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Ausgabe:

1904 Nr. 6

Spalte:

176-177

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schubert, Hans von

Titel/Untertitel:

Der sogenannte Praedestinatus. N.F. Neunter Band 1904

Rezensent:

Bruckner, Albert

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Theologifche Literaturzeitung. 1904. Nr. 6.

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können, wenn er altern Vorgängern folgend dies Jahrzehnt
340—350 und zwar den Anfang des Jahrzehntes, für j
feine Geburt in Anfpruch nimmt. Ganz verfehlt ift die von j
G. vorgefchlagene, dann aber felbft wieder aufgegebene
Auskunft, wonach Profper von 29 n. Chr. an datiert
haben foll (S. 50f.). Die Erörterung der chronologifch
genau zu fixierenden Punkte des fpätern Lebens (S. 51
bis 53) ift etwas zu fummarifch ausgefallen. Als feift-
ftehend wird angefehen: Aufenthalt in Konftantinopel
bei Gregor von Nazianz von Ende 380 an. Denn
am 26. Nov. 380 erhielt Gregor von Nazianz erft die
Kathedralkirche (Loofs bei Hauck RE.3 VII, 143 34), und
Hieronymus kam danach dorthin. Aufenthalt in Rom
382. Die Synode in Sachen des meletianifchen Schismas
fand Ende des Jahres (nach ep. 108, 6 verließen die
Bifchöfe nach dem Winter Rom) ftatt; da Hieronymus
fich wegen diefer Synode nach Rom begab {ep. 108, 6),
muß er in dem letzten Drittel das Jahres dorthin gekommen
fein. Nach ep. 45, 2 blieb er faft drei Jahre
dort, hat alfo die Stadt im Herbft 385 verlaffen; 386 ließ
er fich dann mit Paula und Euitochium definitiv in
Bethlehem nieder. So nimmt G. mit Vallarfi und den
Älteren an. Bei diefer Chronologie bleiben einige
Schwierigkeiten ungelöft, die hier kurz angedeutet werden
mögen. Nach dem Schluß der Vorrede zur Chronik
hat Hieronymus die letzte Zeit nicht mehr behandelt,
quoniam debacchantibus adhuc in terra nostra barbaris
incerta sunt omnia. Man wird diefe Worte auf den erneuten
Gotenangriff im Februar 380 zu beziehen haben,
der durch die fchwere Erkrankung des Theodofius hervorgerufen
wurde. Die Lage war damals allerdings fo,
daß omnia incerta waren. Im Sommer desfelben Jahres
wurden die Goten durch Arbogaft und Bauto zurück-
gefchlagen; der Friedensfchluß fetzte den Wirren ein
Ziel. Demnach ift die Chronik zwifchen Februar und
Juli abgefchloffen worden. Da fich Hieronymus fchwer-
lich fo ausgedrückt haben würde, wenn er noch in
Antiochien gewefen wäre (in terra nostra), fo hat er die
Chronik in Konftantinopel abgefaßt, wohin er alfo vor
Februar 380 gekommen fein muß. Die Zeit, die zur
Vollendung diefes Werkes nötig war, zwingt die Ankunft in
Konftantinopel fpäteftens in den Sommer 379 zu fetzen.
Mit diefer Datierung ftimmt auch die Notiz ep. 57, 6;
denn der Brief an Pammachius ift nicht 395 gefchrieben,
fondern 399. Vallarfi will c. 6 die Angabe XX in XV
ändern, um auf diefe Weife die richtige Differenz zwifchen
der Abfaffung der Chronik und der des Briefes herauszubekommen
. Aus ep. 57, 2 ergibt fich, daß der Brief
um 399 verfaßt fein muß, fodaß der Anfatz 380 für die
Abfaffung der Chronik dadurch gefichert ift. Der Zeitpunkt
für die Reife nach Rom fleht durch das Konzil
382 feft; ebenfo der Aufenthalt c. 3 Jahre. Nach adv.
Ruf. III, 22 ift er mcnse Augusto, flantibus etesiis von Rom
abgereift und zwar nicht in Begleitung der Paula. Denn
diefe reifte bald nach den von der Synode heimkehrenden
Bifchöfen weg und zwar exacta hyeme {ep. 108, 6),
alfo im Frühjahr 383. als die Schiffahrt wieder eröffnet
war. Im Heibft 385 folgte Hieronymus nach. Doch das
gehört nicht mehr in den Rahmen diefes Bandes. Die
chronologifchen Beftimmungen Vallarfis hätten gründlich
revidiert werden müffen; G. wäre dann wohl zuweilen zu
andern Refultaten gekommen.

Im ganzen tragen diefe Korrekturen freilich nicht
allzuviel aus, da die Hauptereigniffe des Lebens feftftehen.
Es kommt alfo im wefentlichen auf die Charakteriftik
der Perfönlichkeit an. Über diefen Punkt fich zu äuß.rn,
fcheint mir jetzt noch nicht an der Zeit. Dazu wird die
Befprechung des 2. Bandes Anlaß geben. Für jetzt habe
ich nur wegen der Verzögerung diefer Anzeige um Ent-
fchuldigung zu bitten. Anlaß war ein Mißverftändnis,
an dem ich nur teilweife die Schuld trage.

Darmftadt. Erwin Preufchen.

Schubert, Profeffor Dr. Hans von, Der sogenannte Praede-

stinatus. Ein Beitrag zur Gefchichte des Pelagianismus.
(Texte und Unterfuchungen zur Gefchichte der alt-
chriftlichen Literatur. Herausgegeben von O. von Gebhardt
und A. Harnack. Neue Folge. Neunter Band,
Heft IV.) Leipzig 1903, J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung
. (IV, 147 S. gr. 8.) M. 4.80

In eindringender, auch die kleinften Nebenumftände
forgfältig berückfichtigender Unterfuchung zeigt von Schubert
in der hier vorliegenden Schrift, daß wir es im Prä-
deftinatus mit einem wohldurchdachten pelagianifchen
Machwerk aus der Zeit Sixtus II zu tun haben, an deffen
Abfaffung und endgültiger Redaktion kein Geringerer als
der weltkluge Bifchof Julian beteiligt gewefen fein dürfte,
und weiß diefes Refultat in glücklichfter Weife mit den
bisher faft unbrauchbaren, fpärlichen Notizen Profpers
über die fpätere Gefchichte der Pelagianer, fpeziell Julians
zu begründen und diefe hinwiederum dadurch wirkungsvoll
zu illuftrieren.

Nach einer kurzen Einleitung über die verfchiedenen
Texte und Ausgaben des Prädeftinatus (S. 1—8), befchäftigt
fich der Verfaffer in den beiden erften Abfchnitten (S. 8—39)
mit derKompofition und dem Zweck desfelben, um bei dem
vorläufigen Refultat zu landen, daß wir es mit der Arbeit
eines ebenfo klugen als dreiften antiauguftinifchen Fälfchers
zu tun haben (Buch II), deffen dogmatifcher Standpunkt
mit dem der vonAuguftin bekämpften zwei pelagianifchen
Briefe vom Jahre 419 in vielen Stücken nahe verwandt
fei. Der dritte Abfchnitt (S. 39—76) bringt den wertvollen
Nachweis, daß das erfte Buch ,die Ketzerbeftreitung' ein
hiftorifch wertlofes Plagiat aus Auguftin ,de haeresibus'
fei, das aber bereits in zahlreichen kleinen Zufätzen und
Veränderungen wie in der jeweiligen Beifügung der orthodoxen
Gegenlehre dem polemischen Hauptzweck des
Ganzen diene, die auguftinifchePrädeftinations- und Gnadenlehre
freilich unter formeller Anerkennung der Orthodoxie
Auguftins felbft {praefatio) als ketzerifch zu verdächtigen.
Die wenigen ,nicht erfchwindelten' Notizen weifen auf
füditalifchen und römifchen Uifprung, und die Verwerfung
der Pelagianer {liaer. 88) widerfpricht einer pelagianifchen
Abfaffung nicht, da der betreffende Abfchnitt alles, was
mit Julian in Beziehung fleht, forgfältig verfchweigt, nur
die fchärfften Sätze des Cöleftius verurteilt und fich über
das Verhalten der Pelagianer nur unklar ausfpricht. Diefes
Refultat wird im wefentlichen beftätigt durch die ebenfalls
in diefem Sommer erfchienene Inaugural- Differtation von
Paftor Alexander Faure, Die Widerlegung der Häretiker
im I; Buch des Prädeftinatus (Göttingen, Käftner, 1903,
50 S.), deffen gründliche Detailarbeit manche glückliche
Vermutung von Schuberts erhärtet, wegen der Ifolierung
auf das erfte Buch aber nicht zu der völligen Löfung des
hier vorliegenden Problems durchzudringen vermag. Der
vierte Abfchnitt (S. 76—118) zeigt einleuchtend, daß die
Auffaffung des Werkes als des letzten, großangelegten
Verfuches, das verhaßte afrikanifche Dogma aus feiner
römifchen Hauptpofition zu verdrängen (S. 94), das Rätfei
des Prädeftinatus vollftändig löft und durch die innigen Beziehungen
desfelben zu dem ebenfalls entfchieden nach
Süditalien und Rom weifenden Pfalmenkommentar des
jüngern Arnobius noch erheblich verftärkt wird. Der
fünfte Abfchnitt (S. 118—134) entwirft an Hand der gewonnenen
Erkenntnis ein kurzes Bild von der Gefchichte
des fpätern Pelagianismus, das die bisherige Annahme
von der durch die päpftliche und kaiferliche Erklärung vom
Jahre 418 im wefentlichen erfolgten Erledigung der pelagianifchen
Sache für den Occident von Grund aus korrigiert
und für das richtige, hiftorifche Verftändnis des Semi-
pelagianismus bedeutfame Anhaltspunkte darbietet. Dabei
erfährt auch die anonyme Interpretation des Briefes Cöle-
ftins an die gallifchen Bifchöfe' feinen beftimmten Platz
in der Gefchichte des Pelagianismus, indem es von Schu-