicher.

Mommert, Ritter d. hl. Grabesordens Pfr. Dr. theol.
Carl, Das Prätorium des Pilatus, oder der Ort der
Verurteilung Jefu. Leipzig 1903, E. Haberland. (VII,
184 S. mit 6 Tafeln.) M. 4.50

Im Jahrg. 1903, 348 habe ich ein gelehrtes Werk
des /'. Barnabe, Le Pretoire de Pilate et la forteresse
Antonia (1902), angezeigt, in welchem diefer die
kirchliche Tradition über die Lage des Prätoriums
in Jerufalem zur Zeit Jefu Chrifti eingehend darftellt
und verteidigt. Den gleichen Zweck verfolgt das ein
I Jahr fpäter erfchienene ebenfalls fehr gelehrte Werk
von Mommert. Beide nehmen an, daß Prätorium und
j Antonia identifch feien. Aber Mommert fixiert die
Lage, welche durch die Pilgertradition bezeichnet wird,
noch genauer und korrekter als P. Barnabe. Seine
Ausführungen verhalten fich daher überwiegend polemifch
gegen Barnabe, obwohl er mit ihm in der Hauptfache,
nämlich in der Annahme, daß das Prätorium an der
Stelle der Antonia zu fuchen fei, übereinftimmt.

Der ältefte Zeuge hiefür ift der Pilger von Bordeaux
(333 n. Chr.), Itinera Hierosolymitana ed. Geyer
| p. 22: Inde 11t eas foris murum de Sion, euntibus ad