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Ausgabe:

1904 Nr. 7

Spalte:

203

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyer, Max

Titel/Untertitel:

Der Apostel Paulus als armer Sünder 1904

Rezensent:

Hollmann, Georg

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203

Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 7.

204

Mann kann in feiner literarifchen Tätigkeit ganz anders I
wirken als im perfönlichen Verkehr, ja geradezu entgegen- I
gefetzt; man denke nur an D. Fr. Strauß. Die Judaiften
haben doch bei ihren Verläumdungen gewiffe tatfächliche
Anhaltspunkte gehabt.

Halle a. S. Georg Hollmann.

Meyer, Paft.Lic. theol. Max, Der Apostel Paulus als armer

Sünder. Ein Beitrag zur paulinifchen Hamartologie.
Gütersloh 1903, C. Bertelsmann. (58 S. gr. 8.)

M. 1.— ; geb. M. 1.50

Der Verf., der bereits in feiner Greifswalder Differ-
tation: ,Die Sünde des Chriften nach Pauli Briefen an die
Korinther und Römer' 1902 den Kampf gegen Wernle
(Der Chrift und die Sünde bei Paulus 1897) geführt hatte,
fetzt ihn hier fort, indem er fpezieller das Sündenbewußt-
fein des Apoftels felbft unterfucht. In einem erften Ab-
fchnitt fchildert er das eigentümlich ftark ausgeprägte
Berufsbewußtfein des Paulus, im zweiten das damit völlig
kohtraftierende Sündenbewußtfein, während der Schluß- |
teil zeigen foll, wie diefe fcheinbar divergierenden Linien
zu vereinigen find. Die Löfung ifl folgende: Paulus kann
das ganze Hochgefühl untadliger Berufserfüllung zeigen,
weil die Möglichkeit des Sündigens bei ihm nicht Wirklichkeit
geworden ift. Der dritte Teil kann (ich von p. 42
ab gar nicht genug darin tun, immer wieder zu betonen:
kein tatfächliches Sündigen, vielmehr Händige Abweifung
der Sünde. Dann ift zunächft klar, daß der Titel der j
Schrift verfehlt ift. Der Ausdruck ,armer Sünder' ift für j
unfer fprachliches Bewußtfein ganz fcharf und feft geprägt.
Die wirklich begangene Sünde ift von ihm unabtrennbar.
Wir denken fogar immer an ein befonderes Maß von Sünden
. Die Titel ift wohl nur gewählt, weil er oftentativ
klingt. Aber auch der ganze zweite Abfchnitt ift von
vorn herein dem Mißverftändnis ausgefetzt. Wenn hier
von dem Sündenbewußtfein oder dem perfönlichen Sündengefühl
des Apoftels (p. 30) gefprochen wird, wenn die
äcptoiq xcöv dfiaoxtcöv als ,tägliche Erfahrungstatfache des
Apoftels' (p. 32) hingeftellt wird, fo muß jeder Lefer an
wirklich begangene Sünden denken, feien es auch nur Ge-
dankenfünden. Er erfährt aber dann im Schlußteil, daß
nur die Möglichkeit der Sünde gemeint fei, alfo die Ver-
fuchung. Damit verliert der zweite Abfchnitt feine ganze
Pointe. Gegen frühere einfeitige Formulierungen Wernles
hat der Verf. darin recht, daß auch der Chrift Paulus fich
noch im Werden, im Kampf weiß, nicht bereits in der
Vollkommenheit, doch fo, daß die Entwicklung geradlinig
geht ohne Fall. Die gehäuften Stellen p. 24 find freilich
nicht beweifend, da fie nur ein ,feelforgerlich.es Entgegenkommen
Pauli' (p. 47) zu enthalten brauchen. Die Stellen
Kol. 1, 14 Eph. 1,7. 2,18. 3, 13 beweifen für die tägliche
Erfahrung der arpectiq gar nichts. Daß aber — faft 100
Jahre nach Schleiermachers Sendfehreiben — 1. Tim. 1,15
mehrfach als Kardinalftelle herangezogen wird, ift wenig
rühmlich. Paulus konnte fich mit gutem Sinn den eXa-
Xiöroq xcöv djioGxölcov nennen (1. Kor. 15, 9) aber fchon
nicht den eXaxiGxoxegoq Jtavxcov ayimv Eph. 3, s, ge-
fchweige denn den Erften der Sünder. Das ift das often-
tative Niedrigkeitsbewußtfein eines Späteren in maiorem
gratiae deigloriam und fleht auf der gleichen Höhe wie
Barn. 5, 9. Die Stimmung des Paulus ift bei Wernle ungleich
beffer getroffen. Und daß unfere Reformatoren,
denen es gerade darauf ankommt, wie man trotz immer
erneuter Sünde der göttlichen Vergebung gewiß fein kann,
religiös anders geftimmt waren, füllte nicht erft gefagt
werden müffen. Auf die fonftigen falfchen Exegefen kann
hier nicht eingegangen werden. Befonders fchlimm ift 1
die Erklärung von Rom. 7, 15 (cf. V. 19) auf p. 55. Gern
hebe ich hervor, daß das biblifche Material in großer
Reichhaltigkeit beigebracht ift und befonders der erfte Abfchnitt
weitgehende Zuftimmung finden wird.

Halle a. S. Georg Hollmann.

Kögel, Priv.-Doz. Lic. Dr. Julius, Die Gedankeneinheit des
ersten Briefes Petri. Ein Beitrag zur neuteftament-
lichen Theologie. (Beiträge zur Förderung chrift-
licher Theologie. Sechfter Jahrgang 1902. Fünftes
und fechftes Heft.) Gütersloh, C. Bertelsmann. (198 S.
gr- 8.) M. 3.-

Die Arbeit hat den Zweck, zu zeigen, daß in dem
1. Petr. eine Gedankeneinheit vorhanden ift und daß fie
beruht in dem Moment der Unfichtbarkeit des Heilsgutes
. Zunächft wird in einem erften Teil der für den
1 Petr. zentrale Begriff der Hoffnung als Ausgangspunkt
genommen und gezeigt, daß er an der Unfichtbarkeit
des chriftlichen Befitzes orientiert ift. Der zweite Teil
unterfucht die dogmatifchen Beftimmungen des Briefes,
der dritte die paränetifchen Ausführungen, und zwar
immer von dem Gefichtspunkt aus, inwiefern fie von der
leitenden Grundvorausfetzung der Verborgenheit des
Heils aus beeinflußt find refp. mit ihr in Verbindung
liehen. Abfchnitt 2 behandelt befonders die Begriffe:
Wort, Geilt, Gott, Chriltus, Abfchnitt 3 Lage und Aufgabe
der Lefer. Der vierte Teil bietet eine Umfchrei-
bung des Gedankenganges, die in einer formulierten
Dispofition endigt. Endlich werden zum Abfchluß
Probabilia über Verfaffer, Lefer und Abfaffungszeit vorgetragen
.

Die Arbeit zeigt eine gründliche Vertiefung in den
behandelten Brief, ihr Hauptgedanke trifft das Richtige.
Nur auf den erften Blick kann der Eindruck der Plan-
lofigkeit, einer Kompilation erweckt werden. Es fteht in
diefer Hinficht beim erften Petrus ganz anders wie beim
Jak. Auch die Unfichtbarkeit des chriftlichen Heils ift
richtig als leitender Gedanke erkannt, fobald man darunter
nur den Gefichtswinkel verlieht, unter dem der
Autor aus einem beftimmten Anlaß (Leiden der Lefer)
fchreibt. Hier hätte der Verf. noch größere Anfchaulich-
keit und Abgrenzung erreichen können, wenn er die
Verfchiedenartigkeit des gleichen Gedankens im Hebr.
betont hätte. Er zieht diefen Brief zwar öfters heran,
ohne aber deutlich zu machen, daß es fich beim 1. Petr.
einfach um die faktifche Verborgenheit des Heils, beim
Hebr. um die im Zufammenhang mit einer beftimmten
Weltanfchauung(der alexandrinifchen) notwendigeUnficht-
barkeit handelt. In der exegetifchen Auffaffung einzelner
Stellen wird man mehrfach anderer Meinung fein können,
fo bei l,i. 1, 21. 2, 2. 2, 8. 1, 11. 4, 10f. 2, 18. Auch find die
Verbindungslinien vom Einzelnen zum Leitmotiv gelegentlich
(cf. p. 33) mehr möglich als nachweisbar, teilweife
vielleicht gefucht. Gut gelungen ift die Dispofition. Der
kleine Abfchnitt 3, 7 hat allerdings keine organifche Stellung
, fcheint fie aber auch von vorn herein nicht gehabt
zu haben. Am wenigften befriedigt der Schlußteil, der
die Authentie des I. Petr. verteidigt. Alles, was für
Petrus angeführt wird, ift auch bei einem andern begreiflich
, unbegreiflich bei Petrus hingegen die Art, wie er
von Chriltus und gerade auch von den Leiden Chrifti
redet. Und ob eine ftarke Nachwirkung paulinifcher Briefe
gerade bei Petrus pfychologifch begreiflich ift? Daß bereits
zur Zeit Neros in Kleinafien umfaffendere Verfolgungen
der Chriften eingetreten feien, ift ganz unwahrscheinlich
. Die nächftliegendfte Deutung von 4, u weilt
auf fpätere Zeit. Gerade auch die Verwandtfchaft mit
dem Hebr. würde bis in die Regierung Domitians hinabführen
. Die Lefer werden richtig als Heidenchriften be-
ftimmt.

Die Arbeit ift teilweife etwas breit fowohl im Material
wie im Stil. Es hätten auch unnötige Wiederholungen
vermieden werden können, cf. p. 77 Anm. 2 mit p. 78,
p. 93 nach dem Abfatz, p. 155 mit p. 168 Anm. 3 von
p. 167. Der Genuß bei der Lektüre ift dadurch beeinträchtigt
worden.

Halle a. S. Georg Ho 11 mann.