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Ausgabe:

1902 Nr. 4

Spalte:

121-124

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rocholl, D.R.

Titel/Untertitel:

Der christliche Gottesbegriff 1902

Rezensent:

Wendt, Hans Hinrich

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Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 4.

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nehmen. Ihren Grundfätzen gemäfs behandeln fie ver-
fchiedene katholifche Leiftungen mit der gebührenden
Geringfehätzung; doch ift es immerhin fraglich, ob ihre
gutgemeinten Mahnungen viel fruchten werden. Für die
folgenden Jahrgänge ift zu wünfehen, dafs fie die im Titel
verfprochene Vollftändigkeit auch wirklich halten und
nicht wieder wichtige Werke, wie z. B. Weifsbrot's ,heilige
Gertrud' u. A. einfach übergehen.

Bafel. A. Bruckner.

Witte, Superint. geift.Infp., ProfefforD.Leopold, Friedrich
der Grosse und die Jesuiten. 2. Auflage. Halle a. S.
1901, E. Müller. (IV, 114S. gr. 8.) M. 2.—

Das vorliegende Buch, das 1892 in erfter Auflage
erfchienen ift, verfolgt den Zweck, die Behauptungen hervorragender
Vertreter des Centrums, dafs die Jefuiten
fich 1701 in uneigennütziger Weife um die preufsifche
Krone verdient gemacht hätten und Friedrich II. fie deshalb
befchützt habe, zu widerlegen und die wahren
Gründe darzuthun, aus denen Friedrich eine fo feltfame,
von den Gepflogenheiten der fonftigen Träger diefer Krone
völlig abweichende Politik gegen fie getrieben hat. Nach
Witte, und ich glaube man darf ihm hierin im Wefent-
liehen Recht geben, hielt Friedrich das Papftthum und
damit die katholifche Priefterfchaft und die Mönche für
keine gefährlichen Gegner mehr, und er erwartete fogar
von dem Umfichgreifen der Aufklärung eine baldige
Zertrümmerung desfelben und die Aufrichtung einer
Reihe felbftftändiger katholifcher Nationalkirchen. Aufser-
dem aber glaubte Friedrich die Jefuiten zur Leitung des
Schulwefens in dem neueroberten Schlefien nicht entbehren
zu können, und da ihre Collegien eines ftaatlichen
Zufchufses nicht bedurften, fo waren fie ihm bei feiner
bedrängten financieilen Lage doppelt willkommen. Dafs
er fie aber auch nach der Aufhebung bei ihren Rechten
befchützte, war einerfeits durch perfönliche Differenzen
mit Clemens XIV. und andererfeits dadurch bedingt, dafs
er fich in der intereffanten Rolle eines Befchützers diefes
Ordens gefiel. Allerdings ift diefe Duldung, im Lichte der
Gefchichte betrachtet, eine äufserft folgenfchwere, ja geradezu
verhängnifsvolle Kurzfichtigkeit gewefen und läfst
fich bei dem grofsen Politiker nur daraus erklären, ,dafs
ihm das feinere religiöfe Senforium in der Abwägung der
Imponderabilien gemangelt hat, welche im geiftigen und
kirchlichen Leben die Gemüther bewegen' (S. Ii3). Das
kleine Buch ift flott und lesbar gefchrieben und ftellt
die Anfchauungen Friedrich's über die katholifche Kirche
fowie die Hauptphafen diefer Gefchichte in einem kräftigen
, meift direct den Quellen entnommenen Colorit dar,
wenngleich verfchiedene charakteriftifche Einzelzüge wie
die von dem Candidaten Hedheffi fehlen und billigerweife
noch mehr hätte darauf hingewiefen werden follen, dafs
Friedrich fich nicht nur den Jefuiten überlegen fühlte,
fondern ihnen auch thatfächlich überlegen war.

Bafel. A. Bruckner.

Rocholl, D. R., Der christliche Gottesbegriff. Beitrag zur
fpeculativen Theologie. Göttingen 1900, Vandenhoeck
& Ruprecht. (XVI, 371 S. gr. 8.) M. 10.—

Den chriftlichen Gottesbegriff genau zu entwickeln
und gegen verkehrte Auffaffungen abzugrenzen ift eine
befonders wichtige Aufgabe der fyftematifchen Theologie.
Die Eigenart der im vorliegenden Werke gegebenen
Löfung diefer Aufgabe ift durch folgende Momente
bedingt. Der Verf., der einft die Göttinger Superintenden-
tur zu St. Johannis aufgab, um fich den feparirten Lutheranern
anzufchliefsen, vertritt in diefem Werke, ebenfo wie
in feinem früheren über die ,Realpräfenz' (1875), den
Standpunkt des altlutherifchen Confeffionalismus, und zwar
fo, dafs er eine ftreng realiftifche Auffaffung des kirchlichen
Dogmas einer fpiritualiftifchen Erweichung und
Umdeutung gegenüber aufrecht erhält. Er ift zugleich
ein Vertreter der Speculation. Er befitzt eine hervorragende
Begabung zur Speculation und verwerthet diefe
Begabung fo ausgiebig und fo zuverfichtlich, wie man es
in der Gegenwart nur noch feiten findet. Als Verfaffer
einer ,Philofophie der Gefchichte', die einft von der
philofophifchen Facultät in Göttingen preisgekrönt wurde
(1878; II Bd. 1893), verfügt er aber auch über eine aus-
gebreiteteKenntnifsder philofophifchen und theologifchen,
namentlich der patriftifchen Literatur. Daher weifs er
feine fpeculativen Ausführungen durch eine reiche Fülle
hiftorifcher Anknüpfungen und Bezugnahmen zu beleben.

Dem ariftotelifch-thomiftifchen, dem pantheiftifchen
und dem fpiritualiftifchen Gottesbegriffe gegenüber fucht

j er einen ,gefunden Realismus' der Gottesanfchauung zur
Geltung zu bringen. Die blofse Kategorie des .Seins'
führt zu keinem rechten Gottesbegriff. Man mufs, wie es

i in der h. Schrift gefchieht, Gott in der Kategorie des
.Lebens' auffaffen. Leben aber ift nie raftende Bewegung.

1 Es fchliefst eine innere Fülle und Mannigfaltigkeit ein.
Und zwar entfaltet fich Leben immer in drei wesentlichen
Momenten. Das erfte Moment ift die Tiefe als treibender

1 Grund jedes Lebensprocefses. Diefer fozufagen männ-

j liehe Grund, die Eins, bewegt fich zur Entfaltung und
Ausgeftaltung des in ihm Ruhenden, d. i. der weiblichen
Seite feines Wefens, der Zwei. Die Drei aber ift dann

| .die beftändige Aufhebung des Strebens nach Aufsen, die

; beftändige Erfaffung des centrifugalen Dranges nach

I expanfiver Ausgeftaltung, die beftändige Zurückbeziehung
diefer Vielheit auf die Tiefe' (S. 40). Das Leben ift alfo

: ,in Dreiheit der Momente in fich kreifende Thätigkeit, d.
h. es ift Circularbewegung' (S. 41). Im Perfonleben zeigt
fich diefe Dreiheit in den Momenten des phyfifchen,

| intellectuellen und ethifchen Verhaltens. Leben ift aber
auch immer gleich .leiben', ein ,geiftleiblicher Selbftver-
mittlungsprocefs' (S. 43).

Von diefer allgemeingültigen Erkenntnifs deffen, was
zum Wefen des Lebens gehört, macht der Verf. Anwendung
auf den Gottesbegriff. Gott als Perfönlichkeit
und Ich ift das Urbild unferer ganzen menfehlichen Perfönlichkeit
, ihres geiftigen und leiblichen Beftandes, ihrer
bewufsten und unbewufsten Wefensfeite. Weil bei ihm
nicht nur ein Inneres, fondern auch ein Aeufseres vorhanden
ift, eine .Formung' oder .Natur' (nicht Materialität),
ift Gott, wie alles Wirkliche, auch zeiträumlich zu denken.
Doch find die Formen des göttlichen Lebens reine Zeit
und reiner Raum im Unterfchiede von empirifcher Zeit

j und empirifchem Räume. Auch das göttliche Leben
entfaltet fich, wie das kirchliche Dogma fagt, in 3 Wefens-

j momenten, die man bezeichnen kann als .denjenigen ethi-
fcher Beftimmtheit mit dem latenten Grunde der Natur,

j als den intellectueller Entgegenfetzung und endlich als

| den phyfifcher Ausgeftaltung'(S. 83). Die dritte Hypoftafe
entfaltet fich wieder plaftifch in die Sieben. Sie formt
das Ganze zu abfoluter Schönheit. In ihr projicirt und
leibt' fich auch die immanente Herrlichkeit nach aufsen,
zur transparenten Herrlichkeit (S. 104. I29ff).

Gott fchafft die Welt als etwas ihm felbfi Ungleiches,
als Contrapofition feiner felbft. Den 3 Ichgedanken, in

: denen die abfolutePerfönlichkeit Gottesbefteht.entfprechen

j 3 zunächft nur formale Nichtichgedanken in Gott. Diefen
wird die freigefetzte Wirklichkeit der Welt infofern ent-
fprechen, als nun 3 materiale Einheiten als 3 Nichtichgedanken
aufser Gott erfcheinen. .Zwei von ihnen werden
wie Vater und Sohn im Verhältnifse der Entgegenfetzung
flehen. Es find die Beiden Naturwelt und Geifterwelt.
Die dritte wird wie der Geift im Verhältnifse des Ab-
fchluffes, der Vermittelung und Gleichfetzung zu jenen
beiden flehen. Es ift die Menfchenwelt als Synthefe und
Vermittlung beider' (S. 149h). Für die Geifterwelt — die
fich in 3 himmlifche Hierarchieen gliedert, von denen jede
je einer der 3 göttlichen Hypoftafen befonders zugeordnet