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Ausgabe:

1903 Nr. 1

Spalte:

12

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Brentano, Lujo

Titel/Untertitel:

Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen Alterthums 1903

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung. 1903. Nr. I.

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die, welche eine übertrieben hohe, als gegen die, welche I
eine übertrieben niedrige Anfchauung von den Chriften-
verfolgungen haben; darum handelt er von ihrer Zahl,
der Zahl ihrer Opfer. Nach einer kurzen Darfteilung
des äufseren Verlaufes legt er die treibenden Urfachen
für die Verfolgungen und die Martyrien und endlich ihre
Einfiüfse auf das Leben des Chriftenthums felber dar.

Bücher, wie die Mariano's find heutzutage nicht häufig.
Wohl verfuchen viele in den Geift der Gefchichte einzudringen
, aber auf anderem Wege, als es Mariano thut.
Irre ich nicht, fo nimmt er feinen Standpunkt aufserhalb
der wirklichen Vorgänge; er fteht über ihnen; es ift die
Art, wie etwa in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in
Deutfchland Kirchengefchichte gefchrieben wurde. Wir
glauben darüber hinaus zu fein, indem wir das Einzelne
beffer zu verftehen, beffer herauszuarbeiten fuchen, als
es früher der Fall war; wir wollen uns unfere Ideen
von den gefchichtlichen Thatfachen geben laffen, nicht
umgekehrt unfere Ideen auf die gefchichtlichen Thatfachen
übertragen. Im Principe hat Mariano zu diefem
Satze feine Zuftimmung gegeben; aber ihn ftöfst von der
heutigen Wiffenfchaft ab die ,nücromania d. h. die Be-
fchäftigung mit dem Detail; er will lieber das Allgemeine;
darin liegt feine Gefahr, die mindeftens ebenfo grofs ift,
wie die Gefahr, der die ,Mikromaniften' verfallen. Ebenfo
fcharf kehrt fich Mariano gegen die materialiftifche Ge-
fchichtsauffaffung. Er wird ficher nicht verkennen wollen,
dafs das Streben, die natürlichen Urfachen zu erkennen
, unfere Erkenntnifs wefentlich gefördert hat. Bei
der Leetüre feiner Bücher möchte man manchmal wün-
fchen, er ftellte fich mehr auf den Boden diefer Erde,
auf den Boden des Realen. Vielleicht aber liegt gerade
in der Form, in der er feine Gedanken vorbringt, ihre
Bedeutung für das italienifche Publicum. Ich habe den
Eindruck, dafs feine allgemeinen Bemerkungen über das
Wefen des Chriftenthums, über die Religion, bedeutfamer
feien, als feine hiftorifchen Ausführungen. Er will kämpfen
für eine würdigere Auffaffung vom Chriftenthume, als fie
in der officiellen Kirche Italiens vorhanden ift, und in
diefem Kampfe gehören ihm unfere vollften Sympathien.
Vielleicht erklärt fich auch aus der Situation, in welcher
er fchreibt, die lebhafte, auffallende Animofität, mit der
er fich gegen Harnack's Wefen des Chriftenthums kehrt
(vgl. den Schlufs des an erfter Stelle genannten Bandes,
S. 400ff.; aber auch in dem anderen Bande S. 37 f.). Hätte
er den Gedanken der Entwickelung, von dem er fich doch
auch leiten läfst, fcharf ins Auge gefafst, würde er wohl
diefe Ausführungen gerechter gewürdigt, jedenfalls zu
ihrer Bekämpfung nicht den Satz angewendet haben,
dafs fich der fiegreiche Kampf des Chriftenthums mit
dem Heidenthum nicht erklären laffe, wenn Harnack mit
feiner Auffaffung Recht hätte. Mariano hat, wie es
fcheint, keine Vorftellung davon, dafsdie Anfchauungen, die
vom Chriftenthume vorhanden waren, beeinflufst wurden,
fobald es fich der heidnifchen Welt gegenüber befand,
fobald es fich in ihr einrichtete und in ihr feinen
Hauptfitz hatte. Wie mir fcheint, ift er trotz Allem
noch zu fehr abhängig von katholifchen Vorftellungen.
Gerade deswegen wünfehte ich, dafs auch einmal ein
Syftematiker feine Schriften befpräche.

Dafs fich eine Menge von guten und anregenden
Gedanken bei Mariano finden, ift felbftverftändlich; be-
fonders fympathifch berührt feine warme Begeiferung
für das Chriftenthum.

Halle a. S. f Gcrh. Ficker.

Brentano, L., Die wirtschaftlichen Lehren des christlichen
Alterthums. [Sitzungsberichte der philofophifch-philo-
logifchen Claffe der K. Bayerifchen Akademie der
Wiffenfchaften zu München. 1902. Heft 2. S. 141 —193].
München 1902, G. Franz'Verl. in Komm. M. I.'—

Die Rectoratsrede Brentano's (Ethik und Volks-
wirthfehaft, 1901) war von katholifchen Gelehrten fcharf
angegriffen worden. Wirklich hatte fich der Redner
dadurch einige Blöfsen gegeben, dafs er unechte fpäte
Urkunden für echt genommen hatte. Aber es war ein
geringer Fehler, ein Schönheitsfehler. Brentano hat ihn
in diefer Abhandlung befeitigt und feine Hauptpofition aufs
neue gut vertheidigt. So dürfen wir fagen, auch wenn wir
an einem nicht ganz unwichtigen Punkte etwas anderer
Meinung find: die Beobachtung, wie viel die Kirche —
die ältefte und die alte — in Bezug auf den Handel geduldet
hat, ift principieller zu betonen. Brentano (treift
einmal die Stellung der Kirche zum Soldatenftand; diefe
Parallele ift für die Stellung zum Handel fehr wichtig
und würde, fchärfer entwickelt, den Verfaffer Manches
gelehrt haben. Die Kirchen find von Anfang an durch
ihre Ueberlieferungen beladet; fie können fie nicht einfach
abfchütteln; man mufs defshalb ihre Abfichten
nicht nur aus dem entnehmen, was fie lehren, fondern
auch aus dem, was fie thun und dulden. Tritt diefes
mit jenem in Widerfpruch, fo ift nicht immer Schwäche
oder gar Gefinnungslofigkeit Schuld. Freilich — die
katholifchen Kirchen decken hier, wie Brentano fehr
wohl bemerkt hat, principiell in einer üblen Lage, aus
der es nur dann einen Ausweg giebt, wenn fie fich zu
der Anerkennung entfchliefsen, dafs fich auch in der
katholifchen Kirche Manches, ja Vieles geändert hat.
In peripherifchen Dingen vermögen fie es anzuerkennen;
aber das offene Zugedändnifs, dafs ein Theil der focial-
ethifchen Anfchauungen der älteden Chriden (auch des
N. T/s) praktifch nicht brauchbar id, wird felbd dem
Protedantismus fchwer. Aber genügt die Einficht nicht,
der auch Brentano Ausdruck gegeben hat, dafs felbd
das praktifch nicht (oder noch nicht?) Brauchbare aus
dem lebendigen Geide der Nächdenliebe gefioffen id?

Dafs Brentano mit der Behauptung Recht hat, die
negative Stellung der alten Kirche zum Handel fei von
irgend welcher antiken Anfchauung über das Gewerbsleben
unabhängig (S. 182 f.), bezweifle ich. Piatonismus
und Neuplatonismus wirkten doch in derfelben Richtung,
in der fich die focial-ethifche Theorie der Kirche bewegte
, waren auch die Ausgangspunkte verfchieden.

Berlin. A. Harnack.

Augustin's Bekenntnisse, gekürzt und verdeutfeht von E.
Pf leiderer. Göttingen 1902, Vandenhoeck & Ruprecht.
(VIII, 16b S. gr. 8.) M. 1.40; geb. M. 2.20

Wir haben mehrere deutfehe Ueberfetzungen der ,Be-
kenntnifse' Augudin's, darunter die vortreffliche von
Bornemann, aber in unfere Literatur id Augudin
(d. h. die Bekenntnifse) doch nicht wirklich eingedrungen.
Das Buch hat zu grofse Längen und id uns in vielen
Ausführungen zu fremd. Es war daher fchon feit geraumer
Zeit mein Wunfeh, das Werk möge in Verkürzung
verdeutfeht werden. Ein Attentat auf den
grofsen Lehrer und Schriftdeller id das nicht, auch
keine Fälfchung, wenn es richtig gemacht wird. Es
galt, einen bei den Gelehrten begrabenen Schriftdeller
wieder zu erwecken und ihm die Leferwelt unter neuen
Verhältnifsen wieder zu fchaffen, an die er fich eind gerichtet
hat. Fräulein P Heid er er hat diefe Aufgabe für
die Deutfchen unternommen und ihr, wie ich meine,
aufs trefflichde entfprochen. Sie kann Deutfch — das id
die Hauptfache —; die Kraft ihrer Sprachbehandlung
id bewunderungswürdig. Sie befitzt aber auch die volle