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Ausgabe:

1902 Nr. 4

Spalte:

120-121

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Helmling, L.

Titel/Untertitel:

Hagiographischer Jahresbericht für das Jahr 1900 1902

Rezensent:

Bruckner, Albert

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H9 Theologifche Literaturzeitung. 1902. Nr. 4. 120

vom 26. Juli 1300 mir neu gewefen. In der Duns-Literatur
habe ich die Urkunde vergeblich gefucht. Ift's S., der
die Stelle zuerft benutzt, fo wäre eine noch genauere
Bezeichnung des Fundortes und eine Erklärung des bisherigen
Ueberfehenwerdens der Urkunde am Platze gewefen
. , Wood, City of Oxford ed. Clark II p. 386' iFt zwar
unmifsverfländlich, obwohl die neue Ausgabe von Anthony
Wood's , The ancient and present State of tlie city of Oxford1
(1773) durch A. Clark (II, 1890) nach dem Dictionary
of national Pnography (Art. Ant. Wood) den Titel trägt:
.Snrvey of the antiquities of the city of Oxford'; allein,
wer das Buch nicht kennt, ahnt nicht, dafs es um eine
feit 125 Jahren bekannte Urkunde fich handelt. Ob die
Beziehung der Urkunde auf Duns beftritten werden kann,
vermag ich nicht feftzuftellen, da mir Wood nicht zugänglich
ift. — Die Zweifel, die S. gegenüber den nur
literarifch bekannten Werken des Duns äufsert (S. 63 ff.),
erfcheinen mir fehr berechtigt. Zu der S. 427 ff. verwer-
theten Abhandlung über den Ablafs ift jetzt die Be
kämpfung ihres fcotiftifchen Urfprungs durch Nik. Paulus
(Zeitfchr. für kath. Theol. 1901 S. 738 ff.) zu vergleichen.

Zu den Druckfehlern, deren Zahl nicht abnorm ift, gehört
es nicht, wenn S. 2 Anm. 1 die Bändezahl der
Wadding'fchen (Lugdunenfer) Ausgabe des Duns auf 13
(ftatt 12) angegeben wird, denn REW, 62 Z. 58 fagt S.
dasfelbe. S. hat irrig angenommen, der Parifer Neudruck,
den er benutzt (26 Bde. 1891—95), zerlege jeden Band
der ältern Ausgabe in zwei; das Verhältnifs der Ausgaben
ift aber ein unregelmäfsigeres. Dafs S. die Originalausgabe
nicht eingefehen hat, ift, da die Königliche
Bibliothek in Berlin fie befitzt, nicht ganz begreiflich;
S. 424 (vgl. Anm. 1) würde er hier das richtige ,cut gefunden
haben und S. 466 (vgl. Anm. 1) hätte er confta-
tiren können, dafs nicht erft die Parifer Ausgabe (die,
vom 26. Bande abgefehen, nur Nachdruck ift) die ,inepta
additio' wegläfst.

Nicht angenehm ift an dem Buche, dafs es faft ganz
dem Lefer uberlaffen bleibt, Fühlung mit der älteren For-
fchung zu fuchen; S. citirt andere Forfcher faft nur, wo
er von ihnen abzuweichen Anlafs hat. — Es läge nahe,
hieran die Frage zu fchliefsen, inwieweit S. trotzdem in
feinen dogmengefchichtlichen und dogmatifchen Urtheilen
pofitiv von Anderen abhängig ift, abhängig auch von fol-
chen Gelehrten, in deren Gefellfchaft feine Parteigenoffen
ihn ungern fehen werden. Ich unterlaffe das aber. Nicht
weil ich die excommunicatio latae sentcntiae der unfehlbaren
Inftanz fürchte, die in der Evangel. Kirchenzeitung
(1901 Nr. 26) Seeberg's in vieler Hinficht fehr modernes
Buch mit grofser Klugheit als eine phänomenale Leiftung
der kirchlichen Theologie angepriefen und dabei mich in
unqualificirbarer Weife angegriffen hat1), fondern weil

1) Es fei mir geftattet, diefe für jeden Lefer meines obigen Referates
nach vielen Seiten hin gewifs nicht unintereffanten Ausführungen hier
,niedriger zu hängen':

,tn einem umfangreichen Schlufscapitel (S. 573—687) ftellt D. Seeberg
das Bildnifs des Duns Scotus in einen weiten gefchichtlichen Rahmen;
die Giundgedanken der Seeberg'fchen Auffaffung und Beurtheilung der
Dogmen und Theologiegefchichte werden in ihm deutlich. Es ift lehrreich
, bei ihnen einen Augenblick zu verweilen und ihre Selbftftändigkeit
und l nterfchiedenheit von den Ausführungen Harnack's feftzuftellen.
D. Loofs hat zwar im 4. Bande der P. R. E3. S. 760 geurtheilt, dafs
alle Lehrbücher der Dogmengefchichte nach Harnack, darunter auch das
Seeberg'fche — [in Wirklichkeit ift nur von meinem Leitfaden und von
Seeberg die Rede]— in „weitgehender materialer und formaler Abhängigkeit
von Harnack" Rehen. So unverftändig dies L'rtheil ift, fo wenig kann
es doch den befremden, der da weifs, dafs die SiaxoiOiq nvevß&xwv ein
/äoioiia ift, und dafs das Vorkommen diefer Gabe bei den Vertretern
der modernen Theologie bisher noch nicht conftatiert ift. Kann man
das, was auf pofitiver Seite geleiftet wird, nicht als unwiffenfehaftlich dis-
creditiren — und das geht bei Seeberg fchlechterdings nicht —, dann
bezweifelt man feine Originalität, weil man in aller Harmlofigkeit des
Glaubens lebt, felbft wirklich etwas Neues geleiftet und in der Wiffen-
fchaft entdeckt zu haben, während in Wirklichkeit die richtigen und zutreffenden
Gedanken in der modernen Theologie entweder Luther, Schleiermacher
, Hofmann oder Frank entnommen find. Ja felbft der foviel bewunderte
Grundgedanke der Harnack'fchen Dogmengefchichte von der
fletig fortfehreitenden Hellenifierung des Chriftenthums im Dogma war

1 Seeberg felbft S. 597 das gefagt hat, was hier zu fagen
j ift: ,Die Gefchichte kennt nicht rein negative Werte.
; Was eingeht in das Spiel der Kräfte in ihr, das wirkt
| irgendwie mit zur Herftellung der pofitiven Gröfsen, in
denen fie ihre Wandlungen vollzieht'.

Halle a. S. Loofs.

j Livius, Thomas, M. A., C. SS. R., Die allerseligste Jungfrau
bei den Vätern der ersten sechs Jahrhunderte. Auto-
rifirte Ueberfetzung aus dem Englifchen von päpftl.
Geheimkämmerer Domcapit. Philipp Prinz von Arenberg
und Gymn.-Prof. Dr. Heinrich Dhom. ErfterBand.
Mainz 1901, F. Kirchheim. (XXVIII, 327 S. gr. 8).

M. 4'.— ; geb. M. 5.—

Vorliegendes Buch will den Nachweis führen, dafs
bereits die alte und äitefte Kirche Maria in derfelben
Weife verehrt und wenigftens implicite dasfelbe über
fie gelehrt habe wie die katholifche Kirche der Gegenwart
. Zu diefem Zwecke erörtert es in einigen einleitenden
Capiteln (S. 1 — 50) die Lehrentwickelung in der katho-

i lifchen Kirche und ftellt dabei mit Gefchick die fchon
oft gehörte Behauptung auf, dafs in der katholifchen Kirche
nur eine fubjective Lehrentwickelung ftattgefunden habe,
freilich ohne dafür auch nur einen Schatten von Beweis
zu erbringen. Im erften Capitel (S. 51—89) erörtert es
fodann ,die urfprüngliche patriftifche Idee über Maria als

| zweite Eva'. Dabei wird aus dem fporadifchen Auftreten
diefer Idee bei Juftin, Irenäus und Tertullian der Schlufs
gezogen, dafs bereits die Apoftel diefe Lehre mit allen
ihren möglichen Folgerungen ausdrücklich verkündigt
haben, dafs fie mithin zum Glaubensfehatz gehört; denn,

j heifst es hier u. a.: Jene drei Väter repräfentieren die
3 Patriarchate von Rom, Alexandria und Antiochia.

] Juftinus ift von Paläftina aus Zeuge für Antiochia, der
Afrikaner Tertullian für Alexandria und Irenäus für Rom'.

I Das zweite Capitel (S. 90—327) behandelt ,die aller-

: feligfte Jungfrau in der Exegefe der heiligen Väter der

i erften fechs Jahrhunderte' wobei ebenfoviel Scharffinn
darauf verwendet wird, die Quellen das fagen zu laffen,

j was fie nicht fagen, als fie das nicht fagen zu laffen, was
fie fagen. Aufserdem fragt man fich bei vielen hier aufgeführten
Stellen, was fie denn überhaupt mit der behandelten
Frage zu thun haben. Trotz diefer Ausftellungen
mag das Buch bei vorfichtiger Benutzung als eine fleifsige
Zufammenftellung der wefentlichften auf Maria bezüglichen
Stellen aus jener Zeit gelegentlich ganz brauchbare
Dienfte leiften.

Bafel. A. Bruckner.

Helmling, L., O. S. B., Hagiographischer Jahresbericht für

das Jahr 1900. Zufammenftellung aller im Jahre 1900
in deutfeher Sprache erfchienenen Werke, Ueber-
fetzungen und gröfserer oder wichtigerer Artikel über
Heilige, Selige und Ehrwürdige. Im Verein mit mehreren
Freunden der Hagiologie herausgegeben. Mainz
1901, F. Kirchheim. (43 S. gr. 8.) M. —.70.

Ein frifcher Geift weht in diefem Büchlein, deffen
Verfaffer fich die rühmliche Aufgabe geftellt haben, auf
1 dem üppig wuchernden Gebiete der Hagiologie durch
ernfthafte Kritik Remedur zu fchaffen. Sie tadeln mit
allem Nachdruck das maffenhafte Erfcheinen von populären
Heiligenleben und fordern dafür eine genaue wiffen-
fchaftliche Darftellung derfelben in Monographien und
wünfehen, dafs die katholifchen Gelehrten fich in Zukunft
mit gröfserem Eifer diefes hochwichtigen Gebietes an-

j fchon ein Gemeingut der rationalifiifchen Theologie am Ende des 18. Jahrhunderts
; diefer Gedanke wird nun von Seeberg bei Seite geftellt u. f. w.'
(S. 490). Vgl. zu Letzterem mein Referat.