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Ausgabe:

1903 Nr. 16

Spalte:

448-452

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schlecht, Josef

Titel/Untertitel:

Doctrina XII Apostolorum. Die Apostellehre in der Liturgie der katholischen Kirche 1903

Rezensent:

Goltz, Eduard Alexander

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. 16.

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werden! Auch mit der von B. gemachten Einfchränkung
berührt es eigenthümlich, wenn das jüdifche Dogma der
Herkunft des Meffias ex Gnigpaxog Aaveiö mit dem maz-
dayasn. Mythus parallelifirt wird, nach dem der Saosyant
aus dem Samen Zarathustra's entfliehen foll, der im See
Kanfu wunderbar aufbewahrt wird und feiner Zeit eine
im See badende Jungfrau befruchten foll (S. 92 f.); und
auch darin kann ich keine Aehnlichkeit mit diefer Idee
entdecken, wenn IV Esra 1232 der Meffias aus David's
Samen entfleht und er nach 133. 52 aus dem Meer
auffteigt. Die Reihe könnte leider noch verlängert werden.
Derartige Extravaganzen, die Abwägung und Kritik ver-
miffen laffen, find nicht geeignet, die in der Theologie
fo wie fo noch nicht hoffähige religionsgefchichtliche
Arbeit zu empfehlen. Wollte der Verfaffer derartiges
Material der Curiofität halber nicht übergehen, fo hätte
er es in die Anmerkungen verweifen oder wenigflens
ftärker in feinem Werth bzw. Unwerth markiren müffen.

Entfernt man fo mit kritifchem Meffer die wilden
Schöfslinge, fo fchrumpfen namentlich unter II B (das
Schickfal der Einzelfeele nach dem Tode) S. 27—68 die
Parallelen, die zunächft durch ihre Fülle überrafchen,
ganz aufserordentlich zufammen. An wirklich nennens-
werthen und ernfthaften Analogien, die darum aber noch
immer nicht die Abhängigkeit der einen Religion von
der andern zu beweifen brauchen, bleiben, um das
Wichtigfte zu nennen, nur Theile des Materials unter
5, 8, 14 u. 15; im Uebrigen kommen nur hier und
da vereinzelte Stellen aus einzelnen jüdifchen bzw.
chriftl. Schriften in Betracht (z. B. Sabb. 152* unter 1,
Sibyll. VII 69ff. unter 2, Leben Jofeph's des Zimmermanns
13 unter 6, Slav. Henoch IO unter 12, u. a.). Diefer
Thatbeftand wird ja den Kenner jüdifcher Eschatologie
keineswegs verwundern. Was eigentliche Parallelen find,
zeigen — charakteriflifch und erklärlich genug! — in
diefem Abfchnitt die aus der Gnofis, aus dem Mandäismus
und dem Islam herangezogenen Anfchauungen.

Ganz anders fleht es nun freilich mit den Parallelen
in III B (und IV), auf dem Gebiet der eigentlichen Eschatologie
. Zwar mufs eine forgfältige Sichtung auch hier nicht
wenig Spreu entfernen; wefentlich in Betracht kommen
fchliefslich vor Allem nur 1 (Berechnung des Weltendes),
2 (Vorzeichen), 5 (Auferflehung), 6 (Weltgericht), 7 und
8 Kampf in der Geifterwelt. Aber was Stich hält, ift
nicht unbeträchtlich und redet deutlich genug. Es wird
auch demjenigen, der der Frage der Beziehungen zwifchen
Judenthum und Parfismus fkeptifch gegenüber fleht, das
Zugeftändnifs abringen, dafs diefelbe nicht leichthin bei
Seite gefchoben werden darf. Jedenfalls zeigt B. durch
fein Material, dafs Beziehungen irgend welcher Art vor-
liegen müffen zwifchen der eranifchen Religion und —
gewiffen jüdifchen und chriftlichen Schriften.

Ich fage abfichtlich:,gewiffen jüdifchen und chriftlichen
Schriften'und nicht: der jüdifch-chriftl. Eschatologie. Ich !
komme damit auf ein letztes, nicht unerheblichesDefiderium
gegenüber der Arbeit Böklen's. B. illuftrirt im Grunde
nur diefes, nicht aber die Verwandtfchaft der jüd.-chriftl.
Eschatologie mit dem Parfismus, wie der Titel verheifst. i
Was ift denn jüd.-chriftl. Eschatologie? Wir erfahren es
in dem Buche nicht. Wir lernen eine Fülle von einzelnen
eschatologifchen Requifiten aus den verfchiedenften, z. Th.
fehr abgelegenen jüd. oder chriftl. Schriftftellern kennen.
Aber wie diefe Requifiten im Zufammenhang mit einander
flehen, welche — engeren oder loferen — Beziehungen
fie zur jüd. bzw. chriftlichen Grundanfchauung
haben, ob fie der eschatologifchen Grundanfchauung in
ihrer fpecififchen Eigenart fremd find oder ob fie fleh
aus ihr organifch entwickeln konnten, ob fie integrirende
Beftandtheile oder nur angeflogene Einzelheiten find, —
das alles fehen wir nicht. Und doch kommt es bei der
Löfung des Problems, der B. doch dienen will, gerade
auf diefe Fragen fchliefslich an; und auch eine Vorarbeit
mufste das Material zur Beantwortung bieten. B. hätte |

wenigflens einen kurzen Abrifs der jüd.-chriftl. Eschatologie
geben follen, wie er es ja bei der eranifchen gethan hat.
Ich glaube kaum, dafs er bei feinen Lefern eine fo genaue
Kenntnifs des betr. Gedankenkreifes vorausfetzen durfte,
um darauf verzichten zu können. Diefer Mangel ift nicht
ohne Gefahr. Er erfchwert dem Lefer jedenfalls die
Erkenntnifs der zwifchen beiden Eschatologien obwaltenden
grofsen Differenzen (von denen der Verf.
weifs, wie das Schlufswort S. 144 zeigt, wenn er auch
ihre Bedeutung zu unterfchätzen fcheint). Andererfeits
erfchwert er auch die FYkenntnifs der gröfseren gemein-
| famen Züge und fpeciell derjenigen analogen Züge, die
der urfprünglichen jüdifchen Conception fpröde gegen-
überftehen. Nur wer eine relativ genaue Kenntnifs der
jüdifchen Anfchauung und ihres Zufammenhangs hat, ift
in der Lage, die von B. gebrachten Einzelheiten richtig
einzufchätzen. — Genau genommen bietet B. alfo zunächft
nur den Beweis, dafs in einzelnen jüd. bzw. chriftl.
Schriften Analogien zu der mazdayasnifchen Eschatologie
vorhanden find. Auch das ift ja lehrreich genug. Es
ift intereffant, zu beobachten, welche Schriften da vor
Allem in Betracht kommen: ich nenne die Sibyllinen, die
Henochbücher, die Teftamente der zwölf Patriarchen, das
Testam. Abrah., das vierte Buch Esra. Auch das erkennt
man, dafs die Analogien fich häufen, je tiefer man in
der Zeit herabgeht, — auf beiden Seiten.

Wie B. fich die Erklärung der von ihm aufgezeigten
Analogien denkt, hat er in feinem durchaus vorfichtigen
Schlufswort nur angedeutet, unterfteht alfo nicht der
Beurtheilung. — Die von mir gemachten Ausftellungen
follen den Dank nicht hindern, den wir dem Herrn Verf.
für feine mühevolle Arbeit fchulden. Sie hat als Stoff-
fammlung das Verdienft, ad oculos zu demonftriren, dafs
hier ein Problem vorliegt. Dem Nichtfachmann gewährt
fie — unter den oben gemachten Cautelen — einen bequemen
Einblick in das Material. Dem Fachmann wird
fie als vollftändiges Compendium der in Betracht kommenden
Einzelheiten willkommene Dienfte leiften.

Sehr zu bedauern ift, dafs die in der Correctur und in
den Citaten im Allgemeinen fehr forgfältige Arbeit hier u. da
durch eine gewiffe Flüchtigkeit und Ungenauigkeit in der
Wiedergabe von Citaten, fpeciell griechifcher Citate, verunziert
wird. S. 46 Z. 1 1. ev zy egaigizm öialexzm (ft.
zw); S. 34 im Citat aus Sib. VII69—75 1. eg o'ixovg (ft. elg),
nvgyovg (ft. nvgyovg), vco/ir/xogeg (ft. vofir/xogeg); S. 68
im Citat aus Sib. V 281 ff. 1. nävxeGGi (ft. nävxeGGi), das
gleiche Verfehen S. 133; S. 123 Sib. II 196 1. noxauög xe bzw.
ff'o (ft. noxapbg o)j ebenda Sib. II 253 1. al&opivov noxa-
fioto (ft. al&ouevoio); S. 44 Test. Napht. 8 dvire^ovxac
(ft. dvd-i^ovGiv). S. 47 Test. Abrah. 17^ (Ree. A) L —
nilayog rrje cpilogeviag Gov xal xb fiiye&og xrg
dydnrjg Gov (ft. nilayog xrjg dydnrjg Gov) u. a. m. Auch
fcheint es mir ungefchickt, beim wörtlichen Citiren von
Stellen Satz-Theile, die für den Zufammenhang vielleicht
nichts ausmachen, fortzulaffen, ohne es zu markiren durch
Strich oder Punkte, fo S. 77 im Citat aus Yf. 3415 und
Yf. 435, S. 64 im Citat aus Narrat. Zosimi 11 oder S. 131
aus Lactanz VII 146fr. Verfehen im Citat: S. 94 Z. 9
von oben 1. Schürer II3 (ft. HI3); S. 130 Z. 1. Vendid. 199
(ft. Yt. 199); S. 123 Z. 8 1. IV 160 (ft. IV 158), V 211 ff.
(nicht (IV) 211 ff.). — Gewifs war dem Verf., der eine grofse
Bibliothek wohl nicht in der Nähe hatte, peinliche Genauigkeit
fehr erfchwert.

Göttingen. W. Heitmüller.

Schlecht, Prof. DD. Jofef, Doctrina XII Apoftolorum. Die
Apostellehre in der Liturgie der katholischen Kirche. Mit

3 Tafeln in Lichtdruck. Freiburg i/B. 1901, Herder.
(XVI, 154 S. gr. 8.) M. 5.-

Der Titel der vorliegenden Schrift erweckt andere
Erwartungen als die, welche thatfächlich von dem Verf.