Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1902 Nr. 6

Spalte:

167

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hauri, J.

Titel/Untertitel:

Das Christentum der Urgemeinde und das der Neuzeit 1902

Rezensent:

Holtzmann, Heinrich Julius

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

167

Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 6.

168

befinnen. Dies ein Theil der Tageslofung .Zurück zu
Chriftus' (S. 53).

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Hauri, Pfr. D. ]., Das Christentum der Urgemeinde und das
der Neuzeit. (Sammlung gemeinverftändlicher Vorträge
und Schriften aus dem Gebiet der Theologie und
Religionsgefchichte 24.) Tübingen 1901, J. C. B. Mohr.
(37 S. gr. 8.) M. -.75

Eine gut gefchriebene, von Sachkunde zeugende Abhandlung
befchäftigt fich mit der vielfach peinlich empfundenen
Frage nach der urchriftlichen , Weltflucht' und
dem heutigen, mehr oder weniger mit der Cultur ver-
fchwifterten Chriftenthum. Der Gegenfatz könne auf keinen
Fall ein ausfchliefsender fein, weil das Chriftenthum von
Haus aus, wie fchon fein israelitifcher Stammbaum beweife,
fich nicht auf der Linie der indifchen, nach myftifchem
Gottesgenufs in Weltferne fchmachtenden Religiofität
bewege, fondern ein fittliches Gut kenne und anftrebe.
Asketifche und ekftatifche Factoren, wie fie in der
Stimmung der Spätzeit des claffifchen Alterthums lagen,
feien wohl vorübergehend eingedrungen, aber unfchwer
als Fremdkörper im chriftlichen Organismus zu erkennen.
Jefus ift erweislicher Mafsen kein Vifionär, kein Bettler
und kein Asket gewefen und hat in Fällen auch den Schmuck
des Lebens zu fchätzen gewufst. Im Uebrigen wird feine
Stellung meift im Anfchlufse an Harnack's bekannte Vorlegungen
gefchildert. Auch Paulus hat asketifche und
ekftatifche Exceffe bei aller perfönlichen Dispofition dazu
doch eher bekämpft als gefördert. Der Irrthum der
Parufie aber hat das Chriftenthum geradezu genöthigt, allen
zeitlich bedingten Gedankenbildungen, in welchen es feinen
erften Ausdruck gefunden hat, gegenüber zeitlos zu werden
, fich ganz aus den Formen und Normen einer Ge-
fetzesreligion in die Freiheit der Geiftesreligion hinüber [
zu retten. Davon machen auch diejenigen täglich und I
ftündüch in der Praxis Gebrauch, welche in der Theorie
eher rückläufige Ziele verfolgen. Gleichwohl haben auch
wir noch mit der älteften Chriftenheit die Ueberzeugung
gemein, ,dafs ein Culturfortfchritt nur dann Vernunft
ift, wenn er nicht Selbftzweck ift, fondern Mittel für ein
über ihn hinausliegendes Ziel, Mittel zur Heranbildung
eines Reiches fittlicher Perfönlichkeiten'.

Strafsburg i. E. H. Holtzmann.

Eusebius Werke. Erfter Band. Ueber das Leben Con-
ftantins, Conftantins Rede an die heilige Verfammlung,
Tricennatsrede an Conftantin. Herausgegeben im Auftrage
der Kirchenväter-Commiffion der Königl. Preuf-
fifchen Akademie der Wiffenfchaften von Prof. Dr. Ivar
A. Heikel. (Die griechifchen chriftlichen Schriftfteller
der erften drei Jahrhunderte, Band VII.) Leipzig 1902,
J. C. Hinrichs'fche Buchh. (CVIII, 358 S. Lex. 8.)

M. 14.50; geb. M. 17.—

Den neueften Band der Berliner Kirchenväterausgabe
habe ich mit grofser Freude durchgelefen. Die Werke,
die er umfafst, erfreuen fich keines guten Rufes, es find
die vier Bücher von Eufeb's Vita Constantini und feine
Lobrede zu des Kaifers Tricennalien {Laus Constantini),
aufserdem die nach der herkömmlichen Meinung von
Eufeb erdichtete Anfprache Conftantin's an die Verfammlung
der Heiligen {Oratio). Aber dem Vater der Kirchen-
gefchichte find wir Intereffe fchuldig für Alles, was er
uns hinterlaffen hat, wahrlich nicht am wenigften, wenn
es fich um Beiträge zur Gefchichte feiner Zeit handelt.

Der Text, namentlich der Vita, befand fich bisher
in traurigem Zuftande; da die zahlreichen guten Conjec-
turen des Henr. Valerius nicht in ihn aufgenommen
worden waren, blieb er ftellenweife ganz unverftändlich.

Prof. Heikel in Helfingfors hat wenigftens für Vita und
Oratio eine Handfchrift ( Vaticanus14p, aus dem Xl.Jahrh., V)
aufgefunden, die grofse Lücken ergänzt und eine Unmenge
verderbter Stellen zurecht rückt; ein Moskauer Codex von
etwa gleichem Alter, den A. Sonny in Kiew für ihn
collationirt hat (J), unterftützt häufig V gegen die in
zahlreichen Exemplaren vorliegende fchlechte Tradition.
Neue Zeugen find ebenfalls bei ,Laus' herangezogen
worden, neben J ein Marcianus von C. 1200 (N), leider
find fie von weit geringerem Werthe als V. Wieviel wir
I den neuen Handfchriften verdanken, mag man danach
beurtheilen dafs z. B. in Vita III c. 53 eine Lücke von
15 und Oratio c. 13 eine von 11 Zeilen ausgefüllt wird;
[ viel häufiger (z. B. S. 120, 3 f. 125, 25 f.) lernen wir ausgefallene
Wortgruppen von der Länge etwa einer Zeile
J nunmehr kennen, und die Zahl der Correcturen wie 7,7
J rjfilv ftatt rjörj, 118, 26 aQX^jv ftatt %aQiv, 126, 34 yvcoQlfitov
I ftatt yovifieov reicht in die Hunderte. Allerdings ift auch
V (und vollends J) nicht frei von Fehlern und Lücken,
Vita IV 56 Schlufs bis 58 Anfang find bis jetzt noch
durch keine Handfchrift gedeckt, Heikel hält den dort
in der neuen Ausgabe gebotenen Text für eine dürftige
Compofition aus falfch angewandten eufebianifchen Ausdrücken
; und auch wo V die Lücke nicht wie hier ausdrücklich
markirt, nimmt Hkl. z. B. 82, 1 folche an. Für
Conjecturen, deren gutes Recht übrigens der neue Fund
wieder einmal bekräftigt, indem wohl die gröfsere Hälfte
von Valerius' Verbefferungsvorfchlägen jetzt handfchrift-
lich beftätigt werden, bleibt immerhin ein weites Feld,
und Hkl., von Wilamowitz unterftützt, hat fich auch in
diefer Richtung grofse Verdienfte um den Text erworben:
mehrfach finden fich Conjecturen, die auf unbedingte Anerkennung
rechnen dürfen, nur im Apparat notirt oder erft
in den ,Zufätzen und Berichtigungen' S. 356—58, die man
ja nicht überfehen wolle. In einzelnen Fällen wird man
natürlich anderer Meinung fein, z. B. halte ich 148,2
XeiQoq neben öe§iäg nicht für zweifelhaft, fo wenig wie
21, 6, wo es Wil. mit den fchlechteren Zeugen ftreichen
möchte; 223,15 f. ift es doch unbeanftandet im Texte flehen
geblieben. Die Erfetzung des evejieiqexo {xal rot,- fip
jtQtnovöLv) 140, 1 durch EVEqyvQExo erfcheint mir nicht
räthlich, und ftatt 102, 6 gegen alle Zeugen doajttxäöai
wegen der Parallelftelle Laus 216, 5 in avajcezaaag zu
ändern, würde ich vielmehr 216, 5 nach Vita S. 102 corri-
giren. S. 184, 13 fr. würde ich mit V djtroXXvxo ftatt
ccjcoÖXexo fchreiben und ftatt jtQoOayoQEVEi mit J jcQoay.,
aufserdem xo hinter aficopov fetzen, den Satz qvEö&ac 6h
aber durch einen Punkt vom Vorigen trennen. Die Un-
I klarheit der Stelle, die Hkl. im Apparat beklagt, rührt
i wefentlich von der Verderbtheit des dort auszulegenden
j Vergütetes 183, 19 her; ich erachte für ficher, dafs der
, Verf. ftaiZei xaxa xe[ijce äfico/iov als einen Satz für fich
genommen hat, und 'Aöövqiov als ein weiteres Subject
I zu dem vorangehenden Prädicat oXXvxai; die Vernichtung
des Affyrers, der für den Verf. wie für fo viele
Kirchenväter der Typus der Gottlofigkeit ift, fleht auf
gleicher Linie mit der Befiegung der Dämonen und des
Todes, und dies alles — nicht der Affyrer — ift sutQat-
j xiov xijq TtlOxECoq xov &eov geworden. 136,24 möchte ich
der Lesart V's xmv öict yndfifiaxog ßaöcXtl jiErpiZooorpnfitvmv
vor 3i£<piZoxaZr][iEvo3V den Vorzug geben, wodurch weitere
Textänderungen überflüffig werden; Eufeb hat damals
den Ausleger eines erbaulichen Auffatzes von kaiferlicher
Hand oder doch den Uebermittler derartiger allerhöchfter
Speculationen an das Publicum fpielen dürfen. Und
füllte Eufeb 136, 5 qiXoqjQÖvop (ftatt -ovi) gefchrieben
haben?

Die Arbeit des Herausgebers macht in allen ihren Thei-
len den Eindruck einer bewunderungswürdigen Solidität.
Unklarheiten im Apparat wie zu 184, 14, wo es fcheinen
könnte, als böten VJE zwei xal hinter einander, find fehr
feiten; von Bibelcitaten fcheint mir nur I Tim. 6, 16 zu
229, 29 überfehen. Druckfehler befchränken fich auf ein